Wie Star Trek in den 90ern die Technologie der Zukunft sah - von Retro bis Fantasy
In Teil eins unseres Specials zur Zukunftstechnologie in Star Trek geht es um Datenverarbeitung mit Wassereimern, Glibbertüten und noch viel mehr.
Captain Picard hat jede Menge Stress. In den letzten drei Wochen musste er sich darum kümmern, dass sein zweiter Offizier Data sich aus heiterem Himmel eine Androidentochter baute, danach half er seinem taktischen Offizier Worf auf der klingonischen Heimatwelt, eine fiese Intrige gegen dessen Familie aufzuklären und fand sich sogar auf der falschen Seite eines d'k tahg wieder (das ist ein klingonischer Dolch).
Und zu guter Letzt wurde er von einem Doppelgänger auf der Enterprise ersetzt, während er selbst sich mit drei ungleichen Aliens in einem Knast wiederfand. Jean-Luc Picards Crew ist sich einig: Der Mann braucht Urlaub und so setzen sie alles daran, dass sich der viel beschäftigte Stoiker zu einer Reise zum lustvollen Planeten Risa durchringt.
Ich selbst habe just im Mai 2024 auch eine Menge um die Ohren, wenn auch vielleicht nicht so welt(raum)bewegende Dinge wie der legendäre Captain der Enterprise-D. Einen Star-Trek-Artikel für die PC Games schreibe ich (diesen hier!), eine historische Zeitungsrecherche gilt es auszuwerten, und auf dem Postproduktionsstapel warten über achteinhalb Stunden rohes Tonmaterial darauf, zu Podcasts verwandelt zu werden.
Abgesehen von meinem Notebook und dem legendären Recherchebuch The Star Trek: Deep Space Nine Companion liegt kein Arbeitsutensil auf meinem Schreibtisch, nur eine Handvoll Actionfiguren zur spielerischen Zerstreuung zwischendurch, wenn ich über dem nächsten Absatz grübele.
Was unser beider Arbeitsumgebungen gemeinsam ist, das ist die Kanne schwarzen Tees - bei Picard Earl Grey, bei mir, der ich Bergamotte verschmähe, Malty Assam.
Quelle: Paramount
Fiesling Ru'afo mit einem Padd, dem Tablet der Zukunft
Ansonsten sieht der Schreibtisch des Captains 342 Jahre in der Zukunft - so, wie man sie sich anno 1990 vorstellte - ganz anders aus: Picards Tisch ist übersät mit Padds (mit zwei "d", das ist die Kurzform für Personal Access Display Device) und ja, diese Dinger sehen ziemlich genau so aus wie zeitgenössische Tablets und sind eines der beliebtesten Beispiele, die herangezogen werden, wenn es darum geht zu demonstrieren, wie hellseherisch und treffsicher mitunter die Darstellung der Zukunft in Star Trek gelang.
Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit, denn unter alles Wegweisende mischt sich bei Star Trek auch stets die Naivität des Retrofuturismus. Akkurate Darstellung geht einher mit herrlichem Quatsch, der sich daraus ergibt, dass die bunten Weltraumabenteuer noch aus dem weitgehend analogen Zeitalter des 20. Jahrhunderts stammen.
Die meisten Menschen, die ein Tablet besitzen, haben exakt eines. Was sollte man auch mit mehreren? Doch der ultrakrasse Endstress des Captain Picard wird in der Episode Captain's Holiday (Picard macht Urlaub) - die Kamera verharrt beim Einblenden des Folgentitels auf den Padds - dadurch symbolisiert, dass Picard einen regelrechten Wust an Tablets vor sich liegen hat.
Sensorendaten vermutlich, eventuell auch die nächste Personalauswertung und womöglich sogar Shakespeare für die Mittagspause - doch halt, das kann nicht sein, der Chef ist schließlich urlaubsreif, er gönnt sich keine Zeit für solche Zerstreuung. Und dennoch ist dieses Symbol der Überarbeitung gleichzeitig symptomatisch dafür, dass die damaligen Autorinnen und Autoren die Echtwelt-Tragweite der von ihnen ersonnenen Technik nur ansatzweise ahnen konnten.
Heutzutage steckt der Inhalt hunderter, tausender solcher Padds wie selbstverständlich in meinem Notebook und alle Daten, die ich benötige, kommen per E-Mail, per Download oder aus der Cloud zu mir. Doch im 24. Jahrhundert läuft es trotz des zentralen Computers eines jeden Föderationsschiffs ganz anders.
