Spielen Verboten! Indizierte Games - die bizarre Geschichte des Sonderfalls Deutschland

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Special Harald Fränkel - Autor Lukas Schmid - Autor Als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügen
Spielen Verboten! Indizierte Games - die bizarre Geschichte des Sonderfalls Deutschland
Quelle: Harald Fränkel

Wir analysieren zum 40-jährigen Jubiläum der ersten Games-Indizierung, mit welchen teils kuriosen Begründungen die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften 25 beliebte Titel der Homecomputer-Ära als gefährlich einstufte.

Platz 20: IKARI WARRIORS

  • Durchschnittswertung auf Lemon64.com: 7,82
  • Indiziert am 24. Juni 1988

Ikari Warriors Quelle: Harald Fränkel Dieses Run and Gun wurde nach Antrag eines Jugendamtes im vereinfachten Verfahren von einem Dreiergremium abgeschossen. Die Entscheidung schien laut Akte wegen der Ähnlichkeit zur bereits vorher indizierten Verwandtschaft, Rambo: First Blood, Part 2, Who dares Wins 1+2 und Soldier, sofort klar. Die BPjS beschreibt das Gameplay so: "Braune wie blaue Feinde müssen abgeknallt werden." Spoiler: Nein, es geht im Spiel nicht um Faschisten.

Eine der üblichen Begründungen aus dem Erstklässer-Buchstabensetzkasten: "Das Geschehen zwingt den Spieler gleichsam in ein automatisiertes Befehls- und Gehorsamsverhältnis, indem die Erbringung von Tötungsleistungen als fraglose Selbstverständlichkeit vorausgesetzt wird." Anders formuliert: Es geht um Krieg, bei dem die Beteiligten ihre Krise gemeinhin nicht bei einer Tasse Rotbuschtee in Ruhe ausdiskutieren.

Die Feststellung, Ikari Warriors lasse keine anderen Entscheidungen zu, stimmt. Eine Desertation mit anschließender Hinrichtung ist nicht vorgesehen ("Die Schrecken des Krieges werden negiert."). Davon, dass der Held einen General namens Bonn retten muss, ließ sich die in Bonn ansässige Behörde nicht beeinflussen.

Platz 19: BATTLE CHESS

  • Durchschnittswertung auf LemonAmiga.com: 7,81
  • Indiziert am 17. April 1989

Battle Chess Quelle: Harald Fränkel Ein jahrhundertealtes Strategiespiel wegen Gewaltverherrlichung als jugendgefährdend einstufen, obwohl es obendrein in Comicgrafik auf witzig getrimmt wurde? Das ist im wahrsten Sinne des Wortes die Königsdisziplin, wenn es ums Auslösen von WTF?-Momenten geht. Die BPjS hat es hinbekommen.

Im Gremium saßen wohl auch keine Monty-Python-Fans, die die Schwarzer-Ritter-Szene aus dem Film Die Ritter der Kokosnuss und damit das parodistische Element hätten erkennen können, wenn einem geschlagenen Springer erst die Arme und dann die Beine abgehackt werden - und er sich trotzdem nicht sofort ergeben will.

Nicht ergeben wollte sich auch Hersteller Electronic Arts, der etwas Geld in die Hand nahm und Anfechtungsklage beim Verwaltungsgericht Köln erhob. Weil auch kein "Einigen wir uns auf Unentschieden?" drin war, nahm die BPjS die Indizierung am 10. August 1989 zurück.

Plötzlich erkannte die Behörde, dass das Spiel "trotz der von dem Computer Commodore 500 ermöglichten Bildqualität nicht die Intensität von Gewaltdarstellungen indizierter Filme erreicht". Da zumindest einige Mitglieder des Zwölfergremiums ferner zu der Auffassung gelangten, dass auch "Kinder zu dem teilweise auch phantasiereich und lustig gestalteten Spielgeschehen Distanz wahren können", war's Essig mit der nötigen Zweidrittelmehrheit.

Platz 18: RIVER RAID

  • Durchschnittswertung auf Lemon64.com: 7,82
  • Indiziert am 13. Dezember 1984

River Raid Quelle: Harald Fränkel Für die Behörde war klar, dass bei River Raid "Scharfschützenqualitäten" gefordert seien und sich der Spieler "in die Rolle eines kompromisslosen Kämpfers hineindenken" solle. Das Jugendamt, das die Indizierung beantragte, setzte das Shoot 'em up sogar mit einer "paramilitärischen Ausbildung" gleich. Ob Kinder dabei nur tanken und schießen lernen oder auch fliegen, blieb offen.

