Edgar Wrights unterschätztes Meisterwerk - Part 2
Der britische Kultregisseur Edgar Wright hat mit "Last Night in Soho" aktuell einen Film im Kino, der für die meisten Cineasten wohl zum Pflichtprogramm gehört. In diesem Artikel widmen wir uns allerdings einem seiner älteren Werke: Dem Abschluss der sogenannten Cornetto-Trilogie, "The World's End". Der ist Redakteur Christian Fußy zufolge ein häufig unterschätztes Meisterwerk. Im Video erzählt er uns warum.
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Auf den Trümmern des Paradieses
Den freien Willen abzugeben, unsere Machtlosigkeit gegenüber der Sucht einzugestehen und uns in die Hände eines allmächtigen Wesens zu begeben, wird in "The World's End" nicht als Ausweg akzeptiert. Zwar geht die komplette Welt um die Figuren herum in Flammen auf, dafür behalten alle ihren freien Willen - und überwinden dennoch ihre Dämonen. Gary hört auf, sich selbst zu belügen, akzeptiert, dass er Verantwortung für sich und andere übernehmen muss und schwört dem Alkohol ab. Andy, der damit kämpft, seine Ehe zu retten, findet die Selbstdisziplin, seine Ernährung umzustellen (wobei ihm die Apokalypse bei dieser Entscheidung natürlich unter die Arme greift) und um seine Frau zu kämpfen und Steven erobert das Herz seiner Jugendliebe, statt vor seinen Gefühlen davonzurennen und One-Night-Stands mit kaum erwachsenen Frauen einzugehen.
Die Blanks werden durch Garys Entscheidung am Ende ebenfalls zu der Erfahrung eines freien Willens verdammt. Auch hier gibt es eine biblische Parallele. Sie sind die eigentlich vollkommene Schöpfung, die aus dem Paradies ausgeschlossen und auf der Welt ausgesetzt wird. Gefallene Engel, wenn man so will. Auf dem Audiokommentar zu "The World's End" erzählt Edgar Wright, dass der Name "Newton Haven" für "New Town, Heaven" steht. Die Assoziation mit dem Paradies ist also nicht sonderlich weit hergeholt.. Die Zerstörung der Kleinstadt am Ende ist damit gleichzusetzen mit dem Sündenfall und Gary der Ersatz für Adam und Eva, der für die Ausübung seines freien Willens gerichtet wird. Besser in der Hölle herrschen als im Himmel zu dienen.
Ein weiteres Motiv sind die Parallelen zu mythischen und literarischen Figuren. Gary erwähnt mehrmals die Drei Musketiere von Alexandre Dumas, seine Geschichte hat jedoch deutlich mehr Gemeinsamkeiten mit der Artussage . Genauer mit der Suche von König Artus nach dem Heiligen Gral, visuell repräsentiert durch das in Licht gehüllte letzte Bier im World's End. Seine Freunde tragen als Nachnamen offensichtlich Bezeichnungen höfischer Gefolgsleute. Stewart, Chamberlain, Knightly und Prince und genau wie der Heilige Gral verspricht auch das Netzwerk Gary ewige Jugend und Unsterblichkeit. Außerdem sorgt er nach seinem Fund dafür, dass das leidende Land wieder erblüht. Durch die Ablehnung passiert in "The World's End" das genaue Gegenteil und die Welt wird um Jahrzehnte des Fortschritts beraubt.
Er wird dadurch zu einer Prometheus-Figur. Wo in der Sage Prometheus den Göttern das Feuer stiehlt und den Menschen gibt, macht Gary allerdings genau das Gegenteil. Er gibt den Menschen nicht durch das Stehlen einer Technologie die Möglichkeit, sich über die Götter hinwegzusetzen, sondern dadurch, dass er sie ablehnt. Damit gibt er den Menschen die Autonomie zurück, sich aus eigener Kraft weiterzuentwickeln - oder eben daran zu scheitern. Ein Recht, für das er im Film immer wieder einsteht.
Quelle: ©Focus Features
Edgar Wrights unterschätztes Meisterwerk: Wie The World's End Gott den Stinkefinger zeigt (7)
Während Prometheus damit bestraft wird, dass ein Adler ihm immer wieder die Leber auspickt, kommt Gary noch vergleichsweise glimpflich davon. Der arme Vogel hätte einem bei seinem Alkoholkonsum aber wahrscheinlich auch Leid getan.