Jeder Datei ist, so scheint es, ein Padd zugeordnet und wenn man zwölf Berichte anfordert, dann bekommt man auch zwölf Tablets auf den Schreibtisch. Zwar werden manchmal auch Daten über das schiffsinterne Intranet versendet, doch oft genug kommt es vor, dass ein Charakter meint: "Hey, wo ist denn die Auswertung?" Und mit den Worten "Na hier!" wird ihm ein Padd übergeben.
In der Voyager-Episode Good Shepherd (Der gute Hirte) steht die filmische Reise eines solchen Padds zu Fuß und per Turbolift einmal quer durchs ganze Schiff aufs unterste Deck dafür, wie Daten aus dem Elfenbeinturm der Brücke hinab gelangen zu den niederen Rängen in den Untiefen des Schiffes.
Eine meiner liebsten Padd-Anekdoten ereignet sich in der DS9-Episode "Explorers" (Die Erforscher), wo Stationsarzt Dr. Bashir während des Anbandelns mit einer neuen Liebschaft in der Bar empfindlich von der Wissenschaftsoffizierin Dax gestört wird und ihr daraufhin diskret ein Padd in die Hand drückt, auf dem steht: "GO AWAY".
Drei Episoden später dann erteilt Bordmalocher O'Brien dem angehenden Sternenflotten-Kadetten und Ferengi Nog eine Lehrstunde, hält dabei ein Padd in der Hand - und wenn man auf Pause drückt und ganz genau hinschaut, dann sieht man, dass darauf steht: "GO AWAY".
Selbstverständlich war nicht vorgesehen, dass dem Publikum auffällt, wie hier eine Requisite in der Eile wiederverwendet wurde, aber in meinem Kopf beginnen sofort die Fragen: Hat O'Brien das Padd in der Bar gefunden? Oder ist das Padd bei Dax' Arbeit abgestürzt und statt des "Blue Screen of Death" haben sich die zwei plakativen Worte eingebrannt - und nun übernimmt O'Brien die Aufgabe des IT-lers und soll es reparieren?
Fakt ist: Was in Star Trek aussieht wie ein Tablet, ist hier offenkundig nur fähig, eine einzige Datei zu beinhalten, und ein Empfangen oder Übertragen von Daten scheint unmöglich zu sein. Die schöne neue Welt des 24. Jahrhunderts.
Ein hervorragender Aufhänger, um heute, viele Jahrzehnte später, einen Reality-Check der Star-Trek-Alltagstechnologie zu unternehmen. Dabei geht es mir ausdrücklich nicht um die realitätsferneren Apparate wie den Warp-Antrieb oder den Transporter. Diese wurden zum einen geschaffen, damit die Charaktere schnell in der jeweiligen Geschichte der Woche ankommen; sie haben kaum Bezug zu den Gadgets, die uns Menschen des 21. Jahrhunderts tagtäglich umgeben.
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Zum anderen bin ich kein Physiker, denn die Trek-Fans unter den Akademikerinnen und Akademikern haben bereits zahllose Bücher und Vorträge gefüllt mit den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Beamens und der Überlichtgeschwindigkeit. Ich bin bestenfalls unstudierter Westentaschen-Historiker und -Soziologe mit einer großen Liebe zu klassischem Star Trek.

Ich habe nämlich immer darauf geachtet - und es wird in verschiedenen Folgen unterschiedlich dargestellt.
Entweder werden die Atome durch den Raum an die andere Stelle teleportiert und dort zusammengesetzt oder in anderen Folgen wird die Information kopiert und am Zielort aus dort vorhandener Materie zusammengestellt und am Usprungsort vernichtet.
Beide Versionen kommen vor......ziemlich irritierend wenn man genau darauf achtet.
Beamen wird wie hier bereits geschrieben kein wahrscheinliches Szenario sein, allein schon weil man dafür das Original tötet und an einer anderen Stelle repliziert. Das machen Menschen mit Selbsterhaltungsinstinkt sicher so nicht mit. Denkbar wäre Beamen in Form eines Portals / Wurmlochs, dass Materie transportieren kann, aber auch für mich gilt natürlich ein eingeschränktes Vorstellungsvermögen, da bestimmte Grundlagen für weiterführende Ideen noch gar nicht erforscht worden.
Wenn das Away Team (oder Landing Party) auf einer Planetenoberfläche erreicht werden soll, kann man zwar weiter über Lichtjahre hinweg funken, 500 km zu den Weggebeamten gehts aber wegen "Ionensturms" oder sonstwas gerade mal nicht, weil es das Drehbuch so will.
