Star Trek: Deep Space Nine - Staffel 3 - zwischen Abenteuer und Intrigen
Auf der letzten Seite unseres Deep Space Nine-Specials erfahrt ihr alles über Abenteuer und Intrigen.
Eine Segelreise nach Cardassia
Ein weiterer Meilenstein war Explorers (Die Erforscher) - und das nicht nur, weil sie die exakte Mitte der ersten Phase unseres Podcasts Trek am Dienstag darstellte, der sich Woche für Woche durcharbeitet von der ersten Episode der Originalserie bis zum 2005er Finale des Prequels Enterprise. (Das war für meinen Co-Moderator Simon Fistrich und mich so bedeutsam, dass wir an dem Wochenende danach auf eine Mini-Tour gingen.)
Genau wie Past Tense war auch Explorers Star Trek pur und zahlte erneut auf den Charakter des Ben Sisko ein. Der und sein Sohn Jake stellten die Reise eines prähistorischen Solarseglers nach, um zu beweisen, dass die alten Bajoraner ein technisches Wunderwerk hatten vollbringen können, um ohne Warp-Antrieb die entfernte Welt Cardassia zu erreichen.
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Quelle: Paramount
Vater und Sohn Sisko unternehmen ein Abenteuer im Solarsegler.
Das Solarschiff und seine Reise waren unverkennbar inspiriert von der Kon-Tiki-Expedition des norwegischen Forschers Thor Heyerdahl. Der und sein Team bauten im Jahr 1947 ein bewusst primitives Floß und segelten damit von Peru bis Tahiti, um am eigenen Leib nachzustellen und so zu beweisen, dass ein südamerikanisches Urvolk diese transozeanische Reise vor Beginn der Geschichtsschreibung vollbracht und Polynesien besiedelt hatte. Heyerdahl machte Kon-Tiki im Folgejahr 1948 zu einem Bestsellerbuch und 1951 zu einem erfolgreichen Dokumentarfilm. Für die Generation vor der meinigen, in den USA Baby-Boomer genannt, war Heyerdahl ein inspirierendes Popkulturphänomen - dem späteren Star Trek gar nicht unähnlich.
Das DS9-Produktionsteam war sich bewusst, dass das Solarsegelschiff mit seinen wabernden Segeln nur schwer als echtes Modell per Motion Control zu filmen wäre, also wurde es 1995 als frühe CGI produziert. Doch weil CGI zu der Zeit noch problematisch aussah, wenn man nicht genug Geld in die Hand nahm, räumte man für das Schiff besonders viel Budget beiseite und beauftragte George Lucas' legendäre Spezialeffekt-Schmiede Industrial Light & Magic. Deren kreativer Kopf John Knoll nahm das Projekt an, obwohl er eigentlich aufgrund seiner Arbeit am ersten Mission: Impossible keine Zeit hatte. Die Renderarbeit erledigte Knoll in zwei Monaten, vorrangig in einem Hotel in London, in den Arbeitspausen des großen Kinofilms.
Für die Inneneinrichtung des Seglers ließ sich Produktionsdesigner Herman Zimmerman von Jules Verne inspirieren - jede Menge Holz, Kupfer und gülden-warmes Licht. Kameramann Jonathan West: "Das war wie 20.000 Meilen unter dem Meer. Weil das Set rundherum geschlossen und sehr klein war, montierte ich eine Kamera am Arm eines Krans, den ich dann von außen durch eines der Fenster hineinsteckte."
In diesem retrofuturistischen Schiffchen erzählte die Episode eine Vater/Sohn-Geschichte, in der Jake Sisko dem Commander "beichtete", dass er, anders als sein Ferengi-Freund Nog, nicht zur Sternenflotte gehen und stattdessen Schriftsteller werden wollte. Und nur deswegen auf der Station geblieben war, weil er sich um seinen alleinstehenden und verwitweten Vater sorgte.
Ira Behr: "Ich möchte René Echevarria besonderen Respekt zollen, weil er ein wirklich wunderbares Drehbuch schrieb und Avery Brooks seine beste Rolle in der gesamten Serie gab. Avery sah das und gab alles. Dazu dieses Schiff, das aussah wie die Zeitmaschine aus dem Film von 1960, ein großartiges Stück Bühnenbild. Das ließ ich aufbewahren."
Die nichtkommerzielle Space Frontier Foundation zeichnete die Episode aus als "die einfallsreichste Verwendung eines Weltraumvehikels" und verlieh den Machern den Best Vision of the Future Award. Überreicht wurde er von Robert Staehle, dem damals weltweit führenden Sonnensegel-Experten. Und ganz nebenbei war Explorers der erste Auftritt von Chase Masterson als Dabo-Mädchen Leeta - ein weiterer bedeutender, wiederkehrender Charakter.
