Ich habe Marathon lieben gelernt, aber Bungie muss aufhören, Eigentore zu schießen
Mit Marathon hat Bungie eigentlich pures Shooter-Gold in den Händen, aber das Studio scheint aktuell nicht ganz zu wissen, wie man es richtig polieren muss.
Kurz vor dem Release von Bungies neuem Shooter Marathon habt ihr vielleicht den Artikel mit meinen ersten Impressionen aus dem Server-Slam gelesen. Da war ich von Inszenierung, Gunplay und Spielwelt restlos begeistert, wegen des Extraction-Spielprinzips mit PvP aber auch relativ sicher, dass ich langfristig nicht die Nerven dafür haben würde.
Aber: Fehlanzeige! Aus dem ursprünglichen Vorhaben, der Vollversion nur noch eine Chance zu geben und zumindest ein paar Steam-Achievements zu holen, wurde schon nach kurzer Zeit eine regelrechte Obsession. Mittlerweile habe ich knapp 150 Stunden vor diesem Spiel gesessen, und wenn ich am Feierabend mal nicht mit einem Puls von 140 in eine neue Runde starte, dann ist Marathon (jetzt kaufen 0,99 € / 25,99 € ) trotzdem Dauergast in meinem Kopf.
Eine solche Sogwirkung hat schon lange kein Spiel mehr bei mir ausgelöst, und die Achterbahnfahrt zwischen freudestrahlenden Triumphen und unfassbar zermürbenden Niederlagen macht es bisher zu meinem Favoriten des Jahres. Das hier ist ein wirklich meisterhaft designter Shooter, und das sage ich als jemand, der Extraction-PvP eigentlich gar nicht mögen dürfte.
Es könnte alles so schön sein, wäre da nur nicht die offensichtlich prekäre Lage, in der sich Marathons Entwicklerstudio Bungie befindet. Seit ihr Dauerbrenner Destiny 2 offiziell beendet wurde, balanciert das Studio unter Sonys Führung ohne Netz und doppelten Boden über das Drahtseil namens Marathon. Ein Drahtseil, das zur Primetime noch von knapp 7000 gleichzeitigen Spielern bei Steam festgehalten wird, Tendenz aktuell sinkend.
Der Tenor in der Community ist eindeutig: Bungie muss neue Spieler auf die Server bekommen und darf sie nicht sofort wieder vergraulen. Nachdem sich die Spielerbasis zum Ende von Season 1 auf einem stabilen, wenn auch nicht riesigen Niveau eingependelt hatte, wäre Season 2 der ideale Zeitpunkt für die Neukundenakquise gewesen. Leider läuft seit dem Start aber irgendwie alles schief.
Die Vorzeichen waren noch gut: Season 2, Nightfall, brachte zwei neue Waffen, eine neue Charakterklasse, entschärfte Quests, ein dauerhaftes Fortschrittssystem und eine neue Variante für eine der vier Karten ins Spiel. Gerade die Map ist Bungie fantastisch gelungen: Das nächtliche Moor hat viele fiese Überraschungen und einen eigenständigen Gameplay-Loop in petto. Vor allem ist es aber stockfinster und damit für Solisten ideal, da man feindlichen Spielern auf Wunsch viel zuverlässiger aus dem Weg gehen kann.
Quelle: Bungie
Sentinel, der neue Charakter von Season 2, kann vielen seinen Kollegen in puncto Nützlichkeit noch nicht das Wasser reichen. Gebufft wurde er aber bisher nicht - Season 2 wird von Nerfs dominiert.
Was macht ihr denn da?
Direkt an Tag eins gingen aber auch die Probleme los. Die Season wurde von Bungie mit einer Gratiswoche und einem Sale eröffnet, um neue Spieler anzulocken - blöd nur, dass am Start-Abend die Server nicht funktionierten. Wer es überhaupt mal in eine Runde schaffte, wurde meist nach wenigen Minuten rausgeworfen. Das mitgebrachte Equipment war dann in vielen Fällen weg.
Design-Patzer folgten auf dem Fuß: Für fleißige Season-1-Spieler hatte Bungie dicke Startpakete geschnürt, die den eigentlichen Sinn der kontroversen Reset-Mechanik, nämlich, dass alle wieder auf dem gleichen Niveau loslegen, ad absurdum führten.
Für die Server-Probleme wurden dann alle Spieler mit mächtigem Loot als Entschädigung beschenkt. Das klingt auf dem Papier gut, allerdings litt das Progressionsgefühl darunter, das normalerweise den größten Reiz an einer neuen Season ausmachen sollte. Gleiches schaffte auch der neue Sponsored-Survival-Modus, den Bungie für die Nacht-Map an den Start brachte: Hier durfte man ohne den Einsatz von eigener Beute in eine Runde starten, und zwar als einziges Team.
Theoretisch hätten einzelne, feindliche Spieler nach-joinen können, allerdings war es so viel lukrativer, die Runden einfach selbst zu eröffnen, dass das kaum passierte. Man hatte also einen Modus, in dem es in 9 von 10 Fällen nicht zu PvP-Kämpfen kam. Die neue Map und deren starker Loot konnten ohne großes Risiko geplündert werden.
Das entpuppte sich als zweischneidiges Schwert: Für PvE-Freunde hatte Marathon endlich einen entspannteren Modus auf Lager, aber für geübte Spieler war es leicht, dort bergeweise starke Ausrüstung abzusahnen und damit die Balance im PvP zu ruinieren.
