Der große Report: Steam Early Access – Gefahren, die Zukunft und Konsolen
Der Handel mit unfertigen Spielen im Alpha- oder Beta-Status boomt, besonders über Steam und dessen Early-Access-Shop. Im großen PC-Games-Report gehen wir dem Phänomen auf die Spur, beleuchten die Sichtweise von Befürwortern und Kritikern, sprechen mit Entwicklern sowie Publishern und suchen nach einer Antwort auf die Frage, welche Auswirkungen Early Access auf die Zukunft der PC-Branche haben könnte.
Obacht vor möglichen Neppern!
Early Access ist derzeit zweifellos eines der spannendsten Phänomene der Spielebranche und nur wenige können sich seiner Faszination entziehen. Es ist aber auch ein Konzept, das von vielen Spielern kritisch beäugt wird. Zu Recht, denn es fällt leicht, sich vorzustellen, wie Entwickler diesen Verkauf unfertiger Spiele missbrauchen können – in einigen Fällen ist dies sogar schon geschehen. Neue Spiele sind über die Early-Access-Route schon Monate oder gar Jahre vor Fertigstellung verfügbar, einige werden vielleicht nie fertiggestellt, weil die Einnahmen aus dem Early-Access-Angebot unter den Erwartungen bleiben. Garantien gibt es keine: Weder die Entwickler noch Steam-Eigner Valve liefern eine Gewährleistung, dass aus den verkauften Alpha-Versionen jemals vollwertige Spiele werden. Die Gefahr, dass Entwickler Early Access als eine Finanzierungsalternative zum klassischen Publisher-Modell oder dem Crowdfunding-Weg missbrauchen, ist groß: Nur mit einer groben Spielidee und einer besseren Technik-Demo im Gepäck ködern unseriöse Spielemacher Kunden zum Kauf; sie werben dafür, das Versprechen auf ein in ungewisser Zukunft fertiggestelltes Spiel mit dem Einsatz von echtem Geld zu belohnen. Manch ein Early-Access-Spiel wie Snow oder Interstellar Marines hat im derzeitigen Zustand wenig mit der propagierten Vision der Macher zu tun, eine Fertigstellung scheint fraglich – das Wort "Abzocke" liegt vielen Spielern auf der Zunge.
Die Entwickler, mit denen wir für diesen Report sprachen, haben oftmals ähnliche Bedenken. Romain de Waubert und seine Kollegen bei Amplitude Studios etwa sind der Meinung, dass Early Access niemals als Mittel zur Finanzierung einer unausgearbeiteten Spielidee missbraucht werden sollte, wenn die klassische Investoren-Finanzierung oder das Crowdfunding-Modell per Kickstarter & Co nicht funktionieren: "Ich finde, dass Early Access nicht als eine Art finanzieller Hebel angesehen werden sollte; es wäre falsch, wenn die Zukunft eines Projekts allein auf dem Erfolg einer Alpha oder Beta basieren würde! Wir halten Early Access schlicht für eine prima Möglichkeit, Spieler unsere Spiele vor dem Release ausprobieren zu lassen."
Quelle: Double Bear Productions
Dead State ist nur das jüngste Beispiel für ein per Kickstarter finanziertes Spiel, dessen Alpha als Early Access zum Kauf angeboten wird.
Limbics Stephan Winter sieht zum einen die Chancen der Querfinanzierung: "Wir werden in der Zukunft mehr Mischformen bei der Finanzierung sehen. Positiv ist, dass sich meiner Meinung nach interessante Indie-Konzepte und -Spiele unabhängig von Publishern durchsetzen können. Crowdfunding reduziert das anfängliche finanzielle Risiko für ein Entwicklungsteam. Die Umsätze aus einem Early-Access-Prozess können dann bei der Fertigstellung, dem Polishing und der Anpassung helfen." Für eine mögliche Geldmacherei-Mentalität mancher Early-Access-Entwickler hat er zum anderen kein Verständnis: "Ich halte es für gefährlich, Early- Access-Programme lediglich unter dem Gesichtspunkt ‚Verbesserter Cash-Flow und minimiertes Risiko' zu sehen. Ja, der wirtschaftliche Aspekt ist wichtig. Allerdings sollte die Hauptmotivation sein, dass die Erkenntnisse aus dem Early-Access-Prozess helfen, am Ende ein besseres Spiel zu veröffentlichen. Reduzierst man ein Early- Access-Programm rein auf ‚verkaufen', wird's einem hoffentlich auf die Füße fallen." Winter setzt darauf, dass die Spieler durch derlei geldgierige Absichten hindurchsehen: "Wer Schrott vorab veröffentlicht, wird abgestraft werden. Egal ob es sich um eine Early-Access-, Beta- oder Release-Version handelt!"
Early-Access-Qualitätsstandards
Quelle: PC Games
Swen Vincke ist CEO der belgischen Larian Studios, die ihre Divinity-Serie zuletzt um die Ableger Dragon Commander und Original Sin erweiterten.
