Nie war es einfacher Freunde zu finden, nie war es einfacher den Kontakt abzubrechen. Haben Online-Freundschaften den gleichen Stellenwert wie Bindungen in der Realität? Eine Charakterstudie. Eine Reportage von Maria Beyer-Fistrich. Mit Beiträgen von Matthias Dammes und Tanja Adov.

Matthias erzählt ...

Meine "Karriere" in MMOs begann im Oktober 2003 und wenig später lernte ich bereits Leute kennen, mit denen ich bis heute auch über die Onlinewelt hinaus befreundet bin. Damals kaufte ich mir Star Wars Galaxies, ohne wirklich zu wissen, auf was ich mich da einlasse. Ich hatte vorher noch nie etwas mit Online-Rollenspielen und ihren Communitys zu tun gehabt. Das Spiel habe ich hauptsächlich gekauft, weil es mich als Star-Wars-Fan angesprochen hat. Nun hätte man sich wahrlich ein einfacheres Spiel aussuchen können, um in die Welt des Online-Gamings einzusteigen. Die Sandbox von Star Wars Galaxies war alles andere als einsteigerfreundlich.

Matthias erzählt ... Quelle: buffed Matthias erzählt ... Aber bereits mit meinem ersten Kontakt zu einem anderen Spieler machte ich positive Erfahrungen. Ich traf auf einen hilfsbereiten Kopfgeldjäger, der mir einen Tag lang die Grundzüge des Spiels erklärte und mich sogar zu einer Ingame-Party einlud, die am gleichen Abend stattfand. Auch wenn ich mit diesem Spieler nur kurz etwas zu tun hatte und diese erste Begegnung nicht gleich zu einer lang anhaltenden Bekanntschaft führte, vermittelte sie mir doch ein positives Bild vom Miteinander in Onlinespielen. Nur wenige Wochen später kam es dann auf dem Planeten Naboo zur folgenschweren Begegnung, die mein Onlineleben bis heute bestimmt.

Ohne die Gemeinschaft meiner Gilde hätte ich vermutlich schon vor vielen Jahren mit den Onlinespielen aufgehört. - MatthiasAuf der Jagd nach ein paar EP traf ich auf einen weiteren Kopfgeldjäger, mit dem ich schnell eine Jagdgruppe bildete. Mit ihm hielt ich in den folgenden Tagen und Wochen Kontakt. In dieser Zeit kamen weitere Leute dazu, mit denen wir regelmäßig unsere Ausflüge machten. Schnell entstand die Idee einer eigenen Player Association (die Gilden in SWG) zu gründen. Es entstand das DioCore. Wir waren eine kleine, aber eingeschworene Gemeinschaft, die im Bestreben vereint war, die Gefahren der Galaxie gemeinsam zu meistern. Wenige Wochen später benannten wir die Gilde in Athanato Orden um und stellten uns dieses Mal neu auf.

Versammlung der Gilde einige Wochen nach dem Release von Star Wars: The Old Republic. Quelle: Matthias Dammes Versammlung der Gilde einige Wochen nach dem Release von Star Wars: The Old Republic. Diesmal machten wir aber keine halben Sachen. Wir verpassten unserem Orden eine Geschichte, stellten einen Codex auf und gründeten unsere eigene Stadt. Mit verschiedenen RP-Events lebten wir die Story unserer Gilde im Spiel und begeisterten so auch immer neue Leute für unsere Gemeinschaft. Es war eine prägende Zeit, die bei den Überlebenden auch heute noch auf Gildentreffen für nostalgische Gespräche sorgt. Wir haben in den Jahren viele Leute in unserer Gilde kommen und gehen sehen, doch eine Handvoll Veteranen sind noch immer dabei. Doch einfach war es nicht. Mit World of Warcraft erschien ein Stern am Himmel des MMO-Marktes, dessen Versuchungen viele nicht widerstehen konnten. Zur größeren Herausforderung für unsere Gemeinschaft sollten allerdings die Entwickler von SWG selbst werden.

