Testbericht

26.06.2006 00:10 Uhr

Titan Quest

PC Games-
Spielspaß-Wertung
(Ausgabe 09/2006)
85%
Durchschnittliche
Lesertestwertung:
        
65 %

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Flüssige Spielbarkeit, einfache Steuerung Etwas anspruchsloses Spielprinzip
Riesige Welt im fantastischen Grafikgewand  
Motivierende Klassen und Levelanstieg  

Dass Helden und Monster ausziehen, einander zu prügeln, kommt in Computerspielen häufiger vor. Aber nirgendwo schaut das schöner aus als hier.

Sie sind herzlich eingeladen zum Metzelfest. Wann? Ab dem 30. Juni, ohne Pause von früh bis spät. Wo? Im alten Griechenland, Ägypten und Asien, auf den Bildschirm gezaubert von einer Grafik-Engine, die Diablo 2 aussehen lässt wie das betagte Spiel, das es ist. Worum geht's? Um den Kampf gegen Titanen, die über die Welt der Antike herfallen. Eintritt: 45 Euro. Ein angemessener Preis, rechnet man mit etwa acht Stunden pro Welt. Wer jedes Fleckchen der Karte abzulaufen gewillt ist, schlägt noch einmal die Hälfte drauf.

Und dann dürfte es jene geben, die nicht ruhen, bis sie die besten Gegenstände, das beste Ausrüstungsset besitzen. Diese Wahnsinnigen finden in Titan Quest eine Spielwiese, auf der sie sich hunderte von Stunden herumtollen können. Einmaliges Durchspielen schaltet den epischen Schwierigkeitsgrad frei, wenn dieser gemeistert ist, wird der legendäre zugänglich. Analog steigt die Qualität der Beute, die Feinde hinterlassen.

Bevor es soweit ist, machen Sie den Anfang als Pantoffelheld, der mit einem Küchenmesser herumfuchtelt. Einen Beruf lernt die Figur erst, wenn sie Level 2 erreicht. Das schaffen auch jene, die kaum wissen, wie man einen PC einschaltet. Denn die Steuerung ist idiotensicher: Ein Mausklick aufs Gelände und der Held rennt los, einer auf den Gegner und er schlägt zu. Nach Stufe 8 können Sie einen weiteren Beruf wählen und so zwei davon kombinieren.

Ein Krieger, der Feuerbälle schießt, wäre zwar durchaus machbar; sinnvoller aber ist es, auf eine Ergänzung von Fähigkeiten hinzuarbeiten. Ein in Kriegskunst gedrillter Charakter profitiert beispielsweise von Fertigkeiten, die ihn im Nahkampf unterstützen. Wie wäre es mit vergifteten Waffen aus der Gauner-Kategorie? Oder einer verlangsamenden Kälteaura aus dem Bereich Sturm? Experimentieren Sie! Und keine Angst, wenn Sie Ihrem Bogenschützen versehentlich im Umgang mit dem Schild geschult haben: In den Städten steht ein Nichtspielercharakter (NPC), der ausgegebene Punkte zurückerstattet - für einen Geldbetrag, der jedes Mal ein bisschen höher ausfällt.

Immer feste drauf

Die Entwickler versprachen den Verzicht auf Fähigkeiten, die obsolet werden. Sie haben sich daran gehalten: Ein Feuerball, den Sie viele Levels lang liebevoll ausgebaut haben, wird nicht irgendwann durch einen besseren Schadenspruch ersetzt, für den Ihnen dann die Punkte fehlen. Jede Fähigkeit scheint in ihrem Vorhandensein wohl durchdacht, und das ist mehr, als man von Diablo 2 nach seiner Veröffentlichung behaupten konnte.

Damit geht aber auch ein Nachteil einher. Dadurch, dass etwa der Kriegswind, ein Rundumschlag des Nahkämpfers, die einzige Fähigkeit seiner Art bleibt, machen Sie von Anfang bis Ende nichts anderes: Rein in die Feinde, Drehattacke, dasselbe Spiel von vorn. Bis der Obermotz schnaubend niedersinkt und Ihnen schwindelig ist.

Titan Quest erfordert selten taktisches Geschick, am wenigsten, wenn Sie als Krieger antreten. Die Gegner rennen bei Sichtkontakt stur auf den Spieler zu und schwingen die Waffe, bevor sie als Kanonenfutter draufgehen. Auch Zwischengegner haben die Gefährlichkeit eines rosa Plüschhasen, sieht man von einigen Zaubersprüchen ab. Neigt sich Ihre Lebensenergie dem Ende zu, genügt der Druck auf einen Hotkey und der Held leert einen Trank.