Galaktische Ränkespiele
Improbable Cause und The Die Is Cast (Der geheimnisvolle Garak) war der allererste Zweiteiler in Star Trek, bei dem die Originaltitel zwei unterschiedliche waren, anstatt mit "Part II" zu arbeiten. Hatte man sich das beim ZDF abgeguckt, wo Next-Generation-Doppelfolgen Titel trugen wie Der Mächtige/Mission Farpoint oder auch In den Händen der Borg/Angriffsziel Erde? (Wahrscheinlich nicht.)
Ein Bombenanschlag auf Garaks Modegeschäft zog Odo und den cardassianischen Schneider in ein immer dichter und größer werdendes Netz einer galaktischen Verschwörung. Tatsächlich hatten sich die Geheimdienste von Cardassia und Romulus zusammengetan, um präventiv ein für alle Mal der Bedrohung des Dominions den Garaus zu machen. Nur um von denen längst unterwandert worden zu sein, was zwei Völker des Alpha-Quadranten nach einer abschließenden Schlacht deutlich geschwächt zurückließ.
Quelle: Paramount
Immer geheimnisvoll: Schneider/Spion Garak.
Man sah hier eine gute Gelegenheit, endlich den beliebten Charakter des cardassianischen Geheimdienstchefs Enabran Tain aus Staffel 2 zurückzuholen, dabei war Improbable Cause ursprünglich als Einzelepisode geplant. Ein Datenchip, der in der finalen Version als Gag verwendet wurde - Doctor Bashir sollte ihn aufessen, falls Garak von seiner großen Mission nicht zurückkehrte -, wäre darin die Auflösung gewesen. Als Tain seine beiden Gefangenen Odo und Garak töten lassen wollte, verwendete Garak die empfindlichen Daten als Druckmittel. Tain ließ die beiden daraufhin frei, Abspann.
Der rettende Vorschlag, um dieses antiklimaktische Ende zu umschiffen, kam vom ersten Showrunner Michael Piller - übrigens seine allerletzte Eingabe bei DS9, bevor er sich voll und ganz Voyager widmete: Datenchip streichen, Erweiterung zu einem Zweiteiler, Einbindung der Story in den ganz großen DS9-Erzählstrang. Konkret sagte Piller: "Dann holt Odo und Garak eben nicht aus der Patsche, sondern zieht in die große Schlacht gegen das Dominion." Hektisch wurde das Ende der ersten Episode daraufhin umgeschrieben. Ron Moore: "Wir hatten uns so sehr in eine Ecke gemalt, dass wir die Wand hinter uns eintreten mussten, um rauszukommen. Ziemlich angsteinflößend."
Diese Anpassung in letzter Minute ließ den Zweiteiler zu dem Moment werden, in dem DS9 noch einmal einen Gang höher schaltete; für mich fühlte sich das bedeutsamer an als der große Auftakt der vierten Staffel, der heute gemeinhin als Wendepunkt gilt. Nun war das Dominion da und hatte erstmals wirklich die politischen Machtverhältnisse im Alpha-Quadranten auf den Kopf gestellt.
Statt des zweiten Teils musste als Nächstes aber das vorgenannte Spiegeluniversum-Abenteuer vor die Kameras gehen, mit einer spontan um eine Woche eingekürzten Postproduktion. Außerdem musste sich der große Gaststar Paul Dooley (Enabran Tain) für drei Wochen in Folge bereithalten.
Einer von zwei dramatischen und visuellen Höhepunkten war die Szene, in der Garak, um seinem Mentor Tain zu entsprechen, wider Willen Odo folterte, indem er ihn davon abhielt, seine humanoide Form zu verändern. Ira Behr sah darin einen Reminder, dass Garak nicht zwingend einer von den Guten war: "Wir wollten zeigen, wozu Garak imstande ist, selbst wenn er es eigentlich nicht möchte. Könntest du jemanden foltern? Garak kann es."
Diese Folter führte nach einiger Zeit dazu, dass Odo sich in seiner flüssigen Form erholen wollte, aber nicht konnte. Um diesen Effekt darzustellen, den Autor Ron Moore als "ausgetrockneter Odo" beschrieb, entwarf Makeup-Legende Michael Westmore eine rissige Version der Odo-Maske. Außerdem stellte er einen großen Lappen vertrocknete Changeling-Haut her, die kleingeschnitten und überall auf Darsteller René Auberjonois gepappt wurde. Selbst Odos Uniform war betroffen und bestand hier nicht aus Stoff, sondern war vielmehr eine Art Taucheranzug, was für Auberjonois an den zwei Drehtagen dieser Szene fürchterlich unangenehm war.
