Wasteland 2: Test: Rückwärts gewandte RPG-Unterhaltung für Geduldige
In 50 Stunden durchgespielt: Unser Langzeit-Test zu Wasteland 2 enthüllt Stärken und Schwächen des Endzeit-Rollenspiels. Warum die Rundenkämpfe nicht allzu taktisch ausfallen und das Spiel im Vergleich mit dem Klassiker Fallout den Kürzeren zieht, lest ihr in unserem umfangreichen Review samt Testvideo.
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Man sollte meinen, es wäre erniedrigend genug, im Müll anderer Leute nach nützlichen Gegenständen zu suchen. Das sieht Wasteland 2 anders. Hier wühlt man im Müll anderer Leute - und löst dabei eine Falle aus! Herr Gott nochmal, wer sichert denn bitte Müllsäcke, im Freien herumstehende Kisten, ja selbst Kuhfladen mit Sprengstoff? Die Antwort ist simpel: Brian Fargo und sein Team von Inxile Entertainment tun das. Und warum? Weil das früher, zu den alten Glanzzeiten der PC-Rollenspiele ja genauso war! Eine Begründung, zu der die Macher bei der Entwicklung von Wasteland 2 wohl so manches mal gegriffen haben - anders sind die vielen nervigen Design-Entscheidungen des Endzeit-RPGs kaum zu erklären.
Natürlich spielt das für die größten Fans von Wasteland 2 keine Rolle: die Kickstarter-Unterstützer. Über 60.000 Spieler haben Brian Fargo & Co. vorab gut drei Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt, um den Nachfolger eines 26 Jahre alten Spiels (Wasteland) mit den Qualitäten der ersten beiden Fallout -Spiele zu kombinieren. In dieser Hinsicht ist Wasteland 2 ein voller Erfolg. Auch wenn Vorkenntnisse nicht nötig sind, gibt es dutzende Anspielungen auf das erste Wasteland sowie die Fallout-Spiele. Dass Wasteland 2 aber einen ähnlichen Einfluss auf die Spielebranche haben wird, wagen wir zu bezweifeln. Dafür leistet sich das Spiel zu viele Fehler.
Hohe Einstiegshürde
Quelle: PC Games
Die Disco-Roboter blenden unsere Helden und verringern so ihre Trefferchance.
Die Mindestanforderungen von Wasteland 2 würden wir gerne um einen Punkt ergänzen: Durchhaltevermögen. Das ist nicht nur aufgrund der beachtlichen Spielzeit von mindestens 50 Stunden nötig. Nein, Spieler müssen sich zudem durch den sehr frustigen Spielstart durchbeißen. Der beginnt mit der Charaktererstellung: Ihr kreiert vier Desert Rangers, die in den postapokalyptischen Ruinen der Vereinigten Staaten von Amerika für Recht und Ordnung sorgen sollen. Das Problem: Ohne Vorkenntnisse und in Abwesenheit eines Tutorials ist es sehr schwer, sich für die richtige Kombination aus Attributen und Talenten für jede Figur zu entscheiden.
Ein späterer Neustart ist fast schon zwingend notwendig, denn Wasteland 2 scheut sich nicht davor, den Spieler in eine Sackgasse rennen zu lassen: Wenn man nach drei Stunden feststellt, dass man ohne das Talent zum Entschärfen von Sprengstoff kein Land sieht, hilft nur der Neustart. Das ist erbarmungslos, das ist old-school, das ist aber auch reichlich frustrierend und kein gutes Design. Bei der Gestaltung der Party geht es schlicht darum, möglichst viele Skills abzudecken, um in jeder Situation das richtige Werkzeug zur Hand zu haben. Immerhin dürft ihr die Gruppe im Spielverlauf noch mit bis zu drei Gefährten aus einem Pool von 15 NPCs ergänzen. Da diese alle eigene Skill-Verteilungen mitbringen, ist es für die Planung der originalen Vierertruppe extrem praktisch, die Stärken der Begleiter vorab zu kennen. Wir empfehlen daher einen Blick in einen entsprechenden Guide.
