Lasst mich raus aus dem Keller - Ich bin mehr als ein Nerd

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Kolumne Antonia Dreßler - Autorin Als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügen
Politikerin im Kabinett von Kutnà Hora
Quelle: Roger Sieber

Der gesellschaftliche Status von Videospielen ist vor allem daran geknüpft, wie viel Geld sich mit ihnen machen lässt - dabei sind Spiele so viel mehr, als ihr Beitrag zum Bruttosozialprodukt.

Ich bin selbst manchmal überrascht, wie viel ich schon durch Videospiele gelernt habe: über taktische Aufstellungen von Armeen in Age of Empires, das Weltall in Starfield oder die historische, politische Landschaft Italiens in Assassin's Creed.

Und das ist nicht einmal das Wichtigste, was man aus Videospielen mitnehmen kann. Überdies schafft es wohl kein Medium, uns emotional so zu berühren, wie das, in dem wir selbst handeln und erleiden.

Moralische Verstrickungen wie in Grand Theft Auto halten einen gesellschaftlichen Spiegel vor und sind über ihre parodistischen Überspitzungen hinaus teils schon philosophisch. Jemanden foltern, dessen Unschuld uns als Spieler bewusst ist? Unter dem expliziten Deckmantel der Satire nehmen wir selbst eine Handlung vor, gegen die wir uns normalerweise wehren würden.

Folterszene GTA5 Quelle: PC Games Das Werkzeug, mit dem wir in GTA 5 angehalten zu werden einen Unschuldigen zu foltern. Manche Titel gehen noch weiter. Spec Ops: The Line überschreitet bewusst Grenzen, um die Gewalt und den Horror des Kriegs abzubilden - ganz ohne überspitzten Humor oder als Parodie lässt uns der Shooter stutzen und schockiert innehalten.

Spiele als Zeitzeugen

Aber Spiele sind nicht nur im positiven Sinne ein Abbild ihrer Zeit. Titel wie Atomic Heart oder Hogwarts Legacy stellen ein ganz eigenes Kulturdenkmal dar, indem sie für immer mit dem Konflikt ihrer Zeit in Verbindung stehen. Wer in den abgedrehten Shooter spielt, wird vermutlich an den Vorwurf prorussischer Propaganda denken und Drohnen, die Geranien herumfliegen, springen ihm besonders ins Auge.

Zwillingsroboter Quelle: Misanthrop68 Die ikonischen Roboterzwillinge aus Atomic Heart Beim Besuch von Hogwarts erinnert man sich früher oder später an die Kontroverse rund um die Schafferin des Harry-Potter-Universums, die sich gegen die Rechte von Transpersonen stellt. Selbst, wenn einem die Debatte egal ist, ganz vergessen lässt sie sich nicht und das Spiel wird für immer damit in Zusammenhang stehen.

Mündige Spiele

Andere Spiele bergen die Kontroverse bereits in sich wie Six Days in Fallujah, das vor westlicher Heldenverehrung strotzt. Einerseits stellt es den Albtraum dar, der der Häuserkampf in der namensgebenden Stadt im Jahr 2004 für die teilnehmenden Streitkräfte war. Jedoch geschieht dies vor allem aus der Sicht der westlichen Veteranen und weniger aus dem Blickwinkel der Zivilisten, die dem Schrecken auf ganz andere Weise gegenüberstanden.

In den Rezensionen berichten Spieler primär davon, dass sie den Horror und die Angst nachempfinden können, wenn sie einen derartigen Shooter spielen. Das aber nicht, weil sie patriotisch hinter den Veteranen stehen, sondern weil sie einen emotionalen Zugang zu Themen finden, die sie sonst nicht greifen konnten.