Reisen mit (Über-) Lichtgeschwindigkeit? Nein, für alle Zeiten nein, da ... (schon wieder) Naturgesetz. Wenn es gelingen sollte, eine ultraleichte Minisonde auf 5 bis 10% von c zu bescbleunigen mittels "Breakthrough Starshot", dann war es das. Bemannte Raumschiffe? Never. Zu schwer, so groß, und nie genügend Energie. Der Warpantrieb beschleunigt nicht das Schiff, er staucht den Raum. Ursprünglich war Warp nur erlaubt wenn kein Planet in der Nähe, weil es für alles in der Umgebung gefährlich wäre. Inzwischen ist auch das egal - weil Drehbücher es wollen. Da schießen zig Schiffe nacheinander flupp-flupp von Zero auf Warp, die nur hunderte Meter Abstand voneinander hatten und immer gern im Orbit um Planeten. Mir ist nicht bekannt, dass es jemals erklärt wurde. Der Podcast Weltraum-Wagner behandelt das Thema umfassend und sehr unterhaltsam. "Interstellare Raumfahrt - Wie reisen wir zu anderen Sternen?"
Beamen? Leider nein, für alle Zeiten, weil (wir ahnen es) Naturgesetze. Man muss dazu wissen, dass Beamen ein Geldspartrick der Desilu-Studios waren. Als TOS gedreht wurde, wären Shuttle-Landeszenen zu aufwändig und zu teuer gewesen. Beamen kann man mit billigem Filmtrick hinzaubern, bisschen Glitzer in Wasserstrudel ins Standbild reinkopiert, fertig. Technisch bedeutet das Beamen die Zerlegung des lebenden Menschen oder jedes Gegenstandes in ein Plasma. Atomkerne werden also von Elektronen getrennt. Dafür brauch es mehr als 10,000 Grad. Zuerst muss der gesamte Körper gescannt werden, jedes Atom mit Koordinaten, dazu Bewegungsrichtung, bestehende Bindung, jene Bindungen die sich bilden, jene die sich lösen, jede Reizleitung jeder Synapse inklusive Aktionspotenzialen u.v.m. Was könnte diese Datenmenge in Sekunden ermitteln und speichern? Was könnte all dieses Plasma dann irgendwo hin senden? Bei Star Trek wird keine Beamkopie erschaffen, sondern die Materie als Plasma zum Zielort geschickt. Was sorgt dafür, dass sich alles am Zielort wieder zusammensetzt? Was könnte diese Datenmenge so schnell auslesen? Wie bekommt man jedes Atom dazu just wieder das zu tun was es in der Nanosekunde seiner Zerlegung tat? Und wenn es dann mehr als 10.000 Grad heiß ist, wie schnell kühlt denn das Ganze dann ab und kann dann wieder leben? Ist jemandem mal aufgefallen, dass beim Beamen das heiße Plasma in wenigen Metern Entfernung den ganzen Transporterraum inkl. Anwesende in Sekundenbruchteilen verdampft? Mir nicht.
Es wird nichts mit Beamen, denn Naturgesetze gelten seit 13,82 Mrd. Jahren und auch in 350 Jahren. Die Unschärferelation nach Heisenberg allein, das wissen auch die Filmschaffenden, steht dem entgegen, und vieles mehr. Daher haben sie den "Heisenberg-Kompensator" erfunden. Dessen Erfinder M. Okuda wurde vom Time Magazin gefragt wie der denn funktioniere. Antwort war: "Danke, gut."
Wir sollten anerkennen, dass Science Fiction neben realistischen technischen Möglichkeiten auch völlig absurde (aber schöne) Phantasien erzählt, und wir sollten uns davor hüten solche Utopien für umsetzbar zu halten. Manche fordern tatsächlich bei der Energieversorgung auf Kernfusion zu setzen, statt auf Erneuerbare. Windturbinen, Solarzellen funktionieren, bei Fusion ist das alles andere als sicher. Sich auf Utopien zu verlassen würde bedeuten das Essenzielle im Jetzt zu vernachlässigen, was uns so gefährlich werden könnte, dass es uns die Existenz als Spezies kostet. Zur Zeit tun wie alles dafür dass wir das 24. Jahrhundert nicht erleben. Dann müssen wir uns auch nicht um die geldlose Gesellschaft sorgen... ein weiteres Konstrukt, das bei Star Trek nie logisch hergeleitet wird. Wie wir wissen, gibt es Handel zwischen den Planeten der Föderation und darüber hinaus. Die Ferengi kassieren in Latinum, aber wie zahlen die anderen? Von UFC (Universal Federation Currency) nix gehört.
Ich finde Star Trek wunderbar, als visionäre Unterhaltung mit gewissen ethischen Betrachtungen des Menschen und seiner Gesellschaften, aber es taugt nicht als Blaupause für eine realistische Zukunft.