PCG-Geheimtipp der Woche: Point-and-Click-Adventure mit Edelgrafik in Phonopolis
Mit fantastischer Grafik aus Pappe, liebenswerter Geschichte und kreativen Puzzles hat Phonopolis unser Herz erobert. Ein Adventure-Geheimtipp, der genüsslich aus der Reihe tanzt.
Ein paar Sekunden aus dem Trailer zu Phonopolis haben schon gereicht, da wusste ich: dieses Point-and-Click-Abenteuer werde ich mir in aller Ruhe gönnen. Es ist schließlich ein Spiel von Amanita Design! Egal, ob Machinarium, Samorost, Creaks oder Botanicula - die tschechischen Entwickler stehen schon seit 23 Jahren für kreative Indie-Adventures, die mit Genuss am Massenmarkt vorbeizischen: herzlich, schick und wunderbar eigenwillig.
Und genau das trifft auch auf Phonopolis zu! Auf Metacritic hat das Rätsel-Abenteuer schon ein paar starke Wertungen eingesackt. Und auch die User-Reviews zu Phonopolis auf Steam sind voller Lob, hier kommt das Spiel auf 92 Prozent positive Stimmen. Trotzdem fliegt das Spiel immer noch bei vielen unter dem Radar. Das wollen wir ändern, darum: Vorhang auf für unseren Geheimtipp der Woche!
Die Grafik: handgemacht, wunderschön und komplett aus Pappe!
Das Erste, was mir bei Phonopolis ins Auge sticht, ist der wundervolle Grafikstil. So ein schönes Adventure ist mir schon lange nicht mehr untergekommen! Wie haben die das Amanitas das nur angestellt? Netterweise haben die Entwickler ein kleines Making-Of-Video dazugepackt, das man sich über das Hauptmenü anschauen kann. Darin erfährt man ihr Geheimnis: Amanita hat sämtliche Grafiken von Hand gemacht, und das ist ausnahmsweise mal wörtlich zu nehmen.
Alle Kulissen, Objekte und so weiter wurden zunächst aus Pappe ausgeschnitten und bemalt, anschließend digitalisiert und dann als Spielgrafik weiterverwendet. Ein zeitraubender Vorgang, der sich aber gelohnt hat! Die Gebäude und Räume wirken wundervoll plastisch und greifbar, fast wie in einem Diorama. Sogar Feuer und Rauch wurden auf die gleiche Weise gestaltet und liebevoll animiert, das verpasst vielen Szenen einen besonderen Charme. Besonders cool: In manchen Szenen darf ich die Kamera auch ein wenig neigen, das bringt die prachtvollen 3D-Kulissen dann so richtig zur Geltung.
Um die Atmosphäre abzurunden, gibt's einen stylishen Soundtrack aus der Feder von Tomáš Dvořák aka Floex, der schon Amanitas früheren Werken eine unverwechselbare Note verliehen hat. Wollt ihr mal reinhören? Hier gibt's den kompletten Score auf Youtube.
Bildergalerie
Die Geschichte vom mutigen Felix
Inmitten der hübschen Bastelwelt tummeln sich herzallerliebst animierte Figürchen, die mich mit ihren 12 Frames pro Sekunde an Stop-Motion-Filme erinnern. Eine dieser Figuren ist meine! Sie hört auf den Namen Felix und ist ein unbescholtener Bürger in Phonopolis - eine dystopische Stadt, die mit eiserner Strenge von einem autoritären Regime regiert wird. Alle Bürger haben nur eine Funktion, nämlich Befehlen zu gehorchen, die von früh bis spät über allgegenwärtige Lautsprecher dröhnen. Freier Wille existiert nicht, jedem Kommando ist unverzüglich Folge zu leisten.
