Star Trek: Deep Space Nine - Staffel 3 - mehr Freiheit, mehr Risiko, mehr Erfolg
Während Star Trek auf Voyager blickte, wurde Deep Space Nine in Staffel 3 heimlich zur mutigsten Ära des Franchise - mit Defiant und Dominion.
Als die dritte Staffel Star Trek: Deep Space Nine (kurz: DS9) im Herbst 1994 in den USA anlief, war Star Trek, damals unter der 18-jährigen Ägide von Produzent Rick Berman, weltweit auf dem Zenit der Beliebtheit und des öffentlichen Interesses angekommen, denn drei Sachen passierten gleichzeitig.
- Die Next Generation (kurz: TNG) hatte sich nach sieben Jahren auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs verabschiedet - bergauf ging es ab Staffel 3 - ein Serienfinale mit starken Einschaltquoten und positiven Kritikerstimmen.
- Bevor die Begeisterung abebben oder TNG in Vergessenheit geraten konnte, ging nahtlos der erste Kinofilm mit den "Superstars" in Produktion, Star Trek: Generations (Treffen der Generationen). Dafür wurde schon weit vor dem Serienfinale Promo gemacht, auch für die Wiederkehr William Shatners als Captain James T. Kirk, der mit seinem Nachfolger Picard aufeinandertreffen sollte.
- Ebenfalls nahtlos an den Erfolg von TNG anknüpfen sollte das zweite Spin-Off der Berman-Ära - wieder eine Raumschiffserie, anders als DS9. Ein Versuch, den Erfolgsflug der Enterprise nahtlos fortzusetzen. Star Trek: Voyager steckte in Pre-Production und wurde beworben nicht nur als die Erbin von TNG, sondern auch als hoffentlich erfolgsbringender Eckpfeiler des neu aus der Taufe gehobenen Senders UPN, des Paramount-eigenen Fernsehsenders.
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Nur am Rande: Zu diesem Zeitpunkt begann der allmähliche Sinkflug für Berman-Trek, was die Gunst des Publikums anging, auch wenn es noch acht Jahre dauerte, bis man ganz unten angekommen war.
Doch nicht zu voreilig: Die Verantwortlichen bei Paramount waren im Herbst 1994 noch trunken vom Erfolg.
Warum diese Einordnung? Und warum kommt darin DS9 überhaupt nicht vor? Weil die Serie im Sommer 1994 niemanden in der Chefetage von Paramount oberhalb der Gehaltsstufe von Rick Berman mehr interessierte. Von jetzt an war DS9 die Serie, die "auch noch lief".
Das hatte den Nachteil, dass für DS9 viel weniger Werbung gemacht wurde als für alles andere, was damals den Namen Star Trek trug. Wer DS9 guckte, der tat das aus Überzeugung, der hatte "Geheimwissen" um die Qualitäten der Serie. Nicht, weil er darauf aufmerksam gemacht wurde.
Das wiederum hatte den Vorteil, dass das "Auge Saurons" hauptsächlich auf Voyager und den TNG-Kinofilmen ruhte. Für DS9 bedeutete diese fehlende Kontrolle mehr kreative Freiheit.
Noch eine vergleichende Rückblende zum Januar 1993. Als der DS9-Pilotfilm Emissary (Der Abgesandte) gesendet wurde, war DS9 für Paramount das Prestigeprojekt schlechthin. 15 Millionen Dollar teuer, kostspieligere Kulissen als der sechste Kinofilm. Hoffnungsträger. Dutzende Magazin-Cover zeigten Avery Brooks an der Seite von Patrick Stewart. Diese Tage mitten im Rampenlicht waren nun, im Herbst 1994, gerade einmal anderthalb Jahre später, nur noch eine verschwommene Erinnerung. Willkommen also in DS9-Staffel 3, willkommen im Tüftlerkeller. "Die da oben" kümmerten sich um Generations und Voyager. "Wir hier unten" konnten ungestört arbeiten. Hauptsache, Rick Berman wurde bei Laune gehalten.
Eine bedeutende neue Personalie
Gemeinsam mit seinem TNG-Kollegen und damals besten Freund Brannon Braga hatte Ronald D. Moore (heute Showrunner von For All Mankind) das Serienfinale All Good Things... (Gestern, heute Morgen) geschrieben, aber zeitgleich auch den Kinofilm Star Trek: Generations, der, als die dritte DS9-Staffel startete, beinahe fertiggestellt war. Nun war Ron Moore aber - Fan der Originalserie seit Kindertagen, damals in TNG-Staffel 3 der jüngste Drehbuchautor, Freund aller Klingonen - arbeitssuchend, doch er wurde schnell fündig. Sein neuer Job: Eine Festanstellung im DS9-Autorenteam, während sich sein Kumpel Brannon für den Spin-Off Voyager entschied.
