Seite 2 - Der Begriff "Mikro"-Transaktion ist falsch (und überflüssig)

3
Kolumne Christian Fussy - Autor Als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügen
Seite 2 - Der Begriff "Mikro"-Transaktion ist falsch (und überflüssig)
Quelle: 2K Games

Redakteur Chris ist der Meinung, dass In-Game-Käufe schon viel zu lange verharmlost werden und das Wort "Mikrotransaktionen" abgeschafft gehört. Das altehrwürdige Monetarisierungs-Monster NBA 2K24 ist dabei nur die Spitze des Eisbergs.

1. Der Begriff "Mikro"-Transaktion ist falsch (und überflüssig)

Der Begriff existiert ohnehin nur im Bereich der Videospiele und findet in sämtlichen anderen Lebensbereichen keine Anwendung. Wenn ich mir einen Gebrauchtwagen für 7000 Euro kaufe, ist das genauso eine Transaktion wie das Erdbeerjoghurt vom Aldi für 79 Cent. Ein Einkauf ist ein Einkauf und wir weisen bestimmten Gütern keinen Sonderstatus zu, wenn sie ihrem Wert entsprechend günstig sind. Davon ausgehend ist die Bezeichnung "Mikro"-Transaktion für sämtliche In-Game-Käufe auch schlicht und ergreifend falsch. Es ist nämlich schon länger nichts mehr "Mikro" an den Summen, die stellenweise für die digitalen Kleinigkeiten verlangt werden. Preise für Items liegen oft nicht bei ein paar Cent, sondern bei 5, 10, 20 Euro. Activision ist mit seinen Marken hier derzeit der Gierkönig.

Wer im neuen Modern Warfare 2 als Musikerin Nicki Minaj herumlaufen will, zahlt für das Operator-Bundle gut 20 Euro. Und für einen speziellen Skin in Diablo 4, einem Vollpreistitel, dessen günstigste Variante bei Release 70 Euro kostete, müssen wir ganze 24,99 € berappen. 25 Tacken für ein bisschen virtuellen Stoff? Da sind tatsächlich echte Klamotten günstiger.

Alternativ könnte man sich für so einen Preis auch gleich ein komplettes anderes Spiel kaufen. God of War zum Beispiel. Oder Hades. Oder Stardew Valley. Zweimal.

Das ist selbstverständlich Abzocke.

Nicki Minaj Operator Bundle für Call of Duty Modern Warfare 2 Quelle: Activision Weiter geht's auf der nächsten Seite.

2. "Optionale" Mikrotransaktionen sind nicht optional

Ich höre sie schon. Die Stimmen, die jetzt laut rufen: "Selber schuld, du musst es ja nicht kaufen!" Und das mag stimmen, adressiert aber nicht den Kern des Problems. Einerseits finde ich die Diskrepanz zwischen dem, was gefordert wird und dem, was man letztendlich dafür erhält, generell einfach dreist und für ein seriöses Unternehmen absolut beschämend, und andererseits muss irgendjemand das kaufen.

Die Top 12 der weiblichen Stars Quelle: EA Sports 2.1 Mikrotransaktionen entscheiden über das gesamte Spiel

Ingame-Shops sind längst nicht mehr einfach nur ein obligatorisches Nebenprodukt, sondern Dreh- und Angelpunkt bei der Entwicklung vieler Online-Spiele. Im Free-2-Play-Bereich sowieso, aber auch in Titeln wie CoD oder NBA2K wird erwartet, dass der Beitrag der Spielerschaft nicht damit endet, die Software zu kaufen und dann ihren Spaß damit zu haben. Nur Titel, die kontinuierlich Geld in die Kassen spülen, werden auch weiterhin unterstützt. Rechnet sich das Geschäft mit Cosmetics, Lootboxen und Co. nicht mehr, nehmen Publisher ihrer Community den metaphorischen Spielball schnell wieder weg und gehen beleidigt nach Hause. Großspurig angekündigte, überambitionierte Roadmaps, die bis zu 10 Jahre lang frische Inhalte versprechen, werden mit einem Schlag kleinlaut aufgegeben, wenn der erwartete Geldregen ausbleibt. *hust* Anthem.

Wird ein Spiel komplett eingestellt oder nicht mehr unterstützt, sind dann auch alle erworbenen Items entweder mit einem Schlag futsch, oder gewisse Modi nicht mehr spielbar, in denen wir sie hätten verwenden können.

Das ist nicht nur für die Leute doof, die sich auf die Marketinglügen verlassen haben, sondern auch für die Teams dahinter, deren jahrelange Arbeit mit einem Schlag im Äther verschwindet. Aber das ist ein anderes Thema.