Im Schatten von WoW glaubten diese, ihr Spiel ebenfalls auf ein ähnliches Spielprinzip umbauen zu müssen, ohne dabei zu erkennen, was die Spieler von Star Wars Galaxies wirklich am Spiel liebten. Mit dem radikalen Umbau setzte der schleichende Tod von SWG ein, dem auch unser Orden nichts mehr entgegensetzen konnte. Ein Großteil von uns wechselte aus Begeisterung oder aus Gruppenzwang zu WoW, ohne jedoch dort die Gilde neu zu gründen. Ein paar Jahre hielt dieses Exilleben an, die Leute kamen und gingen, doch irgendwie schafften wir es, dass sich die tragenden Figuren der Gilde nie vollständig aus den Augen verloren. Schließlich bekam die fast erloschene Flamme unserer Gemeinschaft neue Nahrung durch das aufkommende Age of Conan, auf das sich die meisten unserer Stammmitglieder freuten. Der Athanato Orden wurde dort wieder zum Leben erweckt.

Gildentreffen zum zehnjährigen Jubiläum des Athanato Ordens im Jahre 2013 in Berlin. Quelle: Matthias Dammes Gildentreffen zum zehnjährigen Jubiläum des Athanato Ordens im Jahre 2013 in Berlin. Dort konnten wir unser inzwischen ausgedünntes Stammpersonal mit neuen Kräften auffüllen, von denen uns wiederum einige bis heute die Treue halten. Zwar sollte Age of Conan immerhin für die nächsten zweieinhalb Jahre die Heimat der Gilde werden, aber bereits kurz nach der Veröffentlichung erschien der nächste große Hoffnungsträger am Horizont, als Bioware Star Wars: The Old Republic ankündigte. Der Orden entstand im Star-Wars-Universum und ein großer Teil der Kernmannschaft besteht bis heute aus glühenden Star-Wars-Anhängern. Wenig verwunderlich, dass uns ein neues Star-Wars-MMO wie der Heilige Gral erschienen ist. Es sollte zwar noch bis Ende 2011 dauern, aber mit jedem Monat, den der Release näherrückte, stieg die Vorfreude in der Gilde. Im Sommer 2011 machte ich mich mit unserem Gildenleiter, der Kopfgeldjäger von damals, auf zur Gamescom, damit wir erstmals das Spiel selbst anspielen konnten.

Am Ende verbrachten wir den ganzen Tag fast ausschließlich am SWTOR-Stand, um die Vorführungen zu beobachten. Seit dem Start vor fast drei Jahren ist unser Orden nun ein fester Bestandteil des Servers Vanjervalis Chain. In diesen letzten drei Jahren haben sich auch unsere Real-Life-Kontakte auf ein nie da gewesenes Niveau entwickelt. Über WhatsApp kommunizieren wir täglich miteinander, unabhängig von unserer Verfügbarkeit im Spiel. Diverse Mitglieder leben in und um den Schmelztiegel Ruhrpott, was zu regelmäßigen Verabredungen führt. Darüber hinaus findet seit drei Jahren im Sommer ein zentrales Gildentreffen statt, bei dem wir uns zum gemütlichen Beisammensein zusammenfinden. Die Mitgliedschaft in der Gilde definiert sich inzwischen nicht mehr über das aktive Spielen eines bestimmten MMOs. Einige sind gar nicht mehr in Onlinespielen aktiv, gehören aber nach wie vor selbstverständlich zu unseren Mitgliedern. Auch wenn die Zeit lange nicht mehr in dem Maße vorhanden ist wie in unseren jungen Jahren, diese Gemeinschaft möchte ich um keinen Preis in der Welt mehr missen.

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    • Kommentare (13)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von Kratos333 Spiele-Enthusiast/in
        Nette Geschichten dabei.

        Habe meine Verlobte ebenso online kennengelernt in LoL :)
        Einmal getroffen und seitdem sehr Glücklich.

        Aus Ultima online kenne ich ebenso ein paar Berliner. Kontakt seit knapp 15 Jahren (modem56k Time) und es wird immer noch zusammen gezockt
      • Von Kratos333 Spiele-Enthusiast/in
        Nette Geschichten dabei.

        Habe meine Verlobte ebenso online kennengelernt in LoL :)
        Einmal getroffen und seitdem sehr Glücklich.

