Testbericht

07.03.2001 15:51 Uhr

Und der Himmel steht in Flammen

Selbstvergessen lenken Sie Ihren Gleiter an Astralnebeln und Raketenresten vorbei. Patrouillienroutine.

PC Games-
Spielspaß-Wertung
84%
Durchschnittliche
Lesertestwertung:
        
88 %

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Die Tarnjäger in Ihrem Rücken sehen das jedoch anders: Der Deckmantel fällt, sechs Raketen schalten auf ein Ziel. Auf Sie. Adrenalinschock! Panisch reißen Sie das Ruder herum, sehen die Metallprojektile auf sich zurasen. Eine Sekunde bleibt zur Reaktion. Oder zu leben.
In einigen Punkten ist auf die Gebrüder Roberts blind Verlass. Da kann sich die Welt zehnmal auf den Kopf stellen und nach Veränderungen krakeelen, ihre Spiele stehen stur und steif für dreierlei: rasend schnelle Weltraumaction, exzellente Grafiken und Geschichten, die vor begeistertem Patriotismus triefen wie ein frisch gewässerter Waschlappen. Die Menschheit gegen das Böse, oder besser noch: Amerika gegen das Böse - das ist der Stoff, aus dem ihre Freizeitballereien von Wing Commander bis Privateer 2 gestrickt sind.
Bei Starlancer, wieder eine Familienproduktion, gestaltet sich das Frohsinns-Szenario folgendermaßen: In einer nahen Zukunft sind die Narben des Kalten Krieges neu aufgebrochen. West steht gegen Ost, ganz wie in der schlechten alten Zeit. Nur hat sich das Kampfterritorium wesentlich ausgedehnt, der Mars ist erschlossen und über Atombomben kichert man mittlerweile eher belustigt als hysterisch. Schließlich ist der alte Kram längst auf dem Schrottplatz gelandet. Als die Westallianz in einem letzten Anfall von Friedliebe und Gutgläubigkeit Vertreter der Ostkoalition an den Verhandlungstisch bittet, nutzen diese die Lage kaltherzig aus. Eine ganze Flotte von getarnten Kriegsschiffen wird scheinheilig in die Nähe der Konferenz manövriert - und kaum, dass die Gastgeber die Pforten geöffnet haben, entbrennt an abertausend Torpedorohren das Mündungsfeuer. Die unvorbereitete Allianz wird mitten ins Mark getroffen. Bald treibt beinahe deren komplette eigene Streitmacht in Bruchstücken durchs Vakuum, ganze Städte zerfallen zu Ascheklumpen und Zivilisten rafft es wie Eintagsfliegen dahin.
Die paar Überlebenden des Massakers fliehen in Hast, um sich irgendwo ganz weit draußen im dunklen Raum wieder zu sammeln. Ständig in den Köpfen herumspukend: der Gedanke an Rache! Inmitten dieser verbitterten Schar tummeln Sie sich, der Spieler. Eigentlich gar kein Soldat, heuern Sie auf einem der wenigen unversehrten Trägerschiffe für die 45. Freiwilligenstaffel an und zwängen sich in eine hautenge Pilotenuniform, um der Koalition den Hosenboden stramm zu ziehen. Hach, was tut man nicht alles für die Freiheit!
Schon beim ersten Blick auf Ihre gottverlassene neue Heimat werden Sie den wagemutigen Schritt allerdings überdenken wollen: Von Zimmergenossen gibt es weit und breit genauso wenig eine Spur wie von Schildern, die auf Kantine oder Kasino hinweisen. Privatgespräche mit anderen Piloten, in Wing Commander immer Ehrensache, fallen damit flach. Stattdessen quäken aus einem kleinen Fernseher die aktuellen Frontnachrichten und ein Computerterminal steht zu Recherchezwecken bereit. Vom Gewicht des Allianz-Flaggschiffs bis zur Höchstgeschwindigkeit gegnerischer Geschosse ist darin jedes trockene Detail, das kaum einer wissen will, gespeichert - in Schriftform, was erschwerend hinzukommt. Immerhin hat Ihr Arbeitgeber in einer Nische einen piekfeinen Trainingssimulator für Sie installiert, der nicht nur Reaktionstests anbietet, sondern Neurekruten auch Schritt für Schritt das Fliegen erklärt. Angefangen bei der ohnehin simplen Steuerung via Joystick und Tastatur bis hin zu taktischen Verhaltensmustern und kleinen Trickmanövern bereitet Sie der Automat auf den Ernstfall vor.
