Dungeons & Dragons: Immersion jenseits von PC und Konsole
Bei Videospielen wird das Eintauchen in die Spielewelt oft durch die Mechaniken und Story des Spiels behindert - eine Gaming-Engine kann eben nur leisten, was eine Engine leisten kann. Anders sieht das bei Pen & Paper-Games wie Dungeons and Dragons aus. Lest hier, warum sich ein Ausprobieren für jeden RPG-Fan lohnen kann.
Manchmal ist das Questen in einem Computerspiel wie das Laufen in einem Hamsterrad. Ihr erledigt Aufgaben, kommt voran, aber eigentlich bringt es euch nichts. Die Welt scheint stillzustehen. Was ihr tut, hat keinen wirklichen Einfluss. Oder, genauso schlimm, euch wird jede Wahl genommen. Ihr müsst dem Weg der Quests bis an sein Ende folgen, wie einem ausgetretenen Trampelpfad. Mal eben links abbiegen und eigene Entscheidungen treffen ist nicht. Da kann die Story noch so episch sein, diese Art des Geschichtenerlebens hinterlässt einen faden Nachgeschmack. Warum ist das bei Pen-&-Paper-Games wie Dungeons and Dragons anders?
Unklare Gesprächsoptionen
Quelle: Wizards of the Coast LLC, a subsidiary of Hasbro
In D&D gibt es mehr als 20 verschiedene, spielbare Völker - von groß bis klein ist alles mit dabei.
Kennt ihr das? Ihr spielt ein Game, bei dem ihr die Möglichkeit habt, die Dialoge selbst mitzugestalten. Zur Auswahl stehen Sachen wie: "Dem Auftrag zustimmen.", "Nachdrücklich ablehnen." und "Unsicher sein, lieber noch einmal nachfragen." Ihr sucht also eine Option davon aus und habt eine gewisse Erwartung, wie der Dialog sich weiter entwickeln soll. Beispielsweise lehnt ihr die Quest lieber erst einmal ab, um später wiederzukommen. Aber dann - BÄM. Euer Charakter sagt etwas komplett anderes als ihr beabsichtigt hattet. Statt sich freundlich, aber bestimmt von der holden Jungfer in Not zu verabschieden, äußert euer Held unheldenhaft den Wunsch, der Drache möge sie doch fressen und geht. Und ihr sitzt fassungslos vor dem Bildschirm und überlegt, ob es die Sache wert ist, den Spielstand neu hereinzuladen.
Wahrscheinlich hat jeder Gamer da draußen schon einmal eine vergleichbare Situation durchlitten. Am Ende könnt ihr euch dann nur noch fragen: Ging hier etwas beim Übersetzen verloren? Oder sind Spieleentwickler einfach unfähig, vorhersehbare und logische Dialoge zu erschaffen? So oder so, es ist eine frustrierende Angelegenheit.
Was The Witcher und Divinity richtig machen
Deshalb ist es umso schöner zu sehen, dass es immer wieder Spiele gibt, bei denen Dialogoptionen funktionieren. Games, bei denen eure Entscheidungen und Handlungen tatsächlich den Lauf der Story beeinflussen. Zwei solche Beispiele sind The Witcher 3: Wild Hunt und Divinity: Original Sin 2. Hier macht es einen Unterschied, mit wem ihr euch verbündet, welche Quests ihr erledigt und welche ihr mit Absicht auslasst oder überseht. Ihr mögt Triss lieber als Yennefer? Kein Problem, ihr habt die Wahl. Es steht euch sogar frei, NSCs anzugreifen, die später möglicherweise noch aufgabenrelevant gewesen wären. Das ist erfrischend inmitten des Breis an RPGs, bei denen die Story von Anfang an in Stein gemeißelt ist. Aber trotzdem steht auch hinter diesen Spielen eine Engine, die in Punkto Spontanität und Kreativität nicht mit einem menschlichen Gehirn mithalten kann. Selbst wenn Computersysteme immer besser werden und uns bei Hardcore-Rechenaufgaben längst übertrumpfen, können sie echten Menschen bislang nicht das Wasser reichen, wenn es um zwischenmenschliche Interaktion, Emotion und spontane Storyvielfalt geht. Was ist also der Ausweg aus dieser Misere und was hat er mit Drachen und Kerkern zu tun?
Das Theatre of Mind
Im Prinzip gibt es zwei mögliche Wege. Variante A: Abwarten, bis Computer noch besser werden, bis Virtual Reality noch realer wird und uns das Metaversum endgültig verschluckt. Oder Variante B: Zu den Wurzeln zurückkehren. Der Kopf ist die beste Grafikkarte, das gilt auch noch in Zeiten von 4UKHD. Menschen erzählen sich seit den Anfängen unserer Zivilisation Geschichten und spielen seit Jahrtausenden Theater. Wir sind Meister darin, uns Dinge vorzustellen und sie in unserem Geist real werden zu lassen. Die Möglichkeiten, die der eigene Kopf bietet, sind endlos. Grenzen setzt nur die Fantasie. Warum also nicht dieses ultimative Medium verwenden, wenn es darum geht, spannende Geschichten zu erzählen und gemeinsam zu erleben?