Mit DS9-Staffel 3 begann eine vom Autorenzimmer lang angelegte Aktion, die Charaktere mehr als zuvor zu einer Familie zusammenwachsen zu lassen. Keine Folge soll vergehen, ohne dass dieses Narrativ weitergetrieben wird, so lautete die selbstgestellte Aufgabe, auch an den Neuling Moore. Dessen erste Folge, bei der er aus den Ideen von Showrunner Ira Steven Behr und Robert Hewitt Wolfe ein Drehbuch erarbeitete, war die erste Hälfte des Eröffnungszweiteilers The Search (Die Suche).
Quelle: Paramount
Die Crew der Deep Space Nine.
Ein Schiff mit Zähnen
Nachdem sich im explosiven Finale von Staffel 2 das Dominion auf der anderen Seite des Wurmlochs als großer Widersacher der Serie enthüllt hatte, unternahm die DS9-Crew nun eine Erkundungsmission, um möglicherweise diplomatische Kontakte zu knüpfen - nur um kurzerhand festgenommen und in eine VR-Simulation gesteckt zu werden, um abzuchecken, wie bereitwillig sich die Föderation dem Dominion unterwerfen würde. Die Antwort: Nicht sonderlich.
Diese Mission absolvierte die Crew auf ihrem brandneuen Schiff, der Defiant - einer der letzten Versuche, DS9 an TNG anzunähern.
Rund um die Einführung der Defiant fanden hinter den Kulissen hitzige Debatten statt. Die größten Einwände: Ein Schiff wäre ein Zugeständnis an die kleinliche Fankritik, dass DS9 sich nirgendwo hinbegibt und deswegen kein Star Trek ist. Eine Kritik, von der manche im Autorenzimmer gar nichts hielten, weil sie zum Serienkonzept von DS9 mit voller Überzeugung standen.
Außerdem lag die Voyager-Premiere weniger als vier Monate in der Zukunft. Rick Berman fand, das brandneue Flaggschiff von Star Trek sollte ungeteilte Aufmerksamkeit bekommen - und nicht kurz vor Stapellauf Konkurrenz bei DS9 bekommen.
Schließlich gab es aber das Go für die Defiant, denn man sah die Argumente von Showrunner Ira Behr ein: "Es ging uns nicht um Einschaltquoten, sondern aus unseren inneren Überlegungen heraus etwas zu schaffen, das die Serie besser machte. Außerdem - wir hatten diesen neuen, übermächtigen Gegner vorgestellt. Dem konnten wir uns nicht mit drei Runabouts entgegenstellen."
Um das Alleinstellungsmerkmal Voyager gegenüber zu erhalten, entschied man sich dazu, die Unterschiede zu maximieren. Die Defiant sollte kein edles "Starship" sein, sondern ein "Kick-Ass Ship". Eher ein muskulöses Runabout. Daraus leitete sich die ultrakompakte Form des neuen Schiffs ab: Platt wie eine Flunder, als eigentliche Geheimwaffe gegen die Borg überbewaffnet und dank eines Deal mit den sonst unkooperativen Romulanern mit einer Tarnvorrichtung ausgestattet. Lediglich vier Decks, eine kleine Brücke, Schlafkojen, nirgendwo Fenster.
Rick Berman war zunächst dagegen, dass die Defiant über eine Tarnvorrichtung verfügte: "Zu Gene Roddenberrys Universum passte nicht, dass die Sternenflotte heimlich herumschlich." Doch er konnte überredet werden, weil die Defiant ein einzigartiges Schiff in einer einzigartigen Situation war. Bermans Bedingung - und die der Romulaner - war, dass die Tarnvorrichtung niemals im Alpha-Quadranten eingeschaltet werden darf.
Neuling Ron Moores erste Reaktion: "Ihr habt ein Schiff!? Leute, ich komme gerade von einer Serie mit einem Schiff! Ich bin zu euch gegangen und nicht zu Voyager, weil es bei euch eine Station gibt und kein Schiff!" Doch je länger Moore schrieb, desto begeisterter wurde auch er von der Defiant.
Die Namensgebung des Schiffes fiel ebenfalls in Moores Verantwortungsbereich. Der wollte es zunächst Valiant nennen, doch da kam das Veto aus der Chefetage: "Bitte kein Schiff mit Anfangsbuchstaben V, weil Voyager. "Verwechslungsgefahr!" Also entschied er sich für Defiant aus einer seiner liebsten Episoden der Originalserie, The Tholian Web (Das Spinnennetz).