Häuserkampf in Egoperspektive Quelle: Victura Der Häuserkamp in Six Days in Fallujah ist hart - Aber lassen sich Spieler so politisch manipulieren? Denn, obwohl man manchen Spielen eine entsprechend politisch motivierte Fähigkeit zur Manipulation zusprechen könnte, darf man nicht vergessen, dass es sich bei Spielern in der Regel um mündige Menschen handelt. Die wissen oftmals von den Umständen eines Spiels und wie die Inhalte einzuordnen sind. Und die wissen auch, dass ein Spiel nicht die Realität abbildet.

Hohe Einstiegshürde

Es gibt aber auch andere, deutlich weniger streitbare Gründe, warum Spiele nach wie vor nicht als ein Standardmedium wahrgenommen werden. Sie sind trotz aller Immersion und positiver Aspekte leider nicht für jeden zugänglich. Das betrifft ganz konkret Menschen mit körperlichen Einschränkungen, aber darüber hinaus auch Leute, die unter keinen Einschränkungen leiden.

Meiner Mutter habe ich schon mehrmals versucht, einen Controller in die Hand zu drücken. Der Versuch scheiterte am Doppelsprung mit anschließendem Gedrückt-Halten der Sprungtaste. Einer Freundin habe ich versucht beizubringen, dass ein Analog-Stick zum Laufen und der andere zum Bewegen der Kamera gedacht ist und das gleichzeitig geschehen muss. Diese händischen Bewegungen sind bei beiden aber nicht im Muskelgedächtnis abgespeichert - Spiele, die über Mario-Party hinausgehen, sind damit fast nicht spielbar.

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    • Kommentare (2)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von Falconer75 Mitglied
        Vorab, sehr schöne Headline für die Kolumne! Auch den persönlichen Aufhänger finde ich gut gewählt. Diese Erfahrungen hätte ich vor 10-15 Jahren auch noch unterschrieben. Heute fühlt sich der Text aber aus meiner subjektiven Sicht etwas aus der Zeit gefallen an. Games sind mehr als angekommen. Aufholbedarf ergibt sich in einigen Zonen nur noch, weil andere Kulturbereiche einen riesigen Vorsprung aufgebaut haben. Daran muss gearbeitet werden. Und das wird es auch.

        Ich zeige hier aber auch gern mit dem Finger auf den Journalismus. Was leistet der eigentlich für das Etablieren von Games als Kulturgut? Wie sieht es mit der Rezeption aus? Es gibt einige sehr positive Beispiele, aber in der Breite rangiert der Gamesjournalismus weit hinter anderen Segmenten. Und vor allem, es ändert sich kaum was. Die hochwertige Berichterstattung versteckt sich in Nischen. Selbst der klassische Produktjournalismus wird hart verdrängt. Man schaue sich nur die Online-Auftritte der größeren Fachseiten an. Wie gehaltvoll sind denn 80% der Artikel auf PC Games? Wie sollen sich da reflektierte Menschen abgeholt fühlen und den kulturellen Wert von Games wahrnehmen? Computec wirbt seit Jahren mit folgendem Slogan: "Von Nerds für Nerds". Tja.

        Dass Behörden (ein Ministerium war es allerdings entgegen der Angabe im Text nicht) bitte, bitte möglichst keine Games direkt verantworten sollten, teile ich voll und ganz. Da kommt fast ausschließlich Schrott bei raus. Politisch gibt es genug andere Hausaufgaben zu erledigen.
      • Von Falconer75 Mitglied
        Vorab, sehr schöne Headline für die Kolumne! Auch den persönlichen Aufhänger finde ich gut gewählt. Diese Erfahrungen hätte ich vor 10-15 Jahren auch noch unterschrieben. Heute fühlt sich der Text aber aus meiner subjektiven Sicht etwas aus der Zeit gefallen an. Games sind mehr als angekommen. Aufholbedarf ergibt sich in einigen Zonen nur noch, weil andere Kulturbereiche einen riesigen Vorsprung aufgebaut haben. Daran muss gearbeitet werden. Und das wird es auch.

