Filmkritik zu Ich. Bin. So. Glücklich.: Braucht es eine Triggerwarnung?
Es ist fast schon Tradition, dass zum Start eines neuen Films bei Netflix Drama in den sozialen Netzwerken entsteht. Ich. Bin. So. Glücklich. ist keine Ausnahme, wird aber aus den falschen Gründen diskutiert. Denn viel wichtiger als eine Triggerwarnung ist der Inhalt des Streifens.
Der Film Luckiest Girl Alive (oder auf Deutsch Ich. Bin. So. Glücklich.) sorgt derzeit im Internet für Wirbel. Nicht, weil Netflix mit der deutschen Übersetzung mal wieder ins Klo gegriffen hat, oder weil der Titel die Netflix-Charts anführt, sondern wegen einer fehlenden Trigger-Warnung. Und irgendwie auch nicht ganz zu Unrecht, denn im Film werden nicht nur krasse Themen angesprochen, sondern auch explizit gezeigt. Vergewaltigung, Mord und ein Amoklauf in einer Schule - dass Netflix ein Markierungssystem für explizite Inhalte nachliefern muss, wenn er nicht weiter an den Twitter-Pranger gestellt werden will, weiß der Abo-Gigant spätestens jetzt wohl selbst.
Der Film sollte aber nicht als simpler Internet-Aufschrei abgetan werden. Laut Moviepilot ist Ich. Bin. So. Glücklich. fast so gelungen wie der hochgelobte Titel Gone Girl von David Fincher. Dabei sind die beiden Produktionen nur auf einen ersten, oberflächlichen Blick vergleichbar. Es geht um Frauen und Gewalt. Dass es sich letztlich um ein zwei verschiedene Genres handelt und die Hauptdarstellerinnen komplett unterschiedlich aufgebaut sind, sollte man aber nicht außer Acht lassen.
Amy in Gone Girl wirkt wie eine nette Ehefrau, die sich als Psychopathin herausstellt und den Zuschauer mehr als nur einmal mit ihren extremen Handlungen und ihrer Durchtriebenheit schockt. Tifany, im Film auch Any genannt, aus Ich. Bin. So. Glücklich. ist das genaue Gegenteil. Durch heftige Vorfälle in ihrer Kindheit ist sie zu einem manipulativen Menschen herangewachsen und wirkt in den ersten Momenten des Films psychotisch. Letztlich stellt sich aber raus, dass sie eigentlich nur die Lügen um ihre Person aufdecken will und sich dabei gegen die Gesellschaft stemmen muss - aber auch gegen ihr nächstes Umfeld.
Quelle: Netflix
Any hat sich durch Manipulation das scheinbar perfekte Leben aufgebaut.
Vielschichtig statt eindimensional
Die rücksichtslose Any stellt sich dabei als zwiegespaltener Mensch heraus, der durchaus echte Gefühle in sich trägt, diese aber für ihr Ziel, Gerechtigkeit zu erlangen, unterdrückt und zur Seite schiebt. Sie ist von Anfang an vielschichtig und macht eine klare Entwicklung durch, die Mina Kunis überzeugend verkörpert.
Während Any anfangs an ihrer rücksichtslosen Vendetta festhält und zunächst keine Skrupel zeigt, stellt sich mit der Zeit heraus, dass sie nicht ohne Reue Menschen verprellt, denen sie sich gerne öffnen würden. Und obwohl sie ein furchtbares Trauma in sich trägt, ist Any nicht gebrochen oder lässt ihr Ziel aus den Augen, ihre Vergangenheit geradezurücken.
Gelungen ist die Darstellung von Tätern und Opfern - gebührend dem sensiblen Thema. Diese ist nicht schwarz/weiß, sondern nuanciert. Kein Mensch ist von Grund auf böse, aber eben auch nicht gut. Fast jeder Mensch hat eine persönliche Agenda, die er verfolgt und das kommt in Ich. Bin. So. Glücklich. heraus. Man möchte meinen - und da sind sich die etablierten Filmkritiker einig - dass der Film an manchen Stellen zu viel will. So wird in den letzten Minuten des Films Gesellschaftskritik eingebunden, die im ersten Moment fehl am Platz wirkt, handelt der Streifen doch von einem Einzelschicksal und dem Umgang damit im engeren Kreis.
Zu viel gewollt?
