Star Trek: Deep Space Nine - Rückblick auf Staffel 2 - Eine Serie auf der Suche nach ihrer Identität
Rückblick auf Star Trek: Deep Space Nine, Staffel 2: Experte Sebastian Göttling bietet ein umfassendes Recap zur zweiten Runde der Spinoff-Serie.
Eventuell war ich ein komischer Teenager. Und sogar ein untypischer Star-Trek-Fan. Denn ich mochte ihn wahnsinnig, den Eröffnungsdreiteiler - jawohl, den ersten Dreiteiler in der Geschichte Star Treks - mit dem die Spinoff-Serie Deep Space Nine im Herbst 1993 in die zweite Staffel durchstartete. The Homecoming/The Circle/The Siege (Die Heimkehr/Der Kreis/Die Belagerung) erfüllte exakt das Versprechen, das die Debütstaffel in den (Welt-)Raum gestellt hatte.
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Hier war eine Star-Trek-Serie, die nicht Woche für Woche neue Planeten anflog, sondern bei einer einzigen Welt blieb und darstellte, welche Konsequenzen die Handlungen der Helden, aber auch die der Antagonisten und sämtlichen Graustufen-Parteien dazwischen hatten. Der Planet: Bajor, gebeutelt von jahrzehntelanger Unterjochung und Ausbeutung durch die faschistoiden Cardassianer. Die Mission der Raumstationsbesatzung: Humanitäre Hilfe und zivilisatorischer Kickstarter mit dem großen Ziel, das Volk spiritueller Freiheitskämpfer in den Schoß der Föderation zu holen.
Diese Mission hatte der Pilotfilm formuliert und die abschließende Staffel-1-Episode war eine wunderbare Bestandsaufnahme: Ja, wir sind unserem Ziel einen winzig kleinen Schritt nähergekommen. Keine einfache 45-Minuten-Lösungen gab es mehr wie bei der Next Generation - der weise Friedensstifter Captain Picard winkte fröhlich und der Planet der Woche rief "Ciao Kakao", pardon, "Earl Grey" - sondern ein unfassbar weiter Weg, der vor allen lag; Rückschläge vorprogrammiert. Immerhin hatte sich der Beziehungsstatus von Feinden zu vorsichtigen Freunden entwickelt, personifiziert durch Commander Sisko und Major Kira. Doch ach, selbst unter den sanftmütigen Geistlichen wohnten wahre Giftschlangen und die machthungrige Vedek Winn zeigte, dass der Kampf um die Zukunft Bajors kein einfacher werden würde.
Star Treks erster Dreiteiler
Der Dreiteiler griff alle diese Fäden auf und drehte die Temperatur um einiges heißer. Winn schielte neben der religiösen auch auf die politische Macht und versuchte, den opportunistischen Minister Jaro (Frank Langella, den Älteren bekannt als Skeletor aus der MotU-Verfilmung von 1987) als ihre Marionette zu installieren. Bürgerkrieg auf Bajor drohte, die Föderation war drauf und dran, die provisorische Freundschaft doch aufgekündigt zu bekommen - und hinter alledem steckten als schattenhafte Strippenzieher ausgerechnet die ehemaligen Ausbeuter Bajors, die Cardassianer. Politische Wirren, Verschwörungen, militärisches Taktieren und eine Belagerung, bei der man auch nicht davor zurückscheute, deren Auswirkung auf die unbeteiligte Zivilbevölkerung dazustellen - kleine Dramen im großen Drama. Ein wahrhaft üppiges Gemälde, das der Dreiteiler malte.
Quelle: Paramount
Ein Bürgerkrieg auf Bajor droht in Star Treks erstem Dreiteiler.
Und ich war voll an Bord, als Star-Trek-Sender SAT.1 dieses Event mit einem knappen Jahr Verzögerung im Hochsommer 1994 sendete, nur einen Monat nach dem Finale der Next Generation. Erst, als ich einige Jahre älter war und das Internet zur Verfügung hatte, las ich, was viele andere Fans dachten. Der Tenor, sinngemäß: "Zu viel Politik und Religion, zu wenig Action. Langweilig!" Ich war 16 Jahre alt und stand altersuntypisch weder auf Action noch auf zahm-hormonelle Verlockungen wie Baywatch. Dieses fein ziselierte Ergründen einer komplexen Situation à la DS9 war im vierten Jahr meines Fan-Daseins die nächste logische Stufe. Den Serienmachern hätte ich es aus der Hand gefressen, wenn mehr davon gekommen wäre.
