Fröhlich am Freitag: Origin, Electronic Arts und die erste allgemeine Verunsicherung [Kommentar des Tages]

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"Und was ist, wenn Sie nachts auf einer einsamen Landstraße mit Ihrem Auto liegen bleiben? Wer hilft Ihnen denn dann?" Diesen Verkäufertrick, der arglosen Verbrauchern ein schlechtes Gewissen einimpfen und dann zum Abschluss überteuerter Schutzbriefe und nutzloser Versicherungen verführen soll, hat ein findiger Mensch "Geistige Brandstiftung" getauft. Im Falle von Origin und Electronic Arts wirkt dieses Prinzip wie ein Brandbeschleuniger, wie PC-Games-Chefredakteurin Petra Fröhlich beobachtet hat.

Gier und Angst sind bekanntlich die zwei zentralen Motive, die Menschen antreiben. Angst ist das stärkere Motiv der beiden – und deshalb leben etliche Branchen extrem gut von und mit der Angst des Volkes. Um beim Beispiel Versicherungen zu bleiben: Sobald die Brandstiftung anfängt zu wirken (weil sich der Verbraucher die Autopannensituation in schönsten Farben gedanklich ausmalt), gibt es nur drei Möglichkeiten.

a) Der Verbraucher schließt die Versicherung sofort ab - Treffer, versenkt!
b) Der Verbraucher kommt ins Grübeln, überlegt sich die Sache nochmal und schließt dann doch ab. Ebenfalls Punkt für den Verkäufer.
c) Der Verbraucher verzichtet. Und jetzt überlegen wir uns mal, mit welchem Gefühl der Betroffene in den folgenden Wochen und Monaten nachts über die Landstraße fährt…

Fröhlich am Freitag ist die extrem unregelmäßige Kolumne von PC-Games-Chefredakteurin Petra Fröhlich. Quelle: PC Games Fröhlich am Freitag ist die extrem unregelmäßige Kolumne von PC-Games-Chefredakteurin Petra Fröhlich. Ähnlich verhält es sich mit der mehr als umstrittenen Download-Plattform Origin aus dem Hause Electronic Arts und dessen EULA (also den Allgemeinen Geschäftsbedingungen): Selbst bei jenen Spielern, die sich von den Origin-Debatten nicht schrecken lassen (und das sind hierzulande Hunderttausende), dürfte seit gut einer Woche eine diffuse Angst mitspielen: Wird Origin meine halblegale Version vom Fußball Manager 10 und von Dragon Age: Origins entdecken – und wenn ja: Ist bereits die Kavallerie in Form der Staatsanwaltschaft unterwegs? Wer im kalifornischen EA-Hauptquartier schaut sich gerade meine Steuererklärung 2009, meine iTunes-Playlist oder die fiesen Fotos von der Silvesterfeier an?

EULA, das bedeutet sinngemäß übersetzt: Der Worte sind nun echt genug gewechselt, lasst Daten folgen. Viele Daten!

Die Diskussion um die Origin-EULA wird schwerpunktmäßig in Deutschland geführt – dort, wo das Thema Datenschutz seit jeher am kontroversesten diskutiert wird. Deutschland ist das Land, in dem sich Verbraucherschutzministerinnen aus Protest bei Facebook abmelden. Es ist das Land, in dem so viele besorgte Eigenheimbesitzer wie nirgends sonst ihr Veto einlegen, wenn ihnen Google Streetview in den Vorgarten leuchten will. Und wenn das PlayStation Network (PSN) die eine oder andere Kreditkarteninformation verliert, kennt das heute-journal für ein paar Tage lang kein anderes Thema mehr.

Getreu dem Motto: Nur weil man paranoid ist, bedeutet das ja noch nicht, dass sie nicht trotzdem hinter einem her sein können.

Die womöglich nicht rechtskonformen und womöglich übertriebenen Datenschnüffeleien powered by Origin haben zu dem geführt, was man landläufig einen "Shitstorm" nennt: Angefangen von Spielewebsites über Facebook, Foren und Twitter bis hin zu TV-Nachrichtensendungen wird eifrig berichtet, analysiert, disktutiert, gestritten; Tausende haben ihre virtuelle Unterschrift unter eine Online-Petition gesetzt. Die Protestplattform theorigin.de hat im Namen "der Community" (wie viele Prozent der Gesamt-Community das auch immer sein mögen) einen "Offenen Brief" formuliert und fordert nicht weniger als die Abschaltung von Origin. Die Emotionen zwischen Befürwortern und Gegnern von Origin kochen hoch: In Foren (auch hier auf pcgames.de) kommt bereits die bloße Nennung von Stichworten wie "Origin" oder "Electronic Arts" dem Jonglieren mit Nitroglyzerinfläschchen gleich.

Wer zu Sachlichkeit und Besonnenheit aufruft, könnte genauso gut versuchen, Charlie Sheen zu einem stillen Mineralwasser zu überreden.

