Fröhlich kommentiert: Don Mattricks erster Arbeitstag
Vor wenigen Stunden hat Xbox-Manager Don Mattrick seinen Job als Chef des Farmville-Studios Zynga angetreten. Und man fragt sich: Was davon ist eigentlich die größere Aufgabe: mit der Xbox One die aussichtslos scheinende Konsolenschlacht gegen die PS4 zu gewinnen? Oder aus Zynga wieder ein florierendes Studio zu machen? Fragt sich PC-Games-Chefredakteurin Petra Fröhlich.
Fröhlich kommentiert: Don Mattricks erster Arbeitstag bei Zynga - eine Herkulesaufgabe (1)
Der neue Chef von Zynga heißt seit gestern Don Mattrick. Jener Don Mattrick, der viele Jahre die Xbox-Sparte von Microsoft anführte und die völlig verunglückte Xbox-One-E3-Pressekonferenz moderierte. Jener Don Mattrick, der noch vor drei Jahren für Microsoft über einen Zynga-Kauf verhandelt hat. Jener Don Mattrick, über den Youtube-Ikone Francis in seiner unnachahmlichen Art urteilt: "Das ist, als würde man im Aufzug einen fahren lassen und auf dem nächsten Stockwerk aussteigen." Zynga - eine Firma, neben der selbst Electronic Arts wie eine gute Spielefirma aussähe.
Zynga produzierte zuletzt zuverlässig Negativ-Schlagzeilen: Der Anbieter von Facebook-Klassikern wie Farmville oder Mafia Wars hat in Serie die selbstgesteckten Ziele gerissen, verlustreiche Quartale hingelegt, überteuerte Studios gekauft und wieder geschlossen, Hunderte Mitarbeiter entlassen und seit geraumer Zeit keinen echten Hit mehr produziert. Dabei war Zynga noch vor zwei Jahren eine echte Macht im Spiele-Universum, mit mehr als 250 Millionen Spielern und einem Umsatz von über einer Milliarde Dollar.
Wie sie das gemacht haben? Farmville & Co. sind zwar prinzipiell kostenlos spielbar, allerdings lassen sich bestimmte Aufgaben durch den Einsatz von echten Euros spürbar beschleunigen oder sogar ganz umgehen. Auch Deko-Gegenstände kosten Geld. Wer sogenannte Social Games via Facebook spielt, muss ab einem bestimmten Punkt zudem zwangsläufig seine Freunde stalken und durch "Einladungen" ins Spiel holen. Appelliert wird an den Helfer-Instinkt: "Hallo, ich brauche dich für den Bau einer Polizeistation - möchtest du der Kommissar in meiner Station sein?"
Das empfanden viele als nicht gerade social, sondern eher als asozial.
Andernorts würde man dazu Spam sagen. Deshalb hat Facebook die Regularien geändert. Weil das Anwerben von Spielern dadurch deutlich schwieriger geworden ist, haben es Facebook-Spieleneuheiten nicht mehr so leicht wie früher. Die Zahlen sinken. Deutlich. Und damit auch Umsätze und Gewinne.
Das mussten auch andere Anbieter wie Electronic Arts feststellen, die aktuell mit Plants vs Zombie Adventures um Spieler werben. Gut gestartete EA-Titel wie The Sims Social und Sim City Social wurden vor gut einem Monat eingestellt.
Gestern hat Mattrick also seinen Job bei Zynga angetreten und Firmengründer Mark Pincus abgelöst. Den neuen Chef erwartet eine wahre Herkules-Aufgabe, die immerhin mit einem stattlichen Schmerzensgeld gelindert wird. Zynga hat es nicht geschafft, einen Nachfolger für Blockbuster wie Farmville zu etablieren und zudem das boomende Geschäft mit Apps für Tablets und Smartphones verpasst. Dort regieren inzwischen Firmen wie das finnische Studio Supercell, das ausgerechnet mit dem Bauernhof-Aufbauspiel Hayday und dem Strategiespiel Clash of Clans seit Monaten die vorderen Plätze der Appstore-Charts belegt. Ebenfalls gut unterwegs ist King.com mit den Denkspielen Candy Crush Saga oder Farm Heroes Saga. Der Witz: All diese Spiele basieren auf dem gleichen Modell, das Zynga groß gemacht hat.
Zynga hat lange Zeit fast vollständig auf Facebook gesetzt. Und sich schlichtweg verzockt. Jetzt sucht Zynga sein Heil in Nachfolgern wie Draw Something 2 und natürlich im Glücksspiel-Segment, wo für echtes Geld gepokert wird. Die Goldgräberstimmung im Social-Games-Bereich ist auch deshalb vorbei, weil die Spieler dazugelernt und ein feines Näschen entwickelt haben, wo dauerhafter Spielspaß geboten wird und wo nur der schnelle Dollar gemacht werden soll. Die Ansprüche der Spieler sind gestiegen, es wird nicht mehr jeder Mumpitz anstandslos akzeptiert - das ist prinzipiell eine gute Nachricht.
Jetzt soll es Mattrick richten. Aus Sicht der über 2.500 Zynga-Angestellten ist ihm Glück zu wünschen. Falls es ihm wirklich gelingt, das Ruder rumzureißen, bleibt eigentlich nur eine noch größere Herausforderung: Wahlkampfberater von Peer Steinbrück.
Eure Meinung: Social Games auf Facebook, iPad & Co. - willkommene Abwechslung zu "richtigen" Spielen oder komplette Zeitverschwendung?
Bisherige Kolumnen:
Wir haben doch keine Zeit - brauchen wir immer größere Spiele?