Für Zahlenfanatiker und alle, die schon ewig auf ein Rollenspiel mit derart komplexer (man könnte auch sagen: komplizierter) Charaktererstellung warten, ist das natürlich der Himmel auf Erden. Die perfekte Party zu gestalten, macht eine Menge Spaß und nimmt viel Zeit in Anspruch; die wenigen verfügbaren Talentpunkte zu verteilen, kommt einer Folter gleich. Trotzdem: Mit einem Tutorial samt Beispielgruppe oder der Möglichkeit, vergebene Skillpunkte im Nachhinein neu zu verteilen (Respec), würde sich Wasteland 2 um einiges angenehmer spielen.
Quelle: PC Games
Uff: Die Charaktererstellung ist komplex, Tüftler freuen sich über zahlreiche zu erlernde Skills.
Befremdlich: Die sieben Attribute wie Charisma oder Stärke haben ausschließlich Auswirkungen auf den Kampf, viel wichtiger sind die satten 29 Skills. Das fängt damit an, dass euer Charakter ohne Waffe startet, wenn ihr nicht zumindest einen Punkt auf den Umgang mit Pistolen, Nahkampfwaffen oder anderen Bleispritzen verwendet. Ein Charakter kann zudem noch so stark sein; besitzt er nicht den entsprechenden Skill, darf er keine Wände zum Einsturz bringen. Einer eurer Helden ist superintelligent? Schön für ihn, aber allein dadurch repariert er Toaster (!) auch nicht besser oder hackt Computer schneller. Hier hätten wir uns zumindest gewünscht, dass die Attribute anteilige Auswirkungen auf die Erfolgschance haben.
Mau sind auch die Möglichkeiten zur Individualisierung: Zwar dürfen wir das Aussehen unserer Figuren bestimmen und ein Portrait auswählen (wahlweise vorgefertigt oder als 3D-Modell) und ihnen sogar eine eigene Biographie in den Charakterbogen schreiben. Anschließend verändert sich das Aussehen aber kein Stück mehr: Angelegte Ausrüstung wird mit Ausnahme der Waffen nicht angezeigt. Sprachausgabe gibt es für das originale Heldenquartett zudem überhaupt nicht. Aber das ist kein Wunder, denn mit dem gesprochenen Wort geizt Wasteland 2 allgemein. Dafür gibt es jede Menge Futter für Leseratten.
Viel zu lesen
Quelle: PC Games
Die Dialoge sind klasse geschrieben, die Quests bieten fast immer mehrere mögliche Verhaltensweisen.
Im Sommer stellte bereits Divinity: Original Sin unter Beweis, dass Rollenspeler gerne am PC lesen und eine Vollvertonung kein Muss ist. Anders als das erfolgreiche Larian-Projekt begräbt Wasteland 2 Spieler aber nicht unter Bergen an langweiligen Dialogen, aus denen man sich die wenigen Perlen herauspicken muss. Die Gespräche mit den zahllosen NPCs sind auf den Punkt gebracht und oftmals sehr humorvoll geschrieben. Wir treffen schräge Figuren und Fraktionen. Die Mannerites legen etwa Wert auf gepflegte Umgangsformen und antworten nur auf Hilferufe anderer Ödland-Bewohner, wenn diese allen Regeln der Höflichkeit entsprechen. In einem Canyon beten derweil verrückte Mönche eine Atomrakete an und sprengen sich voller Eifer selbst in die Luft. Wir treffen auf Drogendealer mit löchrigem Kurzzeitgedächtnis und adoptieren ein Mutantenkind namens "Night Terror", das Menschenfleisch als Süßigkeit schätzt und uns darüber informiert, dass es allergisch gegen Erdnüsse ist.
Die NPC-Gefährten, die sich unserer Vier-Mann-Party anschließen, sind zum Großteil herrlich exzentrische Persönlichkeiten. Unter anderem treffen wir einen Obdachlosen, der gut mit seiner Schrotflinte umgehen kann - im Englischen passenderweise als "Hobo with a Shotgun" umschrieben wie der gleichnamige Film. Die Interaktion mit diesen Begleitern beschränkt sich aber auf ein paar (amüsante) Oneliner. Wer wie in Baldur's Gate 2 und Konsorten ausschweifende Gespräche, spezielle Begleiter-Quests und emotionale Bindungen zum Rest der Truppe erwartet, wird enttäuscht. In Wasteland 2 sind die Charaktere lediglich Zahnräder in der perfekt geölten, auf alle Eventualitäten vorbereiteten, fürs Überleben im Ödland perfektionierten Maschine, zu der wir unsere Grupppe formen.