Bei anderen Titeln ist es hingegen schon von vorneherein klar, dass der ganze gekaufte Kram dem Publikum irgendwann nichts mehr bringen wird. Nämlich dann, wenn der Nachfolger erscheint. Und bei Reihen wie FIFA, NBA oder CoD ist das fast jedes Jahr. Wir können davon ausgehen, dass Fans dieser Franchises irgendwann auf die nächste Version aufrüsten werden und mit dem Geld ausgeben dort wieder von vorne anfangen.

So oder so zeigt mir das deutlich, dass Spiele von ihren Publishern komplett unabhängig von ihrem kulturellen Wert nur noch als Slotmaschinen gesehen werden, die regelmäßig geleert und mit Updates versehen werden.

Mittelerde: Schatten des Krieges Quelle: PC Games Die Präsenz der Ingame-Ökonomie bestimmt über das Gamedesign. Shops sind vor allem in Online-Games immer prominent im Hauptmenü platziert oder kommen sogar als Pop-Ups daher. Natürlich steht es uns in der Theorie komplett frei, ob wir an dem System partizipieren wollen oder nicht, in der Praxis beeinflusst es aber trotzdem unser Spielerlebnis. Einige Unternehmen waren in der Vergangenheit sogar besonders skrupellos. So entschied Warner Bros., dass das Singleplayerspiel Middle-earth: Shadow of War ohne den Kauf von Premiumwährung zu einem ätzenden Grind verkommen sollte. Ein Jahr später nahm der Publisher das komplette System zwar aus dem Spiel, ein bitterer Beigeschmack bleibt jedoch.

2.2 Manche Leute sind optionaler als andere

Häufig nennen Firmen zur Verteidigung ihrer Praktiken auch Statistiken, denen zufolge ein überwältigender Teil der Community in der Tat überhaupt keine Käufe tätigt. Aber nochmal: Irgendjemand muss es tun. Was bedeutet, dass die Rekordzahlen, die FIFA und Konsorten jährlich an Einnahmen einfahren, aus nur einer Handvoll Taschen stammen. Wer die Methoden der Games-Industrie in den letzten Jahren verfolgt hat oder zufällig das berühmt-berüchtigte "Let's go Whaling"-Video gesehen hat, weiß, was jetzt kommt: Es handelt sich bei diesen Leuten um sogenannte Wale.

Taucher steht unter Wasser vor einem Haus und sieht einen Wal Quelle: Parallel Studio Der Begriff kommt aus der Glücksspielbranche und bezeichnet Menschen mit niedriger Impulskontrolle, die dazu neigen, große Summen auszugeben. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass diese auch über ein stabiles Vermögen verfügen, aber zumindest, dass bei ihnen viel zu holen ist. Wir befinden uns also auch hier genau genommen im Bereich der "Makro"-Transaktionen.

Dass nicht jedes Mitglied dieser Gruppe das Geld so dicke hat, wie es das selbige ausgibt, sollte klar sein. Oft handelt es sich um suchtgefährdete Menschen oder Personen, die anderweitig psychisch vorbelastet sind. Durch Skinner-Box-Mechaniken wie z.B. bei Lootbox-Systemen und das bewusste Generieren von Mangeldenken, soll das Publikum genötigt werden, Geld zu investieren. Was dem ein oder anderen leicht fällt zu ignorieren, wirkt auf Andere wie ein psychologischer Trigger.

Wer jetzt denkt: Naja, diese Leute sollten betroffene Spiele eben einfach meiden, hat das grundsätzliche Problem dabei nicht bedacht. Ich weiß doch erst, ob ich für diese Reize anfällig bin, wenn ich bereits in die Falle getappt bin. Ich kann mein gesamtes Leben noch nie Fuß in ein Casino oder Wettbüro gesetzt haben, keine Sportwette abgeschlossen haben und noch nie mit einer psychischen Krankheit, Störung oder Neurodivergenz diagnostiziert worden sein.

Das heißt aber ja nicht, dass ich grundsätzlich davon ausgehen kann, keine solchen Neigungen zu haben. Es kann einem ja außerdem auch passieren, dass ein Spiel in seinem Urzustand noch komplett auf kostenpflichtigen DLC verzichtet, der Shop aber dann nachträglich hineingepatcht wird. Außerdem ist diese Manipulation ekelhaft, unabhängig davon, ob ich im Vorfeld darüber Bescheid weiß.

