Ein seltener Besucher: Der Erste Weltkrieg im Spielezimmer - PC Games blickt auf über 25 Jahre Spielegeschichte zurück

9
Special Benedikt Plass-Fleßenkämper - Autor Matti Sandqvist Als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügen
Ein seltener Besucher: Der Erste Weltkrieg im Spielezimmer - PC Games blickt auf über 25 Jahre Spielegeschichte zurück
Quelle: Electronic Arts

Erstmals in der Geschichte der Battlefield-Reihe schickt Entwickler DICE die Spieler auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs. Ein interessanter Schritt, denn der erste globale Konflikt führt ein Nischendasein auf PC und Konsolen. Warum das so ist und welche Titel mit Erster-Weltkrieg-Thematik ihr gespielt haben solltet, erfahrt ihr in unserem Report.

"Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts". So benennen nicht wenige Historiker den Ersten Weltkrieg. Das Zitat geht auf den US-Historiker und -Diplomaten George F. Kennan zurück, der den Krieg 1979 als "the great seminal catastrophe of this century" bezeichnet hatte. Warum? Der
Erste Weltkrieg war ein gigantisches Erdbeben, dessen Auswirkungen die nachfolgende Menschheitsgeschichte wie kein anderer kriegerischer Konflikt zuvor geprägt hat. Die Oktoberrevolution 1917 und den Aufstieg der Kommunisten, die Machtergreifung der Faschisten in Deutschland und den Zweiten Weltkrieg sowie schließlich der Kalte Krieg der beiden bis an die Zähne mit Atomraketen bewaffneten Machtblöcke - all das hätte es in dieser Form wohl nicht gegeben.

Die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs waren durch Stillstand und Abnutzungskampf geprägt. Hier sind britische Soldaten während der Schlacht an der Somme in einem eroberten deutschen Schützengraben zu sehen. Quelle: Wikipedia / John Warwick Brooke Die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs waren durch Stillstand und Abnutzungskampf geprägt. Hier sind britische Soldaten während der Schlacht an der Somme in einem eroberten deutschen Schützengraben zu sehen. Trotz der historischen Bedeutung sind Spiele mit Erster-Weltkrieg-Thematik jedoch relativ rar. In der Frühzeit des Mediums widmeten sich Spieledesigner fast ausschließlich dem Luftkampf und entwickelten Flugsimulationen, zum Beispiel Blue Max (1983), Red Baron (1990) und Wings (1990). Schließlich wagten sie sich an Strategietitel. Einer der ersten: Historyline 1914-1918 (1991) vom deutschen Entwickler und Publisher Blue Byte, ein Ableger des Hexfeld-Kultspiels Battle Isle. Im Shooter-Genre hingegen gibt es erst seit ein paar Jahren einige World-War-1-Vertreter. Doch trotz Spielen wie NecroVisioN (2009) und Konsorten gilt auch hier: Der Zweite Weltkrieg ist bei Entwicklern ungleich beliebter als der Erste.

Der Zweite Weltkrieg als Spieledesigner-Liebling

Das hat natürlich Gründe. Der Zweite Weltkrieg ist, so makaber es auch klingen mag, ein Traum für Spieledesigner. Da sind auf der einen Seite uniformierte, herumpolternde und das "R" rollende Nazis, die in einem verbrecherischen Krieg fast ganz Europa erobert und ein menschenverachtendes Regime errichtet haben. Sie sind nicht nur eine Gefahr für den Weltfrieden, sondern dank einer nicht geringen Spur Größenwahn attraktive Bösewichte. Sie sind gar derart größenwahnsinnig, dass sie glatt mit UFOs auf den Mond fliegen oder mindestens die Bundeslade und Atlantis finden könnten. Kurzum: Nazis sind nahezu entmenschlicht.

Größenwahnsinnig: Im Adventure-Klassiker Indiana Jones and the Fate of Atlantis (1992) begeben sie sich die Nazis auf die Suche nach Atlantis, um dessen fortschrittliche Technologien für ihre Weltherrschaftspläne zu nutzen. Quelle: PC Games Größenwahnsinnig: Im Adventure-Klassiker Indiana Jones and the Fate of Atlantis (1992) begeben sie sich die Nazis auf die Suche nach Atlantis, um dessen fortschrittliche Technologien für ihre Weltherrschaftspläne zu nutzen. Perfekt für ein Schwarz-Weiß-Schema, in dem die Alliierten den Part der Guten übernehmen, die die unterdrückten Menschen von der Unrechtsherrschaft befreien. Vor allem die Underdog-Story, beispielsweise als Widerstandskämpfer, lässt sich hier prima erzählen. Eine Geschichte im Zweiten Weltkrieg können Entwickler somit aufgrund der relativ klaren Verteilung von Gut und Böse einfacher umsetzen.
Beim Ersten Weltkrieg ist die Lage komplexer. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges war der Erdball unter den dominierenden europäischen Mächten weitgehend verteilt, als insbesondere das erst spät gegründete Deutsche Reich, aber auch andere Mächte wie Österreich-Ungarn und Italien ihren Teil am "Platz an der Sonne" forderten. Infolge eines komplexen Bündnissystems unter den europäischen Großmächten genügte trotz einer wirtschaftlichen und sozialen Hochphase des Imperialismus das Attentat eines bosnisch-serbischen Nationalisten auf den österreich-ungarischen Thronfolger und dessen Ehefrau, um Spannungen unter den Großmächten heraufzubeschwören und somit den Ersten Weltkrieg auszulösen.

