In deutschen Händlerregalen glänzt der beste Fußballmanager der Welt schon seit Jahren mit Abwesenheit. Wir erklären im großen Report anlässlich der Veröffentlichung des Football Manager 2015 von Sports Interactive, warum das eine Schande ist.
Wer erst einmal einen 17-Jährigen von seinem ersten Spiel für die Reserve bis hin zum Auflaufen im Champions-League-Halbfinale begleitet hat, der weiß, welch innige Beziehungen man mit seinen virtuellen Schützlingen eingeht. Sports Interactive hat in den letzten Jahren sogar noch die Bemühungen verstärkt, die Balltreter wie reale Personen wirken zu lassen. In Einzelgesprächen werden Probleme wie zu geringe Einsatzzeiten oder kontinuierlich schwache Leistungen diskutiert, Leihgeschäfte schmackhaft gemacht und Transferforderungen abgeblockt. Die allgegenwärtige (Boulevard-)Presse bombardiert Trainer mit einem Strom an immer gleichen Fragen – auch das ist realistisch, achtet mal auf die ideenlosen Sportschau-Interviews nach Abpfiff. Kollegen melden sich zu Wort, Pleitenserien werden sarkastisch kommentiert, Transfergerüchte verbreitet.
Mein Verhalten in diesen Interaktionen, die wie Multiple-Choice-Gespräche daherkommen, haben Auswirkungen. Sensibelchen reagieren allergisch auf Kritik, höhere Siegprämien sorgen für Motivationsschübe oder haben die Folge, dass die überbezahlten Profis nur noch auf der faulen Haut liegen. Die simulierte Welt wirkt lebendig, facettenreich. Überall passiert was, nicht nur im unmittelbaren Umfeld meines Vereins. In jeder Saison entstehen unzählige Geschichten: Überraschungsmannschaften setzen sich durch, Favoriten krebsen im Mittelfeld herum und der Abstiegskampf ist eine Zerreißprobe für die Nerven. Kurzum: Die Welt dreht sich weiter, unabhängig vom Spieler. Genau wie der Football Manager wohl auch weiterhin auf der ganzen Welt einsam seine Kreise an der Spitze der Fußballmanager ziehen wird. Egal ob die deutsche Öffentlichkeit darüber Bescheid weiß oder nicht.
Umstieg leicht gemacht
Wer mit dem Gedanken spielt, als Fussball Manager-Veteran auf das englische Konkurrenzspiel umzusatteln, sollte die wichtigsten Unterschiede kennen.
Quelle: PC Games
Der Football Manager verwendet für 2D- und 3D-Szenen die gleiche Engine, ein stufenloser Wechsel ist problemlos möglich.
Realistische Match-Simulation
Der Football Manager ist näher an der Realität, dadurch aber auch vergleichsweise anspruchsvoll. Die Engine lässt sich stufenlos von 2D auf 3D umstellen. Es gibt Spielerrollen und Taktikeinstellungen mit Auswirkungen.
Keine Nebenschauplätze
Wer wie im EA-FM Würstchenbuden aufstellen will, ist beim Football Manager fehl am Platz. Als Team-Manager müsst ihr dem mächtigen Vorstand gehorchen und könnt allenfalls für ein neues Stadion plädieren, aber keines bauen.
Extrem detaillierte Datenbank
Quelle: PC Games
Der Ausbau des Vereinsgeländes wie im Fussball Manager (Bild) spielt bei der Sports-Interactive-Serie keine Rolle.
Sports Interactive hat das größere Angebot an spielbaren Ligen, deren (teils komplizierte) Regelwerke originalgetreu nachgestellt wurden. KI-Vereine handeln glaubwürdig und Interaktionen mit dem Personal sind wichtig.
Keine deutsche Version/Lizenz
Gute Englischkenntnisse sind nötig, wer zeitnah zum November-Release die neueste Version genießen will. Die deutsche Sprachdatei folgt Monate später, zudem müssen Vereinsnamen und Nationalelf per Datei-Download angepasst werden.
Warum gibt es keine Deutsche Version?