Kritik erfuhr ferner Programmiererin Carol Shaw, die heute als erste kommerziell erfolgreiche Spieleentwicklerin gilt: "Die Designerin gibt sogar noch taktische Ratschläge, welche die Realitätsbezogenheit des Spielers verstärken sollen." Der Mensch des neuen Jahrtausends nennt so was Spielanleitung, aber was wissen wir schon? Fragt man Carol Shaw heute, welche Bedeutung die Indizierung für sie damals gehabt habe, sagt sie: "Ich erfuhr erst Jahre später zufällig davon. Durch einen Wikipedia-Artikel."

River Raid wurde am 20. Januar 2003 von der Liste der jugendgefährdenden Medien gestrichen. Nach einer Prüfung durch die USK dürfen es heute theoretisch sogar Babys kaufen, weil es "ab 0" freigegeben ist.

Platz 17: GOLDEN AXE

  • Durchschnittswertung auf LemonAmiga.com: 7,85
  • Indiziert am 22. Mai 1992

Bei der Indizierung dieses Schwertkampfspiels verließ sich die BPjS weitgehend auf ein Gutachten von Professor Kampe. "Seine Ausführungen haben die Mitglieder des Gremiums [...] maßgeblich beeinflusst, da sie nicht nur die [...] ständige Spruchpraxis der Bundesprüfstelle [...] bestätigt, sondern zudem aus [...] sozialpädagogischer Perspektive wertvolle zusätzliche Sachinformationen bezüglich des Wirkungsspektrums des Computerspieles Golden Axe liefern.

Entsprechend erfahren wir, das Jungs im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren per se ziemlich charakterlose Popelnascher sind und das Game durch die "Struktur der Verhaltensanforderungen" die "entwicklungsbedingte, aggressive Neigung" der miesen kleinen Kröten und ihre "affektiv-aggressiven Reaktionsbereitschaften" noch verstärkt.

Sie würden, sofern sie ein Game Over vermeiden wollen, zur mechanisierten, zielgerichteten Tötung zahlreicher bewaffneter Gegner gezwungen. Dies suggeriere, dass Gewalt das einzig probate Mittel zur Lösung von Konfliktsituationen darstelle.

Dass es selbst eine Bundesbehörde im vergangenen Jahrtausend schwer hatte, ohne Google zu überleben, beweist folgender Eintrag: "Hersteller des Spieles ist Firma Sega Enterprises, deren Niederlassungsort nicht ermittelt werden konnte." Kamen solche Schwierigkeiten beim Verorten und Einladen etwaiger offizieller Verfahrensbeteiligter selten vor? Spoiler: nein.


Exkurs: Ein Herz für Zombies

Ghosts 'n Goblins landete am 9. Juni 1988 auf dem Prüfstand, weil das antragstellende Jugendamt dem Run and Gun vorhielt, man müsse "Zombiewesen verstümmeln". Es sei besonders wichtig, den Kopf zu "zertrümmern". Ein Vertreter des britischen Herstellers Elite Systems warf deshalb zu Recht die Frage auf, ob das Spiel überhaupt gespielt worden sei und stellte das Wort "Befangenheit" in den Raum.

Ghosts 'n Goblins Quelle: Harald Fränkel Spoiler: Es ist bei diesem Klassiker völlig wumpe, an welcher Stelle man die Körper der Gegner trifft. Zertrümmert oder gar zerstückelt wird überdies so ziemlich genau: nichts.

Trotzdem gab es innerhalb der BPjS einige Gremiumsmitglieder, die den Ausführungen des Jugendamtes folgten und "in den ersten Szenen von Ghosts 'n Goblins grausame Handlungen gegen Zombies" erkannten. Für eine Zweidrittelmehrheit reichte es nicht.

Fazit: "Die ersten, wie auch die übrigen Spielszenen enthalten Gestalten aus dem Bereich des Fabelwesens. Der Spieler kämpft weitgehend gegen Phantasiegestalten. Wegen fehlendem Realitätsbezug ist eine Jugendgefährdung nicht zu befürchten." Puh, das ging, um es 80er-Jahre-like zu formulieren, um Achselhaaresbreite vorbei!

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    • Kommentare (44)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von Gast1730761802 Mitglied
        Zitat von softkey
        Kann sein, muss es aber nicht. Und vielleicht redet man sich vieles einfach nur schön, weil es sich in dieser Blase darin besser leben lässt!? (nur ein Gedanke)

        "Dann lieber so rein, so dumm sein wie weisses Papier" (aus einem Song, und wäre manchmal ein Segen) beziehe ich jetzt auf mich, bitte nicht falsch verstehen. Ja, das geht so schnell in diesem Social Media Gedöns das sich wer anders angesprochen fühlt.

