Nie war es einfacher Freunde zu finden, nie war es einfacher den Kontakt abzubrechen. Haben Online-Freundschaften den gleichen Stellenwert wie Bindungen in der Realität? Eine Charakterstudie. Eine Reportage von Maria Beyer-Fistrich. Mit Beiträgen von Matthias Dammes und Tanja Adov.

Dennis erzählt ...

Dennis möchte anonym bleiben. Seiner Erfahrung nach ist seine Körperbehinderung nämlich noch immer ein Problem im Umgang mit anderen Menschen und er möchte nicht, dass Bekannte in sozialen Netzwerken und MMOs auf die Art davon erfahren. "Es ist meine persönliche Geschichte. Wenn ich der Meinung bin, ich kann jemandem vertrauen und er ist ein Freund, der nicht sofort auf Abstand geht oder ein Problem damit hat, dann erzähle ich es ihm direkt in einem Gespräch. Ich habe auch viele Bekannte, die es nicht wissen müssen. Das ist mir dann zu privat."

Dennis erzählt ... Quelle: buffed Dennis erzählt ... Wahrscheinlich ist es einfach die Unsicherheit, die viele Menschen verspüren, wenn sie auf Behinderte treffen, weil sie nicht recht wissen, wie sie damit umgehen sollen - helfen, Mitleid haben, ignorieren? "In Online-Spielen ist das erst einmal kein Problem, denn meinem Avatar sieht man ja schließlich nicht an, welche Person im realen Leben vor dem Computer sitzt und spielt." Seit einem Badeunfall 2004 ist Dennis auf einen Pflegedienst angewiesen, aufgrund einer Querschnittslähmung unterhalb des Brustkorbs kann er seinen Körper nicht mehr bewegen. Lediglich seine Finger sind noch eingeschränkt und langsam beweglich.

Für ihn selber war es ein harter Schicksalsschlag, der sein Leben auf brutale Weise auf den Kopf stellte. "Damit musste ich auch erst mal klarkommen. Mein altes Leben war vorbei. Und das neue konnte und wollte ich zu Beginn nicht akzeptieren", erklärt Dennis. Besonders schlimm war für ihn der Rückzug seiner Freunde, die mit seiner Behinderung einfach nicht zurechtkamen. Alles, was sie früher einmal verband, die gemeinsamen Hobbys und Unternehmungen, waren plötzlich nicht mehr möglich. Nach einem endlosen Jahr in der Reha-Klinik blieben ihm nur sehr wenige Vertraute aus dem ehemaligen Freundeskreis erhalten. Als er wieder zu Hause war und begann, seine Behinderung allmählich zu akzeptieren, entdeckte er das Internet für sich und fand Gefallen an Online-Rollenspielen. Eine andere virtuelle Welt tat sich auf, in der seine Behinderung keine Rolle spielte.

Dort konnte er sich mit seinen Helden bewegen, Dinge unternehmen und mit anderen Menschen kommunizieren, ohne gegen Vorurteile und Unsicherheit kämpfen zu müssen. Angetan hat es ihm vor allem World of Warcraft, weil er es komplett mit der Maus und Makros steuern kann. World of Warcraft spielt er seit 2006 und ist nach wie vor begeistert vom Spiel, in dem er immer noch jede Menge zu erledigen hat mit seinem Helden. Es ist auch das einzige Abo-MMO, was sich Dennis leistet, denn Geld ist wegen seiner teuren Pflege sehr knapp. "Deshalb mag ich das Free2Play-Konzept und spiele immer mal wieder in verschiedene Titel rein. Zeit habe ich ja genug. Wo andere Spieler arbeiten gehen und dann ihr hart verdientes Geld im Item-Shop lassen, investiere ich halt einfach meine Zeit. Ich habe ja sonst nichts zu tun." Auch auf Facebook ist er unterwegs und spielt dort ebenfalls leidenschaftlich gerne Titel wie Farmville und Konsorten. "Deswegen finde ich auch ArcheAge derzeit super. Es verbindet MMO-Quests und Farm-Simulation und ist obendrein noch kostenlos. Ich verkaufe meine Ernte gegen Ingame-Währung und besorge mir damit APEX, um wieder einen neuen Monat Stammspieler-Status zu haben. Allerdings ist das Open-PvP nichts für mich. Da bin ich mit der Maussteuerung einfach zu langsam. Aktuell habe ich aber eine Menge Spaß, bis endlich Warlords of Draenor erscheint."

