Das Selbst-Experiment
Einmal im Leben auch ein Arschloch sein. Wir haben es in der Überlebenssimulation DayZ ausprobiert.
In diesem Artikel
Einmal Arschloch in DayZ sein
Tag 1: Aller Anfang ist schwer
Ich starte meinen Selbstversuch mit einem Bambi - also einem frischen Spielcharakter ohne Ausrüstung. Ich würde mich selbst eher als gutmütigen Menschen beschreiben, der auch in Konfliktsituationen lieber den gemeinsamen Konsens als die Konfrontation sucht. Der kompetitive Aspekt in Spielen macht mir natürlich trotzdem Spaß, aber eine gewisse Fairness sollte ebenfalls dabei sein. Entsprechend zögerlich beginne ich mein Abenteuer außerhalb der Stadt Komarovo.
Das Sammeln von Ausrüstungsgegenständen bestimmt die ersten Stunden: Ich klaube einen Rucksack auf, freue mich über meine erste Magnum und behalte Gegenstände wie Fesseln oder auch Kartoffelsäcke gezielt im Inventar. Im Normalfall würde ich diese gar nicht erst mitnehmen, diesmal aber landen sie absichtlich im Gepäck. Schließlich brauche ich sie vielleicht noch.
Die Spielstunden vergehen und mit der Zeit fällt mir auf, dass es wahre Hingabe benötigt, um als hinterhältiger Bandit zu spielen. Meine erste Begegnung mit einem anderen Spieler im Herzen von Chernogorsk endet nämlich in einem kurzen, aber heftigen Kampf. Ich komme erst gar nicht dazu, ihn irgendwie zu quälen. Stattdessen eröffnet mein Gegenüber sofort das Feuer, ehe ich ihn mit einigen Treffern niederstrecke und ihm auf kurze Distanz den Rest gebe.
Allerdings steigt dadurch mein Argwohn gegenüber anderen Teilnehmern. Je weiter fortgeschritten mein Charakter ist und je mehr Zeit ich in ihn investiere, desto weniger möchte ich in direkte Interaktion mit anderen Spielern treten. Schließlich weiß ich ja nicht, wer da am anderen Ende der Tastatur auf mich wartet.
Tag 2: Wie gewonnen, so verloren
Nach meinen Erfahrungen des vergangenen Tages fasse ich einen Entschluss: Ich gaukle anderen Spielern den freundlichen Zombiejäger vor
Quelle: PC Games
Das durfte ja nicht fehlen: Natürlich bauen Rust-Spieler auch Gefängnisse und Gruben, um andere Online-Überlebende
festzuhalten und einzupferchen.
und passe dann einen günstigen Moment ab, um sie zu hintergehen. Inzwischen habe ich mich weiter in den Norden vorgearbeitet und treffe außerhalb von Guba auf einen einsamen Wanderer mit Tarnuniform, Motorradhelm und einer ausgerüsteten Feuerwehraxt. Genau deshalb nenne ich ihn Jason. Er scheint auch schon einige Stunden auf dem Buckel zu haben, entsprechend vorsichtig gehe ich vor. Als er mich bemerkt, drücke ich reflexartig die F2-Taste, und meine Figur hebt beide Arme in die Luft.
"Ich will dir nichts tun", rufe ich beschwichtigend. Keine Antwort. "Ich bin auf der Suche nach Lebensmitteln. Warst du schon in Guba?", lege ich nach. Diesmal erhalte ich eine kurze Antwort: "Nein." Ich wittere meine Chance: "Sollen wir zusammen dort reingehen? Alleine ist DayZ irgendwie langweilig." "Okay", knarzt es abgehackt aus dem Lautsprecher. Ich gehe vor, und er hinter mir her. Ein Fehler! In dem Moment, in dem ich ihn aus dem Auge verliere, greift Jason mich von hinten mit der Axt an. Ich kann nicht rechtzeitig reagieren und bin tot. Alles futsch, die gesamte Ausrüstung ist weg. Ich bin frustriert und verbringe den Rest des Tages damit, mein Inventar wieder aufzufüllen.
Tag 3: Langsam reicht's!
Der Ärger über die verpasste Chance vom Vortag hat in mir etwas verändert: Ich spüre Wut in mir aufkommen - und möchte es jemand anderem heimzahlen. Gesagt, getan: Außerhalb von Berezino kommt ein Bambi auf mich zu und ruft mir "Kannst du mir helfen?" entgegen. Keine Chance! Ich eröffne sofort das Feuer. Der Rest ist Geschichte. Ich gebe zu, einen nahezu Wehrlosen zu erschießen, schüttet bei mir keine Glückshormone aus. Nach einem kurzen "Ha!" macht sich stattdessen Ernüchterung breit. Ich schalte DayZ für den Moment aus.
Tag 4: Ich habe einen Plan
Es wird Zeit, koordinierter an die Sache ranzugehen. Also lege ich mir einen Schlachtplan zurecht. Auf meiner ersten Marschroute versuche ich mich als Scharfschütze. Als Solo-Bandit hat man es in DayZ nämlich nicht leicht. Schließlich muss ich immer wieder damit rechnen, dass mich eine Gruppe von Spielern attackiert und erledigt. Ich lege mich also außerhalb von Elektro auf einem Berg auf die Lauer und warte ab. Gefühlte Ewigkeiten später taucht endlich ein Spieler auf den Straßen auf. Ich schieße - und verfehle. Verdammt!
Quelle: PC Games
Da läuft der nächste Spieler einfach vorbei. Campen bleibt besonders an Straßen oder Bahngleisen ein populärer Trick. Unerfahrene Spieler nutzen diese nämlich als Orientierungshilfe und sind dadurch ungeschützt.