Enthüllungen und weitere Neuzugänge
Außerdem - Spoileralarm - beendete DS9 deutlich früher als geplant nach nur zwei Staffeln das Rätsel um die Herkunft von Sicherheitschef Odo. Niemand Geringeres als die Chefs des Dominions waren sein Volk. Aus dieser Enthüllung wurde eine Menge dramatisches Potenzial geschöpft, denn fortan sollte sich der Gestaltwandler zwischen zwei Welten hin- und hergerissen fühlen.
Martha Hackett, die schon bald die wiederkehrende Rolle als Seska bei Voyager bekam, spielte in The Search T'Rul, romulanische Tarnvorrichtungs-Aufpasserin, während Ken Marshall als Sicherheitsmann Michael Eddington eine Konkurrenz für Odo darstellen sollte. Beide waren als wiederkehrende Charaktere wie der cardassianische Schneider/Spion Garak geplant. Eddington blieb, T'Rul verschwand sang- und klanglos nach dem Zweiteiler.
Marshall war auch als Vertretung für O'Brien-Darsteller Colm Meaney gedacht, der die Angewohnheit hatte, mehrere Monate am Stück für seine europäische Kinokarriere zurück ins Vereinigte Königreich zu gehen. Doch paradoxerweise spielte Marshall während Meaneys kommender Abwesenheitsphasen in keiner einzigen Episode mit.
Beim Rewatch von The Search vor einigen Jahren überraschte mich, dass sich Teil 1 sehr lange der eigentlichen Handlung verwehrte, obwohl das Finale der zweiten Staffel ja eigentlich danach schrie. Stattdessen gab es, um den Familiengedanken auszuformulieren, Charakterszenen über Charakterszenen, eine besser als die andere. Dagegen fiel die Handlung des zweiten Teils - die VR-Illusion - im Vergleich stark ab
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Willkommen im Video-Wunderland
Mit The Search aber veränderte sich auch mein persönliches Fan-Dasein drastisch. Schuld daran war SAT.1, sowohl posi- als auch negativ. Im Star-Trek-Jahr 1994 zeigte der neue deutsche Trek-Sender die Serien "bis zum Abwinken" in Erstausstrahlung - TNG ab Mitte Staffel 4 bis zum Finale sowie die ersten beiden DS9-Staffeln. All das in gerade einmal acht Monaten. Wir Fans wurden buchstäblich überfordert, so viel Content war das. In derselben Zeit lief selbst im Herkunftsland USA bei zwei parallelen Serien weniger als ein Fünftel dieser unfassbaren Episodenmenge.
Quelle: CIC
Sendepause auf SAT.1 - deswegen der erste Kauf einer britischen VHS.
Als diese Strähne mit dem zweiten DS9-Staffelfinale am 3. Oktober 1994 endete, begann eine lange Durststrecke. Die Fortsetzung Die Suche, Teil 1 zeigte SAT.1 am 15. Februar 1996 - nach exakt 500 Tagen Sendepause. 1995 erschien nur das Treffen der Generationen im Kino, sonst nichts.
Star Trek war aber auf dem Höhepunkt der Beliebtheit - nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland und auch für mich als Fan. Ich war wie ein Junkie, dem man seinen Stoff wegnimmt. Meine Antwort darauf lautete: "Auf SAT.1 ist kein Verlass. Ich brauche dringend einen neuen Dealer."
Zum Glück hatte ich im Frühjahr 1994 auf einer Filmbörse in Bochum einen solchen kennengelernt: Udo Grzesiaks Versandhandel Space '91, der auch ein Ladengeschäft hatte, welches an zwei Nachmittagen in der Woche geöffnet war. Von ihm ließ ich mir am 13. April 1995 die zwei Monate zuvor erschienene, britische VHS-Kassette mit dem Zweiteiler The Search schicken. Glück dabei war auch, dass Großbritannien genauso wie Deutschland die PAL-Fernsehnorm hatte und es keinerlei Kompatibilitätsprobleme zu meinem Videorekorder gab.
Bei den britischen Videos blieb ich fortan. Anstatt auf der "Willkür" von SAT.1 zu harren, richtete ich ein Video-Abo ein und gewöhnte ich mich an drei Sachen: Die Regelmäßigkeit der CIC-Videoreleases, einen herben Einschnitt in meinem Taschengeld (zum Glück gingen meine Nerd-Freunde und ich abends nie aus) und eine rasante Aufbesserung meiner Sprachkenntnisse. Mehr, als mir der gymnasiale Englischunterricht je beibrachte, habe ich in den folgenden Jahren von Star Trek gelernt.