Im deutschsprachigen Raum dürfte die Zahl der verkauften PC-Versionen von Battlefield 3 bei rund einer Viertelmillion liegen. Wie viele von diesen bislang 250.000 Spielefans die Packung zurückgebracht oder zurückgeschickt haben, ist nicht bezifferbar. Die Reaktionen einzelner Elektronikmärkte, die ihre Kunden sogar vor dem Kauf vor "ungeklärten" Datenschutzproblemen warnen und sich das gar schriftlich bestätigen lassen, lässt darauf schließen, dass die Zahl der Retouren größer ist als 1. Angeblich hat EA-Deutschland-Chef Coenen seine Handelspartner sogar dazu aufgerufen, bereits geöffnete Packungen nicht zurückzunehmen, denn aus seiner Sicht ist ja alles in Ordnung (die Echtheit dieses Schreibens ist indes nicht belegt). Unsere unrepräsentative Schätzung aufgrund von Gesprächen mit Händlern, Versendern und Märkten: Die Retourenquote liegt deutlich unter 5 %, also grob fünfstellig.

Unbestritten: Wer in Deutschland Spiele verkaufen will, muss sich an deutsche Gesetze halten. Inwieweit die EA-EULA hier Nachholbedarf hat, müssen Juristen, Datenschützer und Gerichte klären. Ebenfalls vorhersehbar: Die EULA von heute wird zu Weihnachten 2011 eine andere sein.

Vier zentrale Erkenntnisse lassen sich Stand heute nach rund einer Woche Origin-Shitstorm ableiten:

  1. Das, was EA-Deutschland Chef Coenen in seinem Offenen Brief an die Community verniedlichend als "Verunsicherung" bezeichnet, ist mit den Vokabeln Panik und Angst besser umschrieben. Eigentlich könnte man meinen: Was Besseres hätte Activision so kurz vor dem Start von Call of Duty: Modern Warfare 3 gar nicht passieren können. Tatsächlich untergräbt die Diskussion um Origin das Vertrauen der Kunden in alle Spiele, alle Studios, alle Publisher. Der Argwohn gegenüber diesen milliardenschweren Konzernen ist grenzenlos. Die geistige Brandstiftung wirkt.
  2. Die heftigen Debatten werden dazu führen, dass sich Blizzard bei Diablo 3, Electronic Arts bei Star Wars: The Old Republic und Rockstar bei GTA 5 im Vorfeld Gedanken darüber machen (müssen), welche Daten sie zwingend erfassen, speichern und auswerten müssen. Spieler und Presse werden ab der Causa Origin genauer hinsehen – und davon womöglich sogar Kaufempfehlungen und –entscheidungen abhängig machen.
  3. Jedes absurde iTunes-Update bombardiert den Apple-Kunden mit 60 Seiten Juristendeutsch – 99 von 100 Verbrauchern resignieren und klicken ungelesen auf "Akzeptieren". Publisher und Plattformbetreiber sollten in eigenem Interesse offensiv und verständlich informieren, was sie denn konkret abfragen und dies vor der Installation Punkt für Punkt vom User bestätigen lassen ("Während des Spiels werden folgende Daten übertragen: Versionsnummer, lokale Uhrzeit, IP-Adresse, Nicknames der Gegner, Spielergebnisse…"). Dies gilt insbesondere für Informationen, die einzig und allein Marktforschungs- und Marketingaktivitäten dienen, etwa über andere schöne Spiele des Herstellers.
  4. Ungeachtet dessen, ob Electronic Arts gegen Recht, Gesetz, Anstand und Menschenwürde verstoßen hat oder nicht: Es wäre eine Katastrophe, wenn künftig bei jedem PC- oder Konsolenspiel die Angst mitschwingt. Egal, ob man in eine Achterbahngondel einsteigt, ein Konzert besucht, ein Video auf Facebook hochlädt oder Skyrim installiert: Spaß ist nur dann garantiert, wenn wir uns keine Sorgen machen müssen.

Mein Appell an die Publisher: Lasst eure Kunden wissen, was gespielt wird!

Und der Appell an jene, die sich mit Begeisterung die Nächte auf den Battlefield-Servern um die Ohren schlagen: Lasst euch die gute Laune nicht verderben!

Ein schönes Wochenende wünscht allen Lesern
Petra Fröhlich

Der Worte sind genug gewechselt, lasst Daten folgen: Origin wirft einen Blick in Verzeichnisse, die dem System eigentlich nichts angehen. Doch ob das bei Windows 'normal' ist oder ob hier Grenzen überschritten werden, darüber wird heftig gestritten. Quelle: s1.directupload.net Der Worte sind genug gewechselt, lasst Daten folgen: Origin wirft einen Blick in Verzeichnisse, die dem System eigentlich nichts angehen. Doch ob das bei Windows "normal" ist oder ob hier Grenzen überschritten werden, darüber wird heftig gestritten.

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    • Kommentare (90)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von tim-ebner NPC
        Liebe Frau Fröhlich,

        Sehr interessant, diesen Fall habe ich auch in meinen neuen Diplomarbeits-Beitrag zu Shitstorm Management aufgenommen (http://bit.ly/shitstorm_management). Er ist Teil einer sechsteiligen Serie über Auslöser, Treiber und Wirkungen von Shitstorms, und folgt dem ersten Beitrag über gesellschaftliche Werte als Shitstorm Auslöser (http://bit.ly/shitstorm_ursachen).