In diesem Artikel
Befragt zu den Hintergründen des ausbleibenden Deutschland-Releases, antworteten alle Beteiligten gleich: mit eisigem Schweigen. Für diesen Artikel versuchten wir mehrfach, eine offizielle Stellungnahme seitens der am Football Manager beteiligten Firmen, der DFL sowie dem derzeit exklusiven Spiele-Lizenz-Partner der Bundesliga, EA Sports, zu bekommen. Unsere Interview-Anfragen blieben allesamt erfolglos. Immerhin ist klar, dass bis zur erneuten Lizenzvergabe 2017 der Football Manager auch weiterhin nicht in Deutschland erscheinen wird. Fraglich bleibt, warum Sega das Spiel nicht einfach ohne offizielle Lizenz in Deutschland veröffentlicht. Bei Anstoss und Pro Evolution Soccer hat's doch auch funktioniert. Vom Football Manager 2005 und 2006 ganz zu schweigen.

http://i.imgur.com/hcfYRae.jpg
Dazu kommt:
- Der Football Manager ist die letzte (und größte) übrig gebliebene kommerzielle Marke
- seit einigen Jahren an Steam gebunden, das heißt, alle (regulären) Kopien sind dort angemeldet, normalerweise
- UK ist mit Abstand der größte Einzelmarkt, aber ca. 60% aller Einheiten, immerhin mehrere hunderttausend Spiele pro Jahr, werden im Rest der Welt verkauft (ein Minimalanteil geht dabei an Deutschland, dem zweitgrößten Markt, wo von Fußballmanagern bis zuletzt jährlich zwischen 100.000-200.000 Einheiten weggingen, der Markt liegt also brach für einen Neuling -- oder eben SI)
Der Spiegel hatte vor ein paar Tagen einen Artikel zur Lage in Deutschland, allgemein: Fußballmanager: Was wurde*aus den Spielen*und Gerald Köhler? - SPIEGEL ONLINE
Mit der Engine kann man Herrn Köhler nur zustimmen, das belegt die Geschichte des Genres. Dazu gibt es die Lizenzgeschichten und natürlich die Startup-Problematik gegen ein extrem etabliertes Produkt, zumindest außerhalb Deutschlands. Trotzdem würde mich mal ein Roundtable interessieren mit alten Hasen genau wie mit aktuellen Lizenzinhabern wie Kalypso (Anstoss) bzw. EA (DFL-Lizenzen) und der DFL selbst. Am Interesse von EA habe ich so meine Zweifel -- als sie damals anfingen, war die Championship-Manager-Marke international bereits harte Konkurrenz, die nie gebrochen werden konnte (ditto Nachfolger Football Manager), und obwohl es eine sehr geräumige Nische ist, wenn man sie besetzt (siehe die Zahlen oben), ist es für ihr Portfolio eine Nische. Wobei die beiden letztgenannten Parteien, ja keine Auskunft zu geben scheinen. Ein Markt von mehreren hunderttausend, der zweitgrößte weltweit, einfach wech bzw. vorwiegend an ältere Titel gebunden. Und eines der traditionellsten PC-Spiele-Genres dazu.
Apropos in Deutschland nicht spielbare Demo, oben erwähnt: Wenn man das hier im Browserfenster eingibt, kann man sie laden. steam://install/295330# Steam muss natürlich installiert sein. Die wird auch immer mit geupdatet und ist auf aktuellstem Stand, was ich bezeugen kann. Bundesligavereine sind aber nicht spielbar, da nicht die komplette Datenbank enthalten ist. Ansonsten geht für eine halbe Saison alles, außer Mehrspielerfunktionen ("Hotseat" sowie Online). Interessant auch zu lesen, dass sich alle Parteien wegen der Lizenzgeschichte so bedeckt halten, auch auf Anfrage. Effektiv hat sie gerade einen Markt mitgetötet, einen, den es über zwanzig Jahre gab -- ich kann mir nicht vorstellen, dass auch andere Hersteller, die infrage kämen (Kalypso als Inhaber der Anstoss-Rechte) ohne Möglichkeit auf Lizenzen richtig groß investieren würden. Einen Extrareport wirds dafür wohl nicht geben, auch wenn es gar nicht unangemessen wäre. Ansonsten wie schon woanders gesagt echt schöner Artikel, einzig das hätte man vielleicht noch erwähnen können, auch weil Deutschland Migrationsland ist und noch andere Sprachen an Schulen gelehrt werden. %-)
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