XCOM 2-Kolumne zum hohen Schwierigkeitsgrad: Warum Entwickler Firaxis will, dass ihr scheitert
PC Games-Redakteur Peter Bathge spielt Taktikspiele, um zu gewinnen. Was für eine dumme Idee! Denn der eigentliche Spielspaß kommt in XCOM 2 erst dann auf, wenn man den "Spielstand laden"-Button in Ruhe lässt und sich mit dem Tod seiner Soldaten arrangiert. Wieso das so faszinierend ist, lest ihr in der Kolumne.
Wenn mir bei XCOM 2 im Kampf zwischen menschlichen Widerstandskämpfern und übermächtigen Alien-Overlords Soldaten wegsterben, ist das für mich ein Grund, einen älteren Spielstand zu laden. Ich möchte nämlich gerne meine komplette Truppe durchs Spiel bringen. Verluste? Sind nicht vorgesehen. Zumindest nicht von mir. Entwickler Firaxis denkt da natürlich ganz anders drüber.
Kampf gegen eine Übermacht
Verlieren gehört in XCOM 2 einfach dazu. Wer über den brutalen Schwierigkeitsgrad lästert, der hat wohl wie ich viele Stunden damit verbracht, alle Missionen möglichst perfekt abzuschließen und sich nicht auf die ureigene Faszination der Serie eingelassen. Denn egal ob die Spiele UFO, X-COM oder XCOM im Titel trugen, das komplexe Spielprinzip baute schon immer auf der Überlegenheit der Aliens auf.
Soldaten sterben. Das gehört zu XCOM wie Aliens und UFOs.
Die ist zu Spielbeginn besonders prägnant und hier sind dann auch die meisten Soldatentode verortet. In XCOM 2 ergibt das aufgrund des Szenarios Sinn, denn die von mir geleitete Sondereinsatztruppe wurde in den 20 Jahren seit der Machtübernahme der Aliens in den Untergrund gedrängt. Mit zweitklassiger Ausrüstung und erschöpften Reserven kämpft es sich naturgemäß nicht so gut gegen Widersacher, deren Technologie der Menschheit um mehr als einhundert Jahre voraus ist.
Quelle: PC Games
Die Aliens sind euch zu Beginn der Kampagne haushoch überlegen. Nur langsam wendet sich das Blatt.
Jetzt könnte man natürlich denken: "Ach wie blöde! Das Spiel ist am Anfang so schwer, ich werde ständig fertiggemacht. Wie soll das denn Spaß machen?" Zu kurz gedacht! Der Trick ist nämlich, sich nicht zu ärgern und sich stattdessen mit den nahezu unvermeidbaren Toden einiger Rekruten zu arrangieren. Die sind Kanonenfutter. Das weiß niemand besser als Entwickler Firaxis. Nicht umsonst hat das Studio in XCOM 2 eine Möglichkeit eingebaut, die wertvolle Ausrüstung toter Kameraden weiterzuverwenden - indem man ihre Leichen zurück zur Basis schleppt. Nicht der Mensch zählt, sondern nur sein Beitrag im Kampf gegen die Aliens.Darkest Dungeon setzte unlängst auf ein ganz ähnliches System, dort ist der Tod ein ständiger Begleiter. Finden viele Leute total toll. Genau wie bei Dark Souls. Auch Rogue-like-Spiele wie Rogue Legacy erklären das Leben des Einzelnen zur Nichtigkeit. Nur das große Ganze zählt und jeder Tod ist eine Lektion. Nicht in die Stachelfalle laufen. Beim Öffnen einer Truhe ganz vorsichtig sein. Im Kampf schön zur Seite ausweichen. Das sind wichtige Lehren, die man aus dem Spielen zieht und die sich einem umso stärker ins Gedächtnis prägen, wenn man als Lehrgeld einen (virtuellen) Blutzoll zahlt.
Intensiveres Spielgefühl
Durch das Abnippeln des geliebten Scharfschützen erhöht XCOM 2 den Einsatz für künftige Aufträge. Wenn man mit dem weniger gut trainierten Ersatzsoldaten einem tödlichen Feind gegenübersteht und der B-Soldat gerade noch so den entscheidenden Schuss ins Ziel setzt, ist die Freude groß. Erst durch den Verlust einiger Untergebener kann ich derartige Leistungen so richtig wertschätzen. Aber im Gegensatz zu Dark Souls & Co. stellt XCOM 2 bei einem Tod nicht einfach nur den Ausgangszustand wieder her, versetzt mich etwa an eine vorher gespeicherte Position und lätdt alle Gegner neu.
