State of Mind-Preview: Ein nachdenkliches Cyberpunk-Adventure aus Deutschland mit mehreren Hauptcharakteren
Wie bei Telltale: Daedalic will mit State of Mind weg von verkopften Point&Click-Spielen hin zu aufwendig produzierten Story-Adventures.Ob das klappt? Wir haben einen genaueren Blick auf die ersten Spielminuten des neuen Cyberpunk-Thrillers geworfen.
Das klassische Adventure war jahrelang ein deutsches Kulturgut: Wer anspruchsvolle Kopfnüsse lösen, wunderschöne 2D-Hintergründe bestaunen und lustige Dialoge im Stil der alten Lucasarts-Spiele erleben wollte, konnte sich auf deutsche Adventure-Hersteller verlassen. Von Geheimakte bis The Whispered World, von Deponia bis The Book of Unwritten Tales - die Namen änderten sich, doch das Grundprinzip blieb stets gleich. International konnte da nur das US-Studio Wadjet Eye Games mithalten; die pixelige Blackwell-Serie oder Technobabylon geben sich ähnlich klassisch. Doch längst hat das einstmals fast ausgestorbene Adventure-Genre eine Bluttransfusion erhalten. Spender sind ausgerechnet die Zombies.
Weniger Komplexität, mehr Fokus
Quelle: Daedalic Entertainment
Hauptheld Richard Nolan ist Journalist und ein echter Technikmuffel.
Telltales populäre Episoden-Spiele, allen von The Walking Dead, verhalfen dem Adventure-Genre zu einem zweiten Frühling, krempelten es aber gleichzeitig gehörig um. Puzzles und das Hin und Her zwischen verschiedenen Locations wurden auf ein Minimum reduziert. Dafür stehen Story und Inszenierung im Vordergrund; Entscheidungen haben Konsequenzen und die eher gemächliche Erzählweise vieler Point&Click-Spiele weicht einem dramatischeren Stil. Mit State of Mind folgt nun parallel zum Fantasy-Abenteuer Silence ein weiteres Spiel des deutschen Adventure-Spezialisten Daedalic konsequent dieser neuen Route. Das Szenario: eine spannende Abwandlung des Cyberpunks, wie er in Deus Ex vorkommt.
Das Spiel beginnt in Berlin. Das Jahr: 2048. Protagonist Richard Nolan will sein Bewusstsein auf einen Server hochladen. Das ist gerade der neueste Schrei, denn so kann man der düsteren Realität (siehe Bildervergleich oben auf der rechten Seite) entkommen und in der idyllischen City 5 sein Cyber-Leben fristen. Doch etwas geht schief, Richard hat Erinnerungslücken und seine Familie verhält sich seltsam. Was Richard nicht ahnt: Der Upload war nur teilweise erfolgreich und von dem Protagonisten existeren fortan zwei Versionen, eine davon im Cyberspace. Aus der Frage, welche Existenz die lohnendere ist, will das Spiel seine Faszination ziehen.
Doch auch "Menschenrechte" für Roboter sind ein Thema der vielschichtigen Geschichte, für deren Erzählung Daedalic auf Rollentausch setzt. Insgesamt fünf spielbare Figuren gibt es in State of Mind, zwischen denen ihr teils frei, teils vorbestimmt wechselt. Neben Richard und seinem virtuellen Alter Ego ist darunter auch einer der neuartigen Roboter, die den Menschen Alltagsaufgaben abnehmen sollen, inzwischen jedoch ein eigenes Bewusstsein entwickelt haben. Der Film I, Robot mit Will Smith lässt grüßen.
Zwei Welten
Quelle: Daedalic Entertainment
Die fünf Protagonisten steuert ihr aus der Schulterpers-
pektive. Das funktioniert besonders gut per Gamepad.