Nach einer Woche wurde der Loot auf der Nacht-Map dann massiv abgeschwächt, wodurch Hardcore-Grinder einen Vorsprung aufgebaut hatten, den Casual-Spieler nun kaum mehr einholen konnten. Dem neuen, übergeordneten Fortschrittssystem namens Cradle erging es ähnlich: Wer in der ersten Woche pausenlos spielte, kletterte schnell die Stufen hoch und hatte dauerhafte, mächtige Vorteile. Dann wurden die Verdienste generft.
Das Resultat: Hardcore-Spieler waren schon fertig damit, und für die Casuals würde es jetzt noch viel länger dauern, deren Level zu erreichen.
Ein paar Wochen später entfernte Bungie seinen Quasi-PvE-Modus dann wieder aus dem Spiel. Wer deswegen am Ball geblieben war, musste sich nun in den PvP wagen, und die einzige Möglichkeit, in der Welt von Marathon auch mal durchzuschnaufen, war Geschichte. Die Spielerzahlen legen nahe: Das war keine gute Entscheidung. Zwischenzeitlich wurde immerhin ein (sehr vielversprechender) neuer PvE-Modus namens Vaultcracker angekündigt, der braucht allerdings noch bis zum 21. Juli.
Quelle: Bungie
Cryo Archive ist die Karte, auf der der neue Vaultcracker-PvE-Modus stattfinden wird. Üblicherweise wird man hier schnell von hochgerüsteten Teams im PvP zerfleischt - genau die richtige Wahl für eine PvE-Erfahrung also. Mit einer Roguelite-ähnlichen Progression will man für Langzeitspaß sorgen, ohne den Hauptmodus mit zu viel starkem Loot zu fluten.
Insgesamt wird die Season bisher von Fortschritts-Nerfs und Entscheidungen dominiert, die hauptsächlich die (überlebenswichtige) Casual-Spielerbasis treffen und sie ausbremsen. Dementsprechend scheint sie auch langsam dahinzuschwinden.
Für Vielspieler gab es aber auch ein paar Ausrutscher: So funktionierte auf einer Map etwa wochenlang das größte Event nicht und die Endgame-Karte Cryo Archive musste wegen eines Fehlers zeitweise deaktiviert werden. Außerdem wird die Modusauswahl seit dem Saisonstart von Bugs geplagt.
Der gravierendste davon schlich sich erst gestern Abend ein: Für viele Spieler, mich eingeschlossen, ist es aktuell nicht möglich, eine Runde im Solos-Modus zu starten, weil sich die Option sofort wieder auf Trios ändert. In diesem Modus verbringe ich nur leider 90 Prozent meiner Spielzeit. Bungie sitzt zwar schon an einem Fix, aber ich muss mich doch fragen: Wie passiert so was überhaupt? Warum gehen in Season 2 plötzlich elementare Features kaputt, die in Season 1 problemlos funktioniert haben?
Die Antwort lautet, vermute ich zumindest, dass bei Bungie gerade knapp 50 Prozent der Belegschaft gefeuert wurden, ein paar davon auch bei Marathon, und deswegen Chaos herrscht. Wie gravierend sich die Entlassungen auf den Extraction-Shooter auswirken, wissen wir nicht, aber es wird der Stimmung intern garantiert nicht zuträglich gewesen sein.
Die Kommunikation seitens Bungie hat im Vergleich zur letzten Season jedenfalls spürbar abgenommen, und wenn etwas kommt, sind es, wie schon angesprochen, zu oft Nerfs, die den Fortschritt zäher machen. Außer, wenn Bungie dann, wie kürzlich, mal die Spendierhosen anzieht und ein Doppel-XP-Wochenende veranstaltet. Das kriege ich aber nicht mit, weil die Entwickler es etwa mit einem Short oder einem Social-Post ankündigen, um ihre Community heiß zu machen, sondern weil es ein Nutzer zufällig im Spiel bemerkt und bei Reddit gepostet hat.
Was ist da los? Warum versucht man nicht, ein cooles Event auf allen möglichen Kanälen zu bewerben? Das Spiel braucht gerade so viele positive Meldungen, wie es kriegen kann, damit mehr Leute auf diesen eigentlich so fantastischen Shooter aufmerksam werden.
Ich hoffe, dass Sony und Bungie für den Launch ihres richtigen PvE-Modus alle Register ziehen und dann auch weiterhin daran arbeiten, frische Spieler abzuholen, egal, wie casual oder hardcore sie es verfolgen wollen. Marathon hätte es nötig - und vor allem verdient.
Spielt ihr Marathon? Wenn nicht: Was müsste Bungie einbauen, um euch zum Reinschnuppern zu bewegen? Nutzt gerne die angebotene Kommentarfunktion und teilt uns eure Meinung zum Thema mit. Beachtet beim Kommentieren aber bitte die Forenregeln und die allgemeine Netiquette im Internet. Solltet ihr noch keinen Account haben, könnt ihr über eine Registrierung nachdenken, die viele Vorteile mit sich bringt. Unsere Video-Inhalte findet ihr bei Youtube, Instagram und Tiktok.

dann doch eher arc raiders, wobei mich auch das nicht sonderlich lange begeistern konnte. aber vielleicht werf ichs irgendwann noch mal an.
(Wir haben leider keine Kontrolle darüber, was da genau angezeigt wird, extrem nervig manchmal)
wenn ich mir die (steam-) spielerzahlen anschaue, würde ich nicht die hand dafür ins feuer legen, dass marathon die nächsten 12 monate überlebt.
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im ernst:
wenn ich mir die (steam-) spielerzahlen anschaue, würde ich nicht die hand dafür ins feuer legen, dass marathon die nächsten 12 monate überlebt.