Das Sniper-Leben ist offensichtlich nichts für mich. Also probiere ich den nächsten Trick: Mit einer ausgelegten Magnum möchte ich andere Spieler anlocken. Das klappt besser. Während sie noch im Inventar wühlen und die Waffe begutachten, kann ich sie angreifen. Inzwischen ist mir egal, wie viele Stunden die anderen in den Aufbau ihres Charakters investiert haben. Hauptsache, ich lande satte Treffer und komme ungeschoren davon.
Zum Ende meiner Session habe ich eine Mine gefunden. Die platziere ich taktisch clever auf einer Straße und warte ab, bis mir ein anderer Spieler entgegenkommt. Sofort recke ich die Arme in die Luft und tue so, als würde ich mich ergeben. Dazu versuche ich ihn in ein Gespräch zu verwickeln und lege als Friedensangebot einige Konservendosen auf den Boden. Mein Plan geht auf: Der Bursche kommt schnurstracks auf mich zu - und rennt direkt in die Mine. Was ich dabei nicht bedacht habe: Durch die Explosion sind nun weite Teile seiner Ausrüstung unbrauchbar. Egal.
Tag 5: Ich brauche Verstärkung!
Aber wie ja bereits angedeutet, haben es Solo-Banditen in DayZ schwer. Für den letzten Teil meines Experiments hole ich mir also einen Freund zur Verstärkung. Die Aufgabenverteilung ist klar: Ich bin der Lockvogel und er gibt mir Rückendeckung. Wir kommunizieren nicht über den integrierten Voice-Chat, sondern benutzen Skype im Hintergrund. So können wir uns absprechen, ohne dass es jemand mitbekommt.
Diesmal gehen wir richtig in die Vollen. Als Vorbereitung buddeln wir mit einem Steinmesser Würmer aus und sammeln ein Kleid auf. Jetzt wollen wir jemanden so richtig demütigen. Der Plan funktioniert. In der Nähe der Fabrik nehmen wir einen durchschnittlich ausgerüsteten Spieler in die Zange. Ich rufe ihm entgegen: "Hände hoch und ergib dich. Dann wird dir nichts passieren." Er antwortet nur: "Ach kommt schon, was hast du vor?" Ich versuche ihn zu beruhigen, als ich ihm die Handschellen anlege. Ich durchstöbere sein Inventar und nehme alles mit, was ich gebrauchen kann. Den Rest werfe ich in die Umgebung.
Danach kommt der "unangenehme" Teil: Hosen weg, Klamotten weg. Vor uns hockt ein wehrloser, nahezu unbekleideter Typ. In meiner Magengrube macht sich ein ungutes Gefühl breit. Irgendwie stellt sich bei mir kein Machthunger ein. Vielmehr bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Zum einen, weil ich dem Burschen gerade sein Spiel versaue, zum anderen weil ich ihn demütige. Aber sei's drum: Ich ziehe ihm das Kleid an, setze ihm eine Bommelmütze auf und gebe ihm netterweise auch noch einen Marienkäferrucksack. So sieht also ein Schulmädchen in DayZ aus. Danach füttere ich mein Versuchskaninchen noch mit einigen Würmern.
Aber wie bringt man eine solche Geschichte jetzt zu Ende? Wenn wir ihn laufen lassen, riskieren wir, dass er sich womöglich rächt. Vielleicht hat er auch noch Freunde dabei. "Okay, steh auf", sage ich und löse die Fesseln wieder. "Du siehst toll aus. Und jetzt: LAUF!" Los geht die lustige Hasenjagd. Unser Opfer bleibt auf der Flucht an einem Zaun hängen, ehe wir es zur Strecke bringen. Ich positioniere mich über der Leiche, zeige ihr den Mittelfinger und mache einen Screenshot. Puh, das war unangenehm.
Tag 6: Ich will nicht mehr das Arschloch sein
Natürlich hätte man diesen Selbstversuch noch weitertreiben können. Doch mir geht die Faszination der gezielten Demütigung und Spielspaß-Sabotage gegen den Strich. Wieso sollte es mir Freude bereiten, andere virtuell zu ärgern und ihren Fortschritt zu versauen? Allerdings habe ich bei mir schnell eine gewisse Gleichgültigkeit festgestellt: Mir war letztlich mein Gegenüber egal, Hauptsache ich verliere nicht mein eigenes Inventar. Es geht in DayZ häufig um präventiven Selbstschutz. Ich kenne den anderen Spieler nicht und weiß nicht, ob er mir nicht irgendwann einfach in den Rücken fällt. Noch nicht mal bei Freunden kann ich mir dessen sicher sein.
Machte das Abschießen anderer Spielerfiguren noch Spaß, sorgte das gezielte Demütigen und Foltern bei mir für keinerlei Hochgefühl. Stattdessen war es eine lästige Pflichtaufgabe, um die persönlichen Grenzen auszuloten. Offensichtlich besitze ich keine verborgenen Machtfantasien, sondern bin eher friedfertiger Natur. Ein Beinahe-Bambi in eine Schulmädchenuniform zu stecken und anschließend über das Feld zu jagen, ist nur für den Augenblick unterhaltsam. Denkt man aber drüber nach, geht das schon einen Tick zu weit. Und ich bleibe dabei: Player vs. Player ist eine feine Sache. Aber man muss auch immer Mensch bleiben.

Bestätigt nur meine Vorurteile solcher Spiele gegenüber. 99% langweilig, kurz spannend und dann vorbei.
http://i.imgur.com/KLVd46f.png
Wenn wir schon mal dabei sind. ;) Mir fiel dieses Video ein.
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