EVE Frontier und die Blockchain: Fenris erklärt das MMO-Experiment
EVE Frontier wagt das MMO-Experiment: Blockchain soll Spieler nicht abzocken, sondern zu Mitentwicklern einer neuen Welt machen.
Es gibt da draußen zuhauf Games, die den Begriff "Spiel" in die eine oder andere Richtung sehr weit ausdehnen. Ob nun spielbare Graphic Novels oder Hardcore-Simulationen ... oder auch EVE Online, das seit dem Release vor 23 Jahren eine ganz besondere Rolle in der Gaming-Welt einnimmt. Dank seiner extremen Komplexität und einer lebendigen, von den Spielern gestalteten Welt ist es kaum mit einem klassischen "Spiel" zu vergleichen.
EVE Frontier soll das noch eine Stufe weitertreiben. Doch was ist das Projekt von Fenris Creations eigentlich? EVE Frontier ist ein Hardcore-Survival-MMO im EVE-Universum. Anders als EVE Online (jetzt kaufen 69,95 € ) setzt es stärker auf Überleben, Aufbau, Erkundung und Spieler-Kreationen in einer gefährlichen, persistenten Weltraum-Sandbox. Spieler schließen sich zusammen, errichten Basen, nutzen Ressourcen und Produktionsketten und sollen die Zivilisation in einer feindlichen Galaxie wieder aufbauen - oder eben daran scheitern.
Klingt erstmal ganz normal soweit, oder? Allerdings ist EVE Frontier untrennbar mit einem Begriff verbunden, der in der Welt der Gamer einen noch schlechteren Ruf hat als Microtransactions und Pay2Win zusammen. Denn bei Frontier setzen die Entwickler auf die sogenannte "Blockchain-Technologie".
Die meisten Spieler denken dabei sofort an Kryptowährungen, NFTs und irgendwelche undurchsichtigen Scams im Internet. Nun, das lässt sich nicht ganz von der Hand weisen, denn dabei spielt die Blockchain-Technologie eine wichtige Rolle. Allerdings ist Blockchain eben auch nicht mehr als das - es ist nur eine Technologie. Genauer gesagt eine Datenbank-Technologie. Hier einmal in ganz kurz:
- Blockchain ist eine digitale Datenbank, die nicht zentral auf einem einzelnen Server liegt, sondern auf vielen Computern gleichzeitig gespeichert wird. Informationen werden dabei in Blöcken gesammelt und kryptografisch miteinander verkettet. Dadurch lassen sich nachträgliche Änderungen nur sehr schwer durchführen, weil sie im gesamten Netzwerk auffallen würden. Der Kern der Idee: Daten sollen transparent, überprüfbar und ohne zentrale Kontrollinstanz gespeichert werden.
Quelle: CCP
EVE Frontier und die Blockchain: Fenris erklärt das MMO-Experiment (8)
Okay, damit sind wir jetzt viel schlauer ... nicht. Weiterhin ist Blockchain ein "böses Wort", das auf sofortigen Widerstand stößt. Warum hat man sich bei Fenris Creations also dafür entschieden, die umstrittene Technologie zu verwenden?
Darüber haben wir mit Kristinn Kristinsson gesprochen - seinerseits der Blockchain-Director bei Fenris. Er hat sein Bestes versucht, uns aufzuklären und mit einigen Mythen aufzuräumen. Danach waren wir zwar immer noch nicht allwissend - aber zumindest ein bisschen schlauer. Und euch wollen wir das natürlich nicht vorenthalten.
Im Folgenden haben wir euch die wichtigsten Erkenntnisse aus unserem langen Gespräch zusammengefasst.
Grundverständnis: Was Blockchain in EVE Frontier eigentlich sein soll
- Blockchain ist erst mal nur eine Datenbank
- Laut Fenris soll Blockchain in EVE Frontier nicht als magisches NFT-System verstanden werden, sondern zunächst als Datenbank. Der entscheidende Unterschied zu einer klassischen Spieldatenbank liegt darin, wer mit ihr interagieren darf und welche Regeln öffentlich und überprüfbar abgebildet werden.