Swen Vincke spricht sich für einen gewissen Standard aus: "Meiner Meinung nach sollten in einem Early-Access-Spiel zumindest die fundamentalen Kern-Features funktionieren, damit Käufer es tatsächlich spielen können." Kollege Romain de Waubert stimmt dem Belgier zu: "Wir sind überzeugt davon, dass ‚Early Access' und ‚Bug-Fest' keine Synonyme sein sollten. Abhängend von der Qualität der Early-Access-Version kannst du dir als Entwickler das Image deines Spiels oder gar deines Studios versauen." Und Guido Henkel ergänzt: "In der Regel sind die Käufer ja Fans, die nicht auf die fertige Version warten möchten, sondern sehr schnell eben diese Befriedigung haben wollen, das Spiel zu spielen—und ‚Spielen' ist hier das Schlüsselwort. Diese Fans wollen das Spiel nicht testen, sondern spielen, und wenn die Early Access Version nicht einmal dieses Minimum an Anforderung erfüllt, kann das ganz enorm nach hinten losgehen, denke ich, da schlagartig diese ursprünglichen Kern-Fans entfremdet werden." Dass die Entwickler mit ihren Versprechungen für das fertige Spiel eine Bringschuld haben, weiß auch Garry Newman, der mit Facepunch Studios am Early-Access-Erfolg Rust arbeitet: "Es fühlt sich zwar so an, als hätten wir all dieses Geld bekommen - aber wir haben es uns noch nicht verdient. Das ist etwas, das wir nun machen müssen."
Strengere Vorschriften seitens Valve bezüglich der Auswahl der zur Veröffentlichung freigegebenen Early-Access-Spiele fordert aber keiner der von uns befragten Entwickler. Guido Henkel: "Ich glaube, dass sich das selbst regulieren wird. Nach ein paar schlechten Erfahrungen werden die Leute einfach skeptischer werden und beim nächsten Mal die erste Resonanz abwarten, bevor sie zugreifen. [..] Wenn Early Access wirklich komplett als kostenlose QA-Abteilung missbraucht wird, wird das sehr schnell in die Hose gehen." Stephan Winter findet auch, dass vor allem die Entwickler gefordert sind und nicht so sehr Valve, vernünftige Alphas und Beta anzubieten: "Hoffe ich als Entwickler auf verwertbares Feedback aus der Community, dann muss ein Grundgerüst stehen, auf das Spieler überhaupt Feedback geben können."
Für potenzielle Probleme könnte dagegen die Art sorgen, wie Valve Early-Access-Spiele auf seiner Shop-Seite präsentiert. Dort werden auf der Startseite nämlich auch Early-Access-Titel groß mit Rabatten beworben (Swen Vincke: "Das ist ein gewaltiger Schub für das Marketing!"). Die Information, dass es sich um unfertige Produkte handelt, gibt es erst auf der jeweiligen Produktseite. Dabei hat Steam-Eigner Valve in der Vergangenheit sogar schon zurückgerudert und die Neuveröffentlichungen im Early-Access-Bereich aus der Release-Übersicht auf der Startseite entfernt. Für manche Spieler geht diese Abgrenzung aber noch nicht weit genug.
Nebenschauplatz Konsolen
Quelle: Ubisoft
Publishing Director Thomas Painçon betreut bei Ubisoft den Spielemarkt in Europa, dem Nahen Osten und Afrika.
Early Access ist im Moment noch ein reines PC-Thema, das dem vor allem international zuweilen stiefmütterlich behandelten Rechenknecht ein bislang ungekanntes Maß an Aufmerksamkeit eingebracht hat. Allerdings ist es in Zukunft denkbar, dass sich der Trend auch Konsolen ausweitet – wenn die Konsolenhersteller Sony, Nintendo und Microsoft mitziehen. Der Präzedenzfall für eine derartige Entwicklung ist die Verbreitung von Free2Play-Konzepten auf Konsolen –ein Vertriebsmodell, das einst für eine PC-exklusive Marotte gehalten wurde. Ubisofts europäischer Publishing Director Thomas Painçon sieht das ähnlich: "Early Access könnte auch auf Konsolen funktioniere, das Potenzial dafür ist da– besonders jetzt, da der Free2Play-Vertrieb auf Konsolen immer populärer wird. Allerdings müssen etwaige Pläne dafür von Microsoft, Sony und Nintendo ausgehen. Wir werden aber genau beobachten, wie sie sich verhalten und bereit sein, unsere Pläne entsprechend zu adaptieren."
