Fallout 4: Kolumne eines Spielers, der 70 Stunden spielte
Vielerorts wird gemosert, Fallout 4 sei gar kein richtiges Rollenspiel und daher eine mittelgroße Enttäuschung. Wenn Fallout 4 wirklich ein Reinfall ist, dann aber wohl einer der unterhaltsamsten der vergangenen Jahre, findet PC Games-Redakteur Max Falkenstern. In seiner Kolumne schildert er, warum ihm seine 70-stündige Reise durchs Ödland positiv in Erinnerung bleibt.
261 Stunden gespielt, Daumen runter. Keine Empfehlung für Fallout 4, ist ganz klar! Wer sich im Internet über die Meinungen zum jüngst veröffentlichten Endzeit-Rollenspiel informiert, könnte den Eindruck gewinnen, Bethesda habe da die reinste Gurke produziert. Probiert es selbst aus und scrollt durch die Einzelwertungen der Steam-Nutzer: 82, 146, 290 Stunden - eine ganz schön hohe Spielzeit dafür, dass einem Fallout 4 nicht gefallen hat. Nicht falsch verstehen, die im Fallout 4 Test und Peters Kolumne angesprochenen Kritikpunkte sind durchaus berechtigt. Das Dialogsystem ist zu simpel, Entscheidungen wirken sich kaum aus, die Hauptstory kommt nicht in Fahrt und von den enttäuschenden Enden möchte ich gar nicht erst anfangen.
Aber gleich ein Reinfall, eine mittelgroße Enttäuschung? Diese gefühlte Negativität liegt mir nicht - und die mehr als 2.000 Leser, die in unserer Zufriedenheitsumfrage angeben haben, Fallout 4 sei für sie das bislang beste Spiel der Reihe, sehen das womöglich genauso. Für mich überwiegen in der Summe die positiven Dinge, von denen es in Fallout 4 zweifellos wirklich eine Menge gibt. Warum wäre ich sonst 60, 70 Stunden durchs Ödland gelaufen, wo ich die Zeit doch vielleicht in andere Spiele und Hobbys hätte sinnvoller investieren können? Lassen wir doch einfach mal die Vergleiche mit den Vorgängern sein und betrachten Fallout 4 als eigenständiges Spiel. Als eigenständiges Open World-Spiel mit sagenhaft großer und gleichzeitig enorm detaillierter Spielwelt. Ich habe die Hauptstory nach der ersten Bekanntschaft mit den Minutemen links liegen gelassen, um auf Entdeckungstour zu gehen. Und ich wurde nicht enttäuscht, denn zu entdecken gibt es in Fallout 4 reichlich.
Der Reiz am Erkunden
Warum wäre ich sonst 60, 70 Stunden durchs Ödland gelaufen, wo ich die Zeit doch vielleicht in andere Spiele und Hobbys hätte sinnvoller investieren können?
Hier eine verlassene Bar mit einem versteckten Tresor, dort ein Krankenhaus mit Supermutanten - und war das nicht in der Ferne ein glühender Krater, in dem verrückte Sektenmitglieder hausen? Richtig Klick gemacht hat es bei mir, als ich im nordöstlichen Teil des Ödlands ein Seniorenheim betreten habe. Die Räume der einstigen Bewohner wurden gemäß ihrer Vorlieben eingerichtet. Da gab es etwa die (verrückte) Katzenlady, den alten Seebären und den ambitionierten Maler. Durch einen Hinweis erfährt man von Tresorschlüsseln, die für die an Gedächtnisschwund leidenden Patienten an bewusst ausgesuchten Orten in den Zimmern versteckt wurden. Bei der Katzenlady etwa unter einem Futternapf.
Quelle: PC Games
Schlüssel unterm Farbpinsel: Bethesda weiß in Fallout 4 auch ohne Dialoge und Zwischensequenzen klasse Geschichten zu erzählen - und zwar einfach durch die Umgebungen.
Diese Form des "Environmental Storytellings" ganz ohne Dialoge und Figuren, die Bethesda wie kaum ein anderes Studio beherrscht, hat mich wirklich begeistert und macht das Erkunden der Spielwelt abseits der Beutejagd so attraktiv. Dafür nehme ich sogar die unglaublich nervigen - da häufigen - Ladepausen in Kauf. Kann es eigentlich ein noch ein größeres Lob geben? Ich denke nicht. Fallout 4 scheint dem Spieler auch geradezu zuzubrüllen: "Hey, wenn du keinen Bock auf dieses oder jenes hast, zieh doch einfach einfach weiter. Ich habe noch so viel mehr zu bieten!"
