Black & White 2-Entwicklertagebuch Teil 5: Die Story
Als ich noch Reporter war und mich um einen Job als Autor bemühen musste, habe ich die meiste Zeit von zu Hause aus gearbeitet. Allerdings hat meine Ex (und Sie werden gleich merken, warum sie meine Ex ist) es nicht gerafft, dass meine Anwesenheit zu Hause nicht bedeutet, dass ich auch Zeit zum Plaudern habe. Es hat mich so viel Zeit gekostet, mich in meine verschiedenen Figuren hineinzuversetzen, dass ich bei jeder Unterbrechung neu beginnen musste. Also habe ich die Bürotür vor ihrer Nase zugeschlagen - ein dezenter Hinweis darauf, wie wichtig mir Ruhe bei der Arbeit ist. Ja ja, ich weiß, ich war ein Mistkerl.
Ich weiß nicht, wie es anderen Autoren geht, aber ich muss nicht nur die tatsächlichen Emotionen meiner Charaktere nachfühlen, sondern darüber hinaus die ganze Welt von ihrem Blickwinkel aus erleben, um möglichst authentisch und effektiv zu schreiben. Kurz gesagt: Ich muss zu einer dieser Personen werden, wenn auch nur für kurze Zeit. Mit Konzentration und ein bisschen Glück kann ich mich so weit in ihre Welt versetzen, dass ich sie beinahe berühren könnte - dafür brauche ich normalerweise gut 15 Minuten. In diesen besonderen Momenten rieche ich den Waldboden, höre den Regen auf eine Wiese plätschern; ich fühle das Schwert, wie es meine Brust durchtrennt und in mein Herz sticht... eine etwas unwirkliche Erfahrung. Danach bin ich drei Stunden lang wie in Trance, und die Wörter sprudeln sozusagen aus meinen Fingern, als würde mir ein Text diktiert. Das bedeutet natürlich nicht, dass alles, was ich schreibe, immer fantastisch ist - ehrlich gesagt, kann ich fast garantieren, dass die ersten drei Fassungen meiner Werke ziemlich schrecklich sind. Dennoch: So lange ich ungestört bleibe, bin ich einen Schritt weiter.
Daher ist es wohl kaum überraschend, dass mir das Karma einen schönen Streich gespielt hat - vielleicht die Rache für mein bedauerliches Verhalten. Aber könnten Sie eine Freundin verkraften, die ständig Ihren geistigen Fluss stört? In Ordnung, es wird Zeit für ihre 50 Helfer: E-Mails, Kurznachrichten, Meetings, wichtige Fragen, die sofortiger Aufmerksamkeit bedürfen, Aufnahmesitzungen, wirklich unwichtige Dinge, die allerdings interessant anzuschauen sind und nirgendwo eine Tür zum Zuschlagen in Sicht - das alles gehört zu einem normalen Tag bei Lionhead. Sollte einer von Ihnen je mit dem Gedanken spielen, als Autor für einen Spieleentwickler zu arbeiten, hören Sie auf meinen Rat: Lernen Sie, Ihre Konzentration so schnell wie möglich zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her zu transferieren. Das macht die Arbeit sehr viel leichter.
Eine andere Sache, auf die Sie sich unbedingt vorbereiten müssten: dass jeder im Büro Sie mit Ideen für die Story überhäufen wird. Klar, eine Menge dieser Vorschläge wird ziemlicher Müll sein, aber das gilt genauso für Ihre eigenen. Die Schwierigkeit besteht darin, nicht funktionierende Sachen zu streichen und durch bessere Dinge zu ersetzen. Und wenn das bedeutet, eins seiner eigenen geliebten Konzepte zu verwerfen und durch das eines Kollegen zu ersetzen - dann sei es so.