Aktuelles aus der Battlefield-Reihe: Battlefield 1

Hier ist es mit dem Schwarz und Weiß also nicht so klar. "Ohne naziähnliche Bösewichter ist es schwieriger, eine fesselnde Geschichte zu erzählen, die ohne Fantasie-Elemente wie etwa Zeitreisen oder Zombies auskommt", erklärt Jos Hoebe, von Blackmill Games/M2H, dem Entwickler des im Ersten Weltkrieg angesiedelten Multiplayer-Shooters Verdun aus dem Jahr 2015.

Stillstand versus Mobilität

Klassische Underdog-Story à la WW2-Szenario: Hier sieht ihr eine Szene aus The Saboteur, in dem der irische Widerstandskämpfer Sean Devlin tatkräftig mithilft, Paris von der Nazi-Herrschaft zu befreien. Quelle: PC Games Klassische Underdog-Story à la WW2-Szenario: Hier sieht ihr eine Szene aus The Saboteur, in dem der irische Widerstandskämpfer Sean Devlin tatkräftig mithilft, Paris von der Nazi-Herrschaft zu befreien. Ein weiterer Grund: Die Kriegsführung des Zweiten Weltkriegs bietet viel mehr Möglichkeiten für ein abwechslungsreiches Gameplay. Der Erste Weltkrieg war der erste industrialisierte Krieg; in allen Ländern wurde die Wirtschaft komplett den Bedürfnissen der Front angepasst, Fabriken produzierten Tag und Nacht Kriegsgerät. Soldaten und Militärführer waren auf den Schlachtfeldern von den technischen Neuerungen und dem totalen Krieg überrascht. Statt der von vielen Soldaten erwarteten ritterlichen Kämpfe prägte Massenvernichtung den Alltag. Riesige Artilleriegeschütze beschossen die gegnerischen Stellungen und die Soldaten in ihren Gräben, die Front glich einer Mondlandschaft. In diesem Niemandsland gab es kaum Deckungen. Wenn das Signal zum Angriff erfolgte, nahmen Maschinengewehre die anstürmenden Soldaten ins Visier. Flugzeuge spielten noch keine tonangebende Rolle, ebenso wenig Panzer, die gegen Kriegsende aber bereits andeuteten, wo die zukünftige Kriegsführung hingeht. Hinzu kam, dass es seitens der Militärführung kaum geeignete Infanterietaktiken für die neuen Anforderungen gab. Erst im späteren Verlauf entstanden neue Taktiken wie die des Stoßtrupps. Das bedeutete vor allem eins: Stillstand und Abnutzungskampf. Die Defensive war der Offensive im Ersten Weltkrieg in der Regel weit überlegen.

Für ein Multiplayer-Spiel wie Verdun kann das problematisch sein. Blackmill Games/M2H machte anfangs beispielsweise die Erfahrung, dass die Spieler wie in modernen Online-Shootern im Rambo-Stil vorgingen und sich im Alleingang durchkämpfen wollten. Infolgedessen gab nicht genügend Teilnehmer, um einen konzentrierten Angriff auf eine gegnerische Stellung auszuführen.
Das war im Zweiten Weltkrieg anders und spiegelt sich entsprechend in auf diesem Szenario basierenden Spielen wieder: Die Technologie von Flugzeugen und Panzern war erheblich weiter fortgeschritten, die Kombination aus Luftangriffen, Panzern und Infanterie erhöhte die Mobilität der Armeen und erlaubte schnelle Durchbrüche. Der Blitzkrieg ermöglichte dem Hitler-Regime eine Niederschlagung Frankreichs in nur wenigen Wochen.

