The Division, Watch Dogs oder Ghost Recon: Wildlands - wie eine zu frühe E3-Vorstellung Spielen schaden kann (Kolumne)
Wenn die Hype-Mühlen für ein Spiel jahrelang mahlen und frühe Gameplay-Präsentationen unter Vorspielung falscher Tatsachen im Nachgang für Downgrade-Diskussionen sorgen, ist es Zeit für ein Umdenken in der Branche, was die E3-Vorstellungen neuer Spieler angeht. Findet jedenfalls Redakteur Peter Bathge in seiner Kolumne.
Zwölf Monate, so sollte man meinen, sind eine lange Zeit. In dieser Zeitspanne werden Babys gezeugt und geboren, das Rennen um die Fußballmeisterschaft entscheidet sich und Apple veröffentlicht währenddessen sechs neue Smartphones und vier Tablets. Aber in der Spielebranche sind zwölf Monate fast gar nichts. Vor knapp zwölf Monaten stellte Ubisoft auf der E3 2015 zwei neue Spiele mit ausführlichen Gameplay-Videos vor. Seitdem gab es zum Ritter-Schlachtfest For Honor nur ganz wenige neue Infos, zum Open-World-Titel Ghost Recon: Wildlands so gut wie gar nichts.
Das dürfte kaum jemanden mit Branchenkenntnis überraschen. Denn zwölf Monate sind in Sachen Entwicklungszeit geradezu lächerlich. An großen AAA-Spielen von finanzstarken Publishern wird eher 24, 36, 48 Monate und länger gearbeitet, teils rund um die Uhr mit Heerschaaren von Programmierern, Grafikern und Designern. Ubisoft im Speziellen ist bekannt für seine Hundertschaften an Entwicklern, die in Montreal und Studios in aller Welt an neuen Spielen wie Assassin's Creed, Watch Dogs oder The Division arbeiten.
Doch auch diese enorme Manpower kann die Produktionszyklen nicht verkürzen. Und schon gar nicht die damit einhergehende Wartezeit, welche die Fans ertragen müssen. Die ist bei Ubisoft-Spielen besonders quälend, weil das Unternehmen seine Spiele frühzeitig mit besonders leckeren Vorab-Videos ankündigt - meistens auf der E3-Pressekonferenz im Juni. Doch wie die Vergangenheit zeigt, führt diese Hype-Taktik immer öfter zu unerwünschten Nebenwirkungen. Egal ob es die Downgrade-Diskussionen um die Grafik von Watch Dogs waren oder die Ernüchterung nach dem The Division-Release - stellt sich Ubisoft mit seinen frühen E3-Präsentationen selbst ein Bein? Und wie haben andere Hersteller aus dieser Problematik gelernt? Ein Kommentar aus der Redaktion.
Quelle: Ubisoft
Ubisofts Ghost Recon: Wildlands befand sich bei der Spielvorstellung auf der E3 2015 noch in einem extrem frühen Zustand.
Die Kritik
Über mangelnden Erfolg kann sich Ubisoft bei The Division wahrlich nicht beklagen. Spielerzahlen von fast zehn Millionen über alle drei Plattformen und Verkaufsrekorde noch und nöcher machen aus Massives Online-Action-Rollenspiel einen Hit, daran gibt es nichts zu rütteln. Doch dem finanziellen Erfolg steht der Ansehensverlust gegenüber; The Division ist bei vielen Spielern längst in Verruf geraten. Die Gründe dafür sind vielfältig; eine schlechte Patch-Politik, viele Exploits und fehlende Endgame-Inhalte werden oft genannt und waren auch in unserem jüngsten Meinungs-Special zu The Division ein großes Thema.
