Papers, Please: Unser Test zum Grenzkontrolleur-Simulator
Indie-Spiele gehen immer öfter neue Wege. So wie Papers, Please: Unser Test zum Grenzkontrolleur-Simulator klärt, warum sich der Kauf lohnt. Der Mix aus Adventure und Denkspiel wartet nicht nur mit einer kreativen Spielidee und bedrückender Atmosphäre auf, sondern bringt auch eine beeindruckende politische Botschaft an den Mann.
Ich bin ein schlechter Mensch. Darin sind sich alle einig: Natalja aus Obristan, die ich wegen eines Formfehlers in der Aufenthaltsgenehmigung von ihrem Mann getrennt habe. Frau Mandic aus Antegra, bei der ich per entwürdigendem Nackt-Scan versteckte Drogen gefunden habe. Miguel aus Impor, dessen Eintrittsgesuch ich kategorisch abgelehnt habe, weil es die Doktrin der arstotzkischen Einwanderungsbehörde an diesem Tag für alle Menschen aus dem Nachbarland so vorgeschrieben hat. Einzig Jorji, der Mann mit den so offensichtlich gefälschten Papieren und dem unerschütterlich fröhlichen Gemüt, hat immer zu mir gehalten, egal wie oft ich seinen Visa-Antrag abgelehnt habe. Bis ich ihn heute endlich habe verhaften lassen.
Anschließend habe ich mich geschämt, als mir die namenlose Wache vom Grenzposten die fünf Credits zugesteckt hat: mein Anteil an der Bonuszahlung, die ihm die Behörden für jeden verhafteten Immigranten zahlen. Ich habe das Geld natürlich angenommen, wie könnte ich auch nicht: Mein Sohn hat heute Geburtstag und ich muss ihm doch ein Geschenk kaufen. Vielleicht bringen ihn die teuren Wachsmalstifte ja sogar wieder zum Lächeln und lassen seine verweinten Augen aufleuchten: Ein Anblick, den ich vermisse, seit seine Mutter an einer Lungenentzündung gestorben und seine Großmutter kurz darauf verhungert ist.
Quelle: PC Games
Wenn wir unter Zeitdruck verschiedene Dokumente auf engstem Raum jonglieren, kommen wir schnell ins Schwitzen.
Spielprinzip: Launig
Indie-Entwickler Lucas Pope hat Papers, Please in Eigenregie entwickelt. Eine beachtliche Leistung, denn das Spiel, das euch in die Haut eines Passkontrolleurs an der Grenze des fiktiven Ostblock-Staates Arstotzka versetzt, ist zu gleichen Teilen interaktive Unterhaltung und Kunstwerk. Vordergründig geht es darum, die Reisepapiere von Immigranten und Touristen auf Fehler zu überprüfen und entweder eine Einreisegenehmigung zu erteilen oder das Visum mit einem dicken, roten "Abgelehnt" zu verzieren. Dabei entspricht die Spielmechanik am ehesten noch einem Point & Click-Adventure: 31 virtuelle Tage lang marschiert euer Charakter jeden Morgen zu seinem Grenzhäuschen und nimmt die Papiere in Augenschein, die ihm die Menschen auf der anderen Seite einer Glasscheibe aushändigen. Anschließend gilt es, diese zu prüfen: Auf falsche Größen- oder Datumsangaben, gefälschte Siegel, nicht mehr aktuelle Fotos und so weiter.
Die Pässe, Einreisegenehmigungen und Arbeitserlaubnisse müssen nicht nur miteinander, sondern auch mit den Angaben im allumfassenden Regelbuch verglichen werden. Dazu arrangieren wir die Papiere auf unserem sehr eng bemessenen Schreibtisch, nutzen unser Nachschlagewerk und markieren falsche Angaben im Untersuchungsmodus, wodurch weitere Handlungsmöglichkeiten wie ein Nachfragen nach einem fehlenden Formular freigestaltet werden. Anschließend heißt es: stempeln, stempeln, stempeln. Das kann auf Dauer eintönig werden, auch wenn sich beinahe jeden Tag die Einreisebestimmungen und Aufgaben des Spielers ändern. Meist als Reaktion auf Terroranschläge, die wir an der Grenze als Augenzeuge miterleben, oder aufgrund von Handelsembargos oder unterkühlten Beziehungen der Staaten untereinander, über die wir jeden Morgen in der Zeitung lesen.
Quelle: PC Games
Per Nackt-Scanner forsten wir nach Schmuggelware oder versteckten Waffen. Die schonungslose Darstellung der nackten Körper lässt sich im Menü deaktivieren.
Der Arbeitsablauf wird dadurch zunehmend komplizierter, schon bald müssen wir drei oder gar vier Papiere pro Einwanderer überprüfen, nebenbei noch nach Kriminellen auf der Most-Wanted-Liste Ausschau halten und bei einem Terroranschlag mit betäubender oder scharfer Munition auf Aktivisten feuern. Wir vergleichen die Fingerabdrücke der Visa-Antragsteller mit denen in der Datenbank, scannen nach geschmuggelter Ware oder Waffen und entschärfen einmal gar eine Bombe. Das alles geschieht unter Zeitdruck, denn jeder Arbeitstag im Spiel dauert nur ein paar Minuten. Weil wir pro korrekt abgefertigten Bürger bezahlt werden, ist die Versuchung groß, Anträge so schnell wie möglich zu bearbeiten. Doch Vorsicht: Wer Fehler macht, etwa ordentliche Anträge ablehnt oder Formfehler übersieht und trotzdem einen Ausländer über die Grenze lässt, wird erst verwarnt und - bei zu vielen Wiederholungen - mit Lohnabzug bestraft.
