Wes Anderson: Der Märchenonkel mit Stil
Regisseur Wes Anderson hat während seiner Karriere noch gar nicht so viele Filme gedreht. Trotzdem lässt sein Name bei manchen das Herz höherschlagen, während andere nur kopfschüttelnd abwinken. Doch wer ist der Mann überhaupt? Wesley Wales "Wes" Anderson ist geborener Texaner, er ist studierter Philosoph und er ist leidenschaftlicher Filmschaffender. Schon während seiner Kindheit zeigte Anderson eine gewisse Affinität zum Medium Film, als er sich mit seinen Brüdern vor die Linse einer Super 8 stellte.
Auch an der Schule fand er schnell im Storytelling seine Erfüllung und war dort schon bald für seine komplexen Theaterstücke bekannt. Seine Karriere kam ins Rollen, als er während des Studiums, in einem Seminar einen unbekannten Zeitgenossen namens Owen Wilson kennenlernte, der nicht nur ähnliche Interessen teilte, sondern auch bald sein Zimmergenosse wurde. Zusammen schrieben sie ein Film-Skript mit dem Titel "Bottle Rocket", welches sie dank Vitamin-B über Owens Bruder tatsächlich umzusetzen versuchten, ehe ihnen das Geld ausging - "Bottle Rocket" wurde ein Kurzfilm. Oder doch nicht? Wenig später fand die gekürzte Fassung bei Filmemacher Kit Carson derartigen Anklang, das Anderson und Wilson doch noch an die Mittel für einen Feature-Film kamen. Wenngleich das neue Machwerk bei Kritikern sehr beliebt war, blieb der finanzielle Erfolg aus und fand erst im Heimkinosegment viele Anhänger.
Was folgt ist eine kurze aber eindrucksvolle Filmographie:
- 1998: Rushmore
- 2001: Die Royal Tenenbaums
- 2004: Die Tiefseetaucher
- 2007: Hotel Chevalier
- 2007: Darjeeling Limited
- 2009: Der fantastische Mr. Fox
- 2012: Moonrise Kingdom
- 2014: Grand Budapest Hotel
- 2018: Isle of Dogs - Ataris Reise
- 20XX: Unbekanntes Projekt in Frankreich
Anderson ist vor allem für eines bekannt: seinen Stil. Ein Umstand, der gleichermaßen viel Kritik erntet, da die Behauptung naheliegt, dass andere Aspekte der Filme dem Stil stets untergeordnet werden und an diesen Stellen einen Mangel aufweisen. Doch was ist der Anderson-Stil überhaupt von dem alle reden? Wie kann etwas so markant sein, dass man schon in den ersten Sekunden des Films weiß wer ihn gemacht hat? Folgendes Video gibt euch einen ersten Eindruck von einem seiner "Zwänge":
Was zunächst ins Auge springt ist die Bildsymmetrie. Die Filme Andersons arbeiten häufig, einem Gemälde ähnlich, mit der Zentralperspektive. Die Blicke werden immer gen Mitte gelenkt und treffen nicht selten auf ein Objekt, das das Bild achsensymmetrisch spiegelt. Eine plausible Erklärung könnte hier das menschliche Sehverhalten sein. Ein derart strukturiertes Blickfeld ist schlicht deutlich angenehmer in unserer Wahrnehmung. Gleichermaßen gestattet es Anderson, die Blickrichtung des Zuschauers exakt zu lenken und so die fokalen Marker des Films ganz auszuschöpfen. Seine Shots enthalten immer klar definierte Linien, die er mittels Weitwinkelobjektiv in der horizontalen sogar zwangsherstellt. (Stanley Kubrick wäre stolz)
Der durch Symmetrie ohnehin schon angedeutete Puppenhauseffekt seiner Filme, verstärkt sich nur noch mehr durch die Art und Weise, wie Wes Anderson verschiedene Bilder miteinander verknüpft und so eine klar abgegrenzte und zusammenhängende Welt generiert. Da wäre zum einen die Liebe zum Tracking- und Pan-Shot. Ersterer fixiert sich auf die Charaktere und verfolgt das Geschehen durch die auf Schienen befestigte Kamera. Letzterer ist ein präziser Kameraschwenk und verschmilzt das, was für gewöhnlich durch mehrere Schnitte gelöst würde zu einem vermeintlichen Ganzen, erzeugt Dynamik. Nicht zu vergessen ist beim "Worldbuilding" auch der Einsatz klar abzugrenzender Farbschemen. Sie definieren Themen, Probleme und differenzieren Gruppen voneinander. Dass Anderson grundsätzlich zu leicht staubigen Pastelltönen neigt, verleiht den Szenen eine zeitlose Optik. Oft, so heißt es, verbringt er etliche Stunden nur damit, das richtige Farbthema auszusuchen.