Ein auf den ersten Blick kleines Detail mit großer Wirkung: In welchem anderen Spiel kann ich schon während eines laufenden Dialogs einfach aussteigen, indem ich mich von meinem Gesprächspartner vor mir entfernte? NPCs einfach den Rücken kehren und ihnen die kalte Schulter zeigen, wenn sie mich nerven? Und das ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Ja, Hardcore-Rollenspieler rümpfen hier vielleicht die Nase, aber mir gefällt das Zwanglose an Fallout 4, in dem sich übrigens auch seine ganz eigene Form von Rollenspiel entdecken lässt. Wo Fallout 4 an manchen Stellen verloren haben mag, gewann es an anderen eben auch hinzu.
Viele Kämpfe? Ja, aber mit hohem Spaßfaktor!
Quelle: PC Games
Fallout 4 ist klar mehr Shooter als der Vorgänger - aber die Kämpfe haben zumindest mir jede Menge Spaß bereitet.
Es ist aber nicht nur die offene Spielwelt, die mich in Fallout 4 hineingezogen hat. Auch die Shooter-Kämpfe machen in der Fortsetzung einfach mehr Spaß. Klar, das Gunplay ist noch lange nicht so genial wie in Destiny oder Far Cry 4. Langweilig wurde mir die x-te Säuberung der Landstriche von Ghuls, Supermutanten und Mirelurks aber nie. Das Zielen und Feuern mit Lasergewehren, Maschinenpistolen und Raketenwerfern fühlt sich einfach gut an - und zwar so gut, dass ich das V.A.T.S oftmals gar nicht verwendet habe! Steigt man dann noch in die Power-Rüstung, meint man, in einem stählernen Panzer zu sitzen. Und dann ist da noch die Vielfalt an unterschiedlichen Waffen: Über die Nützlichkeit exotischer Schießeisen wie der Eiskanone oder der Junk-Jet-Knarre, die Müll verschießt, lässt sich zwar streiten - aber hey, es gibt sie, die eine oder andere Überraschung. Es gibt sie, die Entdeckungen, mit denen man nicht gerechnet hätte wenn man sich auf die Ödland-Reise einlässt und nicht mit bereitliegendem Walkthrough loszieht. Was habe ich mich etwa gefreut, als ich für den Fund des gestrandeten Aliens mit einem exklusiven Blaster belohnt wurde! Ideenarmut kann man Bethesda jedenfalls nicht vorwerfen.
Auch das Positive sehen
Fallout 4 hat natürlich noch mehr zu bieten: Siedlungsbau, Waffen-Crafting, komplett vertonte Charaktere (ja, auch die wirken mit Blick auf die Fallout-Historie seltsam - aber sind sie deswegen schlecht?). Das Crafting gibt der Spielwelt mehr Tiefe, weil man Items nicht nur einsammelt, um vielleicht ein bisschen Gewinn herauszuschlagen, sondern weil man den Wert (die enthaltenen Materialien) kennt und schätzt. Der Siedlungsbau sorgt für ganz neue Spielergeschichten. Wer selbst keine Lust aufs Häuslebauen hat, der kann bewundern, welche Siedlungen andere ins Ödland zimmern. Und wie sie der Spielwelt dabei ihren eigenen Stempel aufdrücken, wie es in Bethesda-Spielen bisher nicht möglich war.
Alle coolen Features hier noch einmal aufzuzählen (dafür hatten wir ja bereits unseren Test), würde den Rahmen sprengen. Doch leider habe ich den Eindruck gewonnen, dass sich die jüngste Diskussionen um Fallout 4 (und diversen anderen Spielen) eher darauf konzentrieren, alles aufzuzählen, was im Vergleich zu den Vorgängern fehlt, anstatt sich über jene Dinge zu freuen, die da sind und die Bethesda offenkundig verbesserte. Wir stürzen uns gerne aufs Negative - Mäkeln fällt leicht. "Fallout 4 ist ein tolles Open World-Spiel, aber ein auf hohem Niveau enttäuschendes Fallout" - Kommentare in dieser Art liest man seit dem Release häufig. Und der Fokus scheint dabei meist auf der Enttäuschung zu liegen.
