Der große Report: Steam Early Access – Der Beta-Eindruck als Nachteil?
Der Handel mit unfertigen Spielen im Alpha- oder Beta-Status boomt, besonders über Steam und dessen Early-Access-Shop. Im großen PC-Games-Report gehen wir dem Phänomen auf die Spur, beleuchten die Sichtweise von Befürwortern und Kritikern, sprechen mit Entwicklern sowie Publishern und suchen nach einer Antwort auf die Frage, welche Auswirkungen Early Access auf die Zukunft der PC-Branche haben könnte.
Der negative Ersteindruck
Trotz aller Vorteile für Spieler und Entwickler: Das eigene Spiel weit vor Release dem kritischen Blick der Öffentlichkeit auszusetzen, birgt auch Risiken. Auch bei Videospielen zählt der erste Eindruck, besonders in einer Zeit, da durch den digitalen Vertrieb und Billigpreise im Rahmen von Online-Ausverkäufen wie den Steam Sales das nächste Spielerlebnis nur einen Fingerklick entfernt ist. Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne der Spieler hat sich in den letzten Jahren verkürzt, ein Spiel muss von Anfang an fesseln, um nicht gleich wieder von der Festplatte zu fliegen. Das gilt doppelt für Early-Access-Spiele, die durch Bugs, fehlende Features und andere typische Alpha-Krankheiten zwangsläufig einen schlechteren Eindruck machen als ein aufwändig poliertes, fertiges Spiel.
Dass sich Entwickler dieser Gefahr bewusst sind, verdeutlicht Swen Vinckes Aussage im Interview: "Ich war sehr besorgt, dass die Spieler einen falschen Eindruck von unserem Spiel bekommen. Ich stand kurz davor, die Alpha nicht über Early Access zu veröffentlichten. Ich habe darüber einen Blog-Beitrag geschrieben, in dem ich der Community meinen Denkprozess zu erklären versucht habe. Wir hatten Angst, dem Spiel zu schaden und für schlechte Mundpropaganda zu sorgen." Als Schlüssel für eine erfolgreiches Early-Access-Phase bezeichnet Larian-Chef Vincke "Transparenz. Wir haben uns das Wichtigste von anderen Early-Access-Spielen abgeschaut, nämlich dass man den Menschen exakt mitteilt, was man ihnen verkauft. Also haben wir es groß auf die Early-Access-Seite geschrieben und auch im Spiel gibt es eine große Anzeige: Das hier ist nur eine Alpha. Auf diese Weise kommt niemand auf falsche Gedanken. Ich glaube, das hat uns sehr geholfen."
Transparenz ist alles
Auch andere Studios haben schnell erkannt, dass einem die Kommunikation des frühen Entwicklungsstands im Voraus viel Verwirrung und manche Beschwerde der Kunden erspart. So erwartet die Spieler beim Start der Early-Access-Alpha von Day Z etwa folgende Nachricht: "Dieses Spiel befindet sich im Alphastatus. [..] Das bedeutet, dass ihr Bugs, unfertigen Features, problematischen Design-Entscheidungen und viele anderen Dingen begegnen werdet, die eure Spielerfahrung stören. [..] Bitte denkt daran: Dieses Spiel ist nicht noch fertig, es ist ein ‚work in progress'." DayZ-Erfinder Dean Hall antwortete auf die Frage, ob sich der Kauf der Alpha lohne, sogar explizit mit: "Nein. Für das aktuelle Spiel? Nein. Für den aktuellen Preis? Nein, der wird einige Zeit noch so bleiben. Um das Spiel zu sehen? Nein, du kannst dir Streams anschauen. Um an der Entwicklung teilzunehmen? Vielleicht."
Quelle: PC Games
Der Startbildschirm der Day Z-Alpha teilt Spielern klipp und klar mit, in welchem Zustand sich das Spiel befindet.
Stephan Winter, der Chef des hessischen Entwicklerstudios Limbic, findet lobende Worte für so viel Offenheit: "Das ist eine ehrlich Ansage und das wird auch von den Spielern honoriert. Die meisten Early-Access-Veröffentlichungen weisen eindeutig darauf hin, dass sich bis zum finalen Release viel verändern wird." Und doch muss man sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Der Day Z-Entwickler selbst rät davon ab, die Alpha zu kaufen. Und trotzdem stürzen sich die Spieler mit Eifer auf diese unfertige Version, die aller Vorrausicht nach erst 2015 in die Beta-Phase (!) geht – von der fertigen Fassung 1.0 ganz zu schweigen. Woher kommt dieser Reiz, eine spielerische Baustelle zu besuchen?
Quelle: Youtube
Die Entwickler von Prison Architect verkaufen die Alpha ihres Gefängnissimulators seit September 2012 - bereits ein halbes Jahr vor dem Start von Steam Early Access.
