Lootboxen ab 18? - "Schnaps und Cannabis sind auch nur für Volljährige"
Lootboxen im Visier: Wie die Politik Kinder vor Glücksspielelementen in Games schützen und klare gesetzliche Regeln schaffen will.
PC Games: Einige Experten aus dem E-Sport halten ein Verbot von Lootboxen für verkraftbar, sehen aber in einer Altersfreigabe ab 18 Jahren ein ernsthaftes Problem für den Nachwuchsbereich - insbesondere, weil talentierte U18-Spieler dann von Wettbewerben ausgeschlossen würden. Würden Sie ein solches Szenario zugunsten eines stärkeren Jugendschutzes dennoch in Kauf nehmen?
Julian Barlen: Also, erstmal muss man sagen - da habe ich, unter anderem durch die Berichterstattung Ihres Hauses, auch viel dazugelernt:
Die Gaming-Branche ist sehr innovativ, gerade wenn es darum geht, sich auf neue Regelungen einzustellen. Oft standen wir an dem Punkt, wo man sich gefragt hat: Was passiert jetzt? - und dann wurden auch Lösungen gefunden.
Unser Antrag - und das möchte ich ganz klar sagen - richtet sich auf den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Glücksspiel im Gaming-Bereich.
Wir wollen Suchtprävention betreiben und verhindern, dass junge Menschen schädliche Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Spielen erlernen.
Das Ziel ist, dass der Spielspaß und das Freizeitvergnügen ungetrübt bleiben.
Der Antrag bezieht sich ausdrücklich nicht auf die Regulierung von E-Sport. Dieses Thema taucht darin auch gar nicht auf.
Natürlich ist uns aber bewusst, dass es - je nach Auslegung der bestehenden Regelungen - Auswirkungen auf bestimmte Bereiche wie den E-Sport geben könnte.
Und ich sage offen: Wenn der E-Sport darunter leidet, dass man nicht öffentlich Glücksspiel betreiben kann, dann ist das ein Thema, über das man reden muss.
Einfach nur zu sagen: "Na ja, nach aktueller Rechtslage gibt es dann halt ein Problem" - das reicht uns nicht.
Unser Anliegen ist der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor schädlichen Glücksspielmechanismen.
Wie gesagt: Wir äußern uns im Antrag nicht regulierend zum E-Sport-Bereich. Und ich bin sicher - gerade wegen der hohen Innovationskraft dieser Branche - wird es dafür Lösungen geben.
Dass beim E-Sport in der Öffentlichkeit der sportliche Wettstreit, mentale Fitness und Koordination im Mittelpunkt stehen - das sind ja sogar Punkte, für die wir aufgeschlossen sind, wenn es darum geht, die Grenze zwischen Gaming und E-Sport gesellschaftlich zu diskutieren.
Aber: Wenn der Preis für öffentlich sichtbaren E-Sport ist, dass Kinder und Jugendliche nicht wirksam vor Glücksspielmechanismen geschützt werden, dann - so glaube ich - muss man diese Frage nochmal anders betrachten.
Und ich möchte zum Schluss noch einmal betonen, dass es nicht um ein generelles Verbot geht.
Wir müssen den allgemeinen Rechtsrahmen in Deutschland berücksichtigen.
Weder Alkohol noch Cannabis sind grundsätzlich verboten - auch darüber gab es ja intensive gesellschaftliche Diskussionen, gerade für Erwachsene.
Auch Glücksspiel ist in Deutschland nicht generell verboten, sondern unterliegt einer reglementierten Freigabe für Erwachsene. Wir trauen erwachsenen Bürgerinnen und Bürgern zu, einen für sich verantwortungsvollen Umgang zu finden - flankiert von Prävention, Werbebeschränkungen und weiteren Maßnahmen.
Unser Ansatz ist:
Wenn es Mechanismen in Spielen gibt, die Kindern und Jugendlichen zugänglich sind - und die bisher nicht klar definiert oder den allgemeinen Glücksspielregeln gleichgestellt sind -, dann wollen wir genau dort ansetzen.