Andere Interview-Partner sehen zumindest im Moment keine Möglichkeit oder Notwendigkeit, das Early-Access-Programm auf Konsolen umzusetzen. Der deutsche Designer-Veteran Guido Henkel: "Ich bin sicher, dass der Versuch irgendwann gestartet werden wird, aber ich glaube, dass vor allem im Konsolenbereich im Moment die Spieler nicht bereit sind, sich mit unfertigen Spielen herumzuschlagen. Das ist im Kern eine ganz andere Zielgruppe." Der deutsche Publisher Kalypso sieht das ähnlich: "Prinzipiell ist das natürlich denkbar und auch machbar, scheitert glaube ich aber an der anderen Mentalität der Konsoleros und auch den technischen Vorgaben der Konsolenhersteller. Konsolenspieler wollen sich vor ihren Fernseher hocken, Spiel rein, los geht's. Der Zugang zum Medium Spiel muss hier also in erster Linie komfortabel sein. Auf dem PC ist es zudem immer noch einfacher, zum Beispiel zwischen Spiel und Foren hin- und her zu wechseln, um sein Feedback abgeben zu können."
Potenzial für eine Early-Access-Adaption sieht Guido Henkel auf mobilen Geräten, wenn auch mit einer Portion Sarkasmus: "Im mobilen Bereich geht alles. Da gibt es keine Barrieren mehr und wir haben ja bereits seit Jahren zahllose fehlerhafte Games auf dem Markt. Der nächste logische Schritt ist da natürlich, ein Programm wie Early Access als Entschuldigung heranzuziehen, um das zu legitimieren."
In diesem Artikel
- Seite 1 Der große Report: Steam Early Access - Was ist Early Access?
- Seite 2 Der große Report: Steam Early Access - Ursprünge und Publisher-Gelüste
- Seite 3 Der große Report: Steam Early Access - Kickstarter und Early Access
- Seite 4 Der große Report: Steam Early Access – Wie wichtig ist das Kunden-Feedback?
- Seite 5 Der große Report: Steam Early Access – Der Beta-Eindruck als Nachteil?
- Seite 6 Der große Report: Steam Early Access – Gefahren, die Zukunft und Konsolen
- Seite 7 Der große Report: Steam Early Access – Unser Fazit
- Seite 8 Bildergalerie
- Seite 1 Der große Report: Steam Early Access - Was ist Early Access?
- Seite 2 Der große Report: Steam Early Access - Ursprünge und Publisher-Gelüste
- Seite 3 Der große Report: Steam Early Access - Kickstarter und Early Access
- Seite 4 Der große Report: Steam Early Access – Wie wichtig ist das Kunden-Feedback?
- Seite 5 Der große Report: Steam Early Access – Der Beta-Eindruck als Nachteil?
- Seite 6 Der große Report: Steam Early Access – Gefahren, die Zukunft und Konsolen
- Seite 7 Der große Report: Steam Early Access – Unser Fazit

Nur weil der Künstler beispielsweise nur Strichmännchen zeichnet, weil er halt kein Maler ist, kann es doch nicht plötzlich Nicht-Kunst werden.
Um noch mal was aufzuwerfen, wenn Kunst unter Anderem auch von Können und guter Fertigkeit und Begabung in einem Bereich kommt, dann sind Gamer doch auch Künstler, wenn sie gut in einem Spiel sind. Wenn Videos daraus gemacht werden und auf Youtube gestellt gibt es auch ein "Werk". Aber auch der Platz auf einer Liga oder Rangliste ist gewissermassen ein Werk bzw eine Leistung.
Hm, Programmieren ist dann auch Kunst. Es hat auch kreative Bestandteile und es gibt verschiedene Grade an Talent und Begabung dabei. Gut geschriebener Code ist auch nichts anderes als eine Komposition von Musik oder Farben.
Aber die Frage ist hier eigentlich, wo hin führt die Diskussion? Eine Definition werden wir nicht schaffen. Eine gemeinsame Meinung auch nicht. Bleibt nur der Austausch von Ansichten und Argumenten.
Aber zum Thema, Early Access finde ich jetzt bald wie ein Virus. Gefühlt jeder dritte Steam Titel den ich anklicke ist Early Access. Die müssten schon irgendwo markiert sein. Das ist die kapitalisierung von Bananensoftware. Seit Internet war es ein Merkmal von Software, dass sie nicht funktionieren muss, man kann ja updaten und patchen. Mittlerweile sogar auf Konsolen. So gesehen haben wir schon immer mal für unfertige Titel bezahlt. Jetzt ist es nur fairer, eventuell geringerer Preis und klare Ansage, dass es nicht komplett geht und Bugs hat. Aber die Tendenz mit unfertiger, unreifer Software auf den Markt zu gehen ist irgendwie unangenehm. Und jetzt schon wissentlich dafür zu zahlen. Aber das ist so ne Community Sache. Wenn der Hype vergeht wird sich das irgendwo einpendeln. Und es mag auch was sein, was einfach für mich nicht funktioniert. So wie Twitter. Hab ich nicht, hatte ich nie, kapiere ich bis heute net.
-Smoke
:)