Spielen Verboten! Indizierte Games - die bizarre Geschichte des Sonderfalls Deutschland

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Special Harald Fränkel - Autor Lukas Schmid - Autor Als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügen
Spielen Verboten! Indizierte Games - die bizarre Geschichte des Sonderfalls Deutschland
Quelle: Harald Fränkel

Wir analysieren zum 40-jährigen Jubiläum der ersten Games-Indizierung, mit welchen teils kuriosen Begründungen die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften 25 beliebte Titel der Homecomputer-Ära als gefährlich einstufte.

Tatsächlich hatten wir nach dem Lesen Dutzender Indizierungsbeschlüsse den Eindruck, dass sich die BPjS damals auf gefühlt drei Forschungsergebnisse verließ. Wobei natürlich klar ist, dass in den Entscheidungsgremien ebenso Sachverständige saßen, etwa Pädagogen.

In einzelnen Akten taucht ein Professor Hermann Rosemann als Experte auf. Er kam ins Spiel, wenn eine Firma gegen eine drohende Indizierung vorging. Rosemann war positiver gegenüber Games eingestellt, doch die BPjS verließ sich größtenteils auf Herrn Kampe.

Teacher Busters wurde am 19. Februar 1987 von der BPjS indiziert. Bei diesem Spiel geht es darum, Lehrer mit einem Panzer zu jagen. Man kann vorher sogar eigene Namen eingeben. Quelle: Harald Fränkel Teacher Busters wurde am 19. Februar 1987 von der BPjS indiziert. Bei diesem Spiel geht es darum, Lehrer mit einem Panzer zu jagen. Man kann vorher sogar eigene Namen eingeben. Irgendwie war es zu dieser Zeit wohl auch bequem, einen frischen Sündenbock für Probleme mit der "heutigen Jugend" zu küren. Okay, es gab noch Erwachsenen-Filme, aber Spiele waren ja beeinflussender, weil interaktiv. Und das mit der satanischen Rockmusik hatte sich längst abgenutzt. Lange Rede, kurzer Sinn, schon der griechische Philosoph Sokrates wusste ja definitiv und 100-prozentig sicher:

"Die Jugend heutzutage hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern [...] und tyrannisieren ihre Lehrer." Dass Sokrates das 1987 indizierte C-64-Spiel Teacher Buster erahnt hat, schließen wir mal als unwahrscheinlich aus.

Um den Blutdruck von Lesern zu senken, die keine plakativen Schlagzeilen mögen, wie sie eine solche über dem Artikel prangt: Natürlich hat die BPjS niemandem das Spielen verboten, Erwachsenen schon gar nicht. Überdies hatten Eltern schon damals die "Erziehungshoheit", konnten ihren Kindern also sogar indizierte Games zugänglich machen. Titel, die auf der schwarzen Liste landeten, durfte man aber z.B. nicht öffentlich verkaufen und bewerben.

Die Zeitschrift ASM brachte 1987 in zwei ihrer Ausgaben diese Liste. Später verkniff der Verlag sich das, weil Gefahr bestand, dass auch Spielehefte indiziert werden. Der von uns geschwärzte Titel ist bis heute auf dem Index und staatsanwaltschaftlich beschlagnahmt, weil er die NS-Zeit verherrlicht. Quelle: Screenshot: Harald Fränkel Die Zeitschrift ASM brachte 1987 in zwei ihrer Ausgaben diese Liste. Später verkniff der Verlag sich das, weil Gefahr bestand, dass auch Spielehefte indiziert werden. Der von uns geschwärzte Titel ist bis heute auf dem Index und staatsanwaltschaftlich beschlagnahmt, weil er die NS-Zeit verherrlicht. Ziel war, derlei mutmaßlich gefährliche Games von der Jugend fernzuhalten, damit ihnen möglichst erst gar nicht der Mund wässrig gemacht werden konnte - wie gut das funktioniert hat, hier widerspricht sich die BPjS in diversen alten Akten selbst, weil Spiele damals vor allem durch Schwarzkopien verbreitet wurden.

Kuriosum am Rande: Am 22. August 1988 landete eine ebensolche illegal verbreitete Software auf dem Index, weil die Behörde versehentlich die Trainer-Version des Shoot 'em ups 1942 getestet hatte. Entsprechend findet sich ein gewisser "Doctor Bit, Anschrift unbekannt" als Verfahrensbeteiligter in der Akte. Also der Cracker des Kopierschutzes und nicht etwa die Hersteller des Spiels, Capcom oder Elite Systems. Upsi!

