GTA 2: Die vielleicht seltsamste Coming-of-Age-Geschichte der Videospielhistorie

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GTA 2: Die vielleicht seltsamste Coming-of-Age-Geschichte der Videospielhistorie
Quelle: Rockstar Games

GTA 2 war kein Meisterwerk, aber ein entscheidender Schritt: Zwischen DMA-Chaos, Rockstar-Marketing und Gang-Krieg zeigt sich, wie aus GTA langsam ein Popkultur-Phänomen wurde.

Coming-of-Age-Geschichten funktionieren, weil ihre Figuren noch nicht wissen, wer sie eigentlich sind. Sie probieren sich aus, rebellieren ein bisschen zu laut, schießen übers Ziel hinaus und finden gerade dadurch langsam ihre eigene Identität.

Und genau deshalb ist GTA 2 (jetzt kaufen ) vielleicht die seltsamste Coming-of-Age-Geschichte der Videospielhistorie.

Da steht dieses Spiel noch mit einem Fuß im alten Hauptquartier von DMA-Design in der schottischen Hafenstadt Dundee, wo man aus geklauten Autos, kruden Witzen und kaputter Technik irgendwie ein funktionierendes Chaos zusammenbaute. Mit dem anderen Fuß steht es aber schon in New York, wo Take-Two und Rockstar langsam begriffen, dass aus diesem anrüchigen Autospiel mehr werden könnte als nur der nächste Skandal für den Schulhof.

GTA 2 entstand in diesem seltsamen Augenblick, in dem die Serie noch nicht wusste, was sie mal werden will. Eben noch kein GTA 3, das der Marke ihre oft kopierte Formel verleihen sollte - aber schon verdammt nah an dem, was Rockstar danach zur größten Gang der Spieleindustrie gemacht hat.

Die Gangs in GTA 2 - Respect is Everything

"Solange ich denken kann, wollte ich schon immer Gangster werden", sagte damals schon Ray Liotta in der Rolle von Henry Hill in Goodfellas. Und genau das wollten wir alle in GTA 2 natürlich auch. Und was braucht so ein Gangster naturgemäß? Natürlich eine Gang! Sonst wäre er ja auch kein Gangster. Das war das große neue Feature in GTA 2: Schließt Aufträge für verschiedene Banden ab und steigt in deren Gunst.

So startet das Spiel auch schon mit dem Spruch "Respect is Everything". Und Respekt müssen wir uns erst einmal verdienen. Das Tutorial erklärt uns, dass wir uns den nämlich hart erarbeiten müssen, indem wir Aufgaben für die verschiedenen Fraktionen abschließen. Allerdings geht das viel schneller, wenn wir die Anhänger einer feindlichen Gang einfach über den Haufen schießen.

Die sind dann natürlich nicht mehr besonders gut auf uns zu sprechen und greifen uns an, wenn wir in ihr Gebiet eindringen. Wir können auch keine Aufträge mehr für sie annehmen, bis wir wieder genug Respekt bei ihnen gesammelt haben.

GTA 2 war aber noch genauso arcadig wie der erste Teil. Aus der Vogelperspektive rasen wir durch die Stadt, stiften Chaos und jagen den Highscore. Denn nur mit genug Punkten konnten wir in den nächsten Teil der Stadt gelangen und die Story fortsetzen.

Wobei "Story" ein bisschen hochgegriffen ist. Ihr erledigt eben Aufträge für die sieben verschiedenen Gangs und müsst da mal was in die Luft jagen, jemanden um die Ecke bringen oder ein Auto - samt Insassen - verschrotten.

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Die Gangs haben ziemlich viel Charakter und unterscheiden sich angenehm deutlich voneinander. Die Yakuza fahren flotte Autos, tragen schicke Kleidung und interessieren sich für alles, was "neu" und aufregend ist. Die Loonies sind komplett durchgeknallt, verteilen ihre Aufträge von der Irrenanstalt aus und kriegen eigentlich nie etwas auf die Reihe. Ihre Missionen machen dafür umso mehr Spaß, weil sie einfach herrlich bekloppt sind. Trevor Philips lässt grüßen.

Die Rednecks fahren Pick-ups und sind allgemein ziemlich verbittert. Dafür beherrschen sie ein erstaunlich großes Gebiet und haben Unmengen an Leuten. Die SRS-Wissenschaftler betreiben ein eigenes Forschungslabor und trauen niemandem so richtig über den Weg. Deswegen bekommen wir von ihnen auch nur kleinere Aufträge.