- Der Fokus liegt nicht auf Spekulation oder Item-Verkauf
- Der Blockchain-Director grenzt EVE Frontier bewusst von Blockchain-Spielen ab, bei denen es vor allem um Tokens, Märkte oder den Wiederverkauf von Gegenständen geht. Die Idee sei nicht: Spieler wollen Items verkaufen. Die Idee sei vielmehr: Spieler sollen mehr im Spiel tun und bauen können.
- Smart Contracts sind programmierbare Regeln
- Smart Contracts funktionieren in diesem Modell als Regelwerk auf der Datenbank. Sie legen fest, unter welchen Bedingungen bestimmte Dinge passieren dürfen. Ein Beispiel: Ein Spieler baut ein Sprungtor und bestimmt, dass andere Spieler erst eine Gebühr zahlen müssen, bevor sie es benutzen dürfen.
Was Fenris vorgibt: Die digitalen Naturgesetze
- Fenris definiert die "digitale Physik"
- Das Studio setzt die Grundregeln der Welt: Wo befindet sich ein Objekt? Ist ein Tor online? Ist ein Spieler wirklich vor Ort? Hat er die nötigen Gegenstände? Diese Regeln sollen nicht einfach von Spielern gebrochen werden können.
- Spieler können nicht beliebig cheaten oder neue Physik erfinden
- Laut Kristinsson soll ein Spieler nicht einfach programmieren können, dass sein Schiff plötzlich 20-mal schneller fliegt. Die Blockchain erweitert also nicht grenzenlos alles, sondern funktioniert innerhalb eines festgelegten Rahmens.
- Der Spielserver respektiert nur bestimmte Schnittstellen
- Zum Start ist genau begrenzt, welche Dinge die Blockchain wirklich in den Spielzustand übertragen darf. Genannt werden vor allem Lagerstrukturen, Türme und Sprungtore. Wer den Spielzustand ändern will, muss sich an diese freigegebenen Schnittstellen halten.
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Was Spieler mit Blockchain bauen können
- Spieler können eigene Regeln für Infrastruktur festlegen
- Das zentrale Beispiel aus dem Gespräch ist ein Sprungtor: Ein Spieler oder eine Gruppe baut ein Gate und legt selbst fest, wer es benutzen darf und zu welchen Bedingungen. Denkbar sind Gebühren, Steuern, Mitgliedschaften oder andere Zugangsregeln.
- Spieler können Dienstleistungen anbieten
- Der Blockchain-Director nennt Beispiele wie Tankstellen, Munitionslager, Handelsposten oder Versorgungsbasen. Spieler könnten Ressourcen bereitstellen, Preise festlegen und damit echte Infrastruktur in der Spielwelt betreiben.
- Spieler können Wirtschaft nicht nur nutzen, sondern gestalten
- Der Ansatz geht über klassisches Kaufen und Verkaufen hinaus. Spieler sollen selbst Systeme bauen können, die Handel, Logistik, Versorgung oder Zugang kontrollieren.
- Begrenzte Werkzeuge können trotzdem komplexe Dinge ermöglichen
- Obwohl die Schnittstellen am Anfang eng sind, haben Spieler laut Fenris in Hackathons bereits kreative Systeme gebaut. Ein genanntes Beispiel ist ein Spiel innerhalb einer Storage Unit. Das zeigt: Auch kleine technische Öffnungen können große spielerische Folgen haben.
Was Spieler am Anfang noch nicht können
- Eigene Schiffe und Texturen sind noch nicht einfach möglich
- Kristinsson macht klar, dass EVE Frontier noch nicht an dem Punkt ist, an dem Spieler völlig eigene Schiffe mit eigenen Texturen oder neuen Eigenschaften ins Spiel bringen können.
- Die Freiheit wächst voraussichtlich schrittweise
- Zum Start ist die Blockchain-Integration bewusst eingeschränkt. Die langfristige Vision geht weiter, aber die erste Version bleibt kontrollierter und enger gefasst.