Die Regularien für indizierte Games gelten in Grundzügen heute noch. Allerdings gibt es mittlerweile die USK und ihre verbindlichen Alterseinstufungen. Sie verweigert selten eine Kennzeichnung. Nur in Zweifelsfällen ruft sie die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz auf den Plan, die dann die Notwendigkeit einer Indizierung prüft.

Seite 6 aus der Indizierungs-Akte zu Battlezone zeigt, wie die Bundesprüfstelle bei Kriegsspielen argumentierte. Ein Großteil der Formulierungen war immer gleich. Quelle: Screenshot: Harald Fränkel Seite 6 aus der Indizierungs-Akte zu Battlezone zeigt, wie die Bundesprüfstelle bei Kriegsspielen argumentierte. Ein Großteil der Formulierungen war immer gleich. In der Homecomputer-Ära herrschte viel mehr Willkür: Die BPjS durfte Indizierungen nur auf Antrag einleiten. Erregte ein Spiel mit gewalthaltigen, pornografischen oder verfassungsfeindlichen Inhalten zufällig nirgends Anstoß, flog es getreu dem Motto "Wo kein Kläger, da kein Richter" munter weiter unter dem Radar der Jugendschützer. Anträge zu stellen, war lediglich den obersten Jugendbehörden der Länder, den Landesjugendämtern, den Jugendämtern und dem Bundesminister für Frauen und Jugend möglich.

Ebenfalls erwähnenswert: Die BPjS ließ sich bisweilen viel Zeit bei Indizierungen. Die meisten Spiele wurden ohnehin meistens lange nach deren Veröffentlichungen geprüft, wir sprechen hier teilweise von Jahren. Außerdem sammelte die Behörde oft mehrere Anträge, um sie gemeinsam an einem Tag abzufrühstücken. Das war organisatorisch absolut sinnvoll.

Im Sinne des Jugendschutzes erwies sich dieses Vorgehen allerdings als kontraproduktiv, weil die ganze Prozedur ja eigentlich dazu gedacht war, die "heiße Ware" möglichst schnell verschwinden zu lassen. Zu einem Großkampftag kam es zum Beispiel am 8. August 1985. An diesem Tag landeten gleich fünf Titel auf der Liste.


Exkurs: Best of Index - Plätze 26 bis 50

Platz Spiel Wertung
26 Who dares wins 7,62
27 Tank Attack 7,57
28 Mountie Mick’s Deathride 7,55
29 Mortal Kombat 7,53
30 Falcon Patrol 2 7,52
31 Rambo: First Blood Part 2 7,50
32 Operation Wolf 7,47
33 Target: Renegade 7,43
34 Desert Fox 7,36
35 Castle Wolfenstein 7,29
36 Space Invasion 7,29
37 Soldier One 7,27
38 Falcon Patrol 7,20
39 Sea Wolf 7,13
40 Green Beret 7,11
41 Rambo 3 7,01
42 Express Raider 7,00
43 Legionnaire 7,00
44 Alcatraz 6,87
45 Friday the 13th 6,70
46 1942 6,50
47 Robocop 6,42
48 Commando Libya 6,40
49 Battlezone 6,33
50 Teacher Busters 6,27

Neben unbekannteren Spielen wie Paratroopers und Tank Attack traf es drei Klassiker, die es in unseren Top 25 auf die Plätze 16, 12 und 10 geschafft haben.

Der Indizierungsantrag für das bestplatzierte Game ging bereits am 21. Februar 1985 ein, sprich: Es war bis zu seiner Verurteilung fast ein halbes Jahr in der Todeszelle gebunkert. Womit wir bei unserer Hitparade angelangt sind, wie der Homo sapiens des vergangenen Jahrtausends ein Ranking nennt: Viel Vergnügen im Beamtendschungel!

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    • Kommentare (44)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von Gast1730761802 Mitglied
        Zitat von softkey
        Kann sein, muss es aber nicht. Und vielleicht redet man sich vieles einfach nur schön, weil es sich in dieser Blase darin besser leben lässt!? (nur ein Gedanke)

        "Dann lieber so rein, so dumm sein wie weisses Papier" (aus einem Song, und wäre manchmal ein Segen) beziehe ich jetzt auf mich, bitte nicht falsch verstehen. Ja, das geht so schnell in diesem Social Media Gedöns das sich wer anders angesprochen fühlt.