Der junge Müllmann Felix ist Teil dieser Maschinerie, wie eine willenlose Drohne verrichtet er seinen Dienst. Bis er rein zufällig in ein Loch stürzt und dort ein mächtiges Artefakt aus der Vergangenheit entdeckt, das alles verändern soll: Kopfhörer, die jedes Geräusch abschirmen! So gerüstet erkennt Felix nun die Wahrheit hinter den Lautsprechern, sagt sich vom Regime los - und muss prompt die Flucht antreten, denn bewaffnete Sicherheitshüter machen sofort Jagd auf ihn.
Ungewöhnlich für Amanita Design: Der Held hat eine Stimme. Die englische Sprachausgabe ist gelungen, der liebenswert-unaufgeregte Sprecher trifft aber nicht immer meinen Geschmack: In manchen Szenen kommentiert er nur das Offensichtliche, das hätte die Spielgrafik genauso gut vermitteln können. Trotzdem ist es eine willkommene Abwechslung, denn viele Spiele des Studios kommen normalerweise ganz ohne Sprecher aus.
Aber keine Sorge: Trotz der ernsten Geschichte bleibt Phonopolis in erster Linie ein heiteres Spiel. Als hätte George Orwell ein kunstvolles Bastelset für Kinder gemacht, das zwar gesellschaftskritische Themen behandelt, ohne sie einem gleich um die Ohren zu klatschen. Was ihr daraus mitnehmt, bleibt also eure Sache.
Mit Köpfchen gegen ein autoritäres Regime
Auf den ersten Blick wirkt Phonopolis wie ein klassisches Point-and-Click-Adventure der alten Schule. Ihr klickt, Felix läuft. Das bekomme selbst ich noch hin. (Hey, ich werde nicht jünger!) Doch schnell wird auch klar, dass das Spiel dem avantgardistischen Grundsatz treu bleibt, der sich durch alle Spiele von Amanita Design zieht: Es macht schlicht und ergreifend sein eigenes Ding. Genretypische Inventarrätsel gibt es darum nicht, man muss zwar gelegentlich mal einen Gegenstand aufsammeln und woanders benutzen, doch mehr als ein Item hat man nie im Gepäck.
Stattdessen präsentieren sich viele Locations und Szenen als in sich geschlossene Puzzles, die eigenen Regeln folgen. Dabei dürfen auch die Kulissen aus Pappe ihre Stärken ausspielen, da lassen sich Wände und ganze Häuser verschieben, stellenweise muss man sogar Papierwände abreißen, um dahinter ein wichtiges Objekt freizulegen.
Auch die anderen Puzzles sind so eigensinnig, wie ich es von dem Studio gewohnt bin: Da muss Felix aus einem Gefangenentransporter fliehen, eine Essensmaschine lahmlegen, einem Suchscheinwerfer über bewegliche Brücken ausweichen, singende Orakel im richtigen Rhythmus tanzen lassen, die Fracht eines Zuges umschichten oder seine Verfolger auf kreative Weise abschütteln - das ist alles ziemlicher Unsinn, aber es ist zumindest fantasievoller Unsinn, der meistens die richtige Balance aus Überlegung und blankem Rumprobieren findet. Das ist nicht immer eine Spielspaßgranate, aber ich finde: Es ist immer unterhaltsam, sympathisch und wahnsinnig lieb anzuschauen.
Das Spiel präsentiert sich dabei streng linear, und wer nicht allzu oft hängen bleibt, dürfte in vier bis sechs Stunden den Abspann erreichen. Dafür ist Phonopolis aber auch zum fairen Preis von 22 Euro erhältlich - und ich finde, das ist es allemal wert.
Meinung
Phonopolis ist seit dem 20. Mai 2026 für PC erhältlich. Die Sprachausgabe ist auf Englisch, die Texte sind auf Deutsch, außerdem ist Phonopolis für das Steam Deck verifiziert. Wer unentschlossen ist, findet auf Steam eine kleine Demo, mit der ihr einen ersten Einblick in das kreative Abenteuer bekommt. Transparenzhinweis: Für diesen Test haben wir kein Testmuster erhalten, wir haben uns das Spiel selbst gekauft. War uns übrigens eine Freude.
