Geralt von Riva, Aloy und Nathan Drake: Ohne starke Charaktere wären Videospiele nur halb so gut
Titel wie The Witcher 3, Horizon: Zero Dawn, Red Dead Redemption 2 und Uncharted 4 zählen zu den besten Spielen aller Zeiten. Neben einer stimmigen Spielwelt und einer interessanten Story haben sie noch eine große Gemeinsamkeit: grandiose Heldinnen und Helden. Redakteur Michael Grünwald verrät in seiner Kolumne, warum für ihn gut geschriebene Charaktere das Wichtigste an einem Blockbuster-Titel sind.
Gerade spiele ich nach der Arbeit jeden Tag ein wenig Resident Evil Village. Und obwohl ich mich unserem Tester Chris Dörre anschließe und ebenfalls finde, dass Village mehr Grusel und weniger Shooter-Passagen gutgetan hätte, habe ich ordentlich Spaß beim Durchspielen der Story. Die Rätsel sind fordernd, die Kämpfe machen Laune und die Präsentation des Schauplatzes und der fiesen Gegenspieler ist verdammt gut umgesetzt. Eine Sache spielt für mich im neuen Resident Evil jedoch nur eine recht untergeordnete Rolle und diese Sache trägt einen Namen: Ethan Winters.
Inhaltsverzeichnis - Ohne starke Charaktere wären Videospiele nur halb so gut
Ich denke, ich befinde mich gerade irgendwo in der Mitte des Abenteuers und ohne zu wissen, wie Village endet, behaupte ich jetzt schon einmal, das Schicksal meines Charakters ist mir relativ egal. Klar, es geht darum seine kleine Tochter zu retten und als Zocker möchte ich das schon schaffen. Ethan könnte mich dabei jedoch durchaus mehr unterstützen und nicht so ein 08/15-Charakter sein, den ich nach Abschluss der Story innerhalb kürzester Zeit wieder vergessen habe. Schon im Vorgänger Resident Evil 7 fand ich die Gegenspieler interessanter als Mister Winters und dies zieht sich nun auch durch den neuen Teil der Reihe.
Keine Ansichtssache
Quelle: PC Games Hardware
Captain Price hatte bereits in Call of Duty 4: Modern Warfare im Jahr 2007 seinen ersten Auftritt und ist seitdem einer der Lieblinge der Reihe.
Jetzt könnte ich es mir einfach machen und mir einreden, dass die First-Person-Perspektive eine tiefgründige Charakterentwicklung nicht zulässt, aber stimmt das auch wirklich? Eher nicht, denn mir fallen sofort einige Spiele ein, bei denen mir auch Charaktere ans Herz gewachsen sind, die ich aus der Ego-Ansicht steuere. Alyx Vance aus dem VR-Shooter Half-Life: Alyx kommt mir da genauso schnell in den Sinn wie ein "B.J." Blazkowicz aus Wolfenstein. Sogar die Kampagnen der Call-of-Duty-Reihe bieten mir mit "Soap" MacTavish, Captain Price oder Alex Mason immer wieder Protagonisten an, die mir sympathischer sind als ein Ethan Winters in Resident Evil.
Die Definition von Wahnsinn
Auch eine andere First-Person-Shooter-Reihe hat Probleme, interessante spielbare Figuren zu erschaffen. Ich mag das Far-Cry-Franchise wirklich sehr gerne, aber nicht aufgrund eines Jason Brody, Ajay Ghale oder meines namenlosen Charakters in Far Cry 5. Stattdessen begeistern mich in Far Cry die lebendige Spielwelt, abwechslungsreiche Missionen und natürlich die durchgeknallten, aber dennoch charismatischen Antagonisten. Der Schakal, Pagan Min und auch die Seed-Familie gehören zu den Aushängeschildern der jeweiligen Spiele. Noch eine Stufe darüber thront Vaas Montenegro aus Far Cry 3, der völlig zu Recht zu den besten Schurken der Videospiel-Geschichte zählt. Der Monolog, in dem Vaas über die Definition von Wahnsinn spricht, ist wohl nicht nur mir als großem Far-Cry-Fan im Gedächtnis geblieben.
Quelle: via Resetera
Giancarlo Esposito ist den meisten wohl aus Breaking Bad und Better Call Soul bekannt. In Far Cry 6 schlüpft er in die Rolle des Antagonisten.