        Aber die Leute waren schon immer so, echt? Auch als es kein -Social- (ich mag dieses Wort nicht in Verbindung mit zb. Insta, FB ect., da ist nichts "Social") -Media- gab?
        Nein, die Gesellschaft hat sich seitdem verändert, gerade weil man überall jeden Scheiss zu lesen bekommt.
        Facebook zb. ist für Voyeure und Exhibitionisten, nicht mehr, und nicht weniger, das ist Fakt und steckt in jedem von uns ob wir wollen oder nicht. Und das weiß die Industrie gut umzusetzen, und in "Bares für Wares" umzutauschen. LOL (alles nur meine Meinung und bitte nicht auf dich (ja du) beziehen)
        Deine Meinung spricht dir keiner ab. Aber: Du sagst, die Leute waren nicht schon immer so. Dann sagst du aber, Voyeurismus und so steckt in jedem von uns. Irgendwie widerspricht sich das. Denn letzteres bestätigt doch nur meine Aussage. Meta und Co. nutzen nur das aus, was sowieso immer schon da war.
      • Von Gast1730761802 Mitglied
        Zitat von softkey
        Kann sein, muss es aber nicht. Und vielleicht redet man sich vieles einfach nur schön, weil es sich in dieser Blase darin besser leben lässt!? (nur ein Gedanke)

        "Dann lieber so rein, so dumm sein wie weisses Papier" (aus einem Song, und wäre manchmal ein Segen) beziehe ich jetzt auf mich, bitte nicht falsch verstehen. Ja, das geht so schnell in diesem Social Media Gedöns das sich wer anders angesprochen fühlt.

        Aber die Leute waren schon immer so, echt? Auch als es kein -Social- (ich mag dieses Wort nicht in Verbindung mit zb. Insta, FB ect., da ist nichts "Social") -Media- gab?
        Nein, die Gesellschaft hat sich seitdem verändert, gerade weil man überall jeden Scheiss zu lesen bekommt.
        Facebook zb. ist für Voyeure und Exhibitionisten, nicht mehr, und nicht weniger, das ist Fakt und steckt in jedem von uns ob wir wollen oder nicht. Und das weiß die Industrie gut umzusetzen, und in "Bares für Wares" umzutauschen. LOL (alles nur meine Meinung und bitte nicht auf dich (ja du) beziehen)
        Deine Meinung spricht dir keiner ab. Aber: Du sagst, die Leute waren nicht schon immer so. Dann sagst du aber, Voyeurismus und so steckt in jedem von uns. Irgendwie widerspricht sich das. Denn letzteres bestätigt doch nur meine Aussage. Meta und Co. nutzen nur das aus, was sowieso immer schon da war.
      • Von SethWinterstein Mitglied
        Zitat von softkey
        Kann sein, muss es aber nicht. Und vielleicht redet man sich vieles einfach nur schön, weil es sich in dieser Blase darin besser leben lässt!? (nur ein Gedanke)
        "Dann lieber so rein, so dumm sein wie weisses Papier" (aus einem Song, und wäre manchmal ein Segen) beziehe ich jetzt auf mich, bitte nicht falsch verstehen. Ja, das geht so schnell in diesem Sozial Media Gedöns das sich wer anders angesprochen fühlt.
        Aber die Leute waren schon immer so, echt? Auch als es kein "Social" (ich mag dieses Wort nicht) Media gab?
        Nein, die Gesellschaft hat sich seitdem verändert, gerade weil man überall jeden Scheiss zu lesen bekommt. MM
        Wir haben sicherlich gewisse strukturelle Veränderungen aber so im Kern? Hast du mal eine Straßenumfrage so in den 50ern oder vermutlich eher 60ern gesehen? Thema lange Haare und so. Sehr gruselig was du da für Antworten hören konntest. Oder denken wir an das Thema Sekten. Da werden die meisten nur an die ganz großen Namen denken aber die Analoge Zeit war anders und zu gleich sehr ähnlich zu heute. Es gibt Vereine und Gruppen im großen und kleinen, lange bevor es Facebook- und Telegramgruppen gab mit allem was dazugehört. Ja, keine Frage man bekommt das heute alles viel mehr zu Gesicht aber ich bin noch in den 90ern aufgewachsen und ich erinnere mich daran, dass es eben all diese Interaktionsmöglichkeiten und Zusammenkünfte außerhalb des Internets gab. Vielleicht erinnert sich hier noch jemand an den "Muss man wissen!"-Verschwörungsheini, der über Reichsflugscheiben schwadronierte - Axel Stoll? Wie viele solcher Seminare und Vorträge und Organisationen gab es wohl in den ganzen Jahrzehnten, bevor sich jeder Accounts bei Twitter und Co. gemacht hat oder gar in Foren angemeldet hat? Und das ist ja nur ein gesellschaftlicher Aspekt von vielen. Und ganz ehrlich? Scheiß zu lesen hat man eine Menge bekommen, wenn man wollte! Was Druckerzeugnisse angeht, gab es in diesem Raum schon immer eine unfassbare Auswahl und prä-Internet gabs kein Handy zum ständigen draufglotzen.^^
      • Von softkey Gelegenheitsspieler/in
        Zitat von MarcHammel
        Social Media hat lediglich dafür gesorgt, dass wir Informationen vom anderen Ende der Welt in nur ein bis zwei Klicks aufrufen können. Alles wird schneller, sichtbarer, gläserner, ungefilterter. Und somit kommen Missstände und Fehlverhalten viel schneller zutage. Ob es immer mehr wird? Kann man nicht sagen. Dafür fehlt schlicht der Vergleich, weil sich in den 90ern das allermeiste noch, wie gesagt, im sehr kleinen Rahmen konzentriert hat und nicht jeder seinen Rotz in Foren, Social Media usw. absondern konnte. Was man wohl aber mit Sicherheit sagen kann, ist: Die Menschen damals waren nicht anständiger, als sie es heute sind. Man hat es damals nur nicht oder anders wahrgenommen.
        Zitat von SethWinterstein
        Ja, ich denke auch genau so ist es. Es ist ein sehr subjektives Gefühl gewesen damals, dass man an der Schwelle dazu steht, dass sich was ändert, was so den Höhepunkt in der Piratenpartei hatte und deren anfänglicher Erfolge. Letztendlich wäre aber wohl auch ohne diese spezifischen sozialen Medien und deren Boom wohl alles beim alten gebleiben. Ich denke das was du sagst mit dem gläsernen trifft es ganz gut. Man sieht es einfach deutlicher heute aber da war es damals schon. Esoterik und Pseudowissenschaft bspw., das war nicht in einem Feed aber es war sehr wohl im Katalog wie Weltbild gewesen. Da hattest du den Däniken und die Alienbücher und all das Zeugs. Die Welt war einfach analoger. Die Facebookgruppen waren irgendwelche merkwürdigen Vereine und Gruppen, die haben ihre Telefonnummern dann an die Straßenlaterne angeheftet. Es gab denselben Kram wie heute, nur hat er sich halt weniger sichtbar für einen abgespielt und wenn es mal einem größeren Publikum bekannt wurde, wurde es einem eher als Kuriosum präsentiert.
        Kann sein, muss es aber nicht. Und vielleicht redet man sich vieles einfach nur schön, weil es sich in dieser Blase darin besser leben lässt!? (nur ein Gedanke)