Ein Biest von einem Mann
Alle Motive, Verweise, Anspielungen und Vorausdeutungen des Films zu nennen würde nicht nur ewig dauern, es gibt im Internet bereits haufenweise Artikel und Videos auf YouTube die genau das machen und erklären, wie genial bestimmte Entwicklungen vorher angeteasert werden oder welche Tricks Edgar Wright benutzt hat, um gewisse Szenen zu erschaffen. Auf ein wiederkehrendes Motiv möchte ich trotzdem noch näher eingehen. Nämlich Garys Auto:
Das Biest ist ein alter Ford Granada, der im starken Kontrast zu den anderen Wagen in Newton Haven steht. Die bereits ausgetauschten Bewohner fahren nämlich allesamt den Hybridwagen Opel Ampera und sind wie dieser eine Mischung aus dem Alten und dem Neuen. Das Biest symbolisiert zwei Dinge:
1. ist es neben dem Sisters of Mercy-Tattoo, seinen gefärbten Haaren und seinen schwarzen Klamotten ein weiteres Anzeichen dafür, dass Gary extrem nostalgisch ist und sich seit seiner Jugend kaum verändert hat.
Und 2. bekommen wir bei seinem ersten Auftritt folgenden Gag:
Die Szene erinnert an das Paradoxon vom Schiff des Theseus, das folgendes Szenario beschreibt: Jedes Mal, wenn ein Teil von Theseus' Schiff kaputtgeht, ersetzt er genau dieses Teil und lässt den Rest genau so wie er ist. Irgendwann hat er jedes Teil mindestens ein Mal ersetzt. Ist das Schiff immer noch dasselbe?
Wie die Blanks, handelt es sich auch bei dem Biest augenscheinlich noch um genau dasselbe Auto, das Peter Gary 1989 verkauft hat. Bis auf die Karosserie ist allerdings nicht mehr viel aus dieser Zeit übriggeblieben. Der Gag, dass ein Großteil des Autos über die Jahre ersetzt wurde, spiegelt die Tatsache wider, dass auch die Bewohner von Newton Haven zwar äußerlich noch dieselben sind wie in den 90ern, jedoch auch ihr Inneres ausgetauscht wurde.
Ich finde aber auch eine andere Interpretation spannend. So ist der Ford Granada im Gegensatz zu den ganzen Amperas gerade durch die ganzen nicht-originalen Teile ein Individuum. Er ist definitiv umweltschädlicher und passt damit zu Gary, der mit seinem Egoismus seine eigene Umwelt in Mitleidenschaft zieht. Aber im Gegensatz zu vielen anderen ähnlich alten Modellen, fährt das Biest noch. Es hat viel erlebt und musste einige Teile von sich lassen, aber es ist "noch am Leben". Ähnlich wie Gary selbst. Statt das Austauschen der Teile als Metapher für die Blanks zu sehen, können wir es auch einfach als Instandhaltung verstehen. Während die Blanks das komplette Ersetzen durch ein neueres Modell anbieten, hält Gary an seinem Oldtimer fest. Am Ende lässt er selbst einen Teil von sich zurück und entwickelt sich dadurch weiter. Und bleibt dennoch zweifelsohne der King.
Wie viele gute Science-Fiction-Filme setzt sich auch "The World's End" mit der Frage auseinander, was den Menschen zum Menschen macht. Was die "Seele" unserer Spezies ist. Und Wright findet sie in der Unvollkommenheit, im Mangelhaften, im Scheitern, in der Selbstzerstörung, aber auch im persönlichen Wachstum.
Quelle: ©Focus Features
Edgar Wrights unterschätztes Meisterwerk: Wie The World's End Gott den Stinkefinger zeigt (5)
Vielleicht ist die Menschheit durch ihre Natur zum Scheitern verurteilt. Vielleicht zerstören wir uns irgendwann selbst, lernen nicht aus unseren Fehlern und laufen sehenden Auges in den Untergang. Und es wird kein Gott kommen, um unsere Fehler von uns zu nehmen und uns zu retten. Wir sind nicht würdig für das Paradies und müssten unsere Menschlichkeit aufgeben, um es zu sein. Wir haben unser Schicksal selbst in der Hand. Und zumindest in "The World's End" ist diese Erkenntnis aber auch mit einer Chance verbunden. Wenn Gary es schaffen kann, gibt es vielleicht doch noch Hoffnung für uns alle.
Quellen: The Guardian, The World's End Audiokommentar mit Edgar Wright und Simon Pegg, Anonyme Alkoholiker

Ist doch super, dass es so viele verschiedene Filmgeschmäcker gibt und jeder was für sich findet :)
Ich habe generell auch nichts gegen Filme, die einen mal etwas fordern, nur diesen einen fand ich da jetzt eben nicht spannend genug, dass ich ihn weiter geguckt hätte.
Ich mag die beiden übrigens auch in vielen anderen Rollen, gerade Nick Frost ist super.
Wer die beiden ebenfalls gut findet, dem empfehle ich noch die Serie "Truth Seekers" auf Amazon Prime, die inzwischen leider gecancelt wurde. Die erste Staffel davon hat mir aber gut gefalen. Viel Nick Frost und einige richtig gute Momente gemeinsam mit Simon Pegg. :)
Mulholland drive war unter dem größten Mist, den ich mir je angesehen habe, gleichauf mit Tree of Life von Terrence Malick und einigen anderen Stinkern. Lynch hat ein Zusammenhangloses etwas zurecht gezimmert und behauptet einfach es wäre ein Film.