Die Ernüchterung der Fans ist nur das neueste Symptom einer Krankheit, die Ubisoft seit Längerem plagt, die aber zumindest bislang noch keine negativen Folgen auf Börsennotierung und Geschäftszahlen hat. Nein, es ist ein Luxusproblem, das der französische Publisher hat: Er ist in den Augen der Fan-Öffentlichkeit (wieder) einer der großen Bösen im Geschäft à la Activision und Electronic Arts, nicht mehr der sympathisch-sanfte Riese aus Frankreich. Im Lauf der letzten drei, vier Jahre hat die einst so makellose Fassade zu bröckeln begonnen, die Beschwerden aus der Hardcore-Community häuften sich. Und mit dafür verantwortlich könnte in meinen Augen Ubisofts eigene Ungeduld sein.
Quelle: PC Games
Watch Dogs wurde jahrelang herbeigesehnt - und schließlich von enttäuschten Spielern zu Tode kritisiert.
Das Problem
Längst sind die E3-Pressekonferenzen im Sommer jedes Jahres zu monumentalen Live-Acts gewachsen, in alle Welt gestreamt und mit Spannung erwartet. Wer im Milliardengeschäft auf PC, Playstation 4 und Xbox One mitmischen will, muss hier groß auftrumpfen. Das gilt besonders für Firmen, die keine eigene Konsole haben. Microsoft und Sony (früher auch mal Nintendo) vereinten lange Zeit mit ihren Spieleplattformen und den exklusiv dafür entworfenen Titeln den Großteil der Aufmerksamkeit von Medien und Spielern auf sich. Doch längst haben sich Ubisoft und Electronic Arts neben diesem Triumvirat etabliert, letztes Jahr kam Bethesda mit einem spektakulären Auftritt dazu.
Quelle: PC Games
Pressekonferenzen wie die von Microsoft auf der E3 setzen Entwickler unter Zugzwang.
Die Existenz einer solchen großen Veranstaltung bringt gewisse Zwänge mit sich. Denn die Firmen müssen Spiele mitbringen, die sie E3-Besuchern und Fans aus aller Welt zeigen können, ansonsten wäre das Event langweilig. Und hier liegt der Hund begraben: Angesichts der langen Entwicklungszyklen neuer Spiele ist es ganz normal, dass viele Titel noch längst nicht fertig sind. The Division wurde etwa erstmals auf der E3 2013 gezeigt - und erschien nach einer außerplanmäßigen Terminverschiebung erst im März 2016. Watch Dogs war das bestimmende Thema der E3 2012 - der finale Release erfolgte Mitte 2014. Aber auch andere Publisher tappen in diese Falle. Von dem bei Electronic Arts auf der E3 2014 als Prototyp gezeigten Offroad-Stunt-Spiel aus dem Hause Criterion Games haben wir bis heute nichts mehr gesehen.
Wenn aber Spiele zum Zeitpunkt ihrer großen Enthüllung noch nicht fertig sind, wie präsentiert man sie dann dem wartenden Millionenpublikum? Logo: Mit vorberechneten Szenen, speziell gebauten Mini-Arealen sowie Target Renders und Videos, welche die anvisierte Grafikqualität abbilden. Und das führte in der Vergangenheit ein ums andere Mal zu heftigen Downgrade-Diskussionen, wenn die Spiele schließlich Jahre später im Handel standen und die finale Grafik deutliche Unterschiede zu den sogenannten Vertical Slices von der E3-Vorführung aufwiesen. Siehe Watch Dogs - oder The Witcher 3.
Die Folgen
Aber nicht nur optisch verändern sich die vorzeitig präsentierten Spiele zuweilen noch stark. Oft werden während der Entwicklung auch eigentlich fest eingeplante Spielkonzepte fallen gelassen. Features erweisen sich als zu ambitioniert oder müssen aus Zeitgründen gestrichen werden.
