Mafia 3- Kommentar: Schwarzer Held statt schwarzer Anzug - Ist das noch Mafia?
Die Zeiten, in denen ihr für die Cosa Nostra gearbeitet habt, sind in Mafia 3 vorbei. Ob der radikale Szenariowechsel und der neue Gangster-Held ein ähnliches Flair verbreiten können wie die beliebten Vorgänger? Redakteur Peter Bathge bezweifelt es - ruft aber zu mehr Gelassenheit in der Diskussion auf. Bis 2016 ist noch lange hin!
Wer mal die Abgründe der Menschheit ergründen will, sollte sich einen Nachmittag Zeit nehmen und Youtube-Kommentare studieren. Da wird beispielweise unter dem ersten Gameplay-Video zu Mafia 3 auf dem PC Games-Kanal in die unterste Schublade des Rassismus gegriffen und der neue, afroamerikanische Held des Spiels für seine Hautfarbe kritisiert. Von solch widerwärtigem Fremdenhass möchte ich mich zu Beginn des Artikels ausdrücklich distanzieren. Ich habe nichts dagegen, einen dunkelhäutigen Protagonisten zu spielen. Im Gegenteil, von denen gibt es viel zu wenige in Videospielen! In diesem Kommentar zum gespaltenen Fan- und Medien-Echo auf die Mafia 3-Ankündigung geht es viel mehr darum zu erörtern, warum der Heldenwechsel nur einer von vielen Punkten ist, in denen sich Mafia 3 unnötigerweise von seinen beliebten Vorgängern distanziert.
Ein drastischer Schritt
Wenn es darum geht, bekannte Spieleserien neu zu interpretieren und (vermeintlich) alten Ballast über Bord zu werfen, rühme ich mich einer sehr toleranten Einstellung. Selbst mit dem Tomb Raider-Neustart von vor zwei Jahren habe ich mich arrangiert. Und die für 2016 geplante Master of Orion-Neuauflage hat mich auf der Gamescom so richtig begeistert.
Quelle: 2k Games
Mafia 2 überzeugte trotz aller Probleme mit einer zum Schneiden dichten Atmosphäre und coolen Charakteren.
Aber was bisher von Mafia 3 zu sehen war, ist schon eher eine Neuausrichtung vom Kaliber eines Max Payne 3: Szenario und Spielfigur werden radikal geändert und die geliebten Besonderheiten der Vorgänger drohen auf der Jagd nach dem Millionenpublikum unterzugehen. Ob sich 2K Games und Hangar 13 dazu gezwungen sahen, das schon immer etwas spezielle, dezent altmodische Mafia-Spielgefühl um bekannte Elemente aus erfolgreichen Serien zu ergänzen, damit eine möglichst breite Zielgruppe angesprochen wird? Es sieht momentan so aus. Hoffentlich fliegen die Entwickler damit nicht auf die Nase, die Reaktion der Fans auf die Ankündigung fiel ernüchternd aus.
Mutig-befremdliche Heldenwahl
Quelle: 2K Games
Mafia 3-Held Lincoln wirkt bislang noch arg austauschbar. Mit ein paar Modifikationen könnte er genauso gut in GTA 5 auftreten.
Anhand von einer Mission und einem kleinen Ausblick auf die Spielwelt schon ein finales Urteil über Mafia 3 zu ziehen, wäre natürlich verfrüht. Aber festzuhalten bleibt, dass mich der Rollentausch vom Mafioso zum Mafia-Jäger bislang so gar nicht anspricht. Nichts für ungut, lieber Lincoln, aber du wirkst im Vergleich zu schneidigen Typen wie Tommy oder Vito momentan furchtbar austauschbar. Als gebe es im Action-Genre nicht schon genug Helden, die sich nach einem persönlichen Verlust auf einen Rachefeldzug begeben!
Bei einem Spiel wie Mafia 3 erwarte ich dann auch, dass es seinem Namen gerecht wird, die Serientraditionen beachtet und den Fans das liefert, worauf sie jahrelang gewartet haben: ein neues Mafia-Abenteuer! Gerade die Einführung in die "ehrenwerte Gesellschaft" war doch etwas, das mich und Millionen anderer Spieler so begeistert hat. Ich will dabei zusehen, wie mein Held vom Kleimkriminellen zum Killer in Anzug und Krawatte aufsteigt, wie ihn der Lockruf von Geld und Macht immer weiter auf die dunkle Seite zieht - und wie er von Gefahren inner- und außerhalb der eigenen "Familie" überrascht wird.
Viel Potenzial für spannende Geschichten
Quelle: 2K Games
Das Szenario ist eine mutige Wahl, denn die USA der 60er- und 70er-Jahre waren immer noch von Alltagsrassismus geprägt.
So gefällt mir die Idee eines dunkelhäutigen Protagonisten bislang besser als die tatsächliche Umsetzung. In der gewählten Zeitepoche steckt nämlich jede Menge Sprengstoff, die Hangar 13 hoffentlich für spannende Situationen nutzt. Die 60er- und 70er-Jahre sind bekannt für Rassenkonflikte und sexuelle Revolution. Wenig überraschend also, dass einer von Lincolns Gefährten eine starke schwarze Frau ist. Wenn sich Hangar 13 hier nicht in Klischees verrennt und stattdessen mutig neue Wege geht, könnte Mafia 3 zumindest in diesem Punkt ein Vorbild für die komplette Spielebranche werden.
Quelle: 2K Czech
Tommy Angelos Werdegang vom Taxifahrer zum Mafiosi ist aufgrund der filmischen Qualität auch heute noch spannend anzusehen.
Viel Potenzial birgt auch die Spielwelt. New Orleans macht einen stimmigen Eindruck und wirkt schon jetzt lebendiger als Empire Bay aus Mafia 2. Der Besuch am Mississippi dürfte somit eine richtig schöne Abwechslung zum typischen Großstadt-Feeling von GTA, Watch Dogs oder Sleeping Dogs darstellen. Solange die Entwickler wie versprochen der Versuchung widerstehen, à la Ubisoft etliche Sammelobjekte und sich wiederholende Nebenmissionen in die Spielwelt zu quetschen.
Letztlich ist das Rumfahren in der Stadt für mich aber eh nur Hintergrundrauschen. Von einem Mafia-Spiel erwarte ich eine mitreißende Geschichte und denkwürdige Missionen. Wenn Mafia 3 die liefert, kann ich über viele Fehltritte hinwegsehen. Bis zum Release 2016 haben die Entwickler noch viel Zeit, um die skeptischen Fans von den Qualitäten ihres Mafia-Nachfolgers zu überzeugen. Also, Hangar 13, zeigt mir, was euer Spiel draufhat! Auf dass der erste Eindruck keinen üblen Nachgeschmack hinterlässt!

Bei dem Spruch "Ist das noch Mafia" kam mir allerdings sofort ein Lied von den Ärzten in den Sinn ... "Ist das noch Punkrock?!" ;-)
Für mich geht die Grafik vom ersten Teil auch heute immer noch halbwegs in Ordnung - zumindest in HD-Auflösung, mit korrektem FOV und erhöhter Sichtweite. Aber ich bin natürlich auch deutlich vor Jahrgang 93 ;)