Das ist mein Game of the Year 2026 - und da lass ich nicht mit mir reden
Obwohl Neverway bisher nur eine Demo-Version hat, ist es schon jetzt mein Game of the Year 2026.
Ich stehe an der Kasse im Supermarkt. Das Band bewegt sich nur langsam, vor mir eine ältere Dame, die mit ihren Fingern im Münzfach klimpert. Ein Einkaufswagen hinter mir kommt unangenehm nahe, die Schlange wird immer länger, voller, erdrückender, bis ich plötzlich keinen Platz mehr habe, um einfach nur dazustehen. Ich würde am liebsten verschwinden.
Ich spüre, wie meine Hände langsam zu zittern anfangen. Mein Herz pocht in der Brust, ein Gefühl der Übelkeit kommt auf, mein Atem wird schneller. Eine gottverdammte Panikattacke bahnt sich an, wenn ich hier nicht schnell abhaue.
So oder so ähnlich fühlt sich mein Alltag öfter an, als mir lieb ist. Manchmal fehlt mir für mehrere Tage die Energie, alltäglichen Verpflichtungen nachzukommen, weswegen sich der Wäscheberg höher und höher stapelt, und an besonders schlimmen Tagen komme ich erst gar nicht aus dem Bett.
Ein Leben mit mentalen Krankheiten fühlt sich oft so an, als hätte man keine Kontrolle über das eigene Schicksal. Und irgendwann kommt aus dieser Aussichtslosigkeit der Drang, einfach alles zu verändern, um sich zumindest ein kleines Stück davon zurückzuholen.
Ich habe mehr als einmal mitten in der Nacht meine komplette Wohnung neudekoriert, meine Haare gefärbt und verändert oder zig neue Hobbys angefangen. Alles in der Hoffnung, endlich Erfüllung zu finden. Auch die wohl größte Veränderung im Leben eines Menschen stand des Öfteren im Raum: einfach abhauen.
Wenn sich mein Leben zu beklemmend, zu erdrückend anfühlt, sehne ich mich geradezu nach einer neuen Wohnung in einer neuen Stadt, vielleicht sogar in einem ganz anderen Land. Oder vielleicht prompt einen Rucksack packen und auf den Jakobsweg pilgern, einfach um der Situation zu entkommen.
Nach 2 Stunden Spielzeit: Das wird mein Game of the Year 2026
Fast genau mit dieser Prämisse startet das Spiel Neverway, was vermutlich der Grund ist, wieso mich der Prolog des Spiels, den man seit einiger Zeit auf Steam spielen kann, so berührt hat. Protagonistin Fiona leidet nämlich an Depressionen, weswegen sie nicht mehr bei ihrem Job auftaucht, ihre sozialen Beziehungen schleifen und auch ihre Wohnung von Tag zu Tag mehr verwahrlosen lässt.
Ich musste direkt zu Beginn sogar ein wenig schmunzeln, da die gute Fiona ihr letztes Geld dafür verwendet hat, sich etwas bei einem Lieferdienst zu bestellen - eine Situation, in der ich mich mehr als einmal wiedergefunden habe.
Und auch sonst konnte ich mit Fiona in meiner zweistündigen Session mit dem Spiel immer wieder sympathisieren. Sie muss etwa kurz ins Büro, um ihre Sachen abzuholen, nachdem sie gefeuert wurde, was ihr direkt einen "Angst"-Debuff im Statusmenü beschert. In der U-Bahn hat sie eine Art dissoziatives Erlebnis, bei dem schemenhafte Hände nach ihr greifen und sie sich anschließend mit der liebsten Waffe von Horror-Protagonisten - dem Brecheisen - vor bösartigen Kreaturen verteidigen muss, nur um später auf dem Boden des Waggons aufzuwachen.
Endlich zu Hause angekommen, macht dann auch noch ihr Partner mit ihr Schluss (nachdem er ihr ein Kompliment zur neuen Frisur gibt). Sie hat vermutlich einen der schlimmsten Tage in ihrem gesamten Leben, was den Wunsch nach einer großen Veränderung - größer als der neue Pony - aufkommen lässt: Sie muss weg. Kurzerhand entscheidet sie sich also, auf eine Insel zu ziehen und dort eine hiesige Farm zu übernehmen.
Quelle: PC Games
In der Badewanne daran erinnert werden, dass man Essen bestellt hat. Wem ist es noch nicht passiert?
Die Prämisse kennt man bereits aus anderen Spielen mit gleicher Thematik, wenn der Protagonist das Leben im Kapitalismus nicht mehr aushält und sich daher irgendwohin zurückzieht - Stardew Valley und Tiny Bookshop fallen da ein. Was Neverway für mich so besonders macht, ist jedoch der Fokus auf die Faktoren, die Menschen überhaupt zu so massiven Entscheidungen bringen.
Auch die Art-Direction scheint Fionas mentale Gesundheit widerzuspiegeln. Depression wird oft so beschrieben, dass die Welt einem grau vorkommt - eine Einfarbigkeit, die von den monochromen Umgebungen des Spiels wunderschön eingefangen wird.
Doch auch an den schlechtesten Tagen gibt es Dinge, die hervorstechen, sei es auch nur ganz dezent. Sie bringen einen Tupfer Farbe in den grauen, blauen, braunen Einheitsbrei. Objekte zum Interagieren werden in Neverway mit einem eben solchen Farbtupfer dargestellt, was eine wahnsinnig clevere Idee ist, um Ressourcen in der eintönigen Welt erkennbar zu machen, ohne die künstlerische Vision zu stören.
Quelle: PC Games
Mit allen Dingen, die sich irgendwie vom Hintergrund abheben, kann Fiona interagieren.
Ich glaube sogar, dass es sich dabei nicht nur um eine stilistische Entscheidung handelt, da auch Protagonistin Fiona ähnliche Farbakzente aufweist. Vielleicht wird also später im Spiel erklärt, was es damit genau auf sich hat.
Rein visuell handelt es sich bei Neverway für mich um die beste Arbeit des Künstlers Pedro Medeiros, dessen Arbeit man bereits aus Celeste kennt. Und auch der fast schon melancholische Soundtrack von Disasterpeace - bekannt durch Hyperlight Drifter und FEZ - hat mich direkt in seinen Bann gezogen.
Die Demo zu Neverway endet leider recht schnell, nachdem man sein neues Leben auf der Insel startet. Trotzdem könnte ich hier noch mehrere Seiten mit all den Dingen füllen, die mich schon jetzt wirklich beeindruckt haben - etwa das Charakterdesign oder die ganzen Effekte (auditiv und visuell), die für jedes kleine Detail des Spiels zum Einsatz kommen.
Neverway ist einfach ein Spiel, das wie für mich gemacht zu sein scheint. Ich bin zwar keine Frau namens Fiona, die von ihrem Job gefeuert wurde und auf eine Insel zieht, aber auf irgendeine Weise bin ich es eben doch. Ich würde wohl die gleiche Entscheidung treffen, wenn mir ein Flyer auf dem Küchentisch ein völlig neues Leben versprechen würde.
Neverway erscheint im Oktober dieses Jahres - und nach allem, was ich bisher gesehen habe, könnte es ein Spiel werden, das mich länger begleitet, als mir vielleicht lieb ist.
Mein persönliches GOTY 2026 könnte also bereits feststehen, noch bevor es überhaupt erschienen ist - und damit stehe ich nicht alleine da. Wenn ihr mehr Eindrücke zu Neverway lesen möchtet, könnt ihr etwa beim Artikel meiner Kollegin Vivi vorbeischauen, die von dem Spiel ebenso begeistert ist.