Erfahrene Piloten spazieren währenddessen schon voraus zur ersten Einsatzbesprechung und somit in die Arme einer äußerst attraktiv animierten Computerdame, die in knappen Worten umreißt, was gleich zu tun ist. Der Rest soll per Funk mitgeteilt werden. So weit, so bieder und nüchtern der Ablauf. Was Sie jetzt noch vom großen Schwarzen trennt, ist die Auswahl eines geeigneten fliegbaren Untersatzes samt Raketenbestückung. Was nehmen? Manches Gefährt ist behäbig, trägt als Ausgleich jedoch umso mehr Waffen. Ein anderes mag dafür nur alibimäßig mit Torpedos bestückt sein, aber durch seine Wendigkeit zum tödlichen Moskito werden. Falls Ihnen an dieser Stelle der nötige Sachverstand fehlen sollte, was unter Zivilisten ja vorkommen soll, dürfen Sie auf eine ausgewogene Basisausrüstung zurückgreifen. So oder so, endlich kann es der Koalition an den Kragen gehen.
Sekunden nach Wahl des Fliegers öffnen sich langsam die Hangartore und das Staunen beginnt: Dermaßen respekteinflößend sah das Weltall noch nie aus. Riesige Planeten prangen am Horizont; Sonne, Mond und Sterne strahlen aus verschiedenen Richtungen um die Watt-Wette und weit entfernte Farbschleier laden zu gemütlichen Ausflügen in Sonntagsstimmung ein. Allerdings würde Ihnen Ihr pflichtbewusster Copilot für derlei Sperenzchen einen kräftigen Schlag an den Hinterkopf verpassen. Die Nervensäge mahnt lieber unerbittlich zum Aufbruch, bis Sie den Hypersprung endlich aktivieren und zum ersten Wegpunkt hüpfen. Zunächst nur widerwillig wendet man da den Blick vom Panorama zu den Instrumenten doch das soll sich ändern. Sobald der Kampfsektor erreicht ist, steht Hochspannung auf dem Pilotenprogramm. Durch die Dezimierung ihrer Flotte auf einen Haufen fliegenden Restschrott ist die Westallianz nämlich zu taktischen Räuberspielchen gezwungen, die gar nicht anders können, als Spaß zu machen. Zunächst müssen Sie in alle Himmelsrichtungen versprengte Gleiter, rostige Träger und Frachtschiffe aufspüren und in sichere Gefilde zurückleiten. Solange kein feindliches Torpedoboot die Party stört, stellt daskein größeres Problem dar: Zweierduelle mit gegnerischen Kleinjets bedeuten nur für Sie Gefahr, nicht aber für den Konvoi in Ihrer Obhut. Bei Torpedosalven stehen die Dinge dagegen anders. Wenige schwere Treffer der rasenden Bomben können bereits den Verlust eines immens wichtigen Schiffes bedeuten. Also fliegen Sie aufgeregt wie ein Huhn andauernd um Ihren Zug herum und geben Ihr Bestes, damit sämtliche Raketen noch vor dem Aufschlag zur Explosion kommen.
Nach ähnlichem Muster gehen die ersten paar Aufträge über die Bühne. Wiederholt versucht man direkten Widersachern mit Loopings und waghalsigen Drehmanövern zu imponieren, feiert nach einiger Zeit immer schnellere Erfolge und wird Zeuge spektakulärer Explosionen, die einem Trümmer um die Düsen fliegen lassen. Etwas mehr Zeit braucht es, bis man umsichtig genug ist, in chaotischen Situationen die richtigen Prioritäten zu setzen. Doch genau das ist wichtig: Noch der schönste Duellsieg verkommt zur Nebensache, wenn im Hintergrund gerade das Mutterschiff durchlöchert wurde.
