Raiders of the Lost Ark: Rätsel, Pixel, Wahnsinn

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Special Harald Fränkel - Autor Tobias Meyer - Redaktionsleiter Als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügen
Raiders of the lost Ark: Als Steven Spielberg höchstpersönlich das kryptischste Adventure der Geschichte für gut befand. (1)
Quelle: Elena Ternovaja/Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Von unsichtbaren Schlangen bis zu tödlichen Flöten - Raiders of the Lost Ark ist ein Spiel für Hartgesottene.

Indy, der wegen seiner grünen Farbe aussieht, als arbeite er während seiner Freizeit ehrenamtlich als Ampelmännchen für die Chicagoer Verkehrsbetriebe, beginnt sein Abenteuer in der Wüste. Dort liegt ein scheinbar nutzloser Ast, den ich versehentlich mitnehme, als ich ihn berühre. Laut Anleitung handelt es sich dabei um eine Peitsche. Ja, selbst die Grundausstattung einer Leinwandlegende muss man sich hier erst ergrinden!

Gehe ich nach Süden, lande ich an einer Tankstelle, die der Marktplatz von Kairo sein soll. Indy, seltsamerweise plötzlich in modischem Braun gekleidet, kauft an einer Zapfsäule einen Staubsauger bei einem weiß gekleideten Scheich eine Flöte. Solange das Blasinstrument im Inventar markiert ist und Musik von sich gibt, können Indy weder Schlangen noch Tsetsefliegen schaden.

Weil das Atari 2600 Blockflöte spielt wie ein Fünfjähriger, den die Eltern auserkoren haben, Oma mit Stille Nacht, heilige Nacht subtil dazu zu bewegen, nach der weihnachtlichen Bescherung sofort ins Altenheim zurückzuwollen, kämpfe auch ich nach einigen Minuten Dauerbeschallung gegen einen Fluchtreflex. Wer partout aufs Flöten verzichten möchte, bitte schön gerne, der stirbt mindestens 35.023 Tode.

Raiders of the lost Ark beginnt in der Wüste. Das Dingsbums oben ist eine Schlange. Indiana Jones hat eben per Handgranate ein Loch in die Tempelwand gesprengt. Quelle: PC Games Raiders of the lost Ark beginnt in der Wüste. Das Dingsbums oben ist eine Schlange. Indiana Jones hat eben per Handgranate ein Loch in die Tempelwand gesprengt. Läuft Indy zurück in die Wüste, materialisiert zum Beispiel in elf von zehn Fällen genau an der Stelle eine Schlange, wo der Held gerade das Gebiet betritt. Also falls er nicht schon beim Einkaufen mitten auf dem Marktplatz abnibbelt, weil sich die nazimatschbraunen Schlangen auf nazimatschbraunem Untergrund dort im Tarnkappenmodus anpirschen. Sie sind sogar unsichtbar, um genau zu sein.

Agent 007, James T. Kirk

Raiders of the lost Ark könnte auch das erste Spiel der Geschichte mit einem Spoiler-Alarm gewesen sein. Ein Warnschild am Ende der Anleitung mahnt: Wahre wagemutige Abenteurer lesen die folgenden Tipps besser nicht, weil sie sich sonst des ganzen Spaßes berauben! Spoiler: Die Wahrheit verhält sich ziemlich genau diametral.

Ohne die abschließenden Hinweise fehlt zum Beispiel jeglicher Anhaltspunkt, dass Indy für die Lösung des Spiels ein ägyptisches Henkelkreuz benötigt, mit dem er sich am Ende des Abenteuers à la Captain Kirk auf den Felsen eines Tafelbergs beamt. Von dort gelangt er in 007-Manier per Fallschirm in eine Höhle, wo die Bundeslade liegt.

Vorher kann er sich mit einem Seil samt Wurfhaken von Plateau zu Plateau schwingen. Allerdings fühlt sich das zero an, als werfe Indy das Ding. Eher, als müsse er beim Billard eine Kugel via Bande einlochen. Schwer zu erklären, aber bitte nicht metaphorisch, sondern durchaus wörtlich verstehen!

Spätestens nach den mysteriösen Erlebnissen auf dem Tafelberg fühlen sich Jäger des verlorenen Schatzes-Kenner entweder, als sei Harrison Ford im falschen Film gestrandet - oder, als wäre er im falschen Körper geboren.

Howard Scott Warshaw äußert sich in seinem sehr witzig geschriebenen Buch Once Upon Atari: How I Made History by Killing an Industry, dass er nach der zehnmonatigen Entwicklungszeit von Raiders of the lost Ark mit der Marketingabteilung kämpfte:

Wer kennt sie nicht, die lilafarbenen Patchworkdecken, die sich für Spinnen halten und alles totbeißen, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist. Quelle: PC Games Wer kennt sie nicht, die lilafarbenen Patchworkdecken, die sich für Spinnen halten und alles totbeißen, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist. "Die wollte viele Geheimnisse ins Handbuch packen. [...] Ich war dagegen. [...] Denn Adventures müssen eine echte Herausforderung darstellen. [...] Am Ende siegte das Marketing, und ich habe sämtliche Geheimnisse preisgegeben. Ich möchte betonen: Ihr Werbeleute hattet Recht! Danke, dass ihr mich in diesem Fall vor mir selbst geschützt habt."

