John Carmack im Mega-Interview: "Niemand gibt 50 Euro nur für gute Grafik aus!"
"Es gibt einfach viel zu viele Code-Zeilen, über eine Million. Die weiß nicht mal ich."
PC Games: Du kommst noch aus den früheren Tagen, als Entwickler wie Götter waren und praktisch im Alleingang ein Spiel entwickelt haben. Oder zumindest in einem kleinen Team. Und das Ganze in ein paar Monaten. Erklär uns doch bitte wie dramatisch sich das geändert hat.
Carmack: "Das hat sich Schritt für Schritt so entwickelt, weil wir immer mehr Leute in unseren Teams hatten von der Quake-Serie bis zu Doom 3 und jetzt Rage. Jetzt haben wir mehrere Teams in der Firma, mit je über 100 Leuten. Es hat sich also viel geändert. Das war aber eine natürliche Entwicklung, weil wir ja auch den Spielen immer mehr abverlangt haben und sich das Budget immer mehr dem von Filmen angenähert hat. Außerdem sollten Spiele nicht mehr nur eine Sache besser und schlauer lösen als andere, sondern alle Aspekte mussten sich auf einem extrem hohen Niveau bewegen. Das kann man mit einem kleinen Team gar nicht schaffen. Es ist wahr, dass ich bis 1999 im Prinzip den gesamten Code selbst geschrieben habe. Bis auf ein oder zwei zusätzliche Programmierer, um das Ganze dann zusammenzufügen. Aber das ist heutzutage einfach nicht mehr möglich. Es gibt einfach viel zu viele Code-Zeilen, über eine Million. Die weiß nicht mal ich. Man kann einfach nicht wissen, wie alles im Detail funktioniert. Man braucht also ein Team aus Top-Programmieren, um alles zusammenzubringen. Es kommt aber auch auf die Plattform an. Vor ein paar Monaten habe ich eine iPhone-Version eines bekannten, in Deutschland aber verbotene, Shooters fast alleine gemacht. Nur ein anderer Programmierer hat mich etwas unterstützt. Ich habe auch allein ein Update des klassischen Doom gemacht. Es ist schön ein bisschen zurück zu den alten Tagen zu reisen, in denen tatsächlich nur eine Person für das ganze Projekt verantwortlich war. Und diese Pause gibt mir ein bisschen mehr den Durchblick, den ich brauche, wenn ich wieder an ein großes Projekt wie Rage zurückkehre."
John Carmack gründete 1991 zusammen mit John Romero id Software. Er erfand das Side-Scrolling für den PC, das erstmals in Commander Keen zum Einsatz kam.
PC Games: Wo ist denn Ihr Platz im Team nach dieser Entwicklung?
Carmack: "Ich bin der technische Leiter der gesamten Firma. Ich entscheide also im großen Maße, in welche Technologien wir investieren und wo unser Fokus eben nicht liegen soll. Meine Rolle ist aber immer noch primär im Engineering, wo ich nicht als technischer Manager für ein Projekt fungiere. Robert Duffy ist der leitende Programmierer, der sicherstellt, dass die 15 Programmierer, die an Rage arbeiten, auch alle etwas Sinnvolles zu tun haben. Ich hingegen schreibe die meiste Zeit neue Systeme, arbeite am Grafik-System, an Optimierungen für die Consoles. Auch am Datenfluss und wie das Pre-Processing funktioniert arbeite ich. Ich stelle sicher, dass der User-Input frei von Verzögerung ist. Mein Anteil am Spiel ist nicht so groß, wie er früher war.
'Wow das hat richtig tolles 3D, wie noch nie, lasst uns das Spiel kaufen!‘ So ist es nicht mehr. Alle großen Titel sind spektakulär auf verschiedene Art und Weise. Ich versuche ein bisschen von meiner Magie und Spezialsauce zum Spiel hinzuzugeben. In vielen Fällen diene ich als Gallionsfigur für id. Womit ich zwar immer noch eine wichtige Rolle spiele aber das Endprodukt ist die Arbeit der vielen talentierten Menschen."
PC Games: Du magst es also immer noch, Tag für Tag zu coden?
Carmack: "Ja, absolut. Ich habe bewusst die Entscheidung getroffen, dass ich nicht von einem außergewöhnlichen Coder zu einem lausigen Manager werde. (lacht)"
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ja ahc, was für eine Erkenntnis!