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Die russische Mafia verdingt sich als Organhändler. Außerdem verdienen sie ihr Geld mit Prostitution und Menschenhandel. Die Hare Krishna kennt man sogar noch aus dem ersten Teil. Damals waren sie noch keine Gang, sondern einfach ein paar Jungs, die in Reih und Glied schön hintereinanderherliefen. Ideal, um sie für den optimalen Punktebonus umzufahren. Jetzt haben sie sich offenbar besser organisiert und versuchen, den Weltfrieden herzustellen, indem sie Waffen und Autos einfach verschrotten.

Und zuletzt wäre da noch die Zaibatsu Corporation, die eine gewisse Sonderrolle einnimmt: Sie ist die dominierende Gang der Stadt. Nur die Zaibatsu kommen auf allen drei Karten vor, und auch das Intro-Video dreht sich um sie. Im Prinzip sind ihre Missionen also die "Hauptstory". Auf die Zaibatsu wird auch in späteren GTA-Teilen immer wieder angespielt, zum Beispiel als Pharmakonzern in GTA 3 oder über ihre Karre, den Z-Type, den man auch in GTA Online fahren kann. Mit einem ganz bestimmten Paintjob sieht er sogar aus wie das Auto der Zaibatsu in GTA 2.

Die Zaibatsu sind die dominierende Gang in GTA 2 und kommen auf jeder der drei Karten vor. Ihr Auto könnt ihr sogar in GTA Online fahren. Quelle: PC Games Die Zaibatsu sind die dominierende Gang in GTA 2 und kommen auf jeder der drei Karten vor. Ihr Auto könnt ihr sogar in GTA Online fahren.

Die Spielwelt - Straight Outta Anywhere

Die Spielwelt von GTA 2 fällt tatsächlich ein bisschen aus der Reihe. Während die Reihe sonst gerne reale Orte persifliert, steht Anywhere City für keine bestimmte Metropole. Der Name ist Programm: Diese Stadt könnte überall liegen - und wirkt gerade deshalb so unangenehm austauschbar. Sie besteht aus drei Bezirken, und in jedem davon haben jeweils drei Gangs ihren Turf abgesteckt.

Das Setting wirkt stellenweise fast schon wie Cyberpunk: Ein korrupter Megakonzern zieht im Hintergrund die Strippen, die Stadt ist dreckig, kaputt und kurz vor dem Kollaps, und auf der Straße geben sowieso die Gangs den Ton an. Passend dazu konnte man in der PC-Version über den GTA-2-Manager zwischen Tageslicht und Dämmerung wechseln. Und gerade im Dusk-Modus sieht Anywhere City gleich viel schmutziger, neongetränkter und gefährlicher aus. Also genau richtig für diesen ziemlich kaputten Zukunfts-Albtraum.

Auch die Polizei greift im zweiten Teil deutlich härter durch. Die KI ist zwar immer noch ziemlich simpel, aber sie ist spürbar aggressiver und vor allem viel hartnäckiger. Versuchten die Streifenwagen uns im ersten Teil noch schlichtweg zu rammen - was, wie sich herausstellte, eigentlich ein Bug war, denn die KI versuchte, durch den Spieler durchzufahren -, kleben sie einem jetzt an den Hacken, überholen im richtigen Moment und drängen einen ab. Wenn die kleinen Polizeiköpfe im HUD anfangen zu wackeln, wissen die Cops, wo wir sind. Sie wirken auch zu Fuß ein wenig schlauer, da sie oft zum richtigen Zeitpunkt aus den Autos springen, um uns aus unserem Wagen zu zerren.

Die Polizei agierte deutlich realistischer als noch im ersten Teil. Und sehr viel aggressiver! Quelle: PC Games Die Polizei agierte deutlich realistischer als noch im ersten Teil. Und sehr viel aggressiver! Richten wir zu viel Chaos an, bleibt es auch nicht mehr bei normalen Polizisten. Jetzt rücken SWAT-Teams an, Spezialagenten sind uns auf den Fersen, und übertreiben wir es komplett, rückt auch mal die Armee an. GTA 2 erschafft so schon sehr früh dieses typische GTA-Gefühl: Erst baut man nur ein bisschen Mist, dann fliegt die halbe Stadt auseinander.

Auch beim Speichern war GTA 2 herrlich bekloppt. Einfach kurz ins Menü gehen und den Spielstand sichern? Schön wär's. Stattdessen mussten wir erst 50.000 Dollar zusammenkratzen und dann eine Kirche finden. Genauer gesagt: ein Gebäude mit der wunderbar subtilen Neonaufschrift "Jesus Saves".

Wenn wir dort durch die Tür gegangen sind, wurde gespeichert, und der Priester rief: "Hallelujah! Another Soul Saved." GTA 2 machte aus dem Speichern also im Grunde einen kleinen Ablasshandel. Wer genug Kohle hatte, wurde gerettet. Wer pleite war, musste eben weiter sündigen. Und selbst die Kirche musste man erst einmal finden. Wenn man die Karte nicht parat hatte, half nur ein ganz bestimmtes Fahrzeug: der TV-Van. Dessen Satellitenschüssel zeigte nämlich immer in Richtung Speicherpunkt.