        Aber die Leute waren schon immer so, echt? Auch als es kein -Social- (ich mag dieses Wort nicht in Verbindung mit zb. Insta, FB ect., da ist nichts "Social") -Media- gab?
        Nein, die Gesellschaft hat sich seitdem verändert, gerade weil man überall jeden Scheiss zu lesen bekommt.
        Facebook zb. ist für Voyeure und Exhibitionisten, nicht mehr, und nicht weniger, das ist Fakt und steckt in jedem von uns ob wir wollen oder nicht. Und das weiß die Industrie gut umzusetzen, und in "Bares für Wares" umzutauschen. LOL (alles nur meine Meinung und bitte nicht auf dich (ja du) beziehen)
        Deine Meinung spricht dir keiner ab. Aber: Du sagst, die Leute waren nicht schon immer so. Dann sagst du aber, Voyeurismus und so steckt in jedem von uns. Irgendwie widerspricht sich das. Denn letzteres bestätigt doch nur meine Aussage. Meta und Co. nutzen nur das aus, was sowieso immer schon da war.
      • Von Gast1730761802 Mitglied
        Zitat von softkey
        Kann sein, muss es aber nicht. Und vielleicht redet man sich vieles einfach nur schön, weil es sich in dieser Blase darin besser leben lässt!? (nur ein Gedanke)

        "Dann lieber so rein, so dumm sein wie weisses Papier" (aus einem Song, und wäre manchmal ein Segen) beziehe ich jetzt auf mich, bitte nicht falsch verstehen. Ja, das geht so schnell in diesem Social Media Gedöns das sich wer anders angesprochen fühlt.

        Aber die Leute waren schon immer so, echt? Auch als es kein -Social- (ich mag dieses Wort nicht in Verbindung mit zb. Insta, FB ect., da ist nichts "Social") -Media- gab?
        Nein, die Gesellschaft hat sich seitdem verändert, gerade weil man überall jeden Scheiss zu lesen bekommt.
        Facebook zb. ist für Voyeure und Exhibitionisten, nicht mehr, und nicht weniger, das ist Fakt und steckt in jedem von uns ob wir wollen oder nicht. Und das weiß die Industrie gut umzusetzen, und in "Bares für Wares" umzutauschen. LOL (alles nur meine Meinung und bitte nicht auf dich (ja du) beziehen)
        Deine Meinung spricht dir keiner ab. Aber: Du sagst, die Leute waren nicht schon immer so. Dann sagst du aber, Voyeurismus und so steckt in jedem von uns. Irgendwie widerspricht sich das. Denn letzteres bestätigt doch nur meine Aussage. Meta und Co. nutzen nur das aus, was sowieso immer schon da war.
      • Von SethWinterstein Mitglied
        Zitat von softkey
        Kann sein, muss es aber nicht. Und vielleicht redet man sich vieles einfach nur schön, weil es sich in dieser Blase darin besser leben lässt!? (nur ein Gedanke)
        "Dann lieber so rein, so dumm sein wie weisses Papier" (aus einem Song, und wäre manchmal ein Segen) beziehe ich jetzt auf mich, bitte nicht falsch verstehen. Ja, das geht so schnell in diesem Sozial Media Gedöns das sich wer anders angesprochen fühlt.
        Aber die Leute waren schon immer so, echt? Auch als es kein "Social" (ich mag dieses Wort nicht) Media gab?
        Nein, die Gesellschaft hat sich seitdem verändert, gerade weil man überall jeden Scheiss zu lesen bekommt. MM
        Wir haben sicherlich gewisse strukturelle Veränderungen aber so im Kern? Hast du mal eine Straßenumfrage so in den 50ern oder vermutlich eher 60ern gesehen? Thema lange Haare und so. Sehr gruselig was du da für Antworten hören konntest. Oder denken wir an das Thema Sekten. Da werden die meisten nur an die ganz großen Namen denken aber die Analoge Zeit war anders und zu gleich sehr ähnlich zu heute. Es gibt Vereine und Gruppen im großen und kleinen, lange bevor es Facebook- und Telegramgruppen gab mit allem was dazugehört. Ja, keine Frage man bekommt das heute alles viel mehr zu Gesicht aber ich bin noch in den 90ern aufgewachsen und ich erinnere mich daran, dass es eben all diese Interaktionsmöglichkeiten und Zusammenkünfte außerhalb des Internets gab. Vielleicht erinnert sich hier noch jemand an den "Muss man wissen!"-Verschwörungsheini, der über Reichsflugscheiben schwadronierte - Axel Stoll? Wie viele solcher Seminare und Vorträge und Organisationen gab es wohl in den ganzen Jahrzehnten, bevor sich jeder Accounts bei Twitter und Co. gemacht hat oder gar in Foren angemeldet hat? Und das ist ja nur ein gesellschaftlicher Aspekt von vielen. Und ganz ehrlich? Scheiß zu lesen hat man eine Menge bekommen, wenn man wollte! Was Druckerzeugnisse angeht, gab es in diesem Raum schon immer eine unfassbare Auswahl und prä-Internet gabs kein Handy zum ständigen draufglotzen.^^
      • Von softkey Gelegenheitsspieler/in
        Zitat von MarcHammel
        Social Media hat lediglich dafür gesorgt, dass wir Informationen vom anderen Ende der Welt in nur ein bis zwei Klicks aufrufen können. Alles wird schneller, sichtbarer, gläserner, ungefilterter. Und somit kommen Missstände und Fehlverhalten viel schneller zutage. Ob es immer mehr wird? Kann man nicht sagen. Dafür fehlt schlicht der Vergleich, weil sich in den 90ern das allermeiste noch, wie gesagt, im sehr kleinen Rahmen konzentriert hat und nicht jeder seinen Rotz in Foren, Social Media usw. absondern konnte. Was man wohl aber mit Sicherheit sagen kann, ist: Die Menschen damals waren nicht anständiger, als sie es heute sind. Man hat es damals nur nicht oder anders wahrgenommen.
        Zitat von SethWinterstein
        Ja, ich denke auch genau so ist es. Es ist ein sehr subjektives Gefühl gewesen damals, dass man an der Schwelle dazu steht, dass sich was ändert, was so den Höhepunkt in der Piratenpartei hatte und deren anfänglicher Erfolge. Letztendlich wäre aber wohl auch ohne diese spezifischen sozialen Medien und deren Boom wohl alles beim alten gebleiben. Ich denke das was du sagst mit dem gläsernen trifft es ganz gut. Man sieht es einfach deutlicher heute aber da war es damals schon. Esoterik und Pseudowissenschaft bspw., das war nicht in einem Feed aber es war sehr wohl im Katalog wie Weltbild gewesen. Da hattest du den Däniken und die Alienbücher und all das Zeugs. Die Welt war einfach analoger. Die Facebookgruppen waren irgendwelche merkwürdigen Vereine und Gruppen, die haben ihre Telefonnummern dann an die Straßenlaterne angeheftet. Es gab denselben Kram wie heute, nur hat er sich halt weniger sichtbar für einen abgespielt und wenn es mal einem größeren Publikum bekannt wurde, wurde es einem eher als Kuriosum präsentiert.
        Kann sein, muss es aber nicht. Und vielleicht redet man sich vieles einfach nur schön, weil es sich in dieser Blase darin besser leben lässt!? (nur ein Gedanke)