So sollte The Division etwa ursprünglich ein Fraktionssystem bieten, der Spieler hätte dem Plan nach die Möglichkeit gehabt, sich einer von mehreren Gruppierungen anzuschließen. Die Überreste dieser Idee sind immer noch sichtbar, doch vom eigentlichen Konzept sind im fertigen Spiel eben nur noch Spurenelemente übrig - und das frustriert Spieler, die sich jahrelang auf ein Spiel freuen und begierig jedes Informationsfitzelchen aufsaugen. Der aufgestaute und von den Herstellern zwecks erhöhter Vorbesteller-Rate befeuerte Hype entlädt sich oft nach Release in Stürmen der Entrüstung bei Reddit und anderen Online-Foren, auf Steam und Metacritic.
Quelle: buffed
The Division nahm Spieler bereits auf der E3 2013 mit Prachtgrafik und MMO-Spielkonzept gefangen - aber bis zum Release dauerte es danach noch drei Jahre.
Frühe Spiele-Ankündigungen bringen aber noch weitere Gefahren mit sich. Gibt es nach einem ersten Render-Trailer erst einmal monate-, in manchen Fällen gar jahrelang keine weiteren Informationen mehr, droht das Spiel in Vergessenheit zu geraten. Haut ein Hersteller dagegen im Monatsrhythmus neue Videos raus (so geschehen damals bei Watch Dogs), wird nicht nur jeder neue Einblick ins Spiel dahingehend analyisiert, ob der Titel auch die geweckten (grafischen) Erwartungen erfüllen kann. Nein, zudem besteht auch noch die Gefahr einer Übersättigung, die in einer Art Anti-Hype gipfelt. Noch vor Release fühlen sich die Spieler dann schon so, als würden sie den gesamten Spielinhalt bereits kennen und als hätte ihnen der Hersteller durch Spoiler viele Überraschungen im Voraus verdorben.
Und natürlich spukt im Kopf da auch immer folgende Frage herum: Wäre The Division besser geworden, wenn Entwickler Massive nicht aufgrund des lange gepflegten Hypes unter Zugzwang gestanden und mehr Zeit gehabt hätte, um ohne Druck der Öffentlichkeit am Spiel zu arbeiten?
Die Trendwende
Glücklicherweise scheint mittlerweile ein Umdenken in der Branche stattzufinden. Ubisoft hat etwa den Release von fünf großen Spielen bis zum Ende des 1. Quartals 2017 angekündigt. Darunter neben Watch Dogs 2 auch drei weitere Spiele, alle bereits seit Längerem angekündigt, etwa das amüsant benannte South Park: The Fractured But Whole. Doch eine bislang geheime neue Spielemarke ist ebenfalls dabei - und die würde dann bei einer Ankündigung auf der E3 maximal neun Monate später schon in den Läden stehen. In der Vergangenheit hat der französische Publisher eine derartige Strategie bereits bei kleineren Projekten wie Far Cry: Primal gefahren - mit Erfolg, denn der Steinzeit-Shooter verkaufte sich anscheinend blendend. Die vergleichsweise kurze Zeit zwischen Ankündigung und Release hat also nicht geschadet.
Quelle: buffed.de
Fallout 4 wurde offiziell im Juni 2015 angekündigt - schon fünf Monate später im November erfolgte der Release.
EIne Aussage, die umso mehr bei DEM Positivbeispiel für kurze Wartezeiten zwischen Gameplay-Enthüllung und Spielveröffentlichung gilt: Fallout 4. Bethesdas Plan, Fallout 4 nur fünf Monate nach der offiziellen Bestätigung im Juni 2015 in die Händlerregale zu stellen, ist voll aufgegangen. Kleiner Schönheitsfleck bei diesem Modell: Die Spieler wussten freilich schon Jahre im Voraus, dass sich Fallout 4 in Entwicklung befand, tatsächlich mussten sie hier besonders lange ausharren.
