Anti-Helden: Die besseren Protagonisten

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Special Christoph Gallas - Autor Als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügen
Anti-Helden: Die besseren Protagonisten
Quelle: Sony/Jugendfilm/Buena Vista

Spätestens seit Iron Man im Jahr 2008 das Licht der Welt erblickte und damit das lostreten sollte, was wir heute unter dem Marvel Cinematic Universe verstehen, hört die Helden-Flut in den Lichtspielhäusern nicht mehr auf. Langsam aber sicher dürften die meisten des überschwänglichen Heroismus überdrüssig werden, denn Helden sind langweilig, eintönig, zu perfekt. Ohne Frage gibt es auch in diesem Sammelsurium Ausreißer, die es besser machten als ihre Kollegen - dennoch schreit die Welt nach etwas Neuem, etwas Anderem - Nach dem Anti-Helden. Oder tut sie das überhaupt?

Szenenbild aus "Venom" Quelle: Sony Szenenbild aus "Venom"

Venom - Schurken sind keine Helden

Jüngst gab es großen Aufruhr rund um den als Anti-Helden proklamierten Venom, der wie Deadpool auf ein erwachseneres Publikum abzielen sollte. Der Reporter Eddie ist (im neuen Film) als solcher erst einmal kein Schurke, wird aber durch den für Experimente missbrauchten Parasiten bösartig. Die Comics machten es mit ihrer Brutalität vor, deuteten schon auf das R-Rating hin. Trotzdem beraubte man die Vorlage ihrer Gewalt und dampfte das Projekt auf ein FSK 12 ein. Kritiker verließen die Vorstellungen mit enttäuschten Gesichtern, lediglich das Schauspiel Tom Hardys sei an dem Film positiv hervorzuheben. War es das also mit dem Wunsch nach dem Anti-Helden? Wohl kaum, ist der Anti-Held doch nicht nur ein reiner Gegenentwurf zu einem strahlenden Herakles, sondern eine verschlimmbesserte Version eben dessen. Man darf eben nur nicht so engstirnig sein und nur ein Auge auf Comic-Verfilmungen werfen.

Von Helden und Anti-Helden

Der klassische Held ist ein positiv besetzter Protagonist, welcher mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten und Tugenden ausgestattet ist. Mit diesen hat er die Macht, Situationen ohne eigenen Nutzen zum Guten zu wenden. Er ist demnach ein Klischee, das in modernen Geschichte nur noch selten verwendet wird. Die Menschen wünschen sich etwas mehr Dreidimensionalität: Charaktere die einer Geschichte Perspektive verleihen, denen wenigstens die Möglichkeit des Scheiterns eingeräumt wird. Helden wie Iron Man haben zwar durchaus eine dramatische Hintergrundgeschichte und kämpfen mit ihren eigenen Zweifeln, dennoch sind sie immer ein bisschen zu weit abgehoben, zu privilegiert.

Genau hier kommt der Anti-Held ins Spiel. Denn der Anti-Held ist ein Underdog, dem wenigstens eine, nicht selten aber alle Eigenschaften eines Helden fehlen. Sein Antrieb muss nicht tugendhaft sein, er kann verletzlich sein, moralisch verwerflich handeln - und auch Scheitern gehört zu seinem Programm. Doch gerade seine Schwächen, seine Bodenhaftung machen ihn interessant. Und weil wir uns hier so sehr in der Domäne des Menschlichen bewegen, finden wir die wirklich großartigen Anti-Helden (oft) gar nicht im Reich der Comic-Verfilmungen, sondern dürfen unseren Blick über sämtliche Genres hinweg streifen lassen. Wir haben uns ein paar wenige Favoriten herausgepickt, die nur einen Anstoß für noch viel längere Listen geben sollen.

