Lootboxen ab 18? - "Schnaps und Cannabis sind auch nur für Volljährige"
Lootboxen im Visier: Wie die Politik Kinder vor Glücksspielelementen in Games schützen und klare gesetzliche Regeln schaffen will.
Lootboxen - virtuelle Kisten mit unklarem Inhalt, für die Spielerinnen und Spieler oft echtes Geld ausgeben - sorgen seit Jahren für Diskussionen in der Gaming-Community. In der Politik hingegen wurde das Thema bislang kaum ernsthaft verhandelt. Das könnte sich nun ändern: Im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern haben SPD und LINKE einen Antrag eingebracht, der sich mit den Risiken solcher Spielmechaniken befasst und strengere Regeln fordert - vor allem mit Blick auf Kinder und Jugendliche.
Julian Barlen, Vorsitzender der SPD-Fraktion in Mecklenburg-Vorpommern, erklärt im Interview, warum die Debatte über digitale Spielformen nicht länger ignoriert werden darf - und warum es für viele im Landtag offenbar noch erklärungsbedürftig war, worum es bei Lootboxen überhaupt geht.
PC Games: Guten Tag, Herr Barlen. Wir haben die Landtagssitzung verfolgt - und schon zu Beginn hatte man das Gefühl: Das Thema Lootboxen ist für viele im Saal noch ziemliches Neuland. Die mehrfache falsche Aussprache durch die Landtagspräsidentin sorgte ja sogar für einige Lacher.
Julian Barlen: Ja, ich glaube, da wurde deutlich, dass es sich um ein Thema handelt, das in der Öffentlichkeit gar nicht gleichermaßen diskutiert wird. Und genau das war auch ein Ziel unserer Initiative: ein Thema sichtbar zu machen, das zwar in der Gaming-Szene und bei einer kritischen Öffentlichkeit - auch bei JournalistInnen, wie etwa bei Ihnen im Haus - schon länger präsent ist, aber bisher kaum Eingang in die politische Debatte gefunden hat.
Es ging uns darum, das Thema auch politisch zu verankern und damit zur Willensbildung beizutragen: Wie gehen wir eigentlich damit um, wenn wir über die Regulierung von Glücksspiel sprechen, über Suchtprävention generell, sei es in Bezug auf Alkohol, Cannabis oder eben digitale Angebote mit Glücksspielelementen?
In vielen dieser Fälle gibt es in Deutschland einen gewissen "Common Sense": Erwachsene sollen einen verantwortungsvollen Umgang damit finden können. Aber das ist schon schwer genug - Stichwort Suchtprävention, Informationsangebote, Aufklärung, Werberegulierung, Kontrolle von Anbietern und Verkaufsstellen. Und besonders wichtig ist natürlich auch der Jugendschutz.
Uns war es wichtig, erst einmal ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was sich in den letzten Jahren verändert hat. Ich selbst bin Jahrgang 1980, also mit dem Aufkommen von Heimcomputern und Konsolen groß geworden. Damals hat man sich auf neue Spiele gefreut - Zelda auf dem Game Boy, StarCraft, FIFA auf der Konsole. Glücksspiel war dabei kein Thema.
Heute sieht das anders aus. Es finden in vielen Spielen faktisch Glücksspielelemente statt, und das muss man sich anschauen. Vor allem, wenn Kinder und Jugendliche betroffen sind, die ja Spielspaß erleben sollen. Es geht nicht darum, diesen Spielspaß zu zerstören, sondern darum, genau hinzusehen, welche Risiken bestehen.
Quelle: SPD Mecklenburg-Vorpommern
Julian Barlen ist nicht nur SPD-Fraktionsvorsitzender im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch langjährig engagiert in der politischen Bildungsarbeit gegen Rechtsextremismus. Mit dem Projekt "Endstation Rechts" und dem satirischen Modelabel "Storch Heinar" hat er bundesweit Aufmerksamkeit erlangt. Seit Kurzem setzt er sich für eine strengere Regulierung sogenannter Lootboxen in Videospielen ein - ein Thema, das digitale Unterhaltung, Glücksspielrecht und Jugendpolitik verbindet.
PC Games: Sie haben sich in Ihrer politischen Laufbahn vor allem mit Rechtsextremismus und Jugendbildung beschäftigt - nun machen Sie sich für strengere Regeln bei sogenannten Lootboxen in Videospielen stark. Was war der Auslöser dafür, dass Sie dieses Thema auf die politische Agenda geholt haben?