Nein, Firaxis' Taktikspiel konfrontiert mich mit den Folgen meines Versagens, zwingt mich im optionalen Ironman-Modus sogar dazu, mit meinem Verlust zurechtzukommen und es nicht nur besser zu machen, sondern mit der Niederlage zu leben. Das ist das Besondere an XCOM 2: Es rechnet damit, dass ich verliere. Andere Spiele kennen nur Erfolg oder Fehlschlag. Dort droht gleich der Game-over-Bildschirm, wenn eine Mission daneben geht.Eine Niederlage ist nicht das Ende der Welt.
Quelle: PC Games
Tote Soldaten kriegen einen Ehrenplatz in der Avenger-Basis. Wer perfekt spielt, verpasst was.
In XCOM 2 aber hängt das Schicksal der Menschheit nicht immer an jedem kleinen Auftrag. Die Schlacht mag verloren sein, aber der Krieg ist noch nicht zu Ende! Eine empfindliche Niederlage kann später immer noch in einen tapfer erkämpften Kampagnensieg umgewandelt werden. Der schmeckt umso süßer, wenn man anschließend in der virtuellen Bar auf der Avenger die Fotos verstorbener Soldaten betrachtet und sich ihrer heldenhaften Taten erinnert.
Quelle: PC Games
Wenn man im Kampf gegen die starken Alien-Widersacher einen Kameraden verliert, motiviert einen das nur noch mehr für künftige Einsätze.
Mit ein wenig Abstand kann man dann auch über so manches kuriose Ableben der verhinderten Weltenretter lachen und hat gleich Gesprächsstoff für die nächste Diskussion mit Freunden: "Du wirst nicht glauben, was mir letztens passiert ist! Mein Grenadier hat aus Versehen meinen Ranger mit einer Granate gekillt. Und nur weil ich nicht dran gedacht habe, dass das danebenstehende Auto ja auch explodiert!" Solche Geschichten bleiben einem auch lange nach dem Klick auf "Spiel beenden" in Erinnerung und erzeugen mehr Emotionen als der Gedanke an einen perfekten Spielablauf, bei dem überhaupt gar nichts schief gegangen ist.
Authentischer Krieg
Für mich erzeugt XCOM 2 erst durch die oft heroischen, manchmal sinnlosen, ja stellenweise sogar ulkigen Soldatentode eine glaubwürdige Atmosphäre. Da kann ich als Taktik-Experte noch so gut planen und meine Truppen noch so geschickt aufstellen - am Ende ist halt in jedem bewaffneten Konflikt immer auch eine Portion Zufall im Spiel. Das hält das Spiel in meinen Augen frisch. Wie langweilig wäre es denn bitte, wenn man jedes Gefecht im Voraus durchrechnen könnte und niemals überrascht werden würde?
Quelle: PC Games
Man muss nicht immer gewinnen. Manchmal kann es in XCOM 2 von Vorteil sein, eine frühe Extraktion anzuberaunen.
Und wenn es mal schlecht läuft, kann wie in einem echten Krieg ein strategischer Rückzug die klügere Wahl sein. Nicht umsonst gibt es in XCOM 2 die Möglichkeit, in vielen Missionen eine Extraktion anzufordern - auch wenn das Missionsziel noch gar nicht erfüllt ist! Firaxis weiß schon, wie man Spiele designt. Schon mal während einer VIP-Rettungsmission einen Soldaten zurückgelassen? Keine Sorge, der Typ taucht später wieder auf - als zu rettender VIP!
So brutal und unverzeihend ist XCOM 2 nämlich gar nicht. Man muss sich nur drauf einlassen. Und zumindest beim zweiten Durchgang im Ironman-Modus mit nur einem Speicherstand spielen. Das habe ich mir ganz fest vorgenommen. Damit ich nicht wieder ständig alte Spielstände lade, um auch ja keinen Soldaten an den Sensenmann zu verlieren. Im echten Leben kann ich den Tod ja auch nicht rückgängig machen.
Schreibt mir eure Meinung!
Habt ihr XCOM 2 gespielt und habt eine Meinung zum Spiel? Schreibt einen Kommentar und sagt mir, ob ihr schon Soldaten verloren habt oder einfach so lange alte Spielstände ladet, bis alles wie am Schnürchen läuft?
Mehr zu XCOM 2 inklusive Tipps und Mod-Empfehlungen findet ihr auf der PC Games-Themenseite. Außerdem empfehle ich euch einen Blick auf den Kommentar unseres Lesers Ovid, der ebenfalls viele Punkte ausdieser Kolumne anspricht.

Das wird ja schließlich in die Kampagne integriert. Sprich du musst jetzt halt noch mal von vorne anfangen.
Gesendet von meinem 6070K mit Tapatalk
Das wird ja schließlich in die Kampagne integriert. Sprich du musst jetzt halt noch mal von vorne anfangen.
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