In WoW habe ich das erste Mal nach meinem Unfall wieder Freude verspürt und lautstark gelacht - DennisNatürlich hat er in all den Jahren, die er in MMOs verbracht hat, auch viele Freundschaften geschlossen. In World of Warcraft ist er Mitglied einer kleinen, familiären RP-Gilde, in der die meisten Spieler von seiner Behinderung wissen. "Ich musste ja einige Leute einweihen, wenn ich mit in einen Schlachtzug möchte. Ich bin leider nicht so schnell wie ein gesunder Spieler und brauche deswegen eine verständnisvolle Gemeinschaft, die mich trotzdem mit in den Raid oder Dungeon nimmt und akzeptiert, dass es vielleicht nicht immer auf Anhieb klappt." Bisher hat das gut funktioniert, er hat sich auch damit abgefunden, dass die heroischen Instanzen immer erst lange nach ihrer Veröffentlichung für ihn infrage kommen. "Ich sammle meist eine optimale Ausrüstung, bis ich perfekt für den Start in den Dungeon gerüstet bin, so versuche ich meine verzögerte Reaktionsgeschwindigkeit auszugleichen. Ich muss es mir ja nicht unnötig schwer machen." Er hat am Anfang lange gezögert, ob er seine Online-Freunde überhaupt einweihen sollte. Erzählt hat er es im Teamspeak und war überrascht über die positiven Reaktionen. "Vielleicht liegt es auch daran, dass man online eben nicht die Person direkt vor einem sitzen sieht, aber alle waren freundlich und haben es immer gut aufgenommen. Vorher hatte niemand gedacht, dass ich behindert sein könnte. Ich war wohl doch ein ziemlich unauffälliger Spieler, der halt einfach ab und zu mal pennt in Bosskämpfen."(lacht)

Was Online-Spiele und seine MMO-Freunde für ihn bedeuten? "Für mich sind sie unglaublich wichtig und ich habe durch sie meinen Lebensmut wiedergefunden. Ich erlebe fantastische Welten und Abenteuer mit meinem Helden. Es gibt keine Einschränkungen. So kann ich immerhin virtuell noch eine gesellschaftliches Leben führen, das mit Pflegestufe 3 in der Realität nicht mehr möglich ist. In WoW habe ich das erste Mal nach meinem Unfall wieder richtig Freude verspürt und lautstark gelacht.

Ich habe wenige soziale Kontakte im realen Leben, weil vielen Menschen das zu anstrengend ist mit mir. Ich erlebe ja auch nichts außer den Abenteuern in meinen MMOs. Ansonsten sehe ich Online-Freundschaften ziemlich realistisch. Es ist wahrscheinlich wie im echten Leben. Es gibt Freundschaften fürs Leben oder man lebt und spielt sich auseinander. Ich sehe Letzteres nicht mehr so tragisch wie früher, mir stehen viele Online-Welten zur Verfügung, in denen ich immer wieder neue Leute kennenlernen kann. Menschen, auf die ich mich verlassen kann, habe ich gefunden. Zusammen mit den wenigen Freunden aus der Zeit vor dem Unfall habe ich ein kleines, aber feines soziales Netz.

Meine wahren Online-Freunde sind für mich nicht weniger wert oder weniger wichtig als die Menschen, die mich im echten Leben besuchen, mit mir Filme schauen oder einfach über Gott und die Welt labern. Eine wahre Freundschaft übersteht ja auch räumliche Trennungen und Zeiten, in denen man sich nicht sieht - egal ob nun online oder in der Realität. Und meine MMO-Freunde sehe ich eben nie, aber ich bin pragmatisch und habe kein Problem damit."

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    • Kommentare (13)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von Kratos333 Spiele-Enthusiast/in
        Nette Geschichten dabei.

        Habe meine Verlobte ebenso online kennengelernt in LoL :)
        Einmal getroffen und seitdem sehr Glücklich.

        Aus Ultima online kenne ich ebenso ein paar Berliner. Kontakt seit knapp 15 Jahren (modem56k Time) und es wird immer noch zusammen gezockt
      • Von Kratos333 Spiele-Enthusiast/in
        Nette Geschichten dabei.

        Habe meine Verlobte ebenso online kennengelernt in LoL :)
        Einmal getroffen und seitdem sehr Glücklich.