Szenenbild aus "The Big Lebowski" Quelle: UIP Szenenbild aus "The Big Lebowski"

The Big Lebowski - Der ineffektive Held

In Sachen Tempo feuert der Dude aus "The Big Lebowski" quasi das absolute Kontrastprogramm zum klassischen Helden ab. Der Alt-Hippie fristet sein Dasein in völliger Harmonie mit dem Nichtstun. Bob Dylan hörend, White Russian trinkend, mit Freunden bowlend und im Schlabberlook kiffend, verkörpert er die totale Entschleunigung. Er stolpert nur in die übergeordnete Handlung hinein, weil er den gleichen Namen wie ein Millionär trägt, dessen Tochter verschwunden ist. Der Dude ist ein Freigeist, der sich nicht um die Meinung anderer schert und dessen Leben durch die aufgezwungene Aktivität massivst beeinträchtigt wird. Im Grunde verfolgt er nur ein egoistisches Ziel - die Rückkehr zur größtmöglichen Passivität. Alleine der Fakt, dass sich aus "The Big Lebowski" und dem chinesischen Taoismus die Lebenseinstellung des "Dudeismus" entwickelte, zeugt schon von von der Großartigkeit dieses Anti-Helden.

Szenenbild aus "Sin City 2" Quelle: Splendid Szenenbild aus "Sin City 2"

Sin City - Der sympathische Brutalo

Es ist ohne Frage ein Unding, in "Sin City" jemanden finden zu wollen, der nicht in irgendeiner Form kriminell ist. Doch Marv ist ein echter Outlaw, ein in die falsche Zeit geborener Schlächter, dessen zentrale Motivation die der Selbstjustiz ist. Nachdem ihm seine geliebte Goldie genommen wurde, welche ein Lichtblick im kargen Basin City war, ist es nur verständlich, dass der Hüne nach Rache sinnt. Marv ist keineswegs dumm und trotzdem wirkt er immer ein bisschen naiv und simpel gestrickt. Man kann ihm seine Untaten gar nicht übelnehmen, denn er wird als Opfer porträtiert. Wir akzeptieren sein Handeln, weil es in seiner Natur zu liegen scheint und weil er in diesem Universum trotzdem ein vergleichsweise echt netter Kerl ist.

Szenenbild aus "Star Wars" Quelle: Fox Szenenbild aus "Star Wars"

Star Wars - Das Grummelchen

Han Solo würden wir womöglich als eine Art Zwischenform aus Held und Anti-Held identifizieren. Er ist eigensinnig, stur und mit jeder Menge Glück und Scharfsinn gesegnet. Als Schmuggler gerät er von einem Schlamassel ins nächste und schafft es nur gerade so, diesen zu entgehen. Er bewegt sich auf der falschen Seite des Gesetzes und scheut im Zweifel auch keine Auseinandersetzung. Trotzdem hat er das Herz am rechten Fleck und ist durchaus zu moralischen Entscheidungen fähig. Dabei verliert er aber nie seinen eigenen Profit aus den Augen. Mit Realitätsnähe und einer ordentlichen Portion Zynismus verleiht er der Heldenreise Luke Skywalkers den nötigen Pepp. Wenn auch erst auf den zweiten Blick, ist er tatsächlich ein wahrer Klassiker unter den Anti-Helden.

Szenenbild aus "Léon - Der Profi" Quelle: Jugendfilm Szenenbild aus "Léon - Der Profi"

Léon der Profi - Der Unfreiwillige

Profikiller Léon ist ein Experte in seinem Handwerk, hat abseits seines Jobs aber nur wenig, für das es sich zu Leben lohnt. Er kann weder Lesen noch Schreiben und hat abgesehen von seiner Zimmerpflanze keine echten Freunde. Ein Umstand, der sich ändern soll, als er das junge, verwaiste Mädchen Mathilda vor korrupten Polizisten rettet. Zwischen den beiden beginnt eine symbiotische Beziehung, die auf selten gesehener Gegenseitigkeit beruht. So lehrt sie ihn das Lesen, das Schreiben und Spaß am Leben, während er ihr beibringt, letzteres zu nehmen. Während der Profi nach dem moralischen Grundsatz: "Keine Frauen, keine Kinder" lebt, ist es aber vor allem die professionelle Distanz zum Töten als Beruf, die es uns ein Leichtes macht, diesen moralischen Makel als Gering abzutun. Es ist halt immer eine Frage des Kontextes.