Auch der sechste Teil der Reihe, der am 7. Oktober erscheinen soll, dürfte sich den bisherigen Eindrücken nach nahtlos in das übliche Far-Cry-Schema einordnen. Mit dem Schauspieler Giancarlo Esposito schlüpft ein ausdrucksstarker und charismatischer Typ in die Rolle des Bösewichts. Die spielbare Figur wirkt dagegen in den ersten bewegten Bildern schon wieder recht blass. Aber ich warte erst einmal ab, bis ich das Spiel in meinen Fingern halte und urteile dann. Es wäre auf jeden Fall schön, sollten sich die beiden Hauptprotagonisten in etwa auf Augenhöhe begegnen. Ansonsten wird Dani Rojas eben die nächste Spielfigur, deren Schicksal mir ziemlich egal ist. Spaß werde ich an Far Cry 6 aber sicherlich wieder aufgrund anderer Dinge finden.
Auch die KI braucht einen Hauch von Menschlichkeit
Interessant geschriebene Charaktere, die sich im Verlauf ihrer Geschichte weiterentwickeln, können für mich sogar den Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Spiel machen. Um das zu verdeutlichen, ziehe ich einmal das Entwicklerstudio Supermassive Games heran: Sowohl Until Dawn als auch die Dark Pictures Anthology mit den bisherigen Spielen Men of Medan und Little Hope wurden von dem britischen Team erschaffen. Während mir in Until Dawn zumindest ein paar Charaktere nach und nach ans Herz wuchsen, stört es mich in Men of Medan und Little Hope absolut nicht, sollten meine Figuren doch einmal Hopps gehen. Aus Gamer-Sicht ärgert mich eigentlich nur die Tatsache, dass mir durch deren Bildschirmtod Achievements oder Trophäen durch die Lappen gehen. Meinem Protagonisten nachzutrauern finde ich allerdings überflüssig. Obwohl die Charaktere in Until Dawn bei weitem nicht perfekt und sympathisch sind, entwickeln sie sich im Laufe der Story weiter und zeigen nachvollziehbare Emotionen und Reaktionen. Sobald ich als Spieler beim Zocken mehrmals meine Meinung über eine Figur ändere und darüber nachdenke, wie ich in bestimmten Situationen im echten Leben reagieren würde, haben die Spiele-Entwickler den richtigen Weg gefunden.
Quelle: Nvidia
Klingt komisch ist aber so: Auch Schwächen machen aus Protagonisten stärkere Charaktere. In der Reboot-Trilogie wirkte Lara Croft zumindest ein wenig menschlicher als noch in der Vergangenheit.
Ein interessanter Charakter muss nicht einmal besonders viel Charme oder Humor versprühen. Sowohl der Witcher Geralt von Riva als auch Kratos aus God of War besitzen trotz ihrer knurrigen und kurzangebundenen Art extrem starke Persönlichkeiten, die aus der Gaming-Branche nicht wegzudenken sind. Gerade solche Figuren finde ich enorm wichtig in der Welt der Videospiele, in der sehr häufig Stereotypen den Takt angeben. Dieser Punkt bringt mich direkt zur vielleicht bekanntesten Gaming-Heldin: Lara Croft. Es gleicht vermutlich einer Majestätsbeleidigung, wenn ich jetzt sage, dass die Protagonistin aus Tomb Raider für mich nicht zur Riege interessanter Charaktere zählt. Versteht mich nicht falsch. Ich finde fantastisch, dass es eine Figur wie Lara Croft gibt, die ihrer Zeit eigentlich sogar ein paar Jahre voraus war und seit beinahe drei Jahrzehnten das Bild einer starken Frau auch in der Gaming-Branche vorlebt. Doch Lara ist weder besonders sympathisch, noch witzig, noch in irgendeiner Form charismatisch oder meinungsstark. Mit dem Reboot versuchte Crystal Dynamics die Archäologin geerdeter und verletzbarer umzusetzen, doch so richtig will bei mir auch in der neuen Trilogie der Funke nicht überspringen.
Könner ihres Fachs
Die Uncharted-Reihe wird immer wieder mit den Tomb-Raider-Spielen verglichen. Im Gegensatz zur Konkurrenz schafft es das Entwicklerstudio Naughty Dog allerdings, äußerst spannende Charaktere zu kreieren. Natürlich spreche ich da in erster Linie vom charmanten Spaßvogel Nathan Drake, der auch in den brenzligsten Situationen noch einen flotten Spruch auf den Lippen hat. Viel wichtiger finde ich jedoch, dass der Protagonist in seinem Handeln bei weitem nicht perfekt agiert. Nathan Drake hat Ecken und Kanten, lügt in Bedrängnis wie gedruckt und ist ein absoluter Sturkopf. Doch unter anderem diese Schwächen machen aus Drake einen authentischen Charakter. Auch neben dem Abenteurer gibt es in der Uncharted-Reihe einige erstklassige Figuren. Von Drakes Mentor Victor "Sully" Sullivan über Chloe Frazier bis hin zu den Gegenspielern Lazarevic, Marlowe und Nadine Ross. Ohne solche Figuren wäre selbst ein atemberaubendes Abenteuer wie Uncharted ein kleines bisschen schwächer aufgestellt.