Allerdings gab es wie gesagt zahlreiche Stimmen, die mit Bajor-zentrischen Geschichten ihre Probleme hatten - und dann befand sich auch noch Quoten-Platzhirsch und Fan-Liebling Next Generation in der finalen Staffel, weswegen sich Deep Space Nine auf die Suche machte nach einer hoffentlich populäreren Identität als bisher. Und so geriet die 1993/94er Staffel der Serie zu einem wilden Potpourri, das gleichzeitig doch erstaunlich kohärent wirkte. Werfen wir einen Blick auf die sechs Geschmacksrichtungen von Staffel 2.
Staffel-Geschmacksrichtung 1: Politik
Quelle: Paramount
Durchtriebene Meister im politischen Ränkespiel: Winn und Jaro.
Die erste habe ich schon angerissen: Die Politik auf Bajor. Für zwanzig Folgen nach dem Debüt-Dreiteile wurde dieser Handlungsstrang auf die Rückbank verbannt, erst in The Collaborator (Die Wahl des Kai) kurz vor Staffelende besetzte die Serie die lange vakante Papst-Stelle neu und die Albträume nicht nur der DS9-Besatzung, sondern auch vieler Fans Wirklichkeit: die fiese Vedek Winn (Oscarpreisträgerin Louise Fletcher, die nicht minder fiese Krankenschwester aus Einer flog übers Kuckucksnest) wurde die neue Kai und damit Kirchenoberhaupt.
Doch auch, obwohl sich die Cardassianer längst zurückgezogen hatten, blieben die dortigen politischen Geschehnisse weiterhin im Fokus, ausführlicher sogar als die des Planeten Bejor, bei dem die Raumstation sich eigentlich aufhielt. In Cardassians (Die Konspiration) wurde das Schicksal auf Bajor zurückgelassener, cardassianischer Waisenkinder thematisiert, die zu keiner der beiden Welten wirklich gehörten. Die Zeit der Besatzung und wer sich in diesen Jahren wie die Hände schmutzig gemacht hatte, stellte kurz darauf die vortreffliche Rückblenden-Episode Necessary Evil (Die Ermittlung) in den Fokus. Sicherheitschef Odos erster Mordfall, sein Aufeinandertreffen mit Freiheitskämpferin Kira, die Schreckensherrschaft des Gul Dukat. Diese nachgeschobene Vorgeschichte machte die Geschichte der Raumstation und ihrer Bewohner um einiges tiefer.
Widerstand gegen die Staatsgewalt gab es sogar im Polizeistaat Cardassia - und so kamen in Profit and Loss (Profit und Verlust) eine freigeistige Professorin und ihre Studenten an Bord, um der politischen Verfolgung auf ihrem Heimatplaneten zu entkommen. Zu allem Überfluss handelte es sich bei Professor Lang auch noch um eine verflossene Liebe des Ferengi-Bartenders Quark, was die Serie als Hommage an den Humphrey-Bogard-Klassiker Casablanca nutzen wollte. Nur verhinderte eine zu pragmatische und zurückhaltende Darstellung der beiden Liebenden unter einem schlechten Stern, dass die Episode wirklich exzellent geriet.
In der genüsslich-düsteren Gerichts-Satire Tribunal (Das Tribunal) durfte wieder einmal Chefingenieur Miles O'Brien leiden (müssen); wie bei Franz Kafka geriet er machtlos zwischen die sturen und nur zum Selbstzweck drehenden Zahnräder sinnloser Justiz. Bitterböse mit einem kongenialen Fritz Weaver als aufgeblasener Strafverteidiger, dessen einziger Job es war, seinen Job *nicht* zu machen - und das so melodramatisch wie möglich.
Geheimwaffe Garak
Und dann wäre da noch Garak, der einzige auf der Station verbliebene Cardassianer. Vielleicht nur ein einfacher Schneider, vielleicht ein Spion im Exil, ganz gewiss aber ein eiskalter Killer, der Sekunden nach einem Mord wieder unendlich charmant sein konnte. In der ersten Folge nach dem Pilotfilm war Geheimwaffe Andrew Robinson in seiner Paraderolle zu sehen gewesen, seitdem leider Fehlanzeige. Hier nun erinnerte sich DS9-Produzent Ira Steven Behr endlich an den Casting-Glücksgriff und setzte ihn in gleich vier Staffel-2-Episoden mit solcher Wucht ein, dass es sich direkt anfühlte, als wäre Garak auch in den restlichen 22 Episoden dabei.