Wie soll das gehen, fragt ihr euch jetzt verblüfft, weil ihr euch doch sicher seid, dass ihr in eurem Kopf eher allein seid. Wie soll es möglich sein, Geschichten miteinander zu teilen, die ihr euch nur vorstellt? Sie nicht nur gegenseitig zu erzählen, sondern tatsächlich zu erleben? Trommelwirbel bitte, denn auf diese Frage gibt es eine Antwort:
Quelle: Wizards of the Coast LLC, a subsidiary of Hasbro
Alles, was ihr für ein D&D-Abenteuer benötigt: Würfel, Kampagnenbuch, Regelwerk, Karten und Spielleiterschirm.
Gar nicht oldschool: Pen-&-Paper
Habt ihr schon einmal von Pen-&-Paper-Games gehört? Wie der Name so schön sagt, sind das Spiele, für die ihr nicht viel mehr benötigt als Stift und Papier. Für D&D-Anfänger bietet Wizards of the Coast ein eigenes Basisset an, in dem alles Wichtige enthalten ist. Genau genommen braucht ihr nämlich noch ein Set mehrseitige Würfel und das eine oder andere Regelwerk schadet auch nicht. Trotzdem kommt ihr mit einem Bleistift und einem sogenannten Charakterbogen gut über die Runden. Auf dem Charakterbogen wird all das notiert, was ihr aus typischen RPGs kennt: Charakterwerte, Lebenspunkte, Zauberplätze (aka Mana), Name, Gesinnung und Charaktereigenschaften des Helden. Die Würfel verwendet ihr für die eigentlichen Gamemechaniken. Sie entscheiden, ob ihr in einem Kampf trefft, wie viel Schaden ihr verursacht, ob ihr einer Falle ausweichen könnt oder ob es eurem Charakter gelingt, einen Händler davon zu überzeugen, dass es eine gute Idee ist, euch einen Rabatt zu geben. All das ist in den entsprechenden Regelwerken festgelegt. Das klingt jetzt sehr technisch und theoretisch und so gar nicht nach den versprochenen, fantastischen Abenteuern. Wann kommen die ins Spiel? Wenn ihr erfahren wollt, wie es sich anfühlt, Dungeons and Dragons zu spielen, dann blättert weiter auf die nächste Seite!
Gefühlswelten aus Papier und Fantasie
Um euch eine Vorstellung davon zu geben, wie ihr mit Würfeln und eurem Charakterbogen echte Abenteuer erleben könnt, müssen wir ein wenig ausholen.
Quelle: Wizards of the Coast LLC, a subsidiary of Hasbro
Duergar sind fiese, zwergartige Monster, die euch genauso wie die Chardalyn-Berserker in den Weiten von Icewind Dale begegnen können.
chaltet also euer Kopfkino an und kommt mit uns auf eine kleine Reise.
Stellt euch vor, ihr sitzt mit vier Freunden gemeinsam um euren Küchentisch herum. Auf dem Tisch liegen Notizzettel, Charakterbögen, Stifte, viele bunt schimmernde Würfel, es stehen Snacks und Getränke bereit. Hinter einem Spielleiterschirm sitzt euer Spielleiter, vor sich aufgeschlagen hat er ein Kampagnenbuch, ein Regelwerk und ein Handbuch mit Monsterwerten liegen in Griffreichweite. Und dann geht es los:
Euer Spielleiter intoniert: "Seit Tagen schon wandert ihr durch die eisige Landschaft. Euch ist kalt, ihr seid erschöpft, die Kämpfe gegen Yetis und Trolle haben euch ausgelaugt. Plötzlich hört ihr ein knirschendes Geräusch, es ist ganz nah, was macht ihr?"
Eine Mitspielerin am Tisch hebt ihre Hand. "Ich würde gerne einen Wahrnehmungs-Check würfeln, um herauszufinden, was das ist."
Der Spielleiter fährt fort: "Gut, würfle deinen W20." (=zwanzigseitiger Würfel)
Die Spielerin nimmt ihren Lieblings-W20 zur Hand, würfelt ihn und beginnt zu rechnen: "Das sind 11 - aber ich habe +6 auf Wahrnehmung."
Spielleiter: "Also 17. Das genügt. Du kannst hören, dass es schlurfende Schritte sind. Außerdem hörst du gackerndes Gelächter, fast wie von einem Wahnsinnigen. Du kannst klar drei Stimmen unterscheiden. Und sie kommen direkt auf euch zu!"
Die Spielerin ruft mit panischer Stimme: "Ich kann hören, dass etwas auf uns zukommt. Macht euch kampfbereit, Freunde! Es sin mindestens drei!"
