Lasst mich raus aus dem Keller: Videospiele und ihr Platz an der Sonne

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Kolumne Antonia Dreßler - Autorin Als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügen
Politikerin im Kabinett von Kutnà Hora
Quelle: Roger Sieber

Der gesellschaftliche Status von Videospielen ist vor allem daran geknüpft, wie viel Geld sich mit ihnen machen lässt - dabei sind Spiele so viel mehr, als ihr Beitrag zum Bruttosozialprodukt.

Manchmal frage ich mich, wann Videospiele aus ihrer Nische treten und als das ganz normale und viel-vertretene, popkulturelle Erzeugnis angesehen werden, das sie eigentlich sind. Denn nach wie vor habe ich das Gefühl, dass ich als Gamer Emotionen und Reaktionen hervorrufe, die Filmschauer oder Musikhörer nicht erdulden müssen.

Ich mache das an einem Beispiel deutlich: Als chronischer Dauersingle und aktiv datende Person muss ich regelmäßig vor Fremden Rede und Antwort über meine Person stehen. Mein Outing als Videospiel-Journalistin hat dabei ungefähr die gleiche Wirkung, wie wenn ich mir groß "Nerd" auf die Stirn tätowieren lassen würde. Und das ruft immer eine Reaktion hervor - positiv oder negativ, aber niemals neutral.

Meiner Familie gegenüber bin ich zumindest über den Punkt hinaus, ihnen erklären zu müssen, dass es tatsächlich möglich ist, mit Spielen Geld zu verdienen und die Industrie in der Tat existiert.

Gesellschaftlicher Wandel

Es war dementsprechend eine echte Überraschung, als beim Anspiel-Event von Kingdom Come: Deliverance 2 plötzlich eine Vertreterin des politischen Kabinetts von Kuttenberg bzw. Kutná Hora vor meine Gamer-Kollegen und mich trat. In einer kleinen Rede erzählte sie davon, wie stolz man auf das Projekt von Warhorse ist und man sich freut, dass die Geschichte des Landes und eine historisch korrekte Abbildung der Stadt ihren Weg in das Rollenspiel gefunden haben.

Politikerin im Kabinett von Kutnà Hora Quelle: Roger Sieber Eine politische Rede vor Spielejournalisten über die Bedeutung von Gaming und Kingdom Come: Deliverance für Tschechien und im speziellen Kutná Hora Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn man ist zwar auch in der überregionalen Politik langsam über den Punkt hinaus, Spiele als tödliche Gefahr für Minderjährige abzustempeln. Aber positive Worte werden vor allem im Kontext des Wirtschaftsfaktors verloren, den man im Gaming sieht.

Aber Spiele sind weit mehr als das. Sie sind Kulturgut und stehen in Symbiose mit anderen medialen Erzeugnissen wie Filmen, Büchern und Musik, und sollten genauso angesehen werden.

Sicherlich sind Videospiele für viele Gamer nicht mehr als reine Unterhaltungsmedien, aber auch das lässt sich über Filme, Bücher und Musik sagen. Auch Kunst kann unterhalten, das spricht ihr aber nicht den Mehrwert ab, auch kulturell etwas zur Gesellschaft beizutragen.

Gegenseitige Bereicherung

Wie so eine echte Wertschätzung aussehen kann, hat man in Tschechien eindrucksvoll zur Schau gestellt. Neben einer Geschichtsstunde über die Geschehnisse im Böhmen des 15. Jahrhunderts hat sich die Stadt auch an einer Führung durch den Ort beteiligt. Während ich Kuttenberg in meiner Anspiel-Session von Kingdom Come: Deliverance 2 schon toll fand, beeindruckte mich die echte Stadt noch einmal mehr. Vor allem, weil sie sich durch das vorherige Spielerlebnis gar nicht mehr fremd anfühlte. Über jenen Platz bin ich schon virtuell gestiefelt und diese Kirche habe ich bereits am Bildschirm bestaunt.

St. Barbara Kirche Kutná Hora Quelle: Warhorse Studios Vergleichsbilder der St. Barbarakirsche in Kutná Hora mit Screenshots aus Kingdom Come: Deliverance 2 Nicht-Gamer kennen dieses Gefühl aus Filmen, aber wo man bei cineastischen Erzeugnissen nur eine Kulisse vorgesetzt bekommt, laden Spiele eben zum Erkunden ein. In Rollenspielen wie Kingdom Come im doppelten Sinne.

Und dabei weiß man als Spieler manchmal gar nicht, wie viel Liebe und Detail tatsächlich in den Titeln steckt. Wenn mir das Spiel sagt, ich soll Stichwaffen gegen Stoffrüstung und stumpfe Knüppel gegen Plattenrüstung nutzen, dann nehme ich das einfach hin. Aber natürlich ergibt das Sinn und ist historisch so überliefert!

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    • Kommentare (2)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von Falconer75 Mitglied
        Vorab, sehr schöne Headline für die Kolumne! Auch den persönlichen Aufhänger finde ich gut gewählt. Diese Erfahrungen hätte ich vor 10-15 Jahren auch noch unterschrieben. Heute fühlt sich der Text aber aus meiner subjektiven Sicht etwas aus der Zeit gefallen an. Games sind mehr als angekommen. Aufholbedarf ergibt sich in einigen Zonen nur noch, weil andere Kulturbereiche einen riesigen Vorsprung aufgebaut haben. Daran muss gearbeitet werden. Und das wird es auch.

