Geschichte des allerersten Star-Trek-Games: Von Super Star Trek zur Shareware
Wer kennt noch das allererste Star Trek-Spiel? Diese Frage stellen sich die beiden Trekkies Sebastian Göttling und Simon Fistrich in ihrem Youtube-Live-Stream zu Trek am Dienstag. Die vollständige Geschichte findet ihr hier.
Der Weg auf den Bildschirm
Später im selben Sommer kaufte sich Computer-Freak Mike ein neues Spielzeug, der Welt erster programmierbarer Taschenrechner HP-35. Den besorgte er sich nicht im örtlichen Fachhandel, sondern direkt im Vertriebsbüro von Hewlett-Packard. Unter den Mitarbeitern waren auch Star-Trek-Fans, bei denen sich herumgesprochen hatte, was Mike an der Uni programmiert hatte. Sie unterbreiteten ihm einen Vorschlag: "Wenn du dein Star-Trek-Spiel auf unseren Computer hier (ein HP 2000C) portierst, dann darfst du ihn benutzen." Wohlgemerkt: Mike bekam für diesen Job nicht etwa den kostbaren Taschenrechner umsonst, sondern lediglich die Erlaubnis "geschenkt", an deren Computer zu arbeiten. Nicht das letzte Grenzgenie, dessen Technik-Begeisterung ausgenutzt wurde.
Star Trek Games, die Erste
- Seite 1 Geschichte des allerersten Star-Trek-Games - BASIC und begrenzte Möglichkeiten
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Geschichte des allerersten Star-Trek-Games: Taugt das heute noch?
- 3.1 Digitale Originalsounds und sperrige Bedienelemente
- 3.2 Ein unerfahrener Captain geht mit seinem Schiff unter
- 3.3 Die Tücken des Retro-Livestreamings
- 3.4 Captain auf der Brücke!
- 3.5 Widersacher aus zwei Generationen
- 3.6 Das ist kein Bug, die Galaxie ist wirklich so merkwürdig
- 3.7 Dilithium-Roulette, schwarzes Loch & Supernova
- 3.8 Ist "Star Trek" überhaupt Star Trek?
- 3.9 Kann man das heute noch spielen - und warum nicht?
- Seite 4 Bildergalerie
Mike jedoch sagte begeistert zu und fuchste sich in das BASIC des 2000C rein, das noch eine andere Version als das auf dem Sigma war. Und wo er sich auf diesem Wege eh in die Arbeit vertiefte, programmierte er "Star Trek" von Grund auf neu. Das Originalprogramm war aufgrund der vielen Anpassungen und Korrekturen eher organisch gewachsen mit vielen unkonventionellen und umständlichen Workarounds - in anderen Worten: chaotisch. Diese zweite Variante war deutlich sauberer programmiert und wurde erstmals am Bildschirm gespielt, nicht mehr am Nadeldrucker.
Dieses kleine und ohne eigentliche Bezahlung entstandene Meisterwerk packte Hewlett-Packard im Februar 1973, also anderthalb Jahre später, in die hauseigene Public-Domain-Programmbibliothek. Da war die Fernsehserie Star Trek mittlerweile zu großem nationalem Erfolg gekommen durch werktägliche Nachmittagswiederholungen auf Lokalsendern.
Quelle: In-Game-Screenshots Sebastian Göttling
Die Enterprise (-E-) allein im Zeichensatz-All, kein Klingone (-K-) weit und breit.
Eine Randnotiz: Bereits Ende der 1960er schwirrten Star-Trek-Schiffe-Versenken an diversen Uni-Mainframes rum und weil man untereinander anonym war und der Gedanke so sehr auf der Hand lag, war Mikes Programm kein Plagiat (oder umgekehrt). Mit der HP-Version aber wurde sein "Star Trek" bekannter und zum damaligen Goldstandard, der alle anderen ersetzte.
Und noch eine traurige Randnotiz: Weil die Sigma-7-Rechner später abgeschafft wurden, ohne deren Speicher zu sichern, ist der Programmcode von Mike Mayfields allererster Version von "Star Trek" im Sand der Zeit verloren.
Verbreitung per Newsletter
Zurück zur Programmbibliothek von Hewlett-Packard, in der viele Computerspezis das Spiel erstmalig entdeckten - unter ihnen ein gewisser David Ahl, seines Zeichens Mitarbeiter beim Verlag Digital Equipment Corporation (DEC) in der Abteilung für Weiterbildungsliteratur. Er überarbeitete den Programmcode gemeinsam mit seiner Kollegin Mary Cole und nahm ihn als abtippbares Listing in den gedruckten Newsletter von DEC auf. Wohl, um rechtliche Schwierigkeiten mit Star-Trek-Inhaberin Paramount zu vermeiden, unter der vokalarmen Bezeichnung "SPACWR", Untertitel "Spacewar based on Star Trek". Begleitet von einer hübschen, von Ahl handgefertigten Comiczeichnung eines Raumschiffs, das durchs All düste, mit der Enterprise optisch aber kaum Gemeinsamkeiten hatte.