3
  1. Seite 1 Seite 1 - Die große Lüge der kleinen "Mikro"-Transaktionen
  2. Seite 2 Seite 2 - Der Begriff "Mikro"-Transaktion ist falsch (und überflüssig)
  3. Seite 3 Seite 3 - "Es sind nur Cosmetics" ist keine Rechtfertigung
    • Kommentare (3)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von syncError Stille/r Leser/in
        Wahre Worte, diese Melkpraktiken sind eine Sauerei.

        Um so wichtiger ist es, dass Spiele wie Overwatch 2 dafür einen Denkzettel bekommen.
        Blizz/Activision versprach sich mit dem Schritt auf steam die Erschließung neuer Käufergruppen. Was sie bekamen war das schlechtbewertetste Spiel in der Geschichte von steam.
        Die community hat nicht vergessen, dass man mit falschen Versprechungen ihnen OW wegnahm um es durch OW2 zu ersetzen, was lediglich dazu diente die Monetarisierung umzustellen auf greedy und einen Battlepass und einen ingameshop zu etablieren bzw. aufzuzwingen.
      • Von syncError Stille/r Leser/in
        Wahre Worte, diese Melkpraktiken sind eine Sauerei.

        Um so wichtiger ist es, dass Spiele wie Overwatch 2 dafür einen Denkzettel bekommen.
        Blizz/Activision versprach sich mit dem Schritt auf steam die Erschließung neuer Käufergruppen. Was sie bekamen war das schlechtbewertetste Spiel in der Geschichte von steam.
        Die community hat nicht vergessen, dass man mit falschen Versprechungen ihnen OW wegnahm um es durch OW2 zu ersetzen, was lediglich dazu diente die Monetarisierung umzustellen auf greedy und einen Battlepass und einen ingameshop zu etablieren bzw. aufzuzwingen.
      • Von IngloriousBasterd Anfänger/in
        Den Hinweis auf die suchterzeugenden Mechaniken in diesen Spielen finde ich sehr wichtig. Es ist eben nicht nur die debile Fanboy-Spielerschaft solcher Titel, die den Rubel rollen lässt, sondern auch die Glücksspielsucht. Da wäre der Gesetzgeber gefordert, indem er die Definition des Glücksspiels weiter fasst und entsprechend reguliert, wie es ja auch bereits in einigen anderen Ländern geschieht.

        Was die Medien hingegen machen könnten: Einen Halsabschneider-Titel nicht einfach nur homöopathisch abwerten sondern massiv. Einfach mit einer 3/10 bewerten und der Sache wäre schon gedient.
      • Von fdl-ananas Anfänger/in
        Bravo und Amen!
        Ich kann nur jeden einzelnen Satz des Artikels unterschreiben!

        Insbesondere auch die Kritik an der Idee, kosmetische Items hätten irgendwie nichts mit "Gameplay" zu tun und deren Verkauf wäre deshalb akezptierbar, spricht mir aus der Seele.
        Schaue ich z.B. auf MMOs, so fand ich in diesen Spielen die Jagd nach Items mit den höchsten Stats immer nur sehr bedingt reizvoll. Denn die Mühle muss am laufen gehalten werden und das heißt, mit dem nächsten großen Patch oder Addon wird der "heiße Scheiß" von heute unweigerlich wertlos werden.
        Gutes Design dagegen macht auch noch Freude wenn die Stats keinen mehr interessieren. In WoW habe ich damals schon lange vor Einführung des Transmog-Festures viel Zeit damit verbracht, "Stylegear" zu sammen. Ein Spiel, dass die "schönsten" Items hinter einer Paywall versteckt, hätte für mich persönlich also z.B. größere Auswirkungen auf das Gameplay als irgendein kaufbarer Statboost.

        Viel Hoffnung auf ernsthafte Besserung habe ich allerdings nicht.

        Die meisten Gamer sind zu "gewählt unmündig", um die entsprechenden Akteure zu einem ernsthaften Umdenken zwingen zu können. (Dass wir uns heute - und inzwischen jährlich - über die Microtransaction-Ekszesse in 2K's NBA Spielen aufregen, wird z.B. absolut niemanden mehr interessieren, wenn morgen derselbe Publisher GTA 6 und seinen ebenfalls wieder gut durchmonetarisierten Onlineableger auf den Markt bringt.)

        Und die Gestzgeber sind irgendwo zwischen "das ist doch Neuland" und "da könnten uns Steuermilliarden entgehen" gefangen...
      Direkt zum Diskussionsende
  • Print / Abo
    Apps
    PC Games 07/2026 PCGH Magazin 07/2026 play5 07/2026 N-Zone 07/2026 Linux Magazin 07/2026 LinuxUser 07/2026 Raspberry Pi Geek 07/2026
    PC Games PC Games Hardware Linux Magazin Raspberry Pi Geek Computec Kiosk