PC Games: Ein Blick nach Belgien zeigt, dass eine Regulierung durchaus Wirkung zeigen kann: EA hat in der belgischen Version von EA Sports FC die Lootboxen entfernt - das Spiel ist weiterhin für Jugendliche verfügbar, nur eben ohne Glücksspielmechanik. Eine Altersfreigabe ab 18, wie sie sie vorschlagen, würde hingegen bedeuten, dass Jugendliche gar keinen Zugang mehr zum Spiel hätten, selbst wenn sie gar nicht an den Lootboxen interessiert sind. Haben Sie Sorge, dass man mit einer solchen Regelung am Ende weniger erreicht als mit gezielteren Eingriffen wie im belgischen Modell?
Julian Barlen: Ich denke, es gibt immer die Tendenz, Regeln in der Praxis weniger streng anzuwenden - das kennt man aus anderen Bereichen. Aber das ändert nichts daran, dass wir klare Regeln brauchen, gerade, wenn es um Kinder und Jugendliche geht. Sie dürfen nicht in Kontakt mit Glücksspielmechanismen kommen oder darauf "trainiert" werden, insbesondere nicht in einem Bereich, in dem gezielt auf sie als Zielgruppe abgezielt wird - und das in einem milliardenschweren Markt.
Unsere Initiative soll genau zu der Bewusstwerdung beitragen, die Sie angesprochen haben: Wo beginnt eigentlich der Spielspaß, wo geht es um Können, um Reaktion, um kognitive Fähigkeiten - und wo geht es plötzlich um den Kauf von Zufall? Also um Glücksspiel. Uns geht es darum, diese Trennung wieder sichtbar zu machen.
Früher hat man ein Spiel gekauft, durchgespielt - und gut war. Heute ist es in vielen Titeln üblich geworden, mit Mikrotransaktionen zusätzliche Inhalte zu kaufen, teilweise mit hohem Geldeinsatz, um dann per Zufall bestimmte Inhalte zu erhalten. Das ist faktisch Glücksspiel - und genau das darf nicht Teil eines normalen Spielangebots für Kinder und Jugendliche sein.
In den letzten Jahren haben wir leider erlebt, dass Spiele-Design immer stärker auf die kommerzielle Ausschlachtung solcher Mechanismen ausgerichtet wurde. Diese Entwicklung halten wir für falsch und wollen sie deshalb auch offen ansprechen. Natürlich eckt man damit an. Aber wir halten es für notwendig, diesen Diskurs im Interesse des Jugendschutzes zu führen.
Gleichzeitig bin ich zuversichtlich, dass sich gute Lösungen finden lassen, auch im Dialog mit den Anbietern und Verbänden. Denn E-Sport lebt nicht davon, dass Glücksspiel betrieben wird, schon gar nicht von Minderjährigen. In diesem Spannungsfeld werden wir gute Lösungen finden.
PC Games: In nationalen Wettbewerben in Deutschland wird bewusst auf den Einsatz von Ultimate Team in EA Sports FC verzichtet - die Verbände zeigen sich also durchaus offen gegenüber einem kritischen Umgang mit Lootboxen. Im internationalen Wettbewerb hingegen ist der Einsatz solcher Mechaniken nahezu Standard, wodurch Teams ohne Investitionen in Packs klar im Nachteil wären. Wäre das dann nicht eher ein Thema, das auf europäischer Ebene angegangen werden müsste?
Julian Barlen: Wir haben in unserem Antrag bewusst angetextet, dass es in Europa sehr unterschiedliche rechtliche Traditionen gibt, gerade im Umgang mit Glücksspiel. Unser Ziel ist es, Spielspaß zu erhalten und kreative Entfaltung zu ermöglichen, denn Spiele sind für uns auch ein Kulturgut. Das ist nicht einfach ein Produkt wie eine Dose Mais, bei der man nur sicherstellen muss, dass nichts Schädliches drin ist. Spiele sind ein Kulturgut.
Daher verfolgen wir einen pragmatischen Ansatz: Wir wollen nicht das gesamte deutsche Rechtssystem umkrempeln oder Glücksspiel grundsätzlich auch für Erwachsene verbieten. Stattdessen nutzen wir die bestehenden Regelungen im Glücksspielbereich, um Kinder und Jugendliche gezielt zu schützen.