        "Dann lieber so rein, so dumm sein wie weisses Papier" (aus einem Song, und wäre manchmal ein Segen) beziehe ich jetzt auf mich, bitte nicht falsch verstehen. Ja, das geht so schnell in diesem Social Media Gedöns das sich wer anders angesprochen fühlt.

        Aber die Leute waren schon immer so, echt? Auch als es kein -Social- (ich mag dieses Wort nicht in Verbindung mit zb. Insta, FB ect., da ist nichts "Social") -Media- gab?
        Nein, die Gesellschaft hat sich seitdem verändert, gerade weil man überall jeden Scheiss zu lesen bekommt.
        Facebook zb. ist für Voyeure und Exhibitionisten, nicht mehr, und nicht weniger, das ist Fakt und steckt in jedem von uns ob wir wollen oder nicht. Und das weiß die Industrie gut umzusetzen, und in "Bares für Wares" umzutauschen. LOL (alles nur meine Meinung und bitte nicht auf dich (ja du) beziehen)
      • Von HaraldFraenkel Autor
        Zitat von heinz-otto
        Super Artikel und tolle Recherche. Informativ und trotzdem kommen einem bei einigen Passage die Tränen vor Lachen. So viel Spaß hatte ich lange nicht beim Lesen eines Artikels hier. Auch ich würde gerne wieder mehr von Harald Fränkel sehen, auch wenn ich ihn inzwischen ja in der deutschen Retro Gamer lese.
        Vielen Dank auch dir für die motivierende Rückmeldung!
      • Von heinz-otto Mitglied
        Super Artikel und tolle Recherche. Informativ und trotzdem kommen einem bei einigen Passage die Tränen vor Lachen. So viel Spaß hatte ich lange nicht beim Lesen eines Artikels hier. Auch ich würde gerne wieder mehr von Harald Fränkel sehen, auch wenn ich ihn inzwischen ja in der deutschen Retro Gamer lese.
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