Zweiter Höhepunkt war die abschließende Schlacht im Omarion-Nebel, welche den romulanischen und cardassianischen Geheimdienst auslöschte. Hierbei handelte es sich um den bis dato größten Raumkampf in Star Trek, größer noch als der Kampf gegen die Borg bei Wolf 359 im DS9-Pilotfilm. Um die vielen kleinen Schiffe im Hintergrund darzustellen, verwendete Effektmann Gary Hutzel Fotofolien und achtete dabei darauf, dass die Kamera nicht zu lange auf den "Dias" verweilte. Dennoch wurden die physischen Modelle im Vordergrund - kein CGI - an zwanzig Arbeitstagen per Motion-Control gefilmt, damals einsamer Rekord für eine einstündige Fernsehsendung.
Ira Behr, der mit dieser Episode nach dem Weggang Michael Pillers nicht mehr nur de facto Showrunner war, sondern auch als solcher gecreditet wurde: "Genau wie Past Tense hat die Medienberichterstattung auch diesen Zweiteiler völlig ignoriert. Dabei gibt es für mich kein besseres DS9." Ich stimme ihm zu; aller Epik zum Trotz ging es ganz intim um die Charaktere. Außerdem hatte die hoffnungslose Rettungsmission, die Odo und Garak entgegen der Befehle der Sternenflotten-Admiralität hinterherflog, harte Vibes vom dritten Kinofilm Auf der Suche nach Mr. Spock.
Ein Finale, das (vorerst) ins Leere führte
Mit The Adversary (Der Widersacher) endete die dritte Staffel DS9. Ich sah die Episode am Abend des 8. Oktober 1995, nachdem ich die britische VHS tagsüber auf einer Filmbörse erworben hatte - ein halbes Jahr nach dem Kauf meiner ersten DS9-Videokassette, die mit dem Staffelauftakt.
Eigentlich sollte die Episode ein echter Cliffhanger sein, Teil 1 von mindestens einem Zweiteiler, wenn nicht sogar mehr. Die Fortsetzung in der nächsten Staffel hätte zur Erde geführt, wo das Dominion in Gestalt der Formwandler das Hauptquartier der Sternenflotte infiltriert hätte. Wenn den geneigten Lesenden das alles furchtbar bekannt vorkommt, wisst ihr, was aus dieser Story des Cliffhangers wurde. Aber wodurch wurde sie hier verhindert?
Quelle: Paramount
Versucht mit Commander Sisko den Todesflug der Defiant aufzuhalten: Gul Dukat.
Von ganz oben in den Paramount-Rängen, noch oberhalb von Rick Berman, kam nach langer Nichteinmischung die Ansage: Kein Cliffhanger dieses Jahr. Diese Entscheidung überrumpelte das Autorenteam so sehr, dass man nur noch eine Woche Zeit hatte bis Drehbeginn. Also entschied man sich dazu, an der Dominion-Unterwanderung festzuhalten, das Ganze aber zu verkleinern und die Erde aus dem Spiel zu nehmen.
Die Idee: Eine Folge voller Paranoia und Spannung, in der die machtvolle Defiant zu einer Art führerlosem D-Zug wurde. Die Fahrt führte in ein vermeintliches Krisengebiet, wo der fiese Plan einen Krieg auslösen sollte, um nach den Romulanern und den Cardassianern auch die Sternenflotte zu schwächen. Strippenzieher war ein Gestaltwandler, der jeder in der Crew sein könnte, wozu unverkennbar der Horrorklassiker The Thing (Das Ding aus einer anderen Welt) als Vorlage genommen wurde.
The Adversary zeigte die bislang komplexesten Spezialeffekte in DS9, mehr Odo-Morphing-Effekte als in der gesamten vorherigen Staffel 3. Lange Tage für Auberjonois und seinen Widersacher, gespielt von Lawrence Pressman, die erst ihre physische Auseinandersetzung gemeinsam filmten und dann nochmals allein darstellen mussten, Schattenboxen-mäßig ohne Partner, aber exakt passend, keine Handbreit abweichend, um die CGI-Effekte anschließend darüber zu legen.
Weil das Drehbuch ultraknapp fertig wurde und nach einem größeren Raum für den Showdown verlangte, musste kurzerhand der Maschinenraum der Defiant, den es vorher noch gar nicht gab, in Rekordzeit gebaut werden. Ira Behr, seufzend: "Es wurde ein riesiges, zweietagiges Set. So was baut man normalerweise über die Staffelpause, um es in Folge 1 zu zeigen und die Kosten dann ein Jahr lang zu amortisieren. Dieses Set kam buchstäblich aus dem Nichts."
Widerstand gegen oben
Mit dieser Episode stand das Vorhaben im Autorenzimmer ein für alle Mal fest, der Serie einen noch deutlicheren roten Handlungsfaden zu geben als sowieso schon. Showrunner Ira Behr entschied sich damit, nach dem Prinzip "Steter Tropfen höhlt den Stein" gegen die ausdrücklichen Wünsche seines Vorgesetzten Rick Berman zu arbeiten. Die dritte Staffel endete anders als geplant. Ohne zwingend sofortige Fortsetzung, weil die Serie ab Staffel 4 komplett umgekrempelt werden sollte. Fortsetzung folgt.