Auch die Wahrheit hinter dem folgenden Honest-Trailer schmälert nicht, dass wir uns gerne in die urigen Welten des immergleichen Stils ziehen lassen:
Natürlich bringt all das optische Klimbim nichts, wenn die Charaktere vor der Kamera nicht funktionieren. Und auch hier wird gerne mit Konventionen gebrochen. Das zentralste Thema einer jeden Anderson-Produktion ist das der Familie. Aus ihr erwachsen die Konflikte und in ihr findet sich die letztliche Erlösung der Figuren. Besonders ist dabei, dass sich nicht an sozial gewohnte Limitierungen gehalten wird und Kinder sich häufig wie Erwachsene verhalten, während Erwachsene nicht selten mit kindlichen Leiden zu kämpfen haben. Dabei sind sie in ihrer Darstellung so ernst, dass sie den Humor, welchen sie an den Zuschauer vermitteln, selbst gar nicht als solchen wahrnehmen.
Die Film-Crew ist eine große Familie. Nun ist es ja nicht nur so, dass Anderson durch die Bank den gleichen Stil verwendet, er greift auch noch auf überwiegend ähnliche Crew-Mitglieder zurück. Das Ensemble seiner Filme besteht aus einem mehr oder weniger festen Kreis an Schauspielern, zu denen sich gelegentlich ein "Frischling" verirrt. Neben Bill Murray, der nur in einem der Filme nicht dabei ist, gesellen sich natürlich auch Owen Wilson und seit jüngstem auch Edward Norton uns einige mehr hinzu. Besonders hervorzuheben ist wohl aber Jason Schwartzman, der durch Anderson sein Leinwanddebüt feierte und den viele auch aus "Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt" kennen dürften.
Man könnte die Liste fast endlos weiterführen:
- Nutzung von Indie-Musik (die immer irgendwie ähnlich ist - siehe unten)
- Ein unglaublicher Hang zur Nostalgie und Melancholie
- Top-Shots
- Einteilung der Handlung in Kapitel / Abschnitte
- Point of View für Charakternähe
- Kartographie / Pläne zur Übersicht
- Slow-Motion zur Dramatisierung
- Etc...etc...etc...
Wusstet ihr das Wes Anderson sich nebenbei auch mit Werbefilmen vergnügt? Tatsächlich hat er gar nicht so wenige davon gemacht. Für IKEA, H&M, American Express, Handymarken, Prada usw. Seht es euch selbst an. Wir wetten ihr wärt nie darauf gekommen *zwinker*:
Was ist eure Meinung zu Anderson? Liebt ihr die Machart genauso wie wir? Könnt ihr damit überhaupt nichts anfangen? Findet ihr ihn repetetiv oder genial? Lasst es uns wissen!

"Trotzdem lässt sein Name bei manchen das Herz höherschlagen lässt"
"... zeigte Anderson eine gewisse Affinität zum Medium Film, als er sich mit seinen Brüdern für die Linse einer Super 8 stellte."
Come on ... das können selbst Praktikanten besser.