        Viel Spaß beim Lesen – Feedback ist erwünscht, teilen wäre ebenfalls sehr nett.

        Vielen Dank und schöne Grüße aus Münster,
        Tim Ebner
      • Von tim-ebner NPC
        Liebe Frau Fröhlich,

        Sehr interessant, diesen Fall habe ich auch in meinen neuen Diplomarbeits-Beitrag zu Shitstorm Management aufgenommen (http://bit.ly/shitstorm_management). Er ist Teil einer sechsteiligen Serie über Auslöser, Treiber und Wirkungen von Shitstorms, und folgt dem ersten Beitrag über gesellschaftliche Werte als Shitstorm Auslöser (http://bit.ly/shitstorm_ursachen).

        Viel Spaß beim Lesen – Feedback ist erwünscht, teilen wäre ebenfalls sehr nett.

        Vielen Dank und schöne Grüße aus Münster,
        Tim Ebner
      • Von Bonkic Mitglied
        Zitat von redrobur
        Immerhin sind sie zentraler Bestandteil des jeweiligen Produktes und werden mit verkauft.

        kopierschutz, drm und derlei dinge sind "zentraler bestandteil" eines spiels?
        bitte?
      • Von redrobur NPC
        @Petra Fröhlich:
        Ich halte es für einen Fehler, Softwares wie Origin, Steam etc. nicht in die Bewertung aufzunehmen. Immerhin sind sie zentraler Bestandteil des jeweiligen Produktes und werden mit verkauft. Ich halte zudem die Trennung in einer Bewertung zwischen Spiel und solchen Zusätzen für willkürlich. Das hieße ja dann auch, demnächst sagen zu können: Naja, die Videosequenzen im Spiel XY sind zwar schlecht, aber die wurden ja mit Bing Video gemacht und laufen dehalb nicht in die Bewertung mit ein.
        Ich als Kunde will schon wissen, für was ich da bezahle, sonst würde ich auch nicht die Spielebewertungen in der PCGames lesen. Aber vielleicht ist das ja ein Alleinstellungsmerkmal in Spieletests, dass sich die Konkurrenz von PCGames gerne sichert.

        @wagonyc
        Ich finde Deinen Ansatz mit der Abwertung sehr gut und stimme ihm zu, aber ich denke im Unterschied zu Dir, dass der Zug nie abgefahren ist. Ganz im Gegenteil, EA bessert fleißig die EULA nach und es wird sogar prompt geleakt, dass Origin komplett abstellbar ist.
        Denn EA hat kapiert, dass es einen schweren Image-Schaden erlitten hat, der sich mit dem nächsten Release noch verschlimmern wird, wenn nicht etwas Entscheidendes passiert. Diese Lektion hat sogar Microsoft nach der Einführung von Windows Vista gelernt.
        Und was Steam betriftt: Die Community braucht halt immer etwas länger, um aufzuwachen.

        Für mich ist die Frage hier, ob die PCGames-Redakteure die Zeichen der Zeit erkennen und endlich mal das Thema angemessen aufnehmen (weil sie sonst ihre Glaubwürdigkeit und damit Leser und Klicks verlieren und dann kann man auch keine Anzeigen mehr verkaufen) oder ob sie die Community im Stich lassen, wie in dem Kommentar von Frau Fröhlich geschehen.
      • Von wagonyc Stille/r Leser/in
        Zitat von Muckimann
        Im Prinzip wollte ich auch genau auf das hinaus. Je strenger, zwanghafter, penetranter und "spionierender" ein Kopierschutz ist, desto schlechter sollte die (Extra-)Wertung (für den Kopierschutz) ausfallen, egal ob Steam, Origin oder Always-on-Kopierschutz oder oder oder.

        Denn so könnte, wie oben schon beschrieben, diese ewige Gängelung der ehrlichen Käufer endlich gestoppt werden. Origin ist im Moment das aktuelle Übel, aber was werden sich die Entwickler in Zukunft noch alles einfallen lassen, wenn nicht endlich einmal eine Gegenreaktion stattfindet.
        Sehe ich genau so.
        Steamzwang, Origin, irgend son Rootkitdreck? BÄM! Erstmal knallhart 10 Punkte Abwertung.
        Obwohl ich befürchte da ist der Zug schon abgefahren, das hätte damals gleich bei der Steameinführung passieren sollen. Denn wie Frau Fröhlich schreibt, haben sich die Bauern schon mit dem Joch abgefunden. Und mit OnLive & Co steht die totale Leibeigenschaft schon in den Startlöchern... :-(

        PS: Origin-Problematik weitet sich aus - Nachrichten bei HT4U.net
        man fast es nicht...
      • Von Andy-Fifaplanet Mitglied
        es würde schon ausreichen, wenn man einfach mit erwähnt, was man sich mit dem Spiel noch mit installiert und was es für eine Bewandtnis damit auf sich hat
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