Während dieser Twist etwas plump wirkt, ist er letztlich aber der Zaunpfahl, der Anys gesamtes Motiv darstellt. Alle ihre Handlungen beruhen darauf, dass sie von der Gesellschaft nicht ernst genommen wird und sie deshalb ihre Ausgangslage ändern muss, während sie mit der Entscheidung kämpft, ihren Traum zu verfolgen oder vor den Schrecken ihrer Vergangenheit zu fliehen.
Die Handlung stemmt sich in seiner Gesellschaftskritik gegen eine Welt, in der Opfer sexueller Übergriffe Angst haben müssen, dass ihnen nicht geglaubt wird oder eine Täter-Opfer-Umkehr erfahren. Sie rückt aber auch die Beziehung zwischen Mutter und Tochter in den Vordergrund und in diesem Zusammenhang die Manipulation, die Opfer von sexuellen Übergriffen aus ihrem nächsten Umfeld erfahren. Entweder aus Scham oder aus Ohnmacht wird den Opfern der Mund verboten oder die Wahrheit zumindest so weit verdreht, bis sie in das eigene, heile Weltbild passt. Um die eigenen Nahestehenden nicht bloßzustellen, folgt Schweigen.
Quelle: Netflix
Neben der gesellschaftlichen Kritik legt Ich. Bin. So. Glücklich. seinen Fokus auf die zwischenmenschlichen Dramen, die bei Opfern sexuelle Missbrauchs ebenfalls eine Rolle spielen.
Ja, die Thematik hat eine Trigger-Warnung verdient. Aber gerade betroffene Personen profitieren von der Darstellung in Ich. Bin. So. Glücklich. Denn sie zeigt: Es ist ok, sich aufzubäumen und jemanden aus dem eigenen Umfeld an den Pranger zu stellen, wenn er sich den Platz verdient hat. Persönliche Bande dürfen gekappt werden, wenn ihretwegen das eigene Wohl auf der Strecke bleibt. Körperlich, aber eben auch seelisch.
Nicht für Jeden
Dass Ich. Bin. So. Glücklich. letztlich zu viel versucht, lässt sich nicht komplett von der Hand weisen. Neben den ganzen Schrecken und Konflikten, die in Any heftige Reaktionen auslösen, schielt der Film auch kritisch auf die Ausbeutung solcher Themen. Regisseur Aaron versucht, Any für eine Dokumentation über die Geschehnisse ihrer Vergangenheit ins Boot zu holen - ohne echte Rücksicht auf ihr Trauma, was die Situation letztlich verschlimmert.
Ironisch, dass Ich. Bin. So. Glücklich. genau dafür Kritik erhält und laut mancher Kritiker zu ausbeutend wirkt. Der Film eckt an und hat nur eine sehr spitze Zielgruppe, die mit dem Gezeigten wirklich etwas anfangen kann. Popcorn-Kino braucht man jedenfalls nicht erwarten, eine gelungene Darstellung eines Traumas ohne übertriebenes Drama aber schon.
Der Film ist wegen der expliziten Gewaltdarstellungen erst ab 18 Jahren freigegeben und erschien am 30. September 2022 auf Netflix. Einfache Unterhaltung sieht anders aus, als kritische Aufarbeitung eines ernsten Themas macht Ich. Bin. So. Glücklich. aber einen ordentlichen Job, ohne mit allzu vielen Klischees zu spielen.

Liebe Grüße und alles Gute für Sie!
vielen Dank für Ihre offene und ausführliche Sicht der Dinge. Dem ist nichts hinzuzufügen außer mein vollstes Verständnis und Mitgefühl. Ihre Schilderung hat mich in meiner Wahrnehmung tatsächlich entsprechend sensibilisieren können und damit ein besseres Verständnis schaffen können. Alles Gute auch für Sie.
Ansonsten: Klasse Film und tolle Leistung der Schauspieler:innen, allen voran Mila. Meine Frau und ich waren begeistert. Definitiv sehr harter Tobak, vor allem wegen der psychischen Themen, aber auch in der expliziten Darstellung von Gewalt.
Liebe Grüße und alles Gute für Sie!
Ansonsten: Klasse Film und tolle Leistung der Schauspieler:innen, allen voran Mila. Meine Frau und ich waren begeistert. Definitiv sehr harter Tobak, vor allem wegen der psychischen Themen, aber auch in der expliziten Darstellung von Gewalt.