Titan Reforged: So funktioniert das neue WoW-Endgame
WoW Titan Reforged bringt Classic, TBC und WotLK zusammen und verändert Raids, Loot und Fortschritt grundlegend.
Okay, cool. Aber was ist Titan Reforged denn jetzt genau?
Bevor wir einen größeren Abstecher nach China unternehmen, räumen wir zunächst mit sämtlichen Gerüchten auf, die unserem Verständnis im Weg stehen könnten. An erster Stelle steht eine umfassende Erklärung, worum es sich bei Titan Reforged exakt handelt, denn Dinge wie "Bossrush" können alles Mögliche bedeuten.
Schnappt euch also ein leckeres Heißgetränk und lasst die formschönen Buchstaben auf dieser Seite glasklare, organisierte Information in euren Hippocampus pumpen. Grob zusammengefasst handelt es sich bei TR um eine Neuauflage der Classic-Ära bis einschließlich Wrath of the Lich King, welche die alte Trilogie in einem komprimierten, feingetunten Endgame auf Stufe 80 präsentiert. Die Grundgerüste, sprich die Talente und Fähigkeiten, basieren auf WotLK, während alle Bosse durch die Bank hinweg auf Stufe 80 angehoben wurden.
Anstatt jedoch Classic, TBC und WotLK in Sequenz durchzuspielen, öffnen die Schlachtzüge hier in einer zufälligen Reihenfolge, die zudem straff getaktet ist. Beim Serverstart in China war es zum Beispiel so, dass die Spieler Ragnaros als erstem Boss gegenüberstanden, danach folgte Kael'thas, dann mit einiger Wahrscheinlichkeit der Lichkönig. Achtung: "Außerhalb der Sequenz" muss nicht zwingend bedeuten, dass ihr zuerst Inhalte neuerer Erweiterungen abackert.
Auch Onyxia, Karazhan, Gruul, Magtheridon und fast alle Raids in Nordend zu überspringen, stellt eine Änderung der Sequenz dar. Wenn ihr euch nun die Haare rauft und bereits die Gruppengröße und Schwierigkeit ausrechnet, die euch möglichst schnell durch die Raids bringt, können wir euch beruhigen: Es gibt nur einen einzigen Schwierigkeitsgrad (normal) und eine Schlachtzuggröße (25 Spieler). Das gilt auch für Inhalte, die normalerweise die Größen 10/20/40 aufwiesen.
In diesem Artikel
Quelle: Blizzard
WoW erfreut sich in China einer mörderischen Beliebtheit - ebenso dramatisch war die Enttäuschung, als Blizzard und NetEase sich nicht auf eine Lizenzvereinbarung einigen konnten.
Die Endgameausrüstung auf diesen Servern wurde ebenfalls komplett auf Stufe 80 befördert und in ihrer Funktion auf links gedreht. In Classic WoW musstet ihr volle acht Teile eines Sets anlegen, um seine Boni zu genießen, während diese Regelung ab TBC auf vier Slots heruntergeregelt wurde. Diese Sets nahmen jeweils die gleichen Ausrüstungsslots ein, also konnte man auch nur ein Ensemble zur gleichen Zeit tragen. So weit, so logisch. Titan Reforged ändert das Drehbuch hier drastisch, indem fast alle Sets die 4-Teile-Regelung aufweisen, mit Ausnahme der T2.5-Klamotten aus Ahn'Qiraj, welche bereits ab drei Teilen den Raketenantrieb zünden.
Zusammengefasst und in harten Zahlen: Ab 2 Teilen bekommt ihr den kleinen Bonus, ab 4 Teilen den großen und die Käfer-Sets stellen mit 3 Teilen die Wildcard dar. Aaaaber, und jetzt haltet euch fest: Titan Reforged platziert die Set-Mechanik auf allen acht Teilen eines bestimmten Sets! Das bedeutet, ihr könnt Setboni stapeln und wilde Kombinationen wie 4+4, 4+2+2, 2+2+2+2 oder 2+2+3 ins Feld führen. Nun stellt euch vor, ihr habt den Lichkönig gelegt, als Nächstes wird Onyxia freigeschaltet - und ihr zieht mit eurem völlig aufgedonnerten, wild blinkenden, mit Bonuseffekten überladenen Superhelden in die Schlacht. Als letzten Bonus für Helden der Maximalstufe könnt ihr legendäre Waffen wie Donnerzorn (gesegnete Klinge des Windsuchers) upgraden und mit neuen Effekten versehen, wenn ein neuer Raid-Tier öffnet ... was sich ehrlich gesagt generell nach einer guten Idee anhört.
