The I of the Dragon
Wenn das Schuppentier Hunger kriegt, grapscht es sich einfach den erstbesten Unglücksraben.
Eigentlich ist das Spielprinzip von The I of the Dragon so simpel wie das von Diablo: Sie klicken im Sekundentakt Gegner über den Haufen - nur dass statt des Barbarenkriegers ein ausgewachsener Drache den Helden mimt. Allerdings haben die Entwickler das erprobte Konzept um einen Wust frischer Ideen erweitert, die auf dem Papier mehr Spieltiefe versprechen, tatsächlich aber eher den Spielfluss hindern. Doch seien zunächst die guten Seiten beleuchtet ...
Dino-Kraken greifen an
Das Fantasy-Reich, das Sie erkunden, trägt den Namen Nimoa und gehört in der Tat zu den märchenhaftesten Welten, die in jüngster Zeit über Computermonitore geflackert sind. Die von tiefen Tälern zerfurchten Steppen und Wälder scheinen wie von einem fernen Planeten. Nicht weniger bizarr die Bewohner: Minotaurengleiche Schamanen schleudern glühende Wolken um sich, Bogenschützen reiten auf Kriegsmammuts ins Gefecht, sechsarmige Fabelwesen - halb Dino, halb Krake - lassen Blitze in den Himmel wachsen. Die Erfinder haben viel Fantasie bewiesen. Leider schafft es die Grafik-Engine nicht ganz, das Zauberland angemessen in Szene zu setzen. Abgesehen von den gelungenen Lichteffekten (wunderschön: der Wechsel von Tag und Nacht) und den lebensechten Animationen - vor allem der Hauptfigur, gibt es technisch nur guten Durchschnitt zu bewundern.
Drei Hände wären toll
Zur Abwehr weiterer Monster-Invasionen errichten Sie in befreiten Gebieten selbstversorgende Festungen.
Gebührt den Entwicklern noch Lob für ihren Einfallsreichtum beim Entwurf des Fantasy-Szenarios, hätte man sich an anderen Stellen weniger Innovation gewünscht. Das fängt bei der Steuerung an: Mit Tastatur und Maus dirigiert man den schuppigen Gesellen durch die Lüfte. Die Pfeiltasten geben Richtung und Geschwindigkeit vor, mit der Maus werden Gegner ins Visier genommen und umgeklickt. Kompliziert wird's, weil der Computernager außerdem die Kamera bedient und nebenher auch noch die Flughöhe reguliert sein will. Im Kampfgetümmel dem Feindfeuer auszuweichen und gleichzeitig auszuteilen, erweist sich also nicht selten als überfordernd.
Essen fassen!
Überfordernd wirkt anfangs auch die Menüführung. Fast zwei Dutzend Anzeigen, Buttons und Hebel drängen sich in den vier Ecken des Bildschirms. Die wenigsten werden wirklich benötigt, einige dienen ohnehin zweifelhaften Features. Ein Beispiel: Das Hunger-O-Meter zeigt die Füllhöhe des Lindwurmmagens an. Bevor die den Nullpunkt erreicht, muss der Drache zu einem Imbiss in Form eines Gegners gebeten werden. Taste "E" (für "eat"), Rechtsklick aufs Opfer, fertig. Das ist weder fordernd noch sonderlich sinnvoll in den Spielablauf eingebunden, sondern schlichtweg eine immer wiederkehrende Pflichtübung. Nur ein Detail, aber leider eines von vielen.
Nichts für Sammler
Die Lichteffekte gehören zu den wenigen technischen Highlights der Grafik.
Der Diablo-Effekt greift trotzdem. Im Sekundentakt werden Monster gemeuchelt und Erfahrungspunkte gesammelt, die nach und nach die Fähigkeiten verbessern. Der Drache hält mehr aus, flattert schneller von A nach B und lernt neue Zaubersprüche. So beschwört er eine Horde Zombies, die ihm im Kampf zur Seite stehen, lässt einen Steinhagel niedergehen oder gar einen Vulkankrater aus dem Boden wachsen. Welche Formeln im Zauberbuch stehen, hängt davon ab, welche Echse bei Spielbeginn auserkoren wurde. Zur Wahl stehen der Feuerdrache Annoth, sein eisiger Kollege Barroth und der Nekromant Morrogh; die Unterschiede sind allerdings minimal. Einen Motivationsfaktor haben die Entwickler leider nicht von Diablo übernommen: die Jagd nach besserer Ausrüstung. Es gibt weder Waffen noch Tränke noch Rüstungen und nur gelegentlich finden sich Energiekugeln, die die Charakterwerte des schuppigen Helden steigern.
Es war einmal ... was?
Der Missionsablauf unterscheidet The I of the Dragon wohl am meisten vom Vorbild Diablo: In der weitgehend linearen Kampagne gilt es, zwölf umfangreiche Areale feindfrei zu räumen. Damit diese das auch bleiben, müssen an bestimmten Punkten Festungen angelegt werden. Das geht ähnlich wie die beschriebene Nahrungsaufnahme beinahe von selbst. Außerdem gibt es regelmäßig Zusatzaufträge, für die Sie etwa einen besonders starken Obermotz rösten oder ein bestimmtes Artefakt finden sollen. Bei solchen Gelegenheiten rufen die Entwickler mit kleinen Zwischensequenzen die ansonsten etwas vernachlässigte Hintergrundstory wieder in Erinnerung, die vom Drachen als Retter des Fantasy-Reichs erzählt.