        "Dann lieber so rein, so dumm sein wie weisses Papier" (aus einem Song, und wäre manchmal ein Segen) beziehe ich jetzt auf mich, bitte nicht falsch verstehen. Ja, das geht so schnell in diesem Social Media Gedöns das sich wer anders angesprochen fühlt.

        Aber die Leute waren schon immer so, echt? Auch als es kein -Social- (ich mag dieses Wort nicht in Verbindung mit zb. Insta, FB ect., da ist nichts "Social") -Media- gab?
        Nein, die Gesellschaft hat sich seitdem verändert, gerade weil man überall jeden Scheiss zu lesen bekommt.
        Facebook zb. ist für Voyeure und Exhibitionisten, nicht mehr, und nicht weniger, das ist Fakt und steckt in jedem von uns ob wir wollen oder nicht. Und das weiß die Industrie gut umzusetzen, und in "Bares für Wares" umzutauschen. LOL (alles nur meine Meinung und bitte nicht auf dich (ja du) beziehen)
      • Von HaraldFraenkel Autor
        Zitat von heinz-otto
        Super Artikel und tolle Recherche. Informativ und trotzdem kommen einem bei einigen Passage die Tränen vor Lachen. So viel Spaß hatte ich lange nicht beim Lesen eines Artikels hier. Auch ich würde gerne wieder mehr von Harald Fränkel sehen, auch wenn ich ihn inzwischen ja in der deutschen Retro Gamer lese.
        Vielen Dank auch dir für die motivierende Rückmeldung!
      • Von heinz-otto Mitglied
        Super Artikel und tolle Recherche. Informativ und trotzdem kommen einem bei einigen Passage die Tränen vor Lachen. So viel Spaß hatte ich lange nicht beim Lesen eines Artikels hier. Auch ich würde gerne wieder mehr von Harald Fränkel sehen, auch wenn ich ihn inzwischen ja in der deutschen Retro Gamer lese.
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