Titane in der Filmkritik: Wer sein Auto liebt, der...

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Titane in der Filmkritik: Wer sein Auto liebt, der...
Quelle: Kochfilms

Der dieses Jahr in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnete Aufregerfilm "Titane" startete letzte Woche in den deutschen Kinos. Was genau euch bei dem wilden Genremix erwartet und für wen sich der Gang ins Kino lohnt, verraten wir euch in unserer Filmkritik.

Alexia (Model Agathe Rousselle) wurde als junges Mädchen nach einem Autounfall eine Titanplatte in den Schädel montiert. Spätestens ab diesem Moment fühlt sie sich romantisch zu Fahrzeugen hingezogen. Als Erwachsene arbeitet sie dann als erotische Tänzerin bei einer Auto-Show, wo sie den Boliden ganz nah sein kann. Nach einer Ausstellung geht sie ihren sexuellen Neigungen nach, klettert nackt in einen der Wagen und bringt sich zum Orgasmus. Nach kurzer Zeit schon merkt sie, dass sie nun von dem Muscle-Car schwanger ist. Viel Zeit, sich über diese bemerkenswerte Empfängnis zu wundern, bleibt Alexia allerdings nicht, weil es sich bei ihr um eine gesuchte Serienmörderin handelt, die schleunigst untertauchen muss.

Sie bindet sich Bauch und Brüste ab und tarnt sich als junger Mann, um dem Gesetz zu entfliehen. Aufgrund einer Ähnlichkeit zu dem vermissten Kind des Feuerwehrhauptmanns Vincent (Vincent Lindon) gelingt es ihr, den von Schuld und Trauer zerfressenen Mann zu täuschen und von ihm aufgenommen zu werden. Fortan ist sie unter dem Namen Adrien Teil seiner Truppe. Doch je weiter ihre Schwangerschaft fortschreitet, desto schwieriger lässt sich die Wahrheit vor ihm und den Männern geheim halten...

Die meisten Leute werden wahrscheinlich bereits beim Lesen der Inhaltsangabe feststellen, ob "Titane" der richtige Film für sie ist oder nicht. Doch auch diejenigen, die sich von den kuriosen Entwicklungen des Plots eher angezogen als abgeschreckt fühlen, seien gewarnt: Der Gewinner der Goldenen Palme ist definitiv ein Film, der im Abgang ein wenig Zeit benötigt, um zu wirken. Auch wenn sich Julia Ducournaus Werk technisch gesehen dem Genre Body Horror zuordnen lässt, sollte man keine Aneinanderreihung von Schockmomenten oder ausufernde Spezialeffekte erwarten. Die "Raw"-Regisseurin bewegt sich sowohl auf der Handlungsebene als auch bei der Inszenierung vor und zurück zwischen Genrefilm und Arthouse-Drama und scheut sich dabei nicht, Fans beider Lager vor den Kopf zu stoßen.