Nazis sind die perfekten Bösewichte: In diesem Fall Frau Engel in id Softwares Wolfenstein: The New Order. Quelle: PC Games Nazis sind die perfekten Bösewichte: In diesem Fall Frau Engel in id Softwares Wolfenstein: The New Order. Diese Veränderung hatte ferner noch andere Folgen: Waren vorher nur Regionen im Frontverlauf betroffen, machte sich der Krieg nun nahezu überall bemerkbar, was vor allem die Zivilisten zu spüren bekamen. Folglich waren die menschlichen Verluste deutlich höher als im Ersten Weltkrieg. Auch systematische Kriegsverbrechen trugen hierzu bei. Der Zweite Weltkrieg war somit erheblich brutaler und verlustreicher. Zudem liegt er nicht so lange zurück wie sein Vorgänger - durch Zeitzeugen ist er heute noch präsent. Das führt zum letzten Punkt: Der Zweite Weltkrieg ist ausführlicher dokumentiert. Das macht es für Entwickler wesentlich leichter, an akkurate Informationen zu gelangen.

Ihr seht: Obwohl der Erste Weltkrieg ein bedeutsames Ereignis war, dient er in Spielen nur selten als Schauplatz, weil eine Umsetzung nicht so einfach zu bewerkstelligen ist beziehungsweise andere Szenarien für Entwickler einfach attraktiver sind.
Dennoch existieren zahlreiche Titel, die im Ersten Weltkrieg angesiedelt sind und durchaus spielenswert sind. Wir stellen sie euch auf der nächsten Seite vor und erklären euch ihre Besonderheiten.

Die neue Ausgabe ist da! Mit der Vollversionen Crowntakers und Lost Horizon 2. Titelthema: Prey. Außerdem mit vielen tollen Specials, Tests und Vorschauen. Quelle: PC Games Die neue Ausgabe ist da! Mit der Vollversionen Crowntakers und Lost Horizon 2. Titelthema: Prey. Außerdem mit vielen tollen Specials, Tests und Vorschauen. Achtung: Den vollständigen Artikel mit zusätzlichen Spieleempfehlungen findet ihr in der aktuellen Ausgabe der PC Games. Außerdem sind im Magazin- und Extended-Teil weitere lesenswerte Reports und Specials enthalten. Wir beschäftigen uns unter anderem mit fiktiven Sprachen in Videospielen und ziehen eine schonungslose Bilanz nach sechs Monaten Laufzeit von The Division. Zudem in der PC Games 10/2016 mit dabei: ein prall gefülltes Aktuelles-Teil mit kommenden Highlights wie Prey, Battlefield 1, einem Special zur Call of Duty XP mit den Titel Modern Warfare Remastered und Infinite Warfare, Everspace, Gears of War 4 und Mafia 3 sowie Tests zu Titeln wie Champions of Anteria, Forza Motorsport: Apex, Gears of War: Ultimate Edition, Livelock, Obduction, Pro Evolution Soccer 2017, Recore, Seasons after Fall, World of Warcraft: Legion.

