Früher fuhr die FIFA-Serie - ähnlich wie der FC Bayern heute - eine Meisterschaft nach der nächsten ein. Keine Fußballsimulation konnte der EA-Sports-Serie auch nur annähernd das Wasser reichen. Bis Konami 2003 seinen Konsolentitel Pro Evolution Soccer 3 erstmals für den PC veröffentlichte. In einem furiosen Duell sicherte sich der japanische Underdog knapp den Sieg gegen FIFA 2004 und kickte den Platzhirsch dank besserer Spielbarkeit quasi über Nacht vom Thron.
Auch beim Derby der Nachfolger FIFA 2005 gegen PES 4 konnte EA Sports die Krone nicht zurückerobern. Logisch, dass sich der kanadische Entwickler mit einer solchen Schmach nicht zufrieden gab und FIFA 06 viele Verbesserungen spendierte. So sollen zum Beispiel ein motivierender Manager-Modus, umfangreichere Taktik-Möglichkeiten und eine realistischere KI dem einstigen Rekordmeister zu alter Stärke verhelfen.
Originalnamen dank Lizenz
In einem Punkt löst FIFA 06 aber schon vor dem Anpfiff frenetische Jubelstürme bei den Fans auf der ganzen Welt aus: Die offizielle FIFA-Lizenz der Saison 2005/2006 umfasst 21 bekannte Ligen und mehr als 10.000 Fußballer, die natürlich allesamt die Originalnamen tragen und nicht wie bei Pro Evolution Soccer 4 teilweise witzige Fantasietitel.
Einziger Wermutstropfen: Einen WM-Modus gibt es nicht. Den spart sich EA Sports wahrscheinlich wie in der Vergangenheit für einen Extratitel zur Weltmeisterschaft auf. Dafür dürfen Sie das Leder unter anderem in der polnischen Ekstraklasa, der englischen Premier League und natürlich der Ersten und Zweiten Bundesliga inklusive DFB-Pokal rollen lassen.
Haben Sie fertig?
Interessantester Neuzugang ist ohne Zweifel der Manager-Modus, in dem Sie eine 15-jährige Trainerkarriere bestreiten. Sie bestimmen nicht nur die Mannschaftsaufstellung, Sie beobachten auch den Transfermarkt und kümmern sich um die Finanzen. Damit der Rubel rollt, ist zu allererst ein Hauptsponsor vonnöten. Der überweist pro Partie ein stattliches Sümmchen, außerdem locken je nach Firma diverse Bonusprämien, etwa beim Gewinn der Meisterschaft oder einem guten Tabellenplatz.
Das gelingt Ihnen nur, wenn Sie Ihre Truppe ordentlich auf Vordermann bringen. Dafür heuern Sie möglichst fähige Spezialtrainer an, die beispielsweise das Können der Stürmer oder Verteidiger verbessern. Außerdem spielt die aus Euro 2004 bekannte Team-Chemie eine wichtige Rolle. Interne Streitereien - die Sie durch MultipleChoice-Antworten schlichten können - oder vergebene Elfmeter drücken die Moral und somit die Leistung auf dem Platz.
Letztere können Sie maßgeblich selbst beeinflussen, indem Sie einfach persönlich Ihre Elf in einer Partie kontrollieren. Haben Sie darauf keine Lust, verfolgen Sie das Geschehen anhand eines langweiligen Textbildschirms. Taktikänderungen oder Auswechslungen dürfen Sie dummerweise keine vornehmen. Ein unverzeihliches Manko. Man fühlt sich, als sei man als Coach vom Schiri auf die Tribüne verbannt worden. Wie lange Sie letztendlich im Amt bleiben, entscheidet ferner das Präsidium.
Erfüllen Sie nicht die Saison-Vorgaben, dürfen Sie sich bald nach einem neuen Verein umschauen. Alles in allem sorgt der Manager-Modus für eine solide Langzeitmotivation. Eine echte Alternative zum komplexen Fußballmanager 2005 ist er jedoch nicht. Dafür fehlen einfach zu viele Optionen, was man aber locker verschmerzen kann, schließlich kommt es bei der FIFA-Serie noch immer darauf an, was auf dem Rasen geboten wird.