Zurück ins Heute: Ich komme mir angesichts der abstrakten Grafik vor, als wäre ich ungewollt in einen Rorschach-Test geraten - wobei dieses psychologische Diagnoseverfahren in Wahrheit ja Rorschach-Formdeuteversuch heißt, was auch im Fall von Raiders of the lost Ark eine hervorragende Terminologie darstellt.

Gerade, wenn ich an den Flicken der lilafarbenen Patchworkdecke denke, die mich in einer Spinnenhöhle erst mit einem Netz bespuckt und dann totgebissen hat. Aber das war erst der Anfang - denn die nächste Etappe dieses Atari-Wahnsinns führt in eine Welt, in der sogar Türen ein Geheimnis sind.

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  1. Seite 1 Der Einstieg ins Abenteuer
  2. Seite 2 Orientierungslos im Pixel-Dschungel
  3. Seite 3 Trial & Terror - Irrsinn mit System
  4. Seite 4 Zwischen Genie und Wahnsinn
  5. Seite 5 Ein Spiel, das niemand verstand
  6. Seite 6 Warshaw, Atari & das Vermächtnis
    • Kommentare (3)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von PascalParvex Stille/r Leser/in
        Zitat von HaraldFraenkel
        Hi, danke für deinen Kommentar!

        Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich sehr dankbar bin, dass PCG meinen Artikel sowohl im Heft als auch nun online veröffentlicht hat. Mir als Autor ist es extrem wichtig, dass meine Texte von möglichst vielen Menschen gelesen werden. Gerade wenn es um die sehr frühe Spielehistorie geht, passiert auf heutigen kommerziellen Online-Seiten doch viel zu wenig, finde ich! Und wegen des Honorars musst du dir keine Sorgen machen, das lief alles sehr zufriedenstellend - was mich angeht, ist also alles tutti.

        Sollte das Hauptproblem für dich nun allerdings darin bestehen, Geld ausgegeben zu haben, täte mir das leid. Ich muss hier zu bedenken geben: Ob derart spezielle Themen wie Raiders of the lost Ark für die Steinzeitkonsole Atari 2600 auch stattfinden könnten, wenn ein Verlag alles nur über Klicks finanzieren muss, scheint mir (zumindest auf längere Sicht) fraglich. Insofern danke noch mal für deinen monetären Support!
        Das Geld reut mich nicht, ich hätte nur wissen müssen, dass der Artikel wohl auch online erscheint. Aber das PDF hat ja noch mehr zu bieten.
      • Von PascalParvex Stille/r Leser/in
        Zitat von HaraldFraenkel
        Hi, danke für deinen Kommentar!

        Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich sehr dankbar bin, dass PCG meinen Artikel sowohl im Heft als auch nun online veröffentlicht hat. Mir als Autor ist es extrem wichtig, dass meine Texte von möglichst vielen Menschen gelesen werden. Gerade wenn es um die sehr frühe Spielehistorie geht, passiert auf heutigen kommerziellen Online-Seiten doch viel zu wenig, finde ich! Und wegen des Honorars musst du dir keine Sorgen machen, das lief alles sehr zufriedenstellend - was mich angeht, ist also alles tutti.

        Sollte das Hauptproblem für dich nun allerdings darin bestehen, Geld ausgegeben zu haben, täte mir das leid. Ich muss hier zu bedenken geben: Ob derart spezielle Themen wie Raiders of the lost Ark für die Steinzeitkonsole Atari 2600 auch stattfinden könnten, wenn ein Verlag alles nur über Klicks finanzieren muss, scheint mir (zumindest auf längere Sicht) fraglich. Insofern danke noch mal für deinen monetären Support!
        Das Geld reut mich nicht, ich hätte nur wissen müssen, dass der Artikel wohl auch online erscheint. Aber das PDF hat ja noch mehr zu bieten.
      • Von HaraldFraenkel Autor
        Zitat von PascalParvex
        Schwierig. Da habe ich noch so gerne Harald und somit Computec mit dem Kauf des ePapers unterstützt, und jetzt ist der ganze Artikel, plus noch ein exklusives Video für lau auf der Webseite. Harald hat wohl einen Fixbetrag erhalten, er hat also keine Tantiemen, wie ich annehme.
        Hi, danke für deinen Kommentar!

        Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich sehr dankbar bin, dass PCG meinen Artikel sowohl im Heft als auch nun online veröffentlicht hat. Mir als Autor ist es extrem wichtig, dass meine Texte von möglichst vielen Menschen gelesen werden. Gerade wenn es um die sehr frühe Spielehistorie geht, passiert auf heutigen kommerziellen Online-Seiten doch viel zu wenig, finde ich! Und wegen des Honorars musst du dir keine Sorgen machen, das lief alles sehr zufriedenstellend - was mich angeht, ist also alles tutti.

        Sollte das Hauptproblem für dich nun allerdings darin bestehen, Geld ausgegeben zu haben, täte mir das leid. Ich muss hier zu bedenken geben: Ob derart spezielle Themen wie Raiders of the lost Ark für die Steinzeitkonsole Atari 2600 auch stattfinden könnten, wenn ein Verlag alles nur über Klicks finanzieren muss, scheint mir (zumindest auf längere Sicht) fraglich. Insofern danke noch mal für deinen monetären Support!
      • Von PascalParvex Stille/r Leser/in
        Schwierig. Da habe ich noch so gerne Harald und somit Computec mit dem Kauf des ePapers unterstützt, und jetzt ist der ganze Artikel, plus noch ein exklusives Video für lau auf der Webseite. Harald hat wohl einen Fixbetrag erhalten, er hat also keine Tantiemen, wie ich annehme.
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