- Die Blockchain ist nicht gleichbedeutend mit völliger Grenzenlosigkeit
- Theoretisch kann auf einer Blockchain vieles gebaut werden. Praktisch entscheidet aber der Spielserver, welche dieser Dinge in EVE Frontier tatsächlich eine Wirkung auf die Spielwelt haben.
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Besitz, Kontrolle und Verantwortung
- Was auf der Blockchain liegt, gehört nicht einfach Fenris
- Fenris betont, dass das Studio nicht die komplette Chain besitzt. Dinge, die Spieler dort bauen oder speichern, können nicht einfach wie ein normaler Datenbankeintrag gelöscht werden.
- Fenris kontrolliert aber, was im Spiel sichtbar ist
- Wenn problematische oder verbotene Inhalte entstehen, kann das Studio sie im offiziellen Spielclient ausblenden oder vom Spiel abschneiden. Der Inhalt kann auf der Chain weiter existieren, wird aber nicht mehr in EVE Frontier angezeigt.
- Illegale oder toxische Inhalte bleiben ein schwieriges Problem
- Aus Sicht des Blockchain-Directors ist die rechtliche und moderative Verantwortung kompliziert. Fenris ist nicht Herr über die gesamte Blockchain, aber sehr wohl verantwortlich für das, was über den eigenen Client dargestellt wird.
Community-Regeln statt kompletter Studio-Kontrolle
- Langfristig soll die Community selbst Ordnung schaffen
- Kristinsson beschreibt die Vision, dass Spieler nicht nur spielen, sondern Gesellschaften mit eigenen Regeln bilden - ähnlich wie sie es auch in EVE Online tun. Allianzen könnten Verhaltensregeln durchsetzen, Spieler ausschließen oder eigene Machtstrukturen aufbauen.
- Eine Art "Frontier Police" wäre denkbar
- Die Idee: Nicht Fenris entscheidet dauerhaft alles von oben, sondern Spieler organisieren selbst, was in ihren Bereichen erlaubt ist und was nicht.
- Unterschiedliche Regionen könnten unterschiedliche Regeln haben
- Denkbar wäre, dass verschiedene Gruppen oder Gebiete unterschiedliche soziale Normen und Strafen entwickeln. Damit würde EVE Frontier stärker wie eine autonome Gesellschaft funktionieren als wie ein klassisches MMO mit zentralem Regelwerk.
Der Weg zur autonomen Welt
- Am Anfang behält Fenris noch Kontrollmöglichkeiten
- Das Studio will nicht sofort alle Schlüssel abgeben. Anfangs braucht es Möglichkeiten, Fehler zu korrigieren, Balance anzupassen oder auf Probleme zu reagieren.
- Änderungen sollen öffentlich nachvollziehbar sein
- Wenn Fenris etwa Grundwerte wie Ressourcenzufuhr verändert, soll das auf der Blockchain sichtbar sein. Spieler würden also sofort erkennen, wenn am Fundament der Welt geschraubt wird.
- Die Kontrolle könnte später verteilt werden
- Langfristig könnten zentrale Rechte in Multi-Signature-Systeme, Abstimmungen oder Community-Strukturen überführt werden. Dann könnte Fenris bestimmte Grundregeln nicht mehr allein ändern.
- Im Extremfall könnte die Welt weiterlaufen, auch wenn das Studio loslässt
- Die große Vision ist eine autonome Welt: Wenn die technischen und sozialen Grundlagen stabil genug sind, könnte EVE Frontier theoretisch unabhängiger vom Studio existieren als es klassische Online-Spiele aktuell tun.
Warum Blockchain dafür überhaupt genutzt wird
- Blockchain dient als gemeinsame technische Sprache
- Kristinsson beschreibt die Technologie als eine Art "unified API". Alle Beteiligten sprechen über dieselbe technische Grundlage. Spieler, Entwickler und externe Projekte können auf derselben Logik aufbauen.
- Zugriff und Eigentum sind anders geregelt als in klassischen Games
- In einem normalen MMO liegt alles in einer Studiodatenbank. Bei EVE Frontier soll die Blockchain dafür sorgen, dass Besitz, Zugriff und Regeln transparenter und weniger abhängig vom Studio allein sind.