Später, wenn Geld da ist wie Heu, können Sie diese Taste mit einem Stein beschweren. Die Zeit, die zwischen der Benutzung von Tränken vergehen muss, ist erbarmungsvoll kurz gehalten. Sollte ein Monster doch einmal mehr Schaden anrichten als Sie zu heilen imstande sind, genügt ein Hühnertanz im Kreis herum. Man wird Sie in diesem Zirkus nicht treffen.

Titan Quest ist damit nicht exakt das, was man ein cleveres Spiel nennt. Aber häufig steckt gerade im Stupiden ein Reiz, wenn ihm eine geschmeidige Spielbarkeit zugrunde liegt - wie hier. Das Tempo fühlt sich richtig an; das Feedback ist da, wenn Waffen auf Monster treffen oder Feuerbälle in der Menge hochgehen. Die Physik-Engine leistet ihren wertvollen Beitrag, indem sie Gegner in wunderschön anzusehende Animationen fallen lässt.

Beifall klatschen möchte man, wenn Getroffene nach Einsatz durchschlagender Spezialangriffe in hohem Bogen durch die Luft segeln. Noch schöner wäre gewesen, hätte Iron Lore nicht auf abgetrennte Gliedmaßen (zerbrochene Skelette zählen nicht!) oder Körperflüssigkeiten verzichtet. Es ist nicht so, dass der Autor blutrünstig wäre. Aber zu einem Hack & Slay gehört nun einmal virtuelle Gewalt, weil sie die berauschende Wirkung der Metzelei potenziert.

Titan Quest ist ein Action-Rollenspiel, wobei die Betonung auf Action liegt. Der Rollenspiel-Anteil wurde bis aufs Nötigste geschrumpft, von Dingen wie Story, Rätsel oder Quests merkt man wenig bis nichts. Zwar stehen vor allem in den Städten NPCs, die ein Heldenhändchen gebrauchen könnten. Aber die daraufhin folgenden Aufträge lösen Sie eher zufällig denn absichtlich, was maßgeblich auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass es meist schlicht darum geht, sämtlichen Monstern die Grütze aus der Birne zu prügeln.

Dazu bedarf es keiner Vorgeschichten. Manchmal benimmt sich Titan Quest etwas schwerfällig, indem es den Spieler mit Text überschüttet, den die englischen Sprecher zwar sauber, aber lieb- und leidenschaftslos abarbeiten. Man kann ihnen die fehlende Emotionalität nicht verdenken, weil die Charaktere oft weitschweifig von Belanglosigkeiten berichten, während sie wie angewurzelt stehen.

Dem Zufall überlassen?

Die Schauplätze sind nicht zufällig generiert, sondern mit dem beiliegenden Toolset gebaut. Heißt: Die Welt bleibt auch nach dem zigsten Neustart bis zum Grashalm gleich. Das könnte sich als Problem erweisen, weil es den Entdeckungsdrang hemmt. Die gute Nachricht ist die, dass es lange dauern wird, bis sich eine solch gewaltige Welt ins Gedächtnis einbrennt. Griechenland ist eine gebirgige Natur, durchzogen von Bächen und Schluchten mit markanten Felsen.

Wüstenlandschaften machen Ägypten zur kargsten aller Umgebungen. Asien umfasst zugeschneite Gipfel und Wälder mit Bäumen, die bis über den Bildschirm hinaus in den Himmel wachsen.
So schön und organisch die Wildnis mit ihrer umwerfenden Optik auch sein mag: Dass sie in Handarbeit entstanden ist, fällt kaum auf. Da gibt es zu viele Höhlen, die sich aus rechteckigen Räumen zusammensetzen, gefüllt mit Gegnern und einigen Truhen.

Sonst ist nichts in ihnen. Manchmal verlaufen draußen Pfade abseits der Straße, um in Sackgassen zu enden, deren Sinn sich entbehrt. Spezielle Szenerien wie die Pyramiden von Gizeh, der Palast von Knossos oder die Hängenden Gärten haben das gleiche Problem: Hinter der grafischen Opulenz stecken quadratische Bausteine, die auch von einem Zufallsgenerator der Marke Diablo 2 hätten stammen können. Wie gut die Grafik wirklich ist, macht ein Besuch auf der Chinesischen Mauer deutlich. Von oben haben Sie einen Schwindel erregenden Ausblick auf ihren Verlauf. Weiter hinten lauern Feinde, klein wie Ameisen. Wahnsinn, diese 3D-Engine und ihre Tiefenwirkung.