Im ursprünglichen Design-Dokument waren als Safehouses offenbar auch gar keine Kirchen geplant - sondern Bordelle. Rockstar hat also aus käuflicher menschlicher Liebe am Ende käufliche spirituelle Liebe gemacht. Auch kein so großer Unterschied.

Auch die Lackierereien waren in GTA 2 schon ziemlich praktisch: reinfahren, Karre reparieren lassen, neue Farbe drauf, Fahndung loswerden. Man konnte sogar direkt vor den Augen der Cops in die Werkstatt brettern. Die standen danach draußen und fragten sich nur noch, wo dieser Gangster-Typ jetzt eigentlich wieder hin ist.

In anderen Garagen konnten wir unsere Autos außerdem mit ziemlich fiesen Extras ausrüsten: Maschinengewehre, Ölspuren, Minen oder eine Bombe mit Zeitzünder. Aus einem geklauten Wagen wurde damit nicht nur ein Fluchtfahrzeug, sondern eher ein Bond-Auto.

Und wenn ihr ganz fleißig wart und alle GTA2-Symbole in den Levels gefunden hattet, durftet ihr sogar noch ein paar Bonuslevel spielen. Die waren im Grunde kleine Arcade-Herausforderungen: Autorennen in drei Runden und dabei möglichst viele Passanten über den Haufen fahren oder in kurzer Zeit so viele Gangmitglieder wie möglich umlegen.

Am witzigsten sind aber tatsächlich die Bonuslevel, in denen ihr mit einem bewaffneten Flitzer Jagd auf Eiscreme-Trucks macht. Und jedes Mal, wenn wieder einer explodiert, gibt's den nächsten dämlichen Eiscreme-Wortwitz dazu. Brain Freeze inklusive.

Für den ultimativen Punktebonus eliminiert man eine Reihe Elvis-Imitatoren. Die Hare Krishna aus dem ersten Teil sind jetzt nämlich eine eigene Gang. Quelle: PC Games Für den ultimativen Punktebonus eliminiert man eine Reihe Elvis-Imitatoren. Die Hare Krishna aus dem ersten Teil sind jetzt nämlich eine eigene Gang.

Cheats - Nuthin' but a GTA Thang

Und wenn man keine Lust hatte, das Spiel "normal" zu spielen, dann bediente man sich wieder allerlei Cheats, mit denen man eben auch alle Level inklusive der Bonuslevel freischalten konnte. Als Türöffner diente dazu der Begriff "Gouranga", der es erst ermöglichte, im Namensfeld des Spielers Cheats einzugeben.

In GTA 1 war der Begriff noch ein Bonus für das Ausschalten von Hare-Krishna-Gruppen. Da die Sekte im zweiten Teil aber zur richtigen Gang aufgestiegen ist, musste eine andere Gruppe von im Rudel auftretenden Weirdos herhalten, die man am besten in einem Rutsch überfuhr. Es geht natürlich um Elvis-Imitatoren. Ist doch logisch, oder? Diesmal habt ihr aber den Ausruf "Elvis has left the building" bekommen, wenn ihr alle erledigt habt.

Mit dem "Lasvegas"-Cheat wurden auch einfach mal alle Passanten zu Elvis. Oder ihr zieht allen Leuten die Klamotten aus - ja, Nackt-Cheats gab es auch damals schon, selbst bei so einer Pixelgrafik. Der alte Cheat "Buckfast", der im ersten Teil noch für alle Waffen stand, machte im zweiten Teil dann alle Passanten so aggressiv, dass sie euch direkt volles Pfund aufs Maul hauen wollen. Ein kleiner Troll-Move der Entwickler, der aber auch den Fans des ersten Teils ein bisschen zunickte.

DMA Designs anzüglicher Humor zog sich durch das gesamte Spiel. Wortwitze wie die sammelbaren Spezialautos, die sogenannten "Wang Cars", das Autohaus "Foo Car" oder der russische Clanchef mit dem Namen "Jerkov" sind da nur ein paar Beispiele. Auf Seite 2 geht es mit der chaotischen Entstehung von GTA 2 weiter. Harter Crunch, Rockstar-Marketing und die Frage, warum dieses Spiel über die Ziellinie geprügelt werden musste, werden hier beantwortet. Und was hat eigentlich die Concorde mit der ganzen Geschichte zu tun?

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  1. Seite 1 Gangs, Cheats und Anywhere City
  2. Seite 2 Die chaotische Entstehung von GTA 2
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