Szenenbild aus "Dirty Harry" Quelle: Warner Szenenbild aus "Dirty Harry"

Dirty Harry - Der gesetzlose Gesetzeshüter

Eigentlich möchte Inspektor Harry Callahan nur seinen Hotdog zuende essen, als ein bewaffneter Raubüberfall geschieht. Umso mehr genießt er es, die Übeltäter am Ende zur Strecke zu ziehen und für ihr Schandtaten büßen zu lassen. Mit fast schon sadistischer Freude geht er mit teils heftigen Ermittlungsmethoden gegen Kriminelle vor. Eine Freude an der auch wir als Zuschauer teilhaben können. So fürchten ihn nicht nur die Gesetzlosen, sondern auch unter Kollegen genießt er keinen guten Ruf. Sein Handeln empfinden wir jedoch als eine Notwendigkeit, die in der Bürokratie des Staatsapparates sonst untergehen würde. Der Zweck heiligt eben die Mittel.

Szenenbild aus "Mad Max" Quelle: Warner Szenenbild aus "Mad Max"

Mad Max - Der Niedergang

Viele Anti-Helden haben durch diverse moralische Makel mehr oder weniger von ihrer Heldenhaftigkeit eingebüßt. Doch nur die wenigsten dürfen wir auf ihrem Weg bei ihrer Abkehr von der Menschlichkeit begleiten. Der postapokalyptische Cop Max Rockatansky verliert im Verlauf der Filme alles: seine Familie, seine Identität, seinen Namen. Mit jedem Verlust gerät er tiefer in den Strudel der Gewalt, welcher die Empfindungen zunehmend betäubt. Er steht in gewissem Maße für das, was viele Anti-Helden ausmacht: ihre Nachvollziehbarkeit.

Wir wissen, die Liste ließe sich endlos weiterführen und wie gerne würden wir jeden einzelnen Anti-Helden hier aufzählen. The Punisher, John McClane, Wolverine, Michael Corleone aus "Der Pate", Butch aus "Pulp Fiction", V aus "V für Vendetta" oder ganz besonders, wenn wir noch Serien hinzufügen: Tony Soprano - und und und. Die Zeit hat uns viele großartige Anti-Helden geschenkt. Jeder von uns hat ganz persönliche Lieblinge. Manch einer würde den Begriff vielleicht auch enger oder weiter fassen. Ganz gleich ob ihr mit uns übereinstimmt, teilt uns doch mit, wer aus welchem Grund eure Nummer 1 ist!!!

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    • Kommentare (13)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von Worrel Mitglied
        Zitat von Maiernator
        @Asuramaru
        Definitionen sind eh Schall und Rauch, siehe dazu den großen Popper, jeder der einen Antihelden gesehen hat, weiß was ein Antiheld ist und Spiderman ist definitiv kein Antiheld, sonst wäre es nach der Wikiseite auch Captain America, der wohl lupenreinste Superheld unter der Marvelsonne.
        Ein "Antiheld" ist nur ein Status Quo, der bis zum Ende der Geschichte schon überwunden sein kann. So ist Constantine am Ende der Geschichte des Films auch ein Held, zu Beginn war er aber noch Antiheld.

        Cap hingegen ist zu Anfang der Geschichte nur körperlich noch kein Held - seine moralischen Werte und sein Einsatz sind auch schon vor seiner Verwandlung heldenhaft.
      • Von Worrel Mitglied
        Zitat von Maiernator
        @Asuramaru
        Definitionen sind eh Schall und Rauch, siehe dazu den großen Popper, jeder der einen Antihelden gesehen hat, weiß was ein Antiheld ist und Spiderman ist definitiv kein Antiheld, sonst wäre es nach der Wikiseite auch Captain America, der wohl lupenreinste Superheld unter der Marvelsonne.
        Ein "Antiheld" ist nur ein Status Quo, der bis zum Ende der Geschichte schon überwunden sein kann. So ist Constantine am Ende der Geschichte des Films auch ein Held, zu Beginn war er aber noch Antiheld.