Du und deine Mitspieler beschreibt, wie ihr eure Waffen zieht, euch für einen Kampf positioniert und angestrengt in die weiße Schneelandschaft starrt. Und dann: Drei Chardalyn Berserker, wahnsinnig und blutrünstig, springen hinter der nächsten Schneewehe hervor. Sie attackieren euch, wobei sie irr lachen. Die Initiative (=Kampfreihenfolge) wird ausgewürfelt, Schläge werden ausgetauscht, Schwerter sirren, Äxte klirren und der Himmel verdunkelt sich, als auch noch ein Schneesturm aufzieht. Der Magier eurer Gruppe geht unter einem kritischen Treffer zu Boden, aber die Druidin kann ihn mit einem hastig gemurmelten Zauber vor dem sicheren Tod retten, während der Kampf sich hinzieht...
Dungeons and Dragons kurz erklärt
Quelle: Wizards of the Coast LLC, a subsidiary of Hasbro
Obwohl das Spiel Dungeons and Dragons heißt (Deutsch: Kerker und Drachen) gibt es gerade im niedrigstufigen Bereich nur wenige Drachen zu bezwingen.
Genau so könnte ein Abend mit der Dungeons and Dragons Kampagne Icewind Dale: Rime Of The Frostmaiden aussehen. Während ihr Checks würfelt, Lebenspunkte notiert und euch Zauberplätze wegstreicht, läuft in euren Köpfen eine ganz andere Geschichte ab. Hier gibt es keine Würfel, sondern epische Kämpfe, tragische Verluste oder spannende Entdeckungsreisen. Ihr und euer Spielleiter beschreibt, was die Charaktere machen, was sie sehen und erleben und eure Gehirne steuern in bunten Farben alles Nötige dazu bei. Mit euren eigenen Stimmen haucht ihr euren Helden Leben ein. Neben den Beschreibungen ihres Tuns lasst ihr sie tatsächlich sprechen. Jeder Spieler "steuert" dabei seinen eigenen Helden, der Spielleiter übernimmt die Beschreibung der Welt und alle NSCs, denen die Heldencharaktere über den Weg laufen. Natürlich besteht das Heldenleben nicht nur aus Kämpfen und dem Plündern von Schätzen. Ein gemütlicher Abend in der Taverne gehört genauso dazu, wie ein hitziges Streitgespräch über das Bündnis der Gruppe mit dem aalglatten Stadtsprecher. Am Marktplatz kann gehandelt werden, Schurken versuchen die Gruppe übers Ohr zu hauen, Dorfbewohner brauchen Hilfe bei mannigfaltigen Problemen.
Obwohl Spielleiter mit dem Regelsystem von Dungeons and Dragons selbst erfundene Geschichten mit ihren Spielern erleben können (= homebrew), gibt es zahlreiche Kampagnenbücher von Wizards of the Coast zu kaufen, in denen die unterschiedlichsten Abenteuer vorgestellt werden. Ihr möchtet Sherlock Holmes in einem Citygame spielen? Dann auf in die Großstadt Waterdeep!
Quelle: Wizards of the Coast LLC, a subsidiary of Hasbro
Die Truhe ist ein Mimic! Diese ikonischen Gestaltwandler haben schon beim einen oder anderen Spieler Paranoia ausgelöst.
Eine Vampirjagd ist genau nach eurem Geschmack? Der Fluch des Strahd schickt euch ins finstere Barovia. Viele Bücher sind inzwischen in deutscher Sprache erschienen, so dass ihr und eure Gruppe euch nicht durch englisches Fachchinesisch wühlen müsst, um Abenteuer zu erleben. Schaut einmal hier vorbei, wenn wir euer Interesse an D&D geweckt haben.
Absolute Immersion
Warum aber funktioniert das Eintauchen in eine Welt des Geistes so gut? Ein wichtiger Faktor ist, dass ihr nicht nur passiv einer Geschichte zuseht, wie es beim Anschauen einer Videosequenz geschieht. Ihr entscheidet aktiv, was euer Charakter tut und sprecht mit seiner Stimme. Es ist wissenschaftlich belegt, dass euer Gehirn dieselben Botenstoffe aussendet, wenn ihr euch lediglich vorstellt, etwas zu tun, wie wenn ihr es tatsächlich macht. Deshalb kann ein real mulmiges Gefühl aufkommen, wenn ihr in Dungeons and Dragons ein finsteres Höhlensystem erkundet und euch dieser Vorstellung hingebt. Und deshalb sind die Freude, die Aufregung oder der Kummer eures D&D-Charakters auf gewisse Weise real, denn ihr spürt sie tatsächlich - auch, wenn das alles nur Würfelspiel und Kopftheater ist.
Habt ihr schon einmal Dungeons and Dragons gespielt? Welche Momente haben sich unauslöschlich bei euch eingeprägt? Schreibt es uns gerne in die Kommentare! Und falls ihr jetzt richtig Bock bekommen habt, selbst eine Runde D&D mit euren Freunden zu spielen, dann holt euch ein Basisset oder stöbert durch das bunte Kampagnenangebot. Oder ihr schaut euch einfach direkt auf der Homepage von Wizards of the Coast um, was es sonst noch an tollen Rollenspielerlebnissen gibt!