Julian Barlen: Ein konkretes Aha-Erlebnis gab es in dem Sinne nicht - es war eher ein Prozess, in dem das Thema für uns politisch immer relevanter wurde. Den Impuls haben wir nicht zuletzt aus der Gaming-Community selbst bekommen, aber auch durch kritische Berichterstattung von Journalistinnen und Journalisten - übrigens auch aus Ihrem Haus. Da wurde das Thema schon lange beobachtet.
Ich selbst bin mit Videospielen aufgewachsen, das war für meine Generation ganz normal - nichts Exotisches oder Gefährliches. Ich bin Jahrgang 1980, also mit dem Aufkommen von Heimcomputern und Konsolen groß geworden. Als dann unsere eigenen Kinder älter wurden, kam das Thema plötzlich ganz anders ins Blickfeld. Man will als Elternteil ja Verantwortung übernehmen, also natürlich auch beim Thema Suchtprävention, sei es Alkohol, Cannabis oder eben Glücksspiel.
Und genau da liegt das Problem: Wenn Zwölfjährige 90 Euro für sogenannte Packs in Spielen wie FIFA ausgeben sollen, stellt man sich schon die Frage, was da eigentlich passiert. Ich kannte bestimmte Begriffe wie "Zooba" vorher gar nicht [Zooba ist ein Mobile-Game mit starkem Fokus auf Lootboxen, Anm. der Red] - dann erzählen einem die Kinder davon, und plötzlich wird einem klar, wie stark sich diese Mechanismen entwickelt haben. Das ist nicht mehr einfach nur Spielen - da steckt ein riesiges wirtschaftliches und auch suchtförderndes System dahinter.
In unserer Fraktion sind viele junge Leute, viele Eltern, viele, die selbst mit Gaming aufgewachsen sind. Das hat sicher dazu beigetragen, dass wir gesagt haben: Wir bringen das auf die politische Agenda.
Ich selbst spiele heute nur noch selten - weniger, weil ich es uninteressant fände, sondern weil mir oft einfach die Zeit fehlt. Mit Familie, Beruf und anderen Interessen bleibt wenig Raum dafür. Wenn ich spiele, dann mal eine Runde Mario Kart mit den Kindern - also eher etwas Entspanntes. Aber ich verfolge das Thema weiter mit großem Interesse, auch, weil meine Kinder mich da regelmäßig auf dem Laufenden halten.
PC Games: Was müsste Ihrer Ansicht nach in Deutschland konkret geschehen, um Lootboxen gesetzlich wirksam zu regulieren?
Julian Barlen: Ja, also wir haben im Landtag Mecklenburg-Vorpommern einen Antrag eingebracht und dieser wurde auch beschlossen. Den Antrag haben wir gemeinsam in der Koalition mit SPD und Die Linke erarbeitet.
Ziel unseres Antrags ist es, sowohl im Bundesrecht als auch im Zusammenwirken mit den anderen Bundesländern tätig zu werden. Dabei nehmen wir im Wesentlichen drei Regelungen in den Blick:
- den Glücksspielstaatsvertrag,
- den Jugendmedienschutzstaatsvertrag,
- und das Jugendschutzgesetz.
In der Wechselwirkung dieser Regelungen stellt sich die Frage: Was fällt eigentlich unter Glücksspiel? - Stichwort Glücksspielstaatsvertrag. Und wie verhält sich das mit Blick auf die Nutzung durch Jugendliche?
Wir haben uns natürlich auch angeschaut, wie das in anderen Ländern geregelt ist - von einem kompletten Verbot in Belgien bis hin zu anderen Modellen. Unser erster Ansatz war es, pragmatisch zu schauen, wie wir mit den Glücksspielelementen in digitalen Spielen umgehen können. Denn zweifellos gibt es solche Mechaniken in Spielen: Ich setze echtes Geld für einen Zufallsmechanismus ein - in der Hoffnung, etwas besonders Wertvolles zu bekommen. Das entspricht in unserer Analyse der klassischen Definition von Glücksspiel.
Das größte Problem aus unserer Sicht ist, dass diese Mechaniken - insbesondere sogenannte Lootboxen - derzeit weder im Glücksspielstaatsvertrag noch im Jugendmedienschutz oder Jugendschutzgesetz überhaupt als solche definiert sind. Dabei handelt es sich um Mechaniken, bei denen Spielerinnen Geld ausgeben, um per Zufall etwas zu erhalten - also im Grunde ein Glücksspiel innerhalb eines Spiels. Häufig sind Spielerinnen auch gezwungen, echtes Geld in virtuelle Währung umzutauschen, um im Spiel voranzukommen.