Doch der große Unterschied zu anderen in dieser Kolumne genannten Spielen: Es gab in dieser Zeit keine Gameplay-Szenen, mit derem wiederholten Anschauen sich die Fans hätten selbst foltern könnten. Es wurden vorab keine Features angekündigt, die später nicht im Spiel waren. Kurzum: Bethesda konnte - wie unlängst bei Doom - alle seine Versprechen halten. Und das ist doch selbst für ein borsennotiertes, gewinnorientiertes Unternehmen ein schöner Bonus, oder nicht?
Was meint ihr?
Sind kurze Ankündigung-Release-Zyklen bei Videospielen eine gute Sache oder macht es euch nichts aus, wenn es teils mehrere Jahre von den ersten Gameplay-Videos bis zum fertigen Spiel dauert? Schreibt mir eure Meinung in den Kommentaren!

Sicher, der Stress auf der E3 trumpfen zu können und den hype am Leben zu erhalten ist gewaltig, aber was die Publisher oder Spieleentwickler vergessen ist, dass ein Spiel sich mit
1) Qualität
2) Originalität ("Kreativität")
3) Community-Support (Mods)
am Leben erhält.
Spiele, die keine so großen Hypes bekommen haben sind trotzdem noch am Leben, seit Jahren oder sogar Jahrzehnten (Civilization z.B.). Und das liegt nicht an der übermäßig krassen Werbung die sie machen, sondern daran, dass die Spiele Qualität liefern. Und das ist es, was meiner Meinung nach bei vielen Spielen fehlt.
Ob es nun Grid:Autosport oder WatchDogs oder Division war, ich habe mir bei allen dreien ins Knie gebissen, weil bei Grid das Rad neu erfunden wurde und man sich an dem Teil orientiert hat, den keiner leiden konnte & versucht hat das ganze mit online-Spielereien die nicht wirklich durchdacht sind (ein grind-fest) aufzuwerten. Ebenso WatchDogs, vom Prinzip her ein geniales Spiel, ich habe es gerne gespielt. Doch dann fehlt der Community-Support und die Bereitschaft das Spiel zu pflegen und anzupassen auf die Community. Divison das Gleiche, sie sehen dass das Spiel Schwachstellen hat, aber sie fixen sie nicht. Und anstatt das Spiel mit den Updates weiter aufzuwerten und die Probleme zu fixen, versuchen sie es in eine bestimmte Richtung zu drücken. Schießen & Zeug einsammeln, das scheint das einzige zu sein, was Ubisoft wirklich noch als Gameplay zu bieten hat. Das ganze Crafting-Gedöns wird allmählich sinnlos und unspielbar gemacht und die Character-Customization ist auch dahin, wenn man für bestimmte Boni ein ganzes Set tragen muss.
Über diese Sache habe ich schon ausreichend geschrieben und Verbesserungsideen versucht zu geben.
Meiner Meinung nach geben die Publisher viel zu viel Geld für Marketting aus und sparen an der Qualität des Produktes, an der Denkarbeit, die vor dem Programmieren kommt (oder zwischendurch). Die Konzepte sind zwar toll und die Spiele haben alle großes Potential, aber man macht sich scheinbar nicht genug Gedanken darüber, wie sich das alles verwirklichen lässt oder später wie man das Spiel verbessern kann, sollte es hier und da ein paar Mängel haben.
Und wenn ein Studio oder Publisher Qualität oder etwas außergewöhnliches, neues liefert, dann bleibt der Name auch hängen bei den Spielern und trägt den nächsten Titel ein Stück weit in den Hype.
Von daher...ja, wie bei fast allem heutzutage: Qualität geht flöten, Marketting wird gepusht ohne Ende und am Schluss werden die Spieler oder Käufer enttäuscht, weil das Produkt nicht dem Marketting entspricht. Und wenn man den hype auf Grafik legt, weil man keine anderen Features zeigen kann, dann ist es logisch, dass das Ganze auf Grafikdiskussionen hinausläuft.
Publisher sollten vielleicht schlechtere Grafik in den Demos zeigen und dann Stück für Stück die Detail-Settings hochschrauben, je näher das Release ist. ;)