        Ich zeige hier aber auch gern mit dem Finger auf den Journalismus. Was leistet der eigentlich für das Etablieren von Games als Kulturgut? Wie sieht es mit der Rezeption aus? Es gibt einige sehr positive Beispiele, aber in der Breite rangiert der Gamesjournalismus weit hinter anderen Segmenten. Und vor allem, es ändert sich kaum was. Die hochwertige Berichterstattung versteckt sich in Nischen. Selbst der klassische Produktjournalismus wird hart verdrängt. Man schaue sich nur die Online-Auftritte der größeren Fachseiten an. Wie gehaltvoll sind denn 80% der Artikel auf PC Games? Wie sollen sich da reflektierte Menschen abgeholt fühlen und den kulturellen Wert von Games wahrnehmen? Computec wirbt seit Jahren mit folgendem Slogan: "Von Nerds für Nerds". Tja.

        Dass Behörden (ein Ministerium war es allerdings entgegen der Angabe im Text nicht) bitte, bitte möglichst keine Games direkt verantworten sollten, teile ich voll und ganz. Da kommt fast ausschließlich Schrott bei raus. Politisch gibt es genug andere Hausaufgaben zu erledigen.
      • Von Falconer75 Mitglied
        Vorab, sehr schöne Headline für die Kolumne! Auch den persönlichen Aufhänger finde ich gut gewählt. Diese Erfahrungen hätte ich vor 10-15 Jahren auch noch unterschrieben. Heute fühlt sich der Text aber aus meiner subjektiven Sicht etwas aus der Zeit gefallen an. Games sind mehr als angekommen. Aufholbedarf ergibt sich in einigen Zonen nur noch, weil andere Kulturbereiche einen riesigen Vorsprung aufgebaut haben. Daran muss gearbeitet werden. Und das wird es auch.

        Ich zeige hier aber auch gern mit dem Finger auf den Journalismus. Was leistet der eigentlich für das Etablieren von Games als Kulturgut? Wie sieht es mit der Rezeption aus? Es gibt einige sehr positive Beispiele, aber in der Breite rangiert der Gamesjournalismus weit hinter anderen Segmenten. Und vor allem, es ändert sich kaum was. Die hochwertige Berichterstattung versteckt sich in Nischen. Selbst der klassische Produktjournalismus wird hart verdrängt. Man schaue sich nur die Online-Auftritte der größeren Fachseiten an. Wie gehaltvoll sind denn 80% der Artikel auf PC Games? Wie sollen sich da reflektierte Menschen abgeholt fühlen und den kulturellen Wert von Games wahrnehmen? Computec wirbt seit Jahren mit folgendem Slogan: "Von Nerds für Nerds". Tja.

        Dass Behörden (ein Ministerium war es allerdings entgegen der Angabe im Text nicht) bitte, bitte möglichst keine Games direkt verantworten sollten, teile ich voll und ganz. Da kommt fast ausschließlich Schrott bei raus. Politisch gibt es genug andere Hausaufgaben zu erledigen.
      • Von ChaosCreator Mitglied
        Die Prämisse, dass Videospiele nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, teile ich überhaupt nicht.
        Das sind sie.
        Ich dachte ehrlich gesagt bei der Überschrift, es ginge im Artikel nicht nur größtenteils um accessibility, denn dieses Thema wurde schon lang und breit dargelegt und hat auch mit besagter Überschrift wenig zu tun.
        Es gibt nun mal nichts, absolut gar nichts, was alle Menschen gleichermaßen tun können. Es gibt eine Million Dinge, zu denen Menschen mit einem Handicap kaum oder keinen Zugang haben und die meisten davon wären wichtiger als Spiele spielen.
        Und die alter Leier: FromSoftware und ihre angeblichen unmöglich schwierigen Spiele, das hat sich nun spätestes seit Elden Ring auch endgültig gewandelt. Dieses Spiel haben ebensoviele Leute durchgespielt, teils deutlich mehr, als vermeintlich leichtere Spiele. Blicke in Trophäen und Erfolgsstatistiken bewiesen das.
        Dieses leidige Thema, mit all seinen überflüssigen Debatten kann ich nicht mehr hören.

        Ich habe eher den Eindruck, hier wird ein längst antiquiertes Stereotyp vom Gamer als Nerd postuliert, einem Sonderling. Ein Bild, dass schon in den späten 90ern nicht mehr zutreffend war.
        Inzwischen sind die Kinder und Neffinnen und Neffen -größtenteils sehr aktive Gamer - fleißig am daten und haben irgendwie keine Probleme damit.
        Sich als Gamer sozusagen outen zu müssen, das bezweifle ich sehr stark.
        Über 35 Millionen Menschen allein in Deutschland spielen mehr oder weniger regelmäßig irgendwelche Videospiele. Das Durchschnittsalter steigt dabei an, logischerweise. Das hat doch mit Keller-Dasein überhaupt nichts mehr zu tun.
        Selbst meine Eltern mit inzwischen knapp 80, die damals noch stirnrunzelnd hinter mir standen, wenn ich am C64 was gespielt habe, spielen heute mal ein mobile Game.

        Menschen wie ich, die in den späten 80ern bereits damit angefangen haben, teilen heute ihre Passion mit ihren Kindern und schon Enkeln.
        Das ist etwas, dass ich aus meiner Kindheit und Jugend überhaupt nicht kenne.
        Auch hat sich seit dem gewaltig viel getan, was das Thema Zugänglichkeit betrifft. Doch es hat eben alles auch seine Grenzen.

        Daher kann ich dem Artikel und den darin postulierten Schlussfolgerungen leider nicht zustimmen, denn meine Erfahrungen und Beobachtungen heute zeigen mir eine andere Welt.
      Direkt zum Diskussionsende
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