Scorsese und DiCaprio lassen den Wolf raus. - Das Resultat: ebenso komisches wie atemberaubendes Schauspielerkino und ein bildersatter Trip durch die Extreme des American Way Life.
Seit Monaten gibt es Elogen auf die amerikanischen TV-Serien, die dem Kino qualitativ weit überlegen seien. In Wolf of Wall Street gehen beide nun endlich eine Symbiose ein. Es hätte wohl keinen besseren Autoren als Terence Winter geben können, um die wahre Geschichte von Aufstieg und Fall eines millionenschweren Börsenmaklers in Drehbuchform zu bringen. Geschult an den Sopranos und gefeiert für das von ihm kreierte Boardwalk Empire breitet er ein pralles Sittengemälde voller Dekadenz, Sex und Exzess aus.
Bereits im Titel klingen Assoziationen an Wall Street an. Nur dass jetzt der ambitionierte Held und der durchtriebene Geldhai ein und dieselbe Person sind: In den späten 80ern versuchte Buchhaltersohn Jordan Belfort brav seinen Weg als Aktienhändler zu machen. Doch nach einem großen Börsencrash baute er mit zwielichtigen Methoden und dem Charisma eines Popstars eines der größten Brokerunternehmen der USA auf – ein Erfolg, den er hemmungslos auskostete, bis er Ende der 90er unter anderem wegen Betrugs verurteilt wurde.
Autor Winter bietet zwar nicht die dramaturgische Spannung seines großen Vorbilds, doch dafür wunderbare Kabinettstückchen und Szenen, die lawinenartig eskalieren – von einem kleinen Vorfall, der sich bis zu einem Finale von absurden Dimensionen steigert.
Aber es ist eben nicht Fernsehen, sondern eine virtuose Tour de Force, zu der nur das Kino imstande ist. Genauer gesagt, ein Regisseur wie Martin Scorsese, der mit 71 an Energie und Verve unzählige junge Filmemmacher übertrifft. Ähnlich draufgängerisch, ohne Rücksicht auf Verluste stürzt sich auch Leonardo Di Caprio – unterstützt von einem herrlichen Ensemble – in die Titelrolle und liefert damit die vielleicht beste Leistung seiner Karriere ab. Das ist perfekter Hollywood-Hochglanz und subversiv zugleich – ein wirkliches Vergnügen. (Autor: Rüdiger Sturm)