9
  1. Seite 1 Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts in Videospielen
  2. Seite 2 Spiele über den Ersten Weltkrieg
    • Kommentare (9)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von Stern1710 Mitglied
        Nicht zu vergessen ist bei den Schlachten des ersten Weltkrieges, wie bereits durchaus richtig angemerkt, dass die Taktiken noch auf dem technischen Stand nicht aktuellen Methoden basierten. So gab es vor allem zu Beginn wirklich noch häufigere Kavalerieangriffe, auch an der Westfront, vor allem jedoch in den beweglicheren Kriegen im Osten (Galizien) oder im vorderen Teil von Asien zwischen Briten-Russen und dem osmanischen Reich. Letztendlich war auch die, wie der Artikel richtig sagt, Artillerie eigentlich eine sehr unehrenhafte Waffengattung, da diese ja nicht Mann gegen Mann kämpft sondern "feige" aus dem Hinterhalt, was aber letztendlich eine höher Überlebenschance gab (wenig überraschend). Ich kann zu dem Thema den Youtube-Channel "The Great War" empfehlen, welcher sich damit äußerst detailliert Woche für Woche befasst (auf Englisch).
      • Von Stern1710 Mitglied
        Nicht zu vergessen ist bei den Schlachten des ersten Weltkrieges, wie bereits durchaus richtig angemerkt, dass die Taktiken noch auf dem technischen Stand nicht aktuellen Methoden basierten. So gab es vor allem zu Beginn wirklich noch häufigere Kavalerieangriffe, auch an der Westfront, vor allem jedoch in den beweglicheren Kriegen im Osten (Galizien) oder im vorderen Teil von Asien zwischen Briten-Russen und dem osmanischen Reich. Letztendlich war auch die, wie der Artikel richtig sagt, Artillerie eigentlich eine sehr unehrenhafte Waffengattung, da diese ja nicht Mann gegen Mann kämpft sondern "feige" aus dem Hinterhalt, was aber letztendlich eine höher Überlebenschance gab (wenig überraschend). Ich kann zu dem Thema den Youtube-Channel "The Great War" empfehlen, welcher sich damit äußerst detailliert Woche für Woche befasst (auf Englisch).
      • Von hawkytonk Mitglied
        Mit verantwortlich für den 1. WK. dürfte auch die katastrophale wirtschaftliche Lage (bzw. Aussicht) der Bündnis-Länder durch die Lateinische Münzunion sein.
      • Von Wut-Gamer Spiele-Kenner/in
        Zitat von SergeantSchmidt
        Ersteinmal danke ich dir für deine tolle und erklärende Antwort. Ich hatte den Satz eher so aufgefasst als das man(n) damals dachte man wird im Krieg wie z.b. zu den Zeiten des Sezessionskrieges kämpfen. "Ritterlich" so nach dem Motto Mann gegen Mann, jeder in Reih und Glied, gegenüberstehend und nachdem das Magazin leer war wird aufeinander zugestürmt.
        Die allgemeine Vorstellung von Krieg war damals tatsächlich noch sehr vom Deutsch-Französischen Krieg und anderen kleineren Konflikten des 19. Jahrhunderts geprägt, wo durchaus noch offene Feldschlachten inklusive glorreicher Kavallerieattacken ausgetragen wurden.
        Das war im 1. WK aber durch den Fortschritt der Waffentechnik kaum noch möglich.
      • Von SergeantSchmidt Spiele-Enthusiast/in
        Zitat von WeeFilly
        Ja, schon! Man hatte den Krieg nach dem jahrelangen Wettrüsten schon fast sehnlich erwartet, und so war man erfreut, als der Kaiser den Krieg erklärte und griff voll Eifer, Vaterlandsliebe und Tatendrang zur Waffe in dem festen Vertrauen, einen kurzen, ehrevollen Krieg führen zu können; so hatten viele angenommen, noch vor Weihnachten desselben Jahres (1914) zurück sein zu können.

        Ersteinmal danke ich dir für deine tolle und erklärende Antwort. Ich hatte den Satz eher so aufgefasst als das man(n) damals dachte man wird im Krieg wie z.b. zu den Zeiten des Sezessionskrieges kämpfen. "Ritterlich" so nach dem Motto Mann gegen Mann, jeder in Reih und Glied, gegenüberstehend und nachdem das Magazin leer war wird aufeinander zugestürmt.
      • Von WeeFilly Mitglied
        Zitat von SergeantSchmidt
        "Statt der von vielen Soldaten erwarteten ritterlichen Kämpfe prägte Massenvernichtung den Alltag." Hat man das derzeit wirklich noch angenommen? So gut kenn ich mich nicht aus desswegen ist das eine Ernst gemeinte Frage.
        Ja, schon! Man hatte den Krieg nach dem jahrelangen Wettrüsten schon fast sehnlich erwartet, und so war man erfreut, als der Kaiser den Krieg erklärte und griff voll Eifer, Vaterlandsliebe und Tatendrang zur Waffe in dem festen Vertrauen, einen kurzen, ehrevollen Krieg führen zu können; so hatten viele angenommen, noch vor Weihnachten desselben Jahres (1914) zurück sein zu können.

        So was in etwa ist mir im Kopf geblieben zum Thema Euphorie:
        [Ins Forum, um diesen Inhalt zu sehen]

        Vielerorts wurden die ausziehenden blumengeschmückten Soldaten von jubelnden Menschenmassen zum Bahnhof etc. geleitet. Hier die jubelnden Massen auf dem Hamburger Rathausmarkt:
        [Ins Forum, um diesen Inhalt zu sehen]

        Etwas verstörend, einen derartigen Jubel über die Mobilmachung des Heeres an einem so vertrauten Ort zu sehen...

        Allerdings stellte sich, nachdem die erhofften schnellen Erfolge ausblieben, die Offensive mehr und mehr ins Stocken geriet und es sich abzeichnete, dass der Krieg um ein sehr viel längeres wüten sollte schnell Ernüchterung ein, gefolgt von Kriegsmüdigkeit - nicht zuletzt durch die immer härter werdenden Lebensbedingungen auch weit abseits der Front.
      Direkt zum Diskussionsende
  • Print / Abo
    Apps
    PC Games 06/2026 PCGH Magazin 07/2026 play5 07/2026 N-Zone 06/2026 Linux Magazin 06/2026 LinuxUser 06/2026 Raspberry Pi Geek 07/2026
    PC Games PC Games Hardware Linux Magazin Raspberry Pi Geek Computec Kiosk