Quelle: Digital Equipment Corporation
Die Beschreibungsseite von Mike Mayfields Listing in David Ahls Newsletter.
Ein wenig kurios: Im Beschreibungstext des Listings stand, sein ursprünglicher Programmierer Mike Mayfield hätte es entwickelt "während seiner Arbeit bei Centerline Engineering". Dabei handelte es sich tatsächlich um eine Fantasiefirma, deren Namen Mike selbst in den Text setzen ließ, denn es war ihm einigermaßen peinlich, dass er "nichts weiter" als ein Highschool-Schüler war, der Computerzeit "klaute" und zu allem Überfluss auf einem fast schrottreifen Sears-Moped zwischen seinem Elternhaus und der Uni hin und her knatterte. Mike: "Kann man sich ein schlimmeres Geek-Klischee vorstellen?" Dieser Umstand klärte sich erst knapp dreißig Jahre später, als der Blogger Maury Markowitz im Jahr 2000 anfing zu recherchieren. Aufgrund seiner Berichterstattung zum ersten Star-Trek-Spiel meldeten sich immer mehr Leute - unter ihnen auch Mike Mayfield selbst, woraufhin sich das Puzzle um die Entstehungsgeschichte mit Jahrzehnten Verspätung zusammensetzte.
1973 stellte Ahl, ebenfalls für den DEC-Verlag, die besten seiner gesammelten Newsletter-Programmlistings zusammen in dem Buch "101 BASIC Computer Games", das sich für die damalige Zeit beachtlich verkaufte und zu einem frühen Standardwerk wurde.
Aus Star Trek wird Super Star Trek
Ein weiterer Protagonist kam Anfang 1974 hinzu. Auf Basis des Listing-Buches bekam Bob Leedom, Mitarbeiter in der Luftfahrtsparte des Elektrogerätekonzerns Westinghouse, den Auftrag, das Spiel in den Mittagspausen und auch nach Feierabend für das hauseigene Computermodell Data General Nova 800 zu portieren - ein teures Gerät mit damals beachtlichen 32 Kilobyte Speicher, das normalerweise Flugradardaten auswertete. Als Leedom diese Programmversion fertiggestellt hatte, waren bereits alle Star-Trek-Fans unter den Westinghouse-Kollegen - und das waren nicht wenige - scharf auf das fertige Spiel. Die Verbesserungen, die Leedom einbaute, waren ein deutlicher Schritt nach vorne: Die Klingonenschiffe waren nun beweglich, Spock, Uhura und die anderen Brückenkollegen erstatteten gelegentlich von ihren Stationen Bericht und außerdem konnte die Computerbibliothek der Enterprise zu diversen Themen befragt werden. Am Tag nach der Fertigstellung wurde Leedom richtiggehend belagert und er hielt eine Mammut-Spielesession ab, die von viertel nach fünf bis halb vier Uhr nachts dauerte.
Diese deutlich verbesserte Fassung des Spiels, die für viele Jahre als die beste Version galt, sah dann wiederum David Ahl von DEC und nahm sie ab 1978 anstelle des ursprünglichen Listings in die Neufassung seines vorgenannten Buchs mit Basic-Computerspielen auf. Leedoms Version hieß im Buch nicht mehr "SPACWR", sondern vollmundig und unverhohlen "Super Star Trek". Das Listing war mit Abstand das längste und komplexeste im gesamten Buch und galt gemeinhin als dessen Hauptverkaufsgrund.
Ein Spiel geht um die Welt
Quelle: Digital Equipment Corporation
Ein Millionen-Bestseller zu Beginn der Heimcomputer-Revolution - dank bzw. mit Star Trek.
Diese Fassung des Buches mit "Super Star Trek" war die aktuelle, als die Heimcomputer-Revolution losbrach, welche eine Vertausendfachung der auf dem Markt befindlichen BASIC-Systeme bedeutete. Das Buch war ein Millionen-Bestseller (es wurde 1982 sogar ins Deutsche übersetzt) und "Super Star Trek" verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Im selben Jahr 1978 noch hieß es, dass es praktisch keine Computerinstallation in den USA gab, auf der das Spiel nicht zu finden war.