Lars von Trier ist auch kein deutscher Filmemacher und dessen Filme, in denen öfters mal die Protagonisten am Ende oder auch das Baby schon mal in den ersten Film Minuten stirbt, sind quasi Vorzeigefilme für depressive Filme.
Auch sonst fallen mir problemlos noch weitere Filme ein, deren finale Plotentwicklung zu einem unhappy End führt, ohne ein Film aus Deutschland zu sein. (Die ich aus Spoilergründen nicht nenne)
Das liegt daran, daß Mulholland Drive eigentlich als Serie konzipiert worden ist und die erste Stunde quasi die erste komplette Folge ist. Als dann klar war, daß es keine Serie geben würde, hat D. Lynch das vorhandene Material zu einem eigenständigen Film zusammen geschnitten und das Material der letzten halben Stunde dafür nachgedreht.
Zum Glück für den Film ist Naomi Watts währenddessen vom Aussehen her deutlich erwachsener geworden, was sowohl ihre anfängliche naive Art wie auch ihre depressivere Seite gen Ende des Films deutlich verstärkt.
Aber ja: kein Film für jedermann.
Allerdings kann "öde" einem Film auch sehr gut tun. Beispielsweise ebenfalls von Lynch (aber ein normaler Film): The Straight Story, in dem ein alter Mann nach dem er vom Schlaganfall seines Bruders in einem anderen US Staat gehört hat, sich aufmacht, diesen zu besuchen. Nur: Er ist schlecht zu Fuß, hat keinen Autoführerschein, sondern nur seinen Rasenmäher, mit dem er sich auf den Weg macht und so sechs Wochen für die Reise braucht. Das beruht sogar auf einer wahren Geschichte. Ich finde den Film wunderschön. Gerade wegen seiner Langsamkeit.
Das letzte Mal, dass ich einen "schweren" Film direkt nochmal geschaut habe, war bei I'm Thinking of Ending Things. War eigentlich echt sehr zäh und teilweise öde, hab auch nicht wirklich was verstanden, aber irgendwie wollte ich es dann verstehen und dieser Aha-Moment während des zweiten Schauens hat mir wieder gezeigt warum ich Filme, die einen herausfordern und mit viel Symbolik und Metaphern arbeiten, so gerne mag. Oft muss ich dann auch Interpretationen nachlesen, weil ich einfach nicht das Wissen und Verständnis für manche Filme habe und viele Metaphern nicht erkennen würde, selbst wenn sie noch so offensichtlich sind. Aber mir macht das Spaß, und ich bin da anders als bspw. Cobar, für mich macht das Filme dann noch besser, wenn gewisse Interpretationen sinnvoll sind und mich total umhauen. Mother! war so ein Film. Ich habe wirklich gar nichts mit Religion und der Bibel am Hut, aber holy shit :D
Ich kann es aber auch wirklich verstehen, wenn man da keine Lust drauf hat. Dann geben einem solche Filme natürlich oft auch nicht viel und wirken langweilig. Sie dann aber als Mist oder zusammenhanglos zu bezeichnen finde ich auch nicht wirklich fair. Vor allem "zusammenhanglos" trifft bei solchen Filmen auch einfach nicht zu. Aber gut, Geschmäcker und so :)
Cooler Artikel auf jeden Fall. Ich hab die ersten beiden Filme in 'nem Alter gesehen, in dem ich sie noch auf keinen Fall sehen durfte, geschweige denn verstehen konnte. Zu The World's End fing es gerade erst an, dass ich gemerkt habe wie gut mir Filme gefallen, die nicht jeder schaut. Aber mit 19 war ich einfach noch viel zu blöd um da irgendwas anderes zu sehen oder zu verstehen, als das Gezeigte :B Wird Zeit sie mal alle wieder nachzuholen.
Mulholland drive war unter dem größten Mist, den ich mir je angesehen habe, gleichauf mit Tree of Life von Terrence Malick und einigen anderen Stinkern. Lynch hat ein Zusammenhangloses etwas zurecht gezimmert und behauptet einfach es wäre ein Film.
Ich bin da mehr bei General Lee. Auch wenn ich am liebsten eine Kombination aus Unterhaltung und Anspruch habe. Film ist aus meiner Sicht vor allem Eskapismus. Deshalb sind die Bollywoodfilme auch so schrill und bunt, sie sollen die armen Menschen für einen Moment aus der Tristesse ihres Lebens rausholen. In Deutschland hingegen scheint es vielen sehr gut zu gehen, eine Art invertierter Eskapismus, weil es fast nur deprimierendes Zeug über gescheiterte Personen gibt, auf die der Otto Normal Bürger herabschauen kann.