Basierend auf der Transhumanismus-Zukunftsvision von Raymond Kurzweil, Autor und Google-Mitarbeiter, ist Berlin 2048 in State of Mind eine hochtechnisierte, aber düstere und freudlose Kulisse. Daedalic adaptiert moderne Technologien, um das Gameplay zu entschlacken: So müsst ihr nicht den Wohn- oder Arbeitsort eines NPCs aufsuchen, mit dem ihr reden wollt - ruft ihn doch einfach auf eurem Hologramm-Telefon an! Damit lassen sich sogar Erinnerungen verschicken, die für manche Rätsel notwendig sind.
Die virtuelle Realität City 5 lockt mit einer friedlichen, perfekten Illusion. Hierhin strömen die Menschen, die ihrem deprimierenden Alltag entfliehen wollen. Daedalic kommentiert damit auch aktuelle Trends wie MMORPGs, virtuelle Avatare oder Second Life. State of Mind soll durch den Wechsel zwischen den beiden Ebenen und der gespaltenen Persönlichkeit von Protagonist Richard spannende, existenzielle Fragen stellen. Ob das klappt, wird stark von der Qualität der Dialoge und der Story abhängen, für die Autor Martin Ganteföhr (Overclocked) verantwortlich zeichnet.
Die zwei Welten im Vergleich
Die Unreal Engine 4 sorgt für eine moderne Präsentation, allerdings wirken die im Low-Poly-Look modellierten Figuren wie ein Fremdkörper in den detaillierten, aus der Third-Person-Ansicht mit Maus und Tastatur oder Gamepad begehbaren Umgebungen. Ein gewollter Effekt, das Ergebnis ist dennoch gewöhnunsbedürftig.
Das hat Konsequenzen! Oder?
Telltale und Life is Strange-Entwickler Dontnod Entertainment haben es vorgemacht, mit State of Mind will Daedalic nachziehen: Die filmreif präsentierte Story soll euch immer wieder vor Entscheidungen stellen, die anschließend kleine und große Folgen haben. So steht ihr einmal vor der Wahl, nach der Fernbedienung für eine schwebende Drohne zu suchen, bevor ihr aus dem Haus geht, oder den Helfer daheim zu lassen. Das ändert zwar nur Details, anderes hat aber drastischere Konsequenzen. So verweist Richard auf Wunsch seinen Roboter Simon der Wohnung - dann hilft der Bot seinem Besitzer später aber nicht. Daedalic verspricht unterschiedliche Endsequenzen, die zum wiederholten Durchspielen des rund 15 Stunden langen Adventures animieren sollen.
Welchen Abschluss ihr zu sehen bekommt, hängt auch von eurem Verhältnis zu den unterschiedlichen Fraktionen im dystopischen Berlin ab. So machen etwa die Maschinenstürmer Stimmung gegen die zunehmende Vernetzung und den Gehirn-Upload in City 5. Als Redakteur beim Magazin The Voice schreibt Richard Artikel, welche die Maschinenstürmer verärgern oder erfreuen können - je nachdem welche Textbausteine ihr zuvor im Editor zusammengeklickt habt. Lustige Idee: Wenn ihr Richard beim Schreibprozess einen Whiskey trinken lasst, erhaltet ihr andere Textoptionen. Denn dann verändert sich seine Stimmung langsam hin zu melancholisch und schließlich deprimiert. Genau so entstand übrigens auch dieser Artikel. Prost!

Bonuspunkte gibt's für den Artikel, weil Wadjet Eye Games erwähnt wurden :) Vor allem die Blackwell-Reihe war einfach nur großartig.
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Und wenn sich alle immer in eine Richtung orientieren, ist das auch nicht gut für die Spielevielfalt.
Klar, spiel ich auch mal so etwas gerne wie die The Walking Dead Spiele, aber nur noch Adventure in diesem Spiel fände ich langweilig, weil im Großen und Ganzen fehlt da einfach eine richtige Spielmechanik. Es ist quasi nur noch ein interaktiver Film.