Larians Swen Vincke (Divinity: Original Sin) nähert sich einer Erklärung: "Ich finde es unverzeihlich, ein Early-Access-Spiel voller Bugs auf den Markt zu schmeißen. Was wir und viele andere Studios dagegen tun, ist Folgendes zu sagen: ‚Hey, schaut her, wir veröffentlichen dieses Spiel, das noch nicht ganz fertig ist, aber wir nutzen das Geld, das wir damit verdienen, um das Spiel wie verrückt aufzupolieren.' Als Resultat bekommst du eine Gemeinschaft von Kunden, die es kaufen, weil sie wollen, dass das Spiel richtig gut wird, und die uns mit ihrem frühen Kauf dabei helfen möchten. Das sind höchstwahrscheinlich Menschen, die das Spiel später ohnehin gekauft hätten. Sie vertrauen darauf, dass der Entwickler seinen Job gut macht und geben ihm extra Treibstoff für diese Aufgabe.
Wenn du über Early Access nachdenkst, dann zwingst du als Käufer den Entwickler fast schon dazu, seine Profite zurück ins Spiel zu stecken, zumindest ist das meine Philosophie. Das ist in gewisser Weise sogar besser, als wenn ein Studio ein fertiges Spiel verkauft und danach nicht mehr mit Patches unterstützt. Die ganze Diskussion ist sehr komplex, denn einerseits gibt es Early-Access-Spiele, bei denen du weißt, dass nie etwas aus ihnen wird. Andererseits hast du Wasteland 2, von dem man sich nur schwer vorstellen kann, dass es kein sehr gutes Spiel wird.
Kritik aus Entwicklerreihen
Guido Henkel sieht die Sache folgendermaßen: "Dieser Erfolg der Early-Access-Spiele kommt glaube ich daher, dass die Leute wissen, dass sie unreife Versionen erkaufen. Es macht doch einen gewaltigen Unterschied, ob ein Publisher in Spiel zum Vollpreis veröffentlicht und potentielle Kunden in dem Glauben lässt, es sei marktreif, und dem Vorgehen mit Early Access, bei dem klar herausgestellt wird, dass es sich um unfertige Versionen handelt. Ich denke allerdings auch, dass sich dieser Enthusiasmus legen wird. Aus mangelnder Erfahrung denken viele Spieler eben immer noch, dass Alpha-Versionen wirklich Spaß machen, genauso wie viele Leute denken, ‚Spiele Tester' ist ein Traumjob. Das sind Illusionen."
Quelle: G3 Studios
Guido Henkel hat an Planescape: Torment mitgearbeitet. Zuletzt versuchte er (erfolglos), seine neuen Projekte Thorvalla und Deathfire über Kickstarter zu finanzieren.
Aus persönlicher Erfahrung berichtet Guido Henkel: "Ich habe schon mehrere Early-Access-Spiele gespielt und die Qualität war unterschiedlich. Einige Projekte waren sehr ausgereift, andere eben weniger. Mir persönlich raubt Early Access fast schon die Lust am fertigen Produkt. Wenn ich ein Spiel in der Alpha gespielt und dann im Beta-Zustand eventuell sogar gelöst habe, besteht für mich kaum noch Anreiz, das fertige Spiel noch einmal durchzuspielen. Vor allem bei Rollenspielen, etc. ist das, meiner Meinung nach, ein echtes Problem. Was aber noch viel problematischer ist der Umstand, dass ich durch diesen Lustverlust das fertige, voll polierte Produkt unter Umständen nie zu sehen bekomme und meine Meinung folglich komplett auf einer Beta-Version basiert, die möglicherweise gar nicht repräsentativ ist. Das führt am Ende dazu, dass immer mehr Pseudo-Wahrheiten über Spiele in Umlauf gesetzt werden.
Vor allem im heutigen Zeitalter, in dem über das Internet Information sehr schnell ausgetauscht wird, und in dem leider sehr oft ohne fundiertes Wissen sehr viel Stimmung gemacht wird, kann das sehr gefährlich werden. Ein fehlendes oder schlecht implementiertes Feature in einer Alpha Version kann sofort eine Lawine von negativen Kommentaren auslösen, die ein Projekt sehr schnell entgleisen lassen können. Ich sehe schon, dass einige Projekte nach der Veröffentlichung des Early-Access-Alpha enorme Schadenskontrolle betreiben müssen, nur um die Fans bei der Stange zu halten. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob das letztlich wirklich im besten Sinn der Entwickler ist."
Henkels Fazit fällt ernüchtert aus: "Viele Spieler werden zunehmend erkennen, dass Alpha- und Beta-Versionen von Spielen nicht immer erstrebenswert sind. Nach dem zwanzigsten Crash oder dem vierten Verlust von hart ergatterten Spielständen werden sich viele Spieler sagen, dass es vielleicht doch mehr Sinn macht, auf das fertige Spiel zu warten. [..] Offen gestanden denke ich, dass Early Access im Moment einfach nur ein Novum ist und im Lauf der Zeit an Popularität verlieren wird."
Ein Deal auf Vertrauensbasis
Quelle: Amplitude Studios
Romain de Waubert ist Creative Director bei Amplitude Studios, den Machern von Endless Space.