Später wenn Versorgung und Ausrüstung der Allianz ausreichend verbessert sind gehen Sie zum Angriff über. Das meint jedoch mitnichten eine Großoffensive. Wie man seit dem römischen Fiasko im Teutoburger Wald weiß: Stärkere und größere Gegner müssen geduldig durch Sabotageakte und Überraschungsaktionen in die Knie gezwungen werden. Deshalb fliegen Sie zum Beispiel schnelle Stichattacken auf schlecht geschützte Warp-Tore (Direktverbindungen zwischen zwei Galaxien) der Koalition, zerstören Forschungsstationen oder versuchen im Stil von Luke Skywalker große Raketen in kleine Schächte zu befördern, die zu den Energiekernen von Kreuzern führen. Ganz wie Guerillas tauchen Sie aus dem Nichts auf, treffen Knotenpunkte der Koalitionsarmee und verschwinden sofort wieder. Zu Aufträgen dieser Art gehört auch manchmal, dass Sie um gigantische Schiffe schießenderweise hektische Kreise ziehen, bis deren Geschütztürme den Geist aufgeben; oder dass Sie ein kleines Landungsboot, das Spione unter die Ostterroristen bringen soll, beim Andocken beschützen müssen. Je ausgeglichener das Kräfteverhältnis zwischen den Lagern mit der Zeit wird, desto offener gestalten sich die Konfrontationen. Zuletzt können Sie der Koalition endlich in massiven Angriffswellen die Stirn bieten und Ihr Vermögen als Kämpfer in einem bravourösen Finale unter Beweis stellen. Ähnlich wie in TIE Fighter sind alle Einsätze in Haupt- und Nebenziele unterteilt. Zwar können Sie auch weiterspielen, wenn nicht alle Aufgaben erfüllt worden sind, doch wahrer Pilotenehrgeiz verlangt nach patzerfreien Resultaten. Ein besonderes Vergnügen bereiten dabei Kämpfe gegen die Galionsfiguren des Gegners, seine Roten Barone sozusagen, die merklich besser fliegen als die Masse.
Leider laufen zwischen den Missionen keine gescheiten Zwischensequenzen ab, so dass einem die Hauptcharaktere nur zögerlich ans Herz wachsen wollen. Zwar erzählt Starlancer einen netten Mix aus Überläuferepisoden, verratener Freundschaft und bewundernswer-ten Taten. Das aber vorrangig per Funkverkehr. Als Konsequenz ist die Identifikation mit den Figuren eben gleich Null. Dennoch: Das Spiel entwickelt eine ungeheure Atmosphäre - seiner ausnehmend hübschen Grafik, seinem bombastischen Orchestersoundtrack und seinen furios inszenierten Schlachten sei Dank.
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Florian Stangl

Ich will mich an der Theke mit anderen Piloten treffen, nicht nur tolle Missionen spielen!

Irgendwie versteh ich Digital Anvil nicht: Chris Roberts bastelte mit Wing Commander den Ur-Opa von Starlancer, Erin Roberts müßte seit Privateer 2 wissen, wie wichtig eine aufwendig erzählte Handlung ist. Und dann schaffen die beiden Helden es tatsächlich, sich auf erstklassiges Missionsdesign und die tolle Optik zu beschränken. Verstehen Sie mich nicht falsch: Starlancer ist absolut atemberaubend und überzeugt vor allem durch die verketteten Edel-Missionen. Aber auch zwischen den vergnüglichen Einsätzen würde ich ganz gerne etwas erleben, beispielsweise an der Theke mit legendären Pilotenassen schnacken oder mich mit Intrigen herumschlagen. Liebe Gebrüder Roberts, nächstes Mal bitte keine halben Sachen!
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Allgemeine Infos

Name Starlancer
Genre Actionspiel
Webseite http://www.microsoft.com/...
Hersteller Digital Anvil
Anbieter Microsoft
VÖ-Termin 01.05.2000 - zu diesem Produkt einen Lesertest schreiben!
Preis nicht bekannt
Plattformen: pc.gif
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