        Ich zeige hier aber auch gern mit dem Finger auf den Journalismus. Was leistet der eigentlich für das Etablieren von Games als Kulturgut? Wie sieht es mit der Rezeption aus? Es gibt einige sehr positive Beispiele, aber in der Breite rangiert der Gamesjournalismus weit hinter anderen Segmenten. Und vor allem, es ändert sich kaum was. Die hochwertige Berichterstattung versteckt sich in Nischen. Selbst der klassische Produktjournalismus wird hart verdrängt. Man schaue sich nur die Online-Auftritte der größeren Fachseiten an. Wie gehaltvoll sind denn 80% der Artikel auf PC Games? Wie sollen sich da reflektierte Menschen abgeholt fühlen und den kulturellen Wert von Games wahrnehmen? Computec wirbt seit Jahren mit folgendem Slogan: "Von Nerds für Nerds". Tja.

        Dass Behörden (ein Ministerium war es allerdings entgegen der Angabe im Text nicht) bitte, bitte möglichst keine Games direkt verantworten sollten, teile ich voll und ganz. Da kommt fast ausschließlich Schrott bei raus. Politisch gibt es genug andere Hausaufgaben zu erledigen.
      • Von ChaosCreator Mitglied
        Die Prämisse, dass Videospiele nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, teile ich überhaupt nicht.
        Das sind sie.
        Ich dachte ehrlich gesagt bei der Überschrift, es ginge im Artikel nicht nur größtenteils um accessibility, denn dieses Thema wurde schon lang und breit dargelegt und hat auch mit besagter Überschrift wenig zu tun.
        Es gibt nun mal nichts, absolut gar nichts, was alle Menschen gleichermaßen tun können. Es gibt eine Million Dinge, zu denen Menschen mit einem Handicap kaum oder keinen Zugang haben und die meisten davon wären wichtiger als Spiele spielen.
        Und die alter Leier: FromSoftware und ihre angeblichen unmöglich schwierigen Spiele, das hat sich nun spätestes seit Elden Ring auch endgültig gewandelt. Dieses Spiel haben ebensoviele Leute durchgespielt, teils deutlich mehr, als vermeintlich leichtere Spiele. Blicke in Trophäen und Erfolgsstatistiken bewiesen das.
        Dieses leidige Thema, mit all seinen überflüssigen Debatten kann ich nicht mehr hören.

        Ich habe eher den Eindruck, hier wird ein längst antiquiertes Stereotyp vom Gamer als Nerd postuliert, einem Sonderling. Ein Bild, dass schon in den späten 90ern nicht mehr zutreffend war.
        Inzwischen sind die Kinder und Neffinnen und Neffen -größtenteils sehr aktive Gamer - fleißig am daten und haben irgendwie keine Probleme damit.
        Sich als Gamer sozusagen outen zu müssen, das bezweifle ich sehr stark.
        Über 35 Millionen Menschen allein in Deutschland spielen mehr oder weniger regelmäßig irgendwelche Videospiele. Das Durchschnittsalter steigt dabei an, logischerweise. Das hat doch mit Keller-Dasein überhaupt nichts mehr zu tun.
        Selbst meine Eltern mit inzwischen knapp 80, die damals noch stirnrunzelnd hinter mir standen, wenn ich am C64 was gespielt habe, spielen heute mal ein mobile Game.

        Menschen wie ich, die in den späten 80ern bereits damit angefangen haben, teilen heute ihre Passion mit ihren Kindern und schon Enkeln.
        Das ist etwas, dass ich aus meiner Kindheit und Jugend überhaupt nicht kenne.
        Auch hat sich seit dem gewaltig viel getan, was das Thema Zugänglichkeit betrifft. Doch es hat eben alles auch seine Grenzen.

        Daher kann ich dem Artikel und den darin postulierten Schlussfolgerungen leider nicht zustimmen, denn meine Erfahrungen und Beobachtungen heute zeigen mir eine andere Welt.
      Direkt zum Diskussionsende
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