Erneute Steuerreform
Der Umstieg von PES 4 auf FIFA 06 fällt extrem leicht, vorausgesetzt Sie benutzen ein Vier-Tasten-Gamepad mit zwei Analogsticks. Dann brauchen Sie sich so gut wie gar nicht umgewöhnen. Einzig und allein die Tatsache, dass der Tackling-Knopf im Ballbesitz einen Torschuss auslöst und nicht wie bei PES 4 einen Pass, verwirrt anfangs. Ansonsten gibt es kaum Unterschiede zum großen Vorbild. Selbst die typischen PES-Kombinationen wurden übernommen.
Ein Beispiel: Drücken Sie die linke Schultertaste und den Steilpass-Button gleichzeitig, schlägt Ihr Mann einen hohen Pass in die Spitze. Leider gelang es EA Sports aber nicht, auch noch das einzigartige Spielgefühl von PES 4 zu kopieren. Im Gegenteil, die Partien fallen heuer unrealistisch schnell aus und sind von hektischen Aktionen geprägt. Zeit zum Taktieren bleibt kaum. Schade, denn FIFA 06 bietet eine Fülle an strategischen Optionen. Mit dem digitalen Steuerkreuz kombinieren Sie jeweils vier taktische Verhaltensmuster, nach denen sich Ihre Mitspieler richten.
So können Sie beispielsweise im Handumdrehen von Konter- auf Flügelangriff umstellen oder sich für Raumdeckung und Pressing entscheiden. Dadurch wirken die Spielzüge nicht ganz so einstudiert wie in der Vergangenheit. Schlichtweg genial gelöst ist die Manndeckung: Im Team-Menü können Sie für jeden Gegenspieler einen "Aufpasser" bestimmen.
Doch zurück zum übertrieben rasant ausgefallenen Gameplay. Große Schuld trägt hier die unnatürliche Ballphysik. Das Leder zischt fix wie eine Flipperkugel über die Wiese. Ein ähnlich unglaubwürdiges Beschleunigungsverhalten legen die Spieler auf den Rasen. Bei Sprints gehen die Akteure ab, als hätten sie einen Raketenantrieb umgeschnallt oder eine Überdosis Red Bull konsumiert. Was erlauben Kahn?
Als zweischneidiges Schwert entpuppt sich die künstliche Intelligenz. Die Feldspieler laufen sich vorbildlich frei und kämpfen hart um jeden Ball. Außerdem versucht der Computer, Sie mit Übersteigern oder durch Körpertäuschung auszutricksen. Gerät der PC ferner unter starken Druck, leistet er sich hin und wieder einen Fehlpass. Spitze!
Ebenfalls einen guten Eindruck hinterlassen die Unparteiischen, die die neue Abseitsregelung beherrschen und sogar Handspiel pfeifen. Nur die rote Karte zücken die Schiris nach unserem Geschmack etwas zu überhastet. Bekommen Sie übrigens Letztere gezeigt, ist doppelt Frust angesagt. Denn Sie können Positionen nicht wie bei PES 4 editieren. Somit fällt es schwer, die durch den Verlust entstandene Lücke zu schließen. Auf Kreisklasse-Niveau bewegt sich die Leistung der Torwarte, die ganz offensichtlich das Reaktionsvermögen einer Schnecke geerbt haben. Ziehen Sie im 16-Meter-Raum ab, klatscht selbst Oliver Kahn den Ball unnatürlich oft ab und leitet somit eine Großchance ein. Einzig und allein Distanzschüsse können die Keeper gelegentlich festhalten. Noch nie war es in der Geschichte der FIFA-Reihe einfacher, den Herren im Kasten zu überwinden. Was besonders bei Multiplayer-Gefechten nervt, wenn der Hintermann jedes zweite Ei reinlässt, man selbst aber weltmeisterlich spielt.
Erstklassige Atmosphäre
Nicht ganz Champions-Leaguereif ist dieses Jahr die Optik. Zwar sieht FIFA 06 in der Nahansicht - abgesehen von den pixeligen 2D-Zuschauern - nach wie vor grandios aus, schaltet man aber in die so genannte Tele-Perspektive, aus der man zwecks besserer Übersicht normalerweise spielt, macht sich dezente Ernüchterung breit.
Der Rasen erinnert eher an einen Hartplatz als an saftiges Grün und die Spieleranimationen wirken trotz Motion Capturing wenig natürlich, da die verschiedenen Bewegungsabläufe nicht flüssig ineinander übergehen. Was hingegen aus den Lautsprechern tönt, sorgt für Gänsehaut. Schließt man die Augen und lauscht den Fangesängen, fühlt man sich wie bei seinen Kumpels im Stadion und möchte am liebsten mitgrölen. Sehr beeindruckend!