Ähnliches gilt für The Last of Us. Die Geschichte rund um Joel, Ellie und in Part 2 auch Abby ist unter anderem deshalb so tiefgründig und mitreißend, da die Gespräche fesselnd und die Entscheidungen der Protagonisten nachvollziehbar sind. Die Sony-Studios haben allgemein ein gutes Händchen für Charaktere, die ich schnell ins Herz schließe. Dort gibt es schließlich auch noch, den bereits genannten Kratos, Jin Sakai aus Ghost of Tsushima und natürlich Aloy. Gerade die Heldin aus Horizon: Zero Dawn hat mich auf der Suche nach ihren Wurzeln vollends überzeugt und ich freue mich riesig auf die Fortsetzung des Abenteuers in Forbidden West. Der Moment als Aloy die Wahrheit ihrer Vergangenheit erfahren hat, ließ sogar mich emotionalen Eisklotz sehr nachdenklich zurück.
Der König der Charaktere
Quelle: Rockstar Games
Arthur Morgan ist nur einer von zahlreichen grandiosen Charakteren in Red Dead Redemption 2.
Meiner Meinung nach kann die Sony-Figuren nur ein weiteres Studio toppen: Rockstar North. Kein anderes Entwicklerteam schafft es, solche einzigartigen Charaktere zu kreieren wie das amerikanisch-britische Unternehmen. Während die Protagonisten in der GTA-Reihe gesellschaftskritisch und mit einer ordentlichen Portion Selbstironie ausgestattet sind, geht es in den beiden Red-Dead-Redemption-Titeln größtenteils ernst zu. Und obwohl ich es zunächst äußerst schade fand, dass ich in Red Dead 2 nicht mehr in die Rolle von John Marston schlüpfen durfte, habe ich meine Meinung sehr schnell geändert. Arthur Morgan ist für mich der großartigste Charakter der Videospiel-Geschichte. Die Entwicklung, die der Outlaw in der Story des zweiten Teils hinlegt, wird auch in Zukunft schwer zu übertreffen sein. Der Weg vom loyalsten Mitglied der Bande zum zweifelnden und selbstkritischen Gesetzlosen ist einsame Spitze. Diesen Sinneswandel mitzuerleben und Arthur Morgans Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, ist eine unglaublich immersive Erfahrung. Auch die anderen Charaktere in Red Dead Redemption 2 fügen sich grandios in das Abenteuer ein. Sadie Adler, Hosea Matthews, Dutch van der Linde und Micah Bell sind so starke Spielfiguren, dass selbst ein John Marston beinahe untergeht. Zum Glück hat dieser am Ende der Geschichte seine eigenen, einprägsamsten Momente.
Mit Sicherheit gibt es in der Welt der Videospiele noch so viele Charaktere mehr, die ich in dieser Kolumne vergessen habe. Eine Erwähnung verdienen zum Beispiel auch Guybrush Threepwood aus Monkey Island und George Stobbart aus Baphomets Fluch, die das Point&Click-Genre geprägt haben, wie keine anderen Genrevertreter. Neben einer faszinierenden Spielwelt und einer gut geschriebenen Story, entscheiden in meinen Augen vor allem die Spielfiguren, ob ein Spiel am Ende zu etwas Besonderem wird.

Und er war authentisch, jedenfalls nachvollziehbarer, als viele andere Charaktere bekannter Spiele.
HZD...persönlich schwieriges Thema für mich. Ich mag das Spiel und auch nicht.
Liegt zum Teil an der Figur Aloy, zum Teil am Gameplay. Werde irgendwie nicht richtig warm damit.
Spiele es immer mal wieder, kann mich aber nicht lange motivieren.
Ja ich weiß, bei FC 5 kann man ganz am Anfang eine Entscheidung treffen aber dann ist das Spiel auch gleich vorbei. Und ja das FC5-Ende ist zwecks des Nachfolgers FC New Dawn Canon.
Ubisoft schafft es da immer wieder eine atmosphärische und ziemlich authentische Atmosphäre zu schaffen. Woran es manchmal krankt sind Kleinigkeiten wie repetive Missionen. Aber bezüglich Charakteren und deren Qualität konnte ich bei Ubisoft bisher kaum meckern.
Bin aber wohl auch einer der wenigen der Aiden Pearce aus Watch Dogs 1 am meisten abgewinnen kann. Bei WD 2 war mir der Kiddiestyle zu blöd und bei WD 3 müßte ich erst mal damit anfangen.
In ME1 (ich spiele es gerade wieder) sind Liara und Co. auch noch bei weitem nicht so präsent wie es in Teil 2 wird, mMn.