Schon bald leben wir in Furcht vor dem Rattern der Faxmaschine, die unverzüglich von einem übersehenen Fehler unsererseits kündet - denn unser Alter Ego lebt in bitterster Armut und muss am Ende jedes Tages die ins Haus flatternden Rechnungen seiner Familie begleichen. Unser Haushalt wird dabei nur per Textfenster dargestellt, doch trotzdem erschüttert es uns bis ins Mark, wenn wir einmal kein Geld für Heizung und Essen haben und Mitglieder unserer vierköpfigen Familie mit knurrendem Magen zu Bett gehen müssen, erkranken oder gar sterben.
Quelle: PC Games
In welchem Zustand sich unsere Familie befindet und wie es um die Haushaltsfinanzen steht, bekommen wir in diesem schmucklosen Menü präsentiert.
Tieferer Sinn: Deprimierend
Die Kampagne von Papers, Please dauert knapp fünf Stunden und unterhält durchgehend: Das Studieren der Einreisepapiere fordert intellektuell, weil wir uns zahlreiche Regeln, Distrikte, Symbole und Städtenamen merken müssen. Die Gefahr, etwas zu übersehen, ist groß und wegen der drakonischen Strafen neigen wir dazu, lieber alles zwei Mal zu prüfen. Nebenbei vermittelt das Spiel aber auch eine politische Botschaft und transzendiert dabei die Grenze zwischen Unterhaltungsmedium und Kunst: Papers, Please zeigt, wie Diktaturen funktionieren, was blinder Gehorsam mit dem eigenen Gerechtigkeitsgefühl anstellt und wie menschliches Elend und äußere Zwänge aus harmlosen Beamten und braven Bürgern seelenlose Automaten ohne moralische Bedenken machen. Die Erkenntnis, wie beiläufig man im Spiel (virtuelle) Existenzen zerstört, Familien auseinander reißt und ein korruptes System unterstützt, setzt langsam ein; wir betrachten unser eigenes Verhalten mit zunehmender Spieldauer immer kritischer und fragen uns, ob das Wohl unserer virtuellen Familie es wert ist, wie wir uns während der Arbeit verhalten. Denn Papers, Please konfrontiert den Spieler auf regelmäßiger Basis mit diversen moralischen Dilemmas.
Die im pixeligen 8-Bit-Stil abgebildeten Personen wenden sich oftmals (und ausschließlich in englischer Textform) mit Einblicken in ihr Leben an den Spieler, appellieren an seinen Gerechtigkeitssinn oder betrauen ihn mit kleinen Aufgaben, etwa einen bestimmten Menschenschieber trotz korrekter Papiere nicht über die Grenze zu lassen. Dann wieder stehen wir vor der Entscheidung, einem Journalisten die Einreise zu ermöglichen, der über die schlimmen Zustände in Arstotzka berichten könnte. Oder wir bekommen es mit dem "Order" zu tun, einer mysteriösen Organisation, die statt mit Bomben mit Spionage und Politik für einen gesellschaftlichen Wandel im Land sorgen wollen. Und dann wäre da ja noch die Sache mit den Verhaftungen: Streichen wir das Geld ein, das wir für festgesetzte Antragsteller mit gefälschten Papieren oder Schmuggelware am Leib kassieren? Oder belassen wir es dabei, diesen Missetätern lediglich die Einreise zu verwehren? Vielleicht bekommen wir ja so eine versöhnliche Variante der insgesamt 20 Endsequenzen zu sehen. Und vielleicht lastet so unser Gewissen weniger schwer auf uns, weil wir nicht dafür verantwortlich sind, wie der Wachposten vor unseren Augen einer wehrlosen Frau den Gewehrkolben an die Schläfe schlägt ...
Papers, Please gibt es aktuell nur als Bezahl-Download zu erwerben, etwa auf Steam, Gog.com oder der offiziellen Webseite. Preis: € 9,-. Auf der Entwickler-Homepage findet ihr auch eine kostenlose Beta-Demo.

Nur als Tipp, das man Deutsch bevorzugt liegt nicht daran, das man des Englischen nicht mächtig ist
Wenn man auf ein (gutes) Spiel verzichtet, nur weil es nicht in Deutsch verfügbar ist dann lässt sich darauf schließen.
Mich hat damals schon die Beta begeistert. Es klingt trocken und langweilig aber dem ist nicht so.
schwer vorstellbar, dass das länger als 5 minuten spaß macht. :-B
Da wird man wohl nicht einfach mal so in Ruhe die Texte durchlesen können, sondern muss wohl schnell reagieren und das geht dann in der Muttersprache sicher besser, denke ich mir zumindest. Ich werd's mir dennoch irgendwann mal anschauen, vielleicht ist es ja nicht so extrem, wie es im ersten Moment klingt.
Ganz ohne Englischkenntnisse wird es auf jeden Fall schwer, allerdings vergleichst du hauptsächlich Zahlen miteinander: Geburtsdaten, Gewichtsangaben, Identifikationsnummern ...