Call of Juarez
Das kann Call of Juarez: Krachende Schießereien auf den Monitor bringen. Meist ragen zwei Colts in den Bildschirm; die linke Maustaste gilt für den einen, die rechte Maustaste für den anderen. Erledigte Gegner lassen reichlich Munition zurück, deshalb haben Sie fast pausenlos 99 Kugeln dabei. Dass die Pistolen nur eine Handvoll davon fassen, gibt den Duellen etwas Taktisches: Sechs Mal feuern, zurück in die Deckung, nachladen. Die Genauigkeit sinkt, je schneller Sie die Taste betätigen; daher brauchen Sie schon etwas Fingerspitzengefühl, um Gegner zu treffen. Manchmal ist jedoch nicht klar, ob die Patronen ihr Ziel erreichen. Denn die deutsche Version ist von Pixelblut bereinigt. Ein taumelnder Feind, ein wegfliegender Hut müssen als Treffer-Feedback reichen.
Eine Sache der Reflexe
Das Arsenal ist knapp bemessen, kein Wunder bei der Western-Thematik. Neben den Pistolen gibt es Gewehre, abgesägte Schrotflinten, Scharfschützengewehre und Dynamit. Billy versteht sich überdies im Umgang mit Pfeil und Bogen. Eine Bullet Time begleitet deren Einsatz: Wird ein Pfeil gespannt, verlangsamt sich das Spiel für wenige Sekunden, inklusive verzerrter Soundkulisse als akustisches Stilmittel der Zeitlupe.
Auch Ray ist mit übermenschlichen Reflexen gesegnet. Hat er beide Colts geholstert, triggert ein Druck auf die Maustaste die Bullet Time. Daraufhin erscheint an jedem Bildschirmrand ein Fadenkreuz, das sich zur Mitte hinbewegt, wo es dann verschwindet. Sobald die Fadenkreuze auf Gegner zeigen, betätigen Sie entweder die linke oder die rechte Maustaste. Wenn alles glatt läuft, stürzen die Getroffenen nach Beendigung der Slow Motion gleichzeitig zu Boden. Das sind befriedigende Momente, in denen man fragen möchte: Wer will noch mal, wer hat noch nicht?
Gute Reflexe nimmt auch das Duell in Anspruch, ein in Western üblicher Zweikampf, in dem sich die Teilnehmer breitbeinig gegenüberstehen, während der Staub durch die verlassenen Straßen weht. Ray entledigt sich auf diese Weise vieler Zwischengegner. Das Ritual beginnt mit einem Countdown, nach dessen Ende Sie die Maus blitzschnell nach unten bewegen, um anschließend ein zähes Fadenkreuz auf den Gegner zu schubsen. Heranzischende Kugeln lassen sich mit zeitlich gut abgestimmten Seitwärtsbewegungen ausweichen. Der spielerische Gehalt solcher Duelle ist gering, der Coolness-Faktor allein rechtfertigt ihre Existenz.
Abrechnung
Sie werden sich inzwischen fragen, was Juarez bedeuten soll. Das Spiel macht darüber anfangs großes Gedöns: Das sei ein Goldschatz, ein Lösegeld, seinerzeit aufgebracht, um Montezuma freizukaufen. "Der aztekische Sonnengott", sagt der Sprecher im Vorspann, während unheilvoll die Musik spielt, "hat den Schatz mit einem Fluch belegt. Alle, die ihn an sich reißen wollen, werden verrückt und stürzen ins Verderben."
Schon kurz nach Beginn tritt der Schatz in den Hintergrund, wird zugunsten der Charaktere fast nebensächlich. Vielleicht muss man das als Analogie verstehen: Statt den zigsten Zweiten-Weltkriegs-Shooter zu machen, im Spielebusiness ein halber Garant für klingelnde Kassen, hat man sich für den Wilden, vor allem aber frischen Westen entschieden. Das zeugt von Charakter, und der ist mehr Wert als jeder Goldschatz.