Natürlich wissen wir, dass es auch in Europa Länder gibt, die bereits weiter sind - und andere, die das Thema noch gar nicht angehen. Langfristig halten wir es für wichtig, dass sich Europa als gemeinsamer Wirtschafts- und Kulturraum auf einheitliche Regelungen verständigt. Das würde auch den Spieleentwicklern helfen, weil sie dann rechtliche Klarheit hätten und besser planen könnten - gerade für einen so bedeutenden Markt wie Europa.
Aber wir sind eben der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Deshalb schauen wir zunächst darauf, was wir in unserem föderalen System gemeinsam mit dem Bund bewegen können, etwa im Rahmen des Glücksspiel-Staatsvertrags, des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags oder des Jugendschutzgesetzes. Das sind unsere Hebel. Klar ist aber auch: Eine europäische Lösung wäre perspektivisch sehr wünschenswert - für alle Beteiligten.
PC Games: Auf Plattformen wie Twitch wurden klassische Glücksspiel-Streams, etwa mit Slotmachines, inzwischen verboten. Viele dieser Streamer sind daraufhin zum Öffnen von Ultimate-Team-Packs übergegangen - oft vor einem jungen Publikum. Wäre diese Art von Content unter einer strengeren Lootbox-Regulierung noch zulässig, oder müsste man sie künftig ebenfalls als jugendgefährdend einstufen?
Julian Barlen: Ja, wir haben in unserem Antrag bewusst ein ganzes Maßnahmenpaket geschnürt - nicht mit dem Anspruch, die eine "goldene Weisheit" zu haben, sondern mit vielen verschiedenen Ansätzen. Ein zentraler Punkt ist die Gleichstellung von Lootboxen mit klassischem Glücksspiel. Dazu gehört auch die Frage, wie diese Inhalte gekennzeichnet werden und wie transparent sie für Nutzer - auch für Erwachsene - gemacht sind.
Wie beim regulären Glücksspiel sollte man zum Beispiel klar angeben müssen, wie hoch die Gewinnwahrscheinlichkeiten sind. Auch wenn da viele drauf pfeifen, haben Menschen ein Recht auf eine informierte Entscheidung.
Ein weiterer wichtiger Punkt in unserem Antrag ist der Umgang mit Glücksspielwerbung. Und genau da sehe ich eine Schnittstelle zu dem, was Sie ansprechen - also zu Streaming-Plattformen wie Twitch. Es stellt sich die Frage: Was ist noch redaktioneller Content, was ist schon Werbung?
Da kann man ruhig den Vergleich zu früher ziehen: Es gab Fernsehsendungen, Dauerwerbesendungen und Sendungen mit Produktplatzierungen - und all das musste gekennzeichnet sein. Heute ist das oft nicht mehr so eindeutig. Also, wenn da jemand sitzt, der Geld dafür bekommt, im Grunde kommerzielles Glücksspiel als etwas Cooles darzustellen, dann ist das etwas anderes, als wenn ein Journalist in einem Stream kritisch oder zumindest differenziert über die Vor- und Nachteile bestimmter Spielmechanismen berichtet.
Und genau das haben wir in unserem Antrag thematisiert. Da geht es um den Umgang mit Glücksspielwerbung, aber auch um die Information über solche Spiele und um die Art der Berichterstattung darüber. Ich finde, das ist ein aktuelles Thema, gerade in der Abgrenzung zwischen:
Was ist eigentlich ein werblicher Stream? Und: Was fällt unter Informationsfreiheit oder einen offenen Austausch über das Thema?
Das muss auf jeden Fall in den Blick genommen werden. Wir machen uns da nichts vor - hinter den Kulissen wird mit solchen Formaten kräftig Geld verdient. Und wir legen Wert darauf: Wenn in einem Hollywood-Film Product Placement gemacht wird, dann steht das da. Wenn irgendwo eine "besonders praktische Mini-Angel" angepriesen wird, dann steht da Dauerwerbesendung. Aber genau bei der Frage, wo eine solche Dauerwerbesendung beginnt, wenn es um kommerzielle Interessen von Glücksspielanbietern geht -
da muss man auch genau hinschauen.

die grütze verbieten und gut is