Soweit zu den System und dem Endgame - macht das Leveling auch Spaß?
Die Antwort darauf fällt vermutlich durchwachsen aus, denn Titan Reforged verpasst euch ab Stufe 1 eine nicht verhandelbare "Happy Hour", welche sowohl euren Erfahrungspunkte- als auch euren Rufzuwachs um 100 % erhöht. Auf die tieferliegenden Gründe dafür kommen wir später zu sprechen, seid euch nur bewusst, dass die Levelphase auf den chinesischen TR-Servern als lästiges Hindernis vor der Maximalstufe angesehen wird. "Titanensplitter" und "Titanenglut" ersetzen alle anderen Währungssysteme, verpassen euch einen massiven Schub in Sachen Gegenstandmacht und stellen quasi das universelle Aufholsystem für Neueinsteiger und Handwerker dar. Apropos Handwerk: Hier wurden etliche Nutzungsbeschränkungen aufgehoben, Timer entfernt sowie einige durch Berufe angefertigte Gegenstände direkt als Beute in diversen Schlachtzügen verteilt.
Und damit es auch so richtig, mörderisch, abgefahren schnell geht, wurden die Ruf-Voraussetzungen für alle wichtigen Endgame-Verbesserungen wie Verzauberungen komplett aus dem Spiel genommen sowie der Ruf-Gewinn durch ein optionales Verbrauchsitem NOCH EINMAL beschleunigt. Im PvP-Bereich verabschieden wir uns von dem Abhärtungswert auf den Gegenständen, denn dieser wird durch eine "Abhärtungsaura" automatisch geregelt. Solltet ihr auf einem waschechten PvP-Server spielen, dann werdet ihr relativ oft solide Kämpfe zu Gesicht bekommen, denn hier wird eine Fraktionsbalance erzwungen, indem ab einem bestimmten Ungleichgewicht schlicht und ergreifend die Charaktererstellung aufseiten der überlegenen Fraktion deaktiviert wird.
China und seine Liebe zu World of Warcraft
Das sind eine Menge Sonderregeln, die hiesigen Spielern zum Teil recht seltsam vorkommen werden, allen voran die starke Abneigung, mit der Welt an sich zu interagieren, sowie der mörderische Fokus auf instanzierte Inhalte - insbesondere, wenn wir uns Blizzards cozy Open-World-Initiative seit Dragonflight sowie das jüngst eingeführte Housing vor Augen halten. Sobald wir uns dem chinesischen Zweig von WoW zuwenden, erkennen wir allerdings sehr schnell, dass Blizzard an dieser Stelle vieles richtig oder sich zumindest eine Menge Gedanken gemacht hat. All die zuvor erläuterten Entscheidungen basieren nämlich nicht auf der Annahme, dass der chinesische Spieler eine andere menschliche Spezies darstellt, die Ruhe verachtet und nur durch billige Erfolge bei der Stange gehalten werden kann.
Gewohnt professionell, chillen wir deshalb unsere Nuggets und wenden uns, zwecks eines besseren Verständnisses, der Vergangenheit zu. Im Januar 2023 wurde der Betrieb von World of Warcraft im gesamten chinesischen Festland eingestellt. Blizzard kann WoW dort nicht selbst betreiben, sondern benötigt, aufgrund der hiesigen Rechtslage, einen regionalen Vertriebspartner. NetEase stellte bis zu diesem Zeitpunkt Blizzards Geschäftspartner dar, doch durch eine Streitigkeit bezüglich der Verlängerung der Lizenzvereinbarung für WoW, wurde diese nicht erneuert ... und drei Millionen chinesische Spieler saßen mit einem Mal auf dem Trockenen. Je nach Zeitzone schloss Blizzard am 23. bis 24.01.2023 das dunkle Portal ab, sodass niemand mehr Azeroth betreten konnte.
Quelle: Aptoide
Netzwerkbooster wie der UU Accelerator sind hierzulande im Endeffekt überflüssig, sorgen aber in China dafür, dass viele Spieler überhaupt online zocken können.