Trotzdem muss sich Titan Quest in Städten den Vorwurf der Sterilität gefallen lassen. Gemeint ist nicht die übrigens fantastische Architektur von Athen, Memphis oder Chan'an, sondern das schon erwähnte Verhalten von NPCs. Die meisten stehen wie Statuen herum, wackeln einmal mit den Gliedmaßen und wollen so als Menschen durchgehen. Daraus wird nichts, sie bleiben misslungene Staffage.

Die Droge Action-Rollenspiel

Titan Quest ist eines jener Spiele, das Sie zum Esel macht, dem die Mohrrübe vor der Nase baumelt. Unablässig wächst der Erfahrungsbalken um Millimeter, jeder Schlag, jeder Zauberspruch bringt den Stufenanstieg näher. Endlich ist der große Moment gekommen, ein Gong ertönt zum Zeichen des Level-ups. Die Vorfreude entlädt sich im Verteilen von Punkten auf Statuswerte und Fähigkeiten. Doch es fehlt zumeist ein Quäntchen von dem, was der Charakter braucht, um den herbeigesehnten Angriff zu lernen. Diesem bisschen entspringt der Ehrgeiz zum Weiterspielen, und ohnehin hat sich der Erfahrungspunktebalken schon wieder etwas grün gefärbt ...

Das ist die eine Sache, warum Titan Quest bis in die Morgenstunden wach hält. Die andere: Es gibt viele Wagenladungen voll Gegenstände, darunter seltene, die den Ur-Instinkt des Jagen und Sammelns wecken. Beinah alle Gegner lassen Beute fallen, jeder Klick kann den erhofften Lottogewinn bedeuten. Wie üblich blendet die "Alt"-Taste ein, was am Boden liegt. Wer nur die wertvollen Sachen inklusive Tränke sehen will, drückt "X".

Farblich gekennzeichnet sind Raritäten, also ungewöhnlich gute Objekte oder Teile eines Sets, das weitere Boni gibt, wenn Sie alle Teile gefunden haben (wozu man allein ein halbes Leben bräuchte). Ähnlich verhält es sich mit Teilen von Relikten und Talismanen, die, vollständig zusammengesetzt und in Waffen und Rüstungen eingebaut, allerlei Werte aufputschen. Egal wie gut die Ausstattung ist, fast immer bleibt Raum für Verbesserungen.

Belohnungen vom Spieler fern zu halten, aber doch irgendwo greifbar zu machen - dieses psychologische Kunststück beherrscht Titan Quest mit Bravour, und zusammen mit der außerordentlich guten Spielbarkeit ist die Voraussetzung zur Sucht geschaffen, für die Action-Rollenspiele berüchtigt sind. Außerdem rockt die Grafik.
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Thomas Weiß

Oft kopiert, endlich erreicht: Titan Quest teilt sich mit Diablo 2 den Titel des besten Action-Rollenspiels.

Dass viele noch immer Diablo 2 spielen, liegt nicht an der Grafik, die heute entfernte Ähnlichkeit mit dem Inhalt einer gebrauchten Kotztüte aufweist. Nein, es ist dieses magische Spielgefühl, das einen nach dem ersten Mausklick packt und im Klammergriff hält. Titan Quest vermittelt dieses Feeling; es hat das gleiche Tempo, die gleiche Geschmeidigkeit im Spielablauf. Und ewig lockt der anwachsende Erfahrungsbalken sowie die Gier nach wertvollen Schätzen. Trotzdem sind nicht alle Voraussetzungen zum Evergreen gegeben. Die feste Spielwelt wird nach dem hundertsten Durchlauf aus Hälsen heraushängen, und das Fehlen eines Unterbaus der Marke Battle-Net ist der Zusammenführung von Spielern nicht gerade zuträglich. Das und einige Design-Wehwehchen trennen Titan Quest vom Meisterwerk-Status: Die Truhe zum Lagern von Gegenständen scheinen die Entwickler schlicht verpennt zu haben, und das chaotische Inventar lässt selbst den Katastrophen-Schreibtisch des Kollegen Schütz wie aufgeräumt erscheinen.
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1 Kommentarezum Artikel

Alle Kommentare lesen
Shinizm - 21.11.2008 03:34
Sehr cooles Hack&Slay welches leider etwas zu steril daherkommt. Bissl Blut & Gore hätte ihm gut getan. Aber denoch machts viel Spass (mit Freunden gezoggt, allein sicher etwas langweiliger)
System - 21.11.2008 03:33
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Allgemeine Infos

Name Titan Quest
Genre Action-Rollenspiel
Webseite http://www.titanquest.de/
Hersteller Iron Lore Entertainment
Anbieter THQ
VÖ-Termin 30.06.2006 - zu diesem Produkt einen Lesertest schreiben!
Preis nicht bekannt
Plattformen: pc.gif
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