Unser Vorschlag ist, diese Definition zunächst klar in den relevanten Regelungen zu verankern. Denn in anderen Bereichen haben wir als Gesellschaft längst klare Regeln: Schnaps ist nicht verboten, aber nichts für Minderjährige. Cannabis ist derzeit in der Diskussion - aber ebenfalls nicht für Minderjährige. Und genauso gilt das auch fürs Glücksspiel: Es ist in Deutschland nicht generell verboten, aber klar reglementiert.
Unser pragmatischer Ansatz ist deshalb: Wir brauchen eine einheitliche Definition, was Glücksspiel ist, und müssen diese Definition in die entsprechenden Regeln einarbeiten.
- Transparenzregeln, etwa zu Gewinnwahrscheinlichkeiten,
- klare Werberegeln für solche Angebote,
- und auch technische Lösungen, um Eltern plattformübergreifend zu informieren und ihnen die Möglichkeit zu geben, Ausgaben zu begrenzen oder Funktionen zu sperren.
Außerdem braucht es Kontrollmechanismen - das ist Teil unseres Antrags, etwa durch die Gemeinsame Glücksspielbehörde. Diese muss in die Lage versetzt werden, Regelverstöße zu sanktionieren - auch mit empfindlichen Strafen. Denn klar ist: Wenn jemand Regeln umgehen will lässt sich das nie zu 100% verhindern. Aber: Es braucht klare Regeln und die Möglichkeit, Verstöße auch zu bestrafen.
All das haben wir als Gesamtpaket formuliert. Und wir haben die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern aufgefordert, über den Bundesrat gemeinsam mit den anderen Bundesländern entsprechende Regelungsinitiativen auf den Weg zu bringen. Wir glauben, dass der Bundesrat hier eine gute Ebene ist - denn sowohl der Glücksspielstaatsvertrag als auch der Jugendmedienschutzstaatsvertrag sind Vertragswerke, die mit den Bundesländern verabredet werden. Deshalb ist es auch richtig, diesen Weg zu gehen.
PC Games: In Deutschland vergibt die USK auf Grundlage des Jugendschutzgesetzes Alterseinstufungen für Spiele. Nach der Reform des Gesetzes wurde beispielsweise EA Sports FC von "ab 0" auf "ab 12 Jahren" hochgestuft. Wie müsste ein Jugendschutzgesetz ausgestaltet sein, damit Spiele mit Lootboxen eine Altersfreigabe ab 18 Jahren erhalten?
Julian Barlen: Also wir sehen das so: Zunächst sollten wir uns die bestehenden Regelungen in Deutschland zunutze machen. Es geht dabei nicht darum, neue Gesetze oder zusätzliche Verbote zu erlassen, sondern vielmehr darum, die vorhandenen Regeln mit Biss auszustatten.
Aktuell sind der Jugendschutz, der Glücksspielstaatsvertrag und der Jugendmedienschutzstaatsvertrag im Hinblick auf das Thema Lootboxen nicht besonders "bissig". Der Grund dafür ist, dass es keine einheitliche Definition für diese Mechanik gibt.
Zwar ist vieles geregelt, aber der spezifische Mechanismus - dass man Geld einsetzt, um über einen Zufallsmechanismus etwas potenziell Wertvolles zu gewinnen -, dieser Mechanismus ist nicht klar als Glücksspiel definiert. Unser Ansatz ist es daher, diesen Vorgang dem allgemeinen Glücksspiel gleichzustellen, so wie es im Glücksspielstaatsvertrag definiert ist.
Und im Umkehrschluss würde das bedeuten: Diese Inhalte unterliegen dann einer Altersfreigabe ab 18 - genau wie andere Formen des regulierten Glücksspiels in Deutschland. Denn da ist klar geregelt: Das ist nichts für Minderjährige.
Das wäre aus unserer Sicht ein pragmatischer Ansatz, um da etwas zu erreichen.
In unserem Antrag haben wir aber auch deutlich gemacht, dass es international - gerade in Europa - unterschiedliche Herangehensweisen gibt. Das hat teilweise mit verschiedenen Rechtstraditionen zu tun. Und das ist auch sinnvoll.
Es gibt ja bereits Initiativen auf europäischer Ebene, um zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen. Unser Ziel wäre es, dass nicht jedes Land - wie zum Beispiel Belgien - seine eigenen Regeln hat, woraufhin Anbieter dann unterschiedlich reagieren müssen. Stattdessen wäre es in unserem Sinne, eine europäische Regelung zu schaffen. Aber: Wir wollen nicht darauf warten, sondern in Deutschland vorangehen und das zum Thema machen.

die grütze verbieten und gut is