Chinas Reaktion war extrem emotional und kam einer Gaming-weiten Katastrophe gleich. Wenn ihr meint, dass wir an dieser Stelle übertreiben, bedenkt bitte, dass World of Warcraft in China nicht nur "irgendein Onlinerollenspiel" war - es stellte für Spieler einen der wenigen, fast universell zugänglichen sozialen "Dritträume" dar. Dieser Begriff bezeichnet Orte abseits von zu Hause oder der Arbeit, an denen man sich mit Gleichgesinnten treffen, neue Leute kennenlernen und Kontakte knüpfen kann. Auch das Boosting-Geschäft, welches in China deutlich wohlwollender betrachtet wird, brach über Nacht zusammen; die sogenannten "Ersatzspieler" verloren einen guten Teil ihres Nebenverdienstes. In den Büros von NetEase wurden Blizzard-Fanartikel verbrannt, die riesige Statue von Garroshs Axt "Blutschrei" wurde, während eines Livestreams, rituell eingerissen und Becher voller Grüntee zu Ehren Blizzards unter den Axtschwingern verteilt.
Das steht, grob übersetzt, für jemanden, der seinem Partner ins Gesicht lächelt, aber hinterrücks gegen ihn intrigiert. Nun ... genaugenommen ist der Begriff unvollständig, aber seine volle Bedeutung können wir an dieser Stelle nicht abdrucken, glaubt uns. Der Umfang der nationalen Trauer war so groß, dass er derzeit von Wissenschaftlern als Fallstudie in Sachen digitaler Bindung und Verlust genutzt wird, dem Umgang mit dem plötzlichen Verschwinden einer Gesellschaft und eines Teils der eigenen Identität.
Aus der Asche: Wie man mehr als ein Jahr Exil als Startrampe nutzt
Nicht dumm, nutzte der neue Lizenzhalter Microsoft seine Position aus, um mit NetEase eine bessere Vereinbarung zu treffen: World of Warcraft feierte im Sommer 2024 seine fulminante Wiederkehr nach China, die Statue wurde wieder errichtet und die öffentliche Meinung gegenüber Blizzard änderte sich von abjekter Enttäuschung zu tobendem Beifall. Blizzard selbst bot sich in diesem Moment eine einzigartige Gelegenheit, für die andere Softwarehäuser ihre erstgeborene Ziege opfern würden: einen erzwungenen Neustart von Beginn an.
Sein MMORPG für ein Jahr komplett abzuschalten, zieht keinen normalen Churn (den Absprung von Spielern) nach sich, sondern die Notwendigkeit, die eigene Spielerbasis wieder von Grund auf neu zu etablieren. Öffentliche Versprechen, Wiedergutmachungen und ein massives Re-Onboarding folgten, ebenso wie das heldenhafte Unterfangen, die gesamte Serverinfrastruktur innerhalb von fünf Monaten aus dem Boden zu stampfen und sie mit den alten Accountdaten zu versehen.
Quelle: Blizzard
China verpasste eine riesige Zeitspanne historischer WoW-Entwicklungen, wie den Handelsposten, MoP-Classic, die SoD und selbst große Teile von Cataclysm Classic.
Wieder am Start und zu Schabernack aufgelegt, lehnte sich Blizzard diesmal von Beginn an stark in die spezifischen Eigenheiten des chinesischen Marktes hinein, der Vorgehensweisen toleriert (und in vielen Fällen erwartet), die ein Unternehmen im Westen so schnell vor die Verbraucherzentrale katapultieren würde, dass ihm die Haare aus dem Gesicht fliegen. Einige dieser Hebel haben wir bereits in unserem Artikel "Das Blizzard-Imperium schlägt zurück - Die nächste Phase des RMT-Krieges" erwähnt, darunter eine funkelnagelneue Echtgeldbelohnung für Hinweise, die zur Erfassung von Mythic-Boostern und Botnetzwerken führen, sowie einen öffentlichen "Pranger", an dem die Accountnamen von Cheatern präsentiert werden.
Diese Umgebung stellt, auch wenn NetEase die ausführende Partei ist, ein perfektes Versuchslabor für Blizzards Marktforschungsabteilung dar: Akzeptieren Spieler eine schnellere saisonale Geschwindigkeit, wenn die Belohnung stark genug ist? Schreckt öffentliche Bestrafung ab, oder kreiert sie vermeidbares Drama? In China können die Regler oft bis zum Anschlag gedreht werden, sodass am anderen Ende wertvolle Erkenntnisse herauspurzeln.

Eventuell gibt es in China viel weniger pro Abo (Micro-Transaktion etc.) als im Westen, aber dafür halt viel mehr Abos (Transaktionen etc.).