Quelle: Paramount
Fast wie bei Casablanca: Dissidentin Lang und Barkeeper Quark.
Seinen ersten wirklich großen Auftritt hatte er in The Wire (Das Implantat), wo ihn die Abhängigkeit von einer Agentendroge dem Tode nahebrachte, was ihn aber selbstverständlich nicht davon abhielt, zahlreiche ineinander verschachtelte Lügengeschichten zu spinnen. So fulminant war Robinsons Schauspiel, dass er endlich den in Staffel 1 noch ziellos agierenden Bashir-Darsteller Siddig El Fadil aufgleiste. Ganz zu schweigen von Paul Dooleys kurzem, aber machtvollen Gastauftritt als Enabran Tain, brandgefährlicher Geheimdienstchef im (Un-)Ruhestand. Überhaupt war hervorragendes Schauspiel, häufig unter den Gastdarstellern, eine der durchgängigen Stärken von Deep Space Nine, wo die Next Generation den großen Shakespeare-Mimen Sir Patrick mit seinem Können zu oft alleine ließ.
Politischer Wegbereiter für Voyager
Die politischste aller Folgen aber war der Zweiteiler The Maquis (Der Maquis). Ein eher hemdsärmelig geschlossener Friedensvertrag zwischen der Föderation und den Cardassianern ließ eine neue Widerstandstruppe entstehen, die titelgebenden Maquis. Diesmal keine Bajoraner, sondern bislang brave Föderationsbürger aus umstrittenen Grenzregionen. Diese Doppelfolge war nicht schlecht, genauer gesagt sogar sehr gut, wenn man die Aufmerksamkeit nicht eine Sekunde lang schleifen ließ. Doch ich gebe zu, die politischen Ränkespiele waren hier so zahlreich, dynamisch und atemlos inszeniert, dass meinem 16jährigen Ich beim der Erstausstrahlung die Ohren schlackerten. Erst nach dem fünften Anschauen hatte ich einigermaßen den Durchblick.
Die Einführung des Maquis war die einzige serienübergreifende Erzählung, die sich Star Trek in den sieben Jahren zweier gleichzeitig laufender Serien gönnte. (Heutzutage in Zeiten eng ineinander verzahnter Marvel-Serien und -Filmen undenkbar, dass Star Trek dieses Potenzial damals nie wirklich nutzte.) Die erste Story-Saat um den unguten Vertrag wurde bei der Next Generation gesetzt, dann folgte dieser DS9-Zweiteiler und schließlich zeigte eine vierte Episode bei der Next Generation den Maquis bei der Arbeit, indem er den liebgewonnenen Nebencharakter der Bajoranerin Ro rekrutierte. Alles von der Paramount-Chefetage geforderte und durch die leitenden Produzenten Rick Berman, Michael Piller und Jeri Taylor sorgsam koordinierte Grundlagenarbeit für den nächsten Spinoff Voyager, deren Crew zum Teil aus Maquis bestehen würde.
Dieser Flow der Maquis-Geschichte von Serie 1 zu Serie 2, zurück zu 1 und dann deren Mündung in Serie 3 funktionierte nur in den USA, denn SAT.1 sendete das Crossover in einer derart heillosen Reihenfolge, dass die Wirkung verpuffte und die Entwicklung der galaktisch-politischen Zusammenhänge für das deutsche Publikum praktisch nicht nachvollziehbar war.

Ich muss sagen, als DS9 angekündigt wurde war ich äußerst skeptisch und Cisco bzw. der Schauspieler der diesen verkörpert kam irgendwie nicht so recht an bei mir.
Das war aber noch so am Anfang und mit der Zeit und wie auch hier beschrieben konnte man die Handschrift klar erkennen, dass es eben nicht wirklich abgeschlossene Folgen waren sondern eine fortwährende und aufbauende Geschichte bis zum Ende. Und es waren wirklich ganz großartige Folgen darunter. Auch die Charaktere haben sich wirklich alle toll und nachvollziehbar entwickelt.
Insofern war für mich Next Generation der Punkt an dem ich mit Star Trek warm geworden bin als Jugendlicher aber DS9 hat mich als Erwachsenen sehr sehr gut unterhalten und ist in meinen Augen sehr stark unterschätzt worden.
DS9 war mMn die erste ST-Serie welche eine Lore vertiefte.
DS9 war mMn die erste ST-Serie welche eine Lore vertiefte.