        Cap hingegen ist zu Anfang der Geschichte nur körperlich noch kein Held - seine moralischen Werte und sein Einsatz sind auch schon vor seiner Verwandlung heldenhaft.
      • Von Maiernator Hobby-Spieler/in
        @Asuramaru
        Definitionen sind eh Schall und Rauch, siehe dazu den großen Popper, jeder der einen Antihelden gesehen hat, weiß was ein Antiheld ist und Spiderman ist definitiv kein Antiheld, sonst wäre es nach der Wikiseite auch Captain America, der wohl lupenreinste Superheld unter der Marvelsonne.

        Genauso wenig ist Light Yagami ein Antiheld, sondern ein klarer Bösewicht, zu Anfangs mag er noch sowas wie ethische Grundsätze gehabt haben(wie hoch können die aber sein, wenn er einfach das gesetzt in die eigene hand nimmt), aber spätestens als er weiß er wird verfolgt schmeißt er alles über Board. Yagami ist der genaue Gegensatz zu einem Vegeta, der innerhalb der Story geläutert wird. Yagami startet als Antiheld und wird zum astreinen Bösewicht.
        Desweiteren ist Tony Montana kein Antiheld, Montana ist ein raffgieriger Narzisst und das ab der ersten Minute des Films(siehe kettensägenszene), nichts an ihm ist heldenhaft und im Gegensatz zum Paten, der ja erst nichts mit den Geschäften der Familie zu tun haben will(wenn du michael corleone meinst) will Montana nichts als Macht und Geld.
        Kein Wunder, Montanas Figur ist an Al Capone angelehnt, aber im Gegensatz zu Al Capone ist Montana deutlich kaltblütiger und gibt den Armen auch keine Almosen. Versteh nicht wie du drauf kommst er sein ein Antiheld, er ist alles was einen Bösewicht ausmacht, da ändert seine Prämisse das er keine Kinder tötet auch nichts dran
      • Von Schalkmund Nerd
        Zitat von Asuramaru
        Der Englische Artikel ist aber noch weniger aussagent. Außer den kopierten Teil ist dort nur etwas über die Entstehung und ein paar Literarischen Auflistungen.
        Beim deutschen Artikel ist das Problem, dass die Kriterien die dort niedergeschrieben wurden, recht beliebig zu sein scheinen, der ganze Artikel verfügt gerade mal in einer Passage über eine einzige Literatur-/Quellenangabe. Sprich der Text ist im wesentlichen die Meinung des Autors, sowas könnte im Grunde jeder verfassen und sich dabei beliebige Punkte heraussuchen, die einen Antihelden auszeichnen sollen. Daher finde ich den englischen Artikel aufgrund der Menge an Quellen aus fachlicher Sicht deutlich besser.
      • Von Asuramaru Gelegenheitsspieler/in
        Der Englische Artikel ist aber noch weniger aussagent. Außer den kopierten Teil ist dort nur etwas über die Entstehung und ein paar Literarischen Auflistungen.

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      • Von Schalkmund Nerd
        Zitat von Asuramaru
        Spiderman erfüllt sehr viele punkte eines Antihelden.
        Klar Peter Parker war/ist jetzt privat nicht der strahlende Gewinnertyp aber irgendwie sehe ich da jetzt nicht so einen großen Markel an seiner Persönlichkeit die ihn zum Antihelden macht, erst recht nicht wenn er als Spider-Man (die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft) unterwegs ist stets optimistisch und gut gelaunt selbst um die kleinen Belange der Bürger kümmert, die die meisten Superhelden links liegen lassen würden.

        Zitat von Asuramaru
        Schaumal da gibt es einen sehr Ausführlichen Artikel zu Antihelden,sollte man mal gelesen haben.

        https://de.m.wikipedia.or...

        Da setzte ich lieber auf die englische Fassung zum Antihero (https://en.wikipedia.org/...)
        "An antihero or antiheroine is a protagonist in a story who lacks conventional heroic qualities and attributes such as idealism, courage and morality. Although antiheroes may sometimes do the right thing, it is not always for the right reasons, often acting primarily out of self-interest or in ways that defy conventional ethical codes."
        Unter diese Beschreibung fällt Spider-Man definitiv nicht, wenn man allein schon an sein Motto denkt:"„Aus großer Macht folgt große Verantwortung.
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