- Spieler sollen ohne klassische Partnerschaften bauen können
- Ein wichtiger Gedanke: Wer etwas für EVE Frontier baut, soll dafür nicht erst einen offiziellen Deal, eine Lizenz oder eine enge Partnerschaft mit CCP/Fenris brauchen. Die technische Grundlage soll offener sein.
Grenzen bei Cross-Game-Nutzung
- Assets lassen sich nicht einfach aus EVE Frontier herausziehen
- Eigene Schiffe oder Gegenstände verschwinden nicht einfach aus EVE Frontier und erscheinen in einem anderen Spiel. Sie bleiben an die digitale Physik und den Zustand in EVE Frontier gebunden.
- Andere Spiele könnten Assets eher spiegeln oder visualisieren
- Ein anderes Projekt könnte ein Frontier-Asset theoretisch darstellen oder verwenden. Das Original bleibt aber im Frontier-Kontext verankert. Wird es dort zerstört, hat das weiterhin Folgen.
- Portabilität ist also komplizierter als "Item mitnehmen"
- Laut dem Blockchain-Director geht es eher um ein Parken, Verknüpfen oder Spiegeln als um ein echtes freies Herauslösen. Das ist wichtig, weil viele Spieler bei Blockchain sofort an frei handelbare oder übertragbare Items denken.
Was lernen wir daraus?
- EVE Frontier ist kein klassisches MMO mit Blockchain-Anstrich
- Nach Fenris' Verständnis ist die Blockchain nicht nur ein Zusatzfeature. Sie ist ein Grundprinzip der Welt, weil sie regeln soll, wie Spieler Infrastruktur, Besitz, Zugriff und eigene Systeme bauen können.
- Das Projekt ist ein Experiment mit offenem Ausgang
- EVE Frontier wirkt weniger wie ein normales Spielprojekt und mehr wie ein Versuchslabor für autonome Spielwelten. Fenris geht nach eigener Aussage "all in".
- Die eigentliche Prämisse lautet: Spieler werden Mitentwickler der Welt.
- Blockchain soll Spieler nicht nur zu Besitzern von Items machen, sondern zu Betreibern von Infrastruktur, Regelsetzern, Dienstleistern und vielleicht sogar Schöpfern neuer Spiele innerhalb der Spielwelt.
- Der wichtigste Gegensatz: Blockchain als Spekulation vs. Blockchain als Weltmaschine
- Viele Spieler denken bei Blockchain an NFTs, Abzocke und Markt-Spekulation. EVE Frontier versucht eine andere Lesart: Blockchain als technische Grundlage für eine Spielwelt, die von Spielern erweitert, geregelt und langfristig vielleicht sogar mitgetragen wird.
Am Ende des Tages hat die Blockchain also schon was mit dem Besitzen von Dingen innerhalb einer virtuellen Welt zu tun. Allerdings ist der Grund dahinter, den "Spielern" maximale Freiheit zu geben und nicht, dass man ihnen irgendwas verkaufen will.
Auch bei Fenris selbst sieht man EVE Frontier nicht als klassisches Spiel, sondern eher als Abenteuerspielplatz. Man bekommt zwischendrin gar das Gefühl, dass sie diese Technologie gerne in EVE Online hätten, aber sie vorher woanders auf Herz und Nieren testen wollen.
Am Ende sind wir (und mancher Frontier-Entwickler auch) uns sicher, dass es nur zwei Zukunftsszenarien für EVE Frontier gibt. In zehn Jahren werden wir uns entweder daran erinnern, wie das kleine isländische Entwicklerstudio die Art und Weise, wie MMOs funktionieren, komplett revolutioniert hat ... oder man hört allerorten "Kannst du dich noch an diese bescheuerte Idee von CCP erinnern? Ja genau, die mit der Blockchain, die so krachend gescheitert war." Wir können uns nicht vorstellen, dass es irgendwas dazwischen geben kann.