Andere Entwickler äußern sich optimistischer, sind sich aber gewisser Einschränkungen und Gefahren des Modells bewusst. Besonders der Umstand, dass Studios per Early Access unfertige, oftmals fehlerhafte Produkte veröffentlichen und diese die Meinung der Spieler prägen könnten (eventuell mit negativen Folgen für die Absatzzahlen des fertigen Produkts) kommt in unseren Gesprächen immer wieder zur Sprache. Einen Schlüsselbegriff der Debatte nennt Romain de Waubert von Amplitude Studios (Dungeon of the Endless). "Das Verhältnis zwischen Kunden und Early-Access-Entwicklern basiert auf Vertrauen. Es gibt immer mehr vertrauenswürdige Entwickler, die Spieler dazu bringen, an die Erfolgschancen dieses Konzepts zu glauben. Das braucht aber Zeit. Early Access ist im Moment noch ein anfälliges Konzept, das jederzeit in Scherben enden kann, wenn Entwickler dieses Vertrauen nicht ernst nehmen. Spielemacher müssen Qualität abliefern, selbst wenn es sich noch um eine Alpha-Version handelt. Ansonsten verlieren wir das Vertrauen der Spieler. Entwickler müssen außerdem unter Beweis stellen, dass sie auf das Feedback der Spieler hören! Das ist für uns der wichtigste Aspekt von allen. Es ist ja schön und gut, um Feedback zu bitten, aber wenn du nicht zuhörst und mit deinen Fans kommunizierst, hat das alles keinen Zweck."
In diesem Artikel
- Seite 1 Der große Report: Steam Early Access - Was ist Early Access?
- Seite 2 Der große Report: Steam Early Access - Ursprünge und Publisher-Gelüste
- Seite 3 Der große Report: Steam Early Access - Kickstarter und Early Access
- Seite 4 Der große Report: Steam Early Access – Wie wichtig ist das Kunden-Feedback?
- Seite 5 Der große Report: Steam Early Access – Der Beta-Eindruck als Nachteil?
- Seite 6 Der große Report: Steam Early Access – Gefahren, die Zukunft und Konsolen
- Seite 7 Der große Report: Steam Early Access – Unser Fazit
- Seite 8 Bildergalerie
- Seite 1 Der große Report: Steam Early Access - Was ist Early Access?
- Seite 2 Der große Report: Steam Early Access - Ursprünge und Publisher-Gelüste
- Seite 3 Der große Report: Steam Early Access - Kickstarter und Early Access
- Seite 4 Der große Report: Steam Early Access – Wie wichtig ist das Kunden-Feedback?
- Seite 5 Der große Report: Steam Early Access – Der Beta-Eindruck als Nachteil?
- Seite 6 Der große Report: Steam Early Access – Gefahren, die Zukunft und Konsolen
- Seite 7 Der große Report: Steam Early Access – Unser Fazit

Nur weil der Künstler beispielsweise nur Strichmännchen zeichnet, weil er halt kein Maler ist, kann es doch nicht plötzlich Nicht-Kunst werden.
Um noch mal was aufzuwerfen, wenn Kunst unter Anderem auch von Können und guter Fertigkeit und Begabung in einem Bereich kommt, dann sind Gamer doch auch Künstler, wenn sie gut in einem Spiel sind. Wenn Videos daraus gemacht werden und auf Youtube gestellt gibt es auch ein "Werk". Aber auch der Platz auf einer Liga oder Rangliste ist gewissermassen ein Werk bzw eine Leistung.
Hm, Programmieren ist dann auch Kunst. Es hat auch kreative Bestandteile und es gibt verschiedene Grade an Talent und Begabung dabei. Gut geschriebener Code ist auch nichts anderes als eine Komposition von Musik oder Farben.
Aber die Frage ist hier eigentlich, wo hin führt die Diskussion? Eine Definition werden wir nicht schaffen. Eine gemeinsame Meinung auch nicht. Bleibt nur der Austausch von Ansichten und Argumenten.
Aber zum Thema, Early Access finde ich jetzt bald wie ein Virus. Gefühlt jeder dritte Steam Titel den ich anklicke ist Early Access. Die müssten schon irgendwo markiert sein. Das ist die kapitalisierung von Bananensoftware. Seit Internet war es ein Merkmal von Software, dass sie nicht funktionieren muss, man kann ja updaten und patchen. Mittlerweile sogar auf Konsolen. So gesehen haben wir schon immer mal für unfertige Titel bezahlt. Jetzt ist es nur fairer, eventuell geringerer Preis und klare Ansage, dass es nicht komplett geht und Bugs hat. Aber die Tendenz mit unfertiger, unreifer Software auf den Markt zu gehen ist irgendwie unangenehm. Und jetzt schon wissentlich dafür zu zahlen. Aber das ist so ne Community Sache. Wenn der Hype vergeht wird sich das irgendwo einpendeln. Und es mag auch was sein, was einfach für mich nicht funktioniert. So wie Twitter. Hab ich nicht, hatte ich nie, kapiere ich bis heute net.
-Smoke
:)