"Titane": feministisch und frauenfeindlich

Auf thematischer Ebene bietet der Film viel Nährboden für Kontroversen. Von der internationalen Fachpresse sowohl als radikal, feministisch, selbstbewusst und emotional als auch als transphob, pervers, pseudo-feministisch, sinnlos und misogyn bezeichnet, verweigert sich "Titane" einer klaren Moral oder Aussage und lässt es dem Publikum offen, seine Motive zu interpretieren.
Titane in der Filmkritik: Wer sein Auto liebt, der... (2) Quelle: Kochfilms Titane in der Filmkritik: Wer sein Auto liebt, der... (2)
Wenn sich Alexia gewaltsam Bandagen um den Körper wickelt, bis dieser mit Schürfwunden übersät ist, oder Macho Vincent sich mit zusammengebissenen Zähnen Hormonspritzen ins Bein haut, um seine muskulös-maskuline Form zu halten, werden diese Wandlungen als schmerzhaft und häufig grotesk dargestellt. Ein gezielter Angriff auf Personen, die ihr Geschlecht wechseln oder Hormone nehmen, ist der Film deshalb aber noch lange nicht. So werden in "Titane" am laufenden Band traditionelle Geschlechterbilder aufgebrochen oder karikiert.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass Vincents Truppe eher aussieht wie die Crew aus Magic Mike als die Besatzung einer tatsächlichen Feuerwache. Und selbst wenn Alexia sich als Adrien sehr wohl zu fühlen scheint und es genießt, nicht ständig von unerwünschten Verehrern belagert zu werden, tauscht sie im Lauf des Films nicht einfach eine weibliche Identität mit einer männlichen. Die Grenzen zwischen den Geschlechtern werden vielmehr laufend überschritten, bis sie nicht mehr zu existieren scheinen.
Titane in der Filmkritik: Wer sein Auto liebt, der... (1) Quelle: Kochfilms Titane in der Filmkritik: Wer sein Auto liebt, der... (1) Die Synergie zwischen dem Künstlichen und dem Echten und die Frage, was überhaupt real und was gespielt oder verändert ist, steht im Zentrum von "Titane". Schon die namensgebende Titanplatte in Alexias Kopf steht sinnbildlich für eine Mischung des Biologischen mit dem Artifiziellen. Trotzdem wird angedeutet, dass ihre Leidenschaft für Autos und Metall bereits vor ihrem Unfall ausgeprägt war und die Vereinigung mit der Platte daher nur eine logische Weiterentwicklung darstellt. Oder sie den Unfall möglicherweise sogar bewusst herbeigeführt hat, um sich mit dem Auto zu vereinen.

Auch die Beziehung zu Vincent, der krampfhaft daran glauben will, dass sein Sohn zurückgekehrt ist, fällt in diese Kategorie. Trotz zahlreicher Beweise, die auf das Gegenteil hindeuten, hält der Feuerwehrmann eisern an seiner Überzeugung fest. Was zwischen ihm und seinem leiblichen Kind vorgefallen ist, wird nie explizit erzählt und höchstens durch sein Verhalten angedeutet, was seinem Charakter etwas zutiefst Bedrohliches verleiht. Schauspieler Vincent Lindon spielt seinen Part aber mit so überwältigender Menschlichkeit, dass man selbst in den dunkelsten Momenten noch Mitgefühl für seine Figur empfindet.

"Titane" ist kein Film, der eine klar formulierte Botschaft oder sogar eine konstante Stimmung vermittelt. Wer ein Problem damit hat, erst einmal nicht zu wissen, was man mit der Geschichte genau anfangen soll, wird wahrscheinlich frustriert den Saal verlassen. Diejenigen, die es gerne etwas abstrakt mögen und Spaß daran haben, nach dem Kinobesuch intensiv über das Gesehene nachzudenken, sollten sich den Cannes-Gewinner aber nicht entgehen lassen und in den nächsten Wochen einen Besuch im nächsten Programmkino einplanen.

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    • Kommentare (21)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von Worrel Mitglied
        Zitat von MarcHammel
        So entstanden die ersten kleinen Gesellschaften. :P
        Ha! Von wegen außergewöhnliches SciFi Epos!
      • Von Worrel Mitglied
        Zitat von MarcHammel
        So entstanden die ersten kleinen Gesellschaften. :P
        Ha! Von wegen außergewöhnliches SciFi Epos!
      • Von Gast1730761802 Mitglied
        Zitat von Worrel
        - Ein Mann zeigt allen seinen großen Wurm und wird daraufhin zu deren Anführer
        So entstanden die ersten kleinen Gesellschaften. :P
      • Von MichaelG Mitglied
        Zitat von LukasSchmid
        Wer sein Auto liebt, der was? WAS??? I need answers! :-D
        Macht keine Standuhr daraus sondern fährt es. Je nachdem als daily driver oder als Spaßauto am WE.
      • Von fud1974 Mitglied
        Zitat von LukasSchmid
        Wer sein Auto liebt, der was? WAS??? I need answers! :D
        Ja was, Herr Schmid... Film anschauen, an die Tastatur, Kolumne schreiben!! :)
      • Von Lukas Schmid Autor
        Wer sein Auto liebt, der was? WAS??? I need answers! :D
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