Quelle: PC Games
Die Spielwelt profitiert enorm von atmosphärischen Funkmeldungen und detailverliebten Textbeschreibungen (unten rechts).
Entdecker haben Spaß
Der Fokus auf das geschriebene Wort tut der dichten Atmosphäre keinen Abbruch; die schmutzige Endzeit-Atmosphäre profitiert im Gegenteil stark von den detailverliebten Beschreibungen von Umgebungen, Gesprächspartnern und Gegenständen. Dazu gibt es eine Menge zu erkunden und zu finden: Auf einer großen Übersichtskarte reist ihr in den zwei Regionen Arizona und Los Angeles von einem Ort zum anderen und stoßt unterwegs auf geheime Item-Lager (unter anderem die berühmt-berüchtigte E.T.-Müllhalde von Atari). Ihr findet mysteriöse Schreine, ulkigerweise meist in der Form alter Videospielkonsolen, berührt Katzenstatuen, die euren Helden Bonus-Skillpunkte verleihen, und sammelt jede Menge verrückten Schrott.
Quelle: PC Games
Schräg: An solchen geheimen Schreinen gibt's Bonuserfahrung.
Egal ob Vibrator, Mondlandungs-Foto, Lovecrafts sagenumwobenes Necromonicon oder eine Original-Diskette von Wasteland 1: Zu jedem Gegenstand gibt es eine amüsante Beschreibung und vieles lässt sich für die Lösung von Mini-Quests verwenden. So schenkten wir etwa einem Händler eine VHS-Kasette mit der TV-Serie MacGyver und bekamen anschließend einen Rabatt auf alle Waren. Wer Freude daran hat, in einem Rollenspiel jeden Stein umzudrehen, findet in Wasteland 2 unter jedem zweiten etwas Interessantes, Witziges oder Kurioses. Da fällt es auch nicht weiter auf, dass die eigentliche Inszenierung nach heutigen Maßstäben stark zu wünschen übrig lässt: Zwischensequenzen sind eine Seltenheit und aufgrund der detailarmen Optik mit ihren rudimentären Animationen kommt kaum Dramatik auf. Stattdessen gibt es Standbilder und natürlich jede Menge Dialogfenster mit Text.
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Um das Geschriebene vollständig genießen zu können, sind jedoch vorerst gute Englischkenntnisse vonnöten. Die deutschen Untertitel strotzen vor Grammatikfehlern; zu lange Wörter gehen über Schaltflächen hinaus und manches wirkt wie mit dem Google Translator übersetzt. Dazu fehlen in einigen Gesprächen deutsche Dialogoptionen, wodurch Quests nicht abzuschließen sind. Auch manch einem NPC-Gefährten wird es verwehrt, sich der Gruppe anzuschließen, weil der entsprechende deutsche Menüpunkt nicht existiert. Dazu gesellen sich englische Textfragmente. Unser Rat: Wer Wasteland 2 auf Deutsch spielen möchte, für den heißt es derzeit "Finger weg!".

Das mit den kritischen Fehlschlägen empfinde ich auch so, die Häufigkeit ist etwas willkürlich. Old school: vor jeder Aktion speichern und ggf. neu laden.
Dabei frage ich mich, ob sich die Ladezeiten verkürzen werden, wenn ich das Spiel auf meine SSD installiere...?
Klar: Ne Stange Dynamit oder ne Panzerfaust auf nen Holzzaun und es ergibt keinen Kratzer. :-B
Jaaaa, ich habe das auch gemacht. :-D
Schöner Test von Peter, ich kann die meisten Kritikpunkte nachvollziehen und finde insbesondere diese "Früher war das halt so" Einstellung nicht immer gerechtfertigt. Es gibt durchaus Sachen, die man auch in Wasteland 2 einbauen könnte, die das Spiel nicht "verdummen" würden. Und mir geht dieses Mantra-artige "Früher war alles besser" manchmal ziemlich auf den Zeiger....wer früher mal Sachen wie Daggerfall gespielt hat oder bei einem Rollenspiel nach zig Stunden gemerkt hat, dass man sich verskillt hat und deshalb nicht weiterkommt, kann vielleicht nachvollziehen, dass auch früher nicht alles Bombe war.
Trotzdem werde ich mir Wasteland 2 zu Weihnachten wünschen und hoffen, dass man bis dahin vielleicht nochmal das Kampfsystem bzw. die Gegner K.I. überarbeitet hat.