        Aus Ultima online kenne ich ebenso ein paar Berliner. Kontakt seit knapp 15 Jahren (modem56k Time) und es wird immer noch zusammen gezockt
      • Von gatoshino Stille/r Leser/in
        Zitat von Orzhov
        Liest du da eventuell mehr in meinem Beitrag als ich geschrieben habe? Ich schließe es ja nicht grundsätzlich aus mich mit den Leuten mit denen ich spiele zu unterhalten, nur verlasse ich mich einfach nicht auf Dinge wie "Lass mal morgen um 19 Uhr Heroes of the Storm zocken.". Ich werd zwar erscheinen, aber wenn der/die Anderen nicht auftauchen auch ok.

        Manchmal frage ich mich wirklich, ob ich mich so schlecht ausdrücke.
        Jain :D Das mit dem "sparen" klingt wirklich so, als würde man es echt vermeiden, so eine Enttäuschung zu erleben ^^ Aber falls du es anders gemeint hast, dann weiß ich bescheid :P
        Aber nun gut, jeder macht halt seine eigenen Erfahrungen
      • Von gatoshino Stille/r Leser/in
        edit: oops doppelpost
      • Von Matthias Dammes Redakteur
        Zitat von Shadow_Man
        Was Online-Rollenspiele aber oft kaputt macht, das sind die Erfolgssysteme.
        Für mich ist das eher eine zusätzliche Motivation.
        Als damals bei WoW die Erfolge eingeführt wurden, haben die dafür gesorgt, dass ich doch noch länger dabei geblieben bin.
        Ohne diese Motivationsspritze hätte ich vermutlich kurz nach WotLK endgültig aufgehört. So hab ich noch bis nach Cataclysm weiter gespielt.
        Ich lass mich da aber auch nicht unter Druck setzen.
        Wenn an einem Tag was nicht klappt, dann eben am nächsten.
      • Von Shadow_Man Mitglied
        Schöner Artikel! :-)

        Das Wichtigste bei Online-Freundschaften ist wohl, dass die Leute immer ehrlich sind. Dass man nicht erzählt, dass man hier der reiche Geschäftsmann ist, der mit dem dicken Porsche durch die Gegend fährt, sondern wer man wirklich ist. Jede Lüge kommt irgendwann hervor und fällt dann wieder auf einen zurück. Wenn aber alle ehrlich sind, dann kann daraus durchaus echte Freundschaft werden, die über das Internet hinausgeht und wenn es sich um ein nettes Mädel handelt, vielleicht auch irgendwann Liebe, wer weiß das schon.
        Jedenfalls hab ich beispielsweise in WoW einige getroffen, die sagten, dass sie ihre Partnerin dort kennengelernt hatten. Sie hatten jeden Tag miteinander gezockt, telefoniert oder in Skype geplaudert und sich irgendwann dann getroffen und es hat irgendwann gefunkt. So kann es gehen. :-D

        Was Online-Rollenspiele aber oft kaputt macht, das sind die Erfolgssysteme. Da ist etwas gerade erschienen und manche mögen am nächsten Tag dann am liebsten schon alle Erfolge haben. So wird gehetzt und alles soll schnell schnell gehen. Das klingt ja auch aus dem Text ein bißchen hervor, wenn das nicht klappt, dann ist die Luft dick und die Leute pflaumen sich an. Ich nannte diese Spieler(gruppe) immer "die Hektiker". ;-)
        Ich gehöre aber eher zu den gemütlichen Spielern, schaue mir alles in Ruhe an und brauche auch in SP-Spielen wahrscheinlich oft doppelt so lange wie manch anderer. Wir haben dann einfach eigene Raids, ich hab eine eigene Gilde gegründet, da konnte man dann sich die Leute genau aussuchen, mit denen man weiter spielen und Kontakt haben wollte. Mir war da das spielerische gar nicht so wichtig, sondern eher, dass die Leute nett waren und verläßlich. Da waren dann auch alle Altersgruppen dabei, von 18 bis 60 würde ich schätzen. Das war schon eine lustige Zeit. Mit der Zeit haben aber dann fast alle aufgehört, die Gilde wurde immer leerer und so hab ich dann auch im Mai 2012 mit WoW aufgehört.
        Mit so manchem hab ich heute noch Kontakt über ICQ, Skype, Mail usw.
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