Fallout 4 hätte besser sein können, keine Frage. Aber über welches Spiel lässt sich das nicht sagen? Freuen wir uns doch darüber, dass Fallout 4 eben ein tolles Open World-Abenteuer geworden ist, in dem wir nicht auf Türme klettern müssen um die Spielwelt freizuschalten und das uns als Spieler für voll genug nimmt, um uns einfach ins Geschehen zu werfen. Ganz ohne Händchenhalten. Unter mit der Option, jederzeit den Kurs zu ändern. Das zum Bersten mit Details gespickte Commonwealth ziehe ich jedenfalls Washington D.C und Las Vegas vor. Fallout 4 hat seine Makel, hat womögliche einige RPG-Elemente aufgegeben. Aber, und das ist meiner Meinung nach letztendlich entscheidend, auf der anderen Seite neue Stärken dazugewonnen. Ich bereue jedenfalls keine Sekunde in meinen insgesamt knapp 70 Stunden im Ödland. Von mir gibt's einen klaren Daumen nach oben.

Ich gehöre auch zu denen, die das Spiel auf DVD gekauft haben, nur um dann festzustellen, dass er lediglich 5gb installiert und ich die restlichen 20 über meine 6000er Leitung ziehen darf. Natürlich hat mich das an dem Tag massiv geärgert (besonders, wenn die ganze Freundesliste schon am Zocken ist und im TS über nix anderes mehr redet).
Auch ich gehöre zu denen, die das Dialogsystem von New Vegas gut fanden und etwas enttäuscht sind, dass die Perks garkeinen Einfluss mehr auf Gespräche haben.
Ich gehöre aber auch zu denen, die das neue Perksystem 100mal spannender und interessanter finden, als das alte System und die sich jezt schon über die ganzen Mods freuen, die es gibt, obwohl das G.E.C.K. noch nichtmal draußen ist.
Ich habe trotz einiger Schwächen einen Riesenspass an Fallout 4 und werde den auch weiterhin haben.
SPOILER https://www.youtube.com/w... SPOILER
Ganz groß ist ja auch die 5-GB-Kaufen-20-GB-Runterladen-Posse der Retail-Fassung, die dem Spiel derzeit komplett - und vollkommen zu Recht - seine Amazon-Bewertungen versaut, und zwar gleichermaßen hierzulande wie in den USA oder in England. Wie blöd muss man eigentlich sein, um seine Kunden völlig grundlos derart vor den Kopf zu stoßen, insbesondere wenn auf der Packung noch nicht einmal klar vermerkt ist, dass nicht nur Kleinigkeiten herunter geladen werden müssen (etwa die Game-Exe), sondern praktisch das gesamte Spiel? So was ist wirklich ganz hart an der Grenze zur arglistigen Täuschung, gerade für die Leute, für die sich aufgrund langsamen Internets oder einer Volumenbegrenzung durch eine Retail-Fassung überhaupt erst eine realistische Möglichkeit ergibt, ein Spiel mit vertretbarem Aufwand spielen zu können.
Wäre das Spiel 60 oder 70 GB groß und hätte man deshalb mehr als ein Dutzend DVDs in die Packung legen müssen, hätte ich den Verzicht darauf ja vielleicht noch verstehen können, aber fünf DVDs sind ja wohl vollkommen vertretbar (und waren es im CD-Zeitalter ja auch), sowohl kostenmäßig als auch logistisch. Zumal es ja auch so was wie Dual-Layer-DVDs gibt, von denen sogar drei gereicht hätten.
Ehrlich, ein Publisher, der eine solche Haltung an den Tag legt, ist garantiert keiner, von dem ich in Zukunft noch ein Spiel kaufen muss. Den Mittelfinger kann ich mir auch selber zeigen ...
Hab mir extra das Lösungsbuch gekauft um zu sehn, wie unterschiedlich man die Quests abschließen kann (ist nicht grad überwältigend).
Das Spiel macht ja auch spaß, nur gefällt mir die Richtung in die es geht nicht...
PS.:
Unten noch ein Video über Bethestas tolle Marktstrategie....
SPOILER https://www.youtube.com/w... SPOILER
Text enthält eigen Meinung!