Die Henne-oder-Ei-Frage: Verbreitete sich "Super Star Trek", weil das Buch ein Millionenseller wurde? Oder wurde das Buch ein Millionenseller, weil darin ein Star-Trek-Spiel zu just dem Zeitpunkt enthalten war, als die Fanbegeisterung gegen Ende der 1970er auf dem Zenit war, nur ein Jahr vor der Rückkehr als Kinofilm? Ein bisschen wohl beides. 1980 beschrieb es der Spieljournalist Mark Herro so: "Super Star Trek ist eines der beliebtesten, wenn nicht das beliebteste Computerspiel überhaupt, mit buchstäblich Dutzenden verschiedener Versionen im Umlauf".
Fast so viele Versionen wie Sterne am Himmel
Trotz - oder vielleicht gerade wegen - der 1971 sehr limitierten Mittel von Mike Mayfield entstand ein Spiel im Star-Trek-Universum, dessen Komplexität in der Reduktion lag, Spielmechanik pur, und das sich deswegen zu einem veritablen Dauerbrenner entwickelte. Unzählige Portierungen und Versionen entstanden. So viele, dass man sie niemals vollständig auflisten konnte. Erwähnenswert ist jedenfalls die 1974er Fassung eines gewissen Timothy David Harris, die erstmals neben den Klingonen auch zähere Schiffe der Romulaner im All platzierte, ebenso geheimnisvolle Gespensterschiffe und zerstörerische Supernovä. Auch entstanden in den 1970ern erste Versionen, die statt Zeichensatz-Darstellung rudimentäre Grafik verwendeten.
Dabei waren all diese Versionen immer noch völlig kostenlos zu bekommen, wenn man vom Anschaffungspreis des DEC-Basic-Buchs absieht. Die erste "echte" kommerzielle Adaption wurde im Jahr 1983, als Mike Mayfields Version schon zwölf Jahre alt war, von der Firma Cygnus herausgebracht. Man lavierte sich um eine Star-Trek-Lizenz herum und nannte das Spiel "Star Fleet I: The War Begins" - die Klingonen wurden darin zu Krellanern. Und wer vertrieb dieses Spiel? Niemand Geringeres als Electronic Arts. Die wohl bekannteste Version unter alten PC-Reckinnen und -Recken ist "EGATrek" von Ende der 80er, spielerisch ausgereifter und in titelgebender EGA-Farbtiefe.
Shareware für das frühe Windows
Irgendwann dann kam ich in Berührung mit dem Spiel, allerdings nicht mit "EGATrek". Meine Version ist "Wintrek", 1992 von Joe Jaworski als Shareware für die damals aktuelle Windows-Version 3.1 programmiert. Eigentlich Freeware, denn das Programm an sich hatte keinerlei Einschränkungen, die eine Vollversion aufgehoben hätte. Wer Joe Jaworski Geld zahlte, bekam im Gegenzug vielmehr einen ausführlichen, gedruckten Strategy Guide zugesandt.
Ich fand "Wintrek" erst zwei Jahre nach Veröffentlichung im Jahr 1994, denn vor allem dank des bahnbrechenden "Rebel Assault" aus einem anderen Science-Fiction-Universum - und zweitrangig auch "The 7th Guest" und "Myst" - hatte zu dem Zeitpunkt das CD-ROM-Laufwerk seinen Siegeszug angetreten. Einige deutsche Firmen machten sich dieses neue Speichermedium als Geschäftsmodell zunutze, indem sie unter mythologischen Namen wie Pegasus oder Perseus Sharewaresammlungen mit jeweils hunderten Programmen auf nur einem Silberling verkauften. (In den Jahren davor gab es Shareware-Programme nur einzeln gegen geringe Kopiergebühr auf Diskette zu erwerben.) Heute kann ich nicht mehr nachvollziehen, auf welcher dieser Sammlungen "Wintrek" enthalten war - fest steht, dass das Programm erstmals am 15. Juni 1994 in unseren jugendlichen Aufzeichnungen Erwähnung fand.
Quelle: In-Game-Screenshots Sebastian Göttling
Das vielen PC-Gamern bekannte EGATrek mit der titelgebenden Farbtiefe.
Doch gehen wir hinein ins Gameplay unseres Livestreams neulich. Dazu sollte ich noch erwähnen, dass mein Ko-Pilot Simon das Spiel in den 1990ern zwar mal anspielte, aber längst vergaß, was und vor allem wie zu tun ist. Ich, der auch heute noch in Kreativpausen eine Partie "Wintrek" spielt, warf Simon ins kalte Wasser und ließ ihn erstmal ausprobieren.

Warum habe ich nur den Stream verpasst 😅