        Aus Ultima online kenne ich ebenso ein paar Berliner. Kontakt seit knapp 15 Jahren (modem56k Time) und es wird immer noch zusammen gezockt
      • Von gatoshino Stille/r Leser/in
        Zitat von Orzhov
        Liest du da eventuell mehr in meinem Beitrag als ich geschrieben habe? Ich schließe es ja nicht grundsätzlich aus mich mit den Leuten mit denen ich spiele zu unterhalten, nur verlasse ich mich einfach nicht auf Dinge wie "Lass mal morgen um 19 Uhr Heroes of the Storm zocken.". Ich werd zwar erscheinen, aber wenn der/die Anderen nicht auftauchen auch ok.

        Manchmal frage ich mich wirklich, ob ich mich so schlecht ausdrücke.
        Jain :D Das mit dem "sparen" klingt wirklich so, als würde man es echt vermeiden, so eine Enttäuschung zu erleben ^^ Aber falls du es anders gemeint hast, dann weiß ich bescheid :P
        Aber nun gut, jeder macht halt seine eigenen Erfahrungen
      • Von gatoshino Stille/r Leser/in
        edit: oops doppelpost
      • Von Matthias Dammes Redakteur
        Zitat von Shadow_Man
        Was Online-Rollenspiele aber oft kaputt macht, das sind die Erfolgssysteme.
        Für mich ist das eher eine zusätzliche Motivation.
        Als damals bei WoW die Erfolge eingeführt wurden, haben die dafür gesorgt, dass ich doch noch länger dabei geblieben bin.
        Ohne diese Motivationsspritze hätte ich vermutlich kurz nach WotLK endgültig aufgehört. So hab ich noch bis nach Cataclysm weiter gespielt.
        Ich lass mich da aber auch nicht unter Druck setzen.
        Wenn an einem Tag was nicht klappt, dann eben am nächsten.
      • Von Shadow_Man Mitglied
        Schöner Artikel! :-)

        Das Wichtigste bei Online-Freundschaften ist wohl, dass die Leute immer ehrlich sind. Dass man nicht erzählt, dass man hier der reiche Geschäftsmann ist, der mit dem dicken Porsche durch die Gegend fährt, sondern wer man wirklich ist. Jede Lüge kommt irgendwann hervor und fällt dann wieder auf einen zurück. Wenn aber alle ehrlich sind, dann kann daraus durchaus echte Freundschaft werden, die über das Internet hinausgeht und wenn es sich um ein nettes Mädel handelt, vielleicht auch irgendwann Liebe, wer weiß das schon.
        Jedenfalls hab ich beispielsweise in WoW einige getroffen, die sagten, dass sie ihre Partnerin dort kennengelernt hatten. Sie hatten jeden Tag miteinander gezockt, telefoniert oder in Skype geplaudert und sich irgendwann dann getroffen und es hat irgendwann gefunkt. So kann es gehen. :-D

        Was Online-Rollenspiele aber oft kaputt macht, das sind die Erfolgssysteme. Da ist etwas gerade erschienen und manche mögen am nächsten Tag dann am liebsten schon alle Erfolge haben. So wird gehetzt und alles soll schnell schnell gehen. Das klingt ja auch aus dem Text ein bißchen hervor, wenn das nicht klappt, dann ist die Luft dick und die Leute pflaumen sich an. Ich nannte diese Spieler(gruppe) immer "die Hektiker". ;-)
        Ich gehöre aber eher zu den gemütlichen Spielern, schaue mir alles in Ruhe an und brauche auch in SP-Spielen wahrscheinlich oft doppelt so lange wie manch anderer. Wir haben dann einfach eigene Raids, ich hab eine eigene Gilde gegründet, da konnte man dann sich die Leute genau aussuchen, mit denen man weiter spielen und Kontakt haben wollte. Mir war da das spielerische gar nicht so wichtig, sondern eher, dass die Leute nett waren und verläßlich. Da waren dann auch alle Altersgruppen dabei, von 18 bis 60 würde ich schätzen. Das war schon eine lustige Zeit. Mit der Zeit haben aber dann fast alle aufgehört, die Gilde wurde immer leerer und so hab ich dann auch im Mai 2012 mit WoW aufgehört.
        Mit so manchem hab